Abitur NRW Evangelische Religion 2023 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Evangelische Religion in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 7 Aufgaben mit Lösungen. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Materialgestützter Debattenbeitrag (Aufgabenart III) · Religionskritik und die Frage nach der Existenz Gottes · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung

Aufgabe 1 · Materialgestützter Debattenbeitrag (Aufgabenart III)

Aufgabe 1 (Gestaltungsaufgabe)

Situation:

Sie sind Schülerin bzw. Schüler am Martin-Luther-Gymnasium, einer Schule in Trägerschaft der Evangelischen Kirche. Ihre Schule pflegt seit vielen Jahren eine Schulpartnerschaft mit einer US-amerikanischen Schule in San Francisco, zu der auch ein regelmäßiger Schüleraustausch gehört. Vor dem Hintergrund der Klimakrise wird dieser Austausch, der per Flugzeug erfolgen muss, allerdings zunehmend kontrovers diskutiert. Bei der nächsten Schülerratssitzung soll eine Grundsatzdiskussion dazu erfolgen mit dem Ziel, ein klares Votum der SV zu ermitteln: Soll der Schüleraustausch mit der Schule in San Francisco per Flugreise weitergeführt oder beendet werden? Als Kurssprecherin bzw. Kurssprecher des Grundkurses Q2 Evangelische Religionslehre sind Sie gebeten, zur Vorbereitung der Schülerratssitzung einen schriftlichen Debattenbeitrag zu erstellen, der mit Blick auf das evangelische Profil des Gymnasiums eine christliche Sichtweise auf diese Frage entwickelt.

Schreibauftrag:

Gestalten Sie unter Rückgriff auf Ihr Fachwissen diesen Debattenbeitrag, indem Sie

einleitend die Fragestellung und deren Relevanz darlegen,

die Positionen aus M 1 und M 2 herausarbeiten und sich mit ihnen unter Einbezug Ihres Unterrichtswissens auseinandersetzen,

das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung, das sich aus einem christlichen Menschenbild ergibt, in Grundzügen entfalten und in Ihre Argumentation einbinden,

zur Veranschaulichung und Argumentation mindestens zwei der übrigen Materialien M 3 – M 7 heranziehen,

zur Frage begründet Stellung nehmen.

Materialgrundlage

M 1 – Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland: Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels. Eine Denkschrift (2009)

Als evangelische Kirche sind wir davon überzeugt, dass zur Abmilderung der Folgen des Klimawandels und für die Erhaltung der Lebensgrundlagen für künftige Generationen ein einschneidender Mentalitätswandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nötig ist. Eine solche Wende zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise verlangt nach einer Umkehr, die die Bibel „Metanoia" nennt, eine radikale und umfassende Umkehr.

Wir bekennen, dass wir mit dem in den Industriestaaten vorherrschenden Lebensstil und einem allein auf Wachstum setzenden Wirtschaftssystem dieser Verantwortung gegenüber Gottes Schöpfung nicht gerecht geworden sind. Unser Lebensstil und unsere Wirtschaftsweise tragen dazu bei, dass die Ressourcen der Schöpfung in unverantwortlicher Weise ausgebeutet und Menschen ihrer Lebensgrundlagen und ihrer Lebenschancen beraubt werden.

Damit machen wir uns schuldig vor Gott, seiner Schöpfung und unseren Mitmenschen. Der erste Schritt zur Umkehr muss deshalb sein, dass wir uns unser Versagen eingestehen und es nicht länger leugnen, schönreden oder die Probleme auf Nebenschauplätze verschieben.

Dieses Eingeständnis kann eine befreiende Wirkung haben, weil wir darauf vertrauen, dass Gott uns gnädig ist und dass er uns die Kraft geben kann, wirklich umzukehren und neu anzufangen. Die Gnade Gottes und seine verändernde Macht offenbart sich in einzigartiger Weise im Leben und Sterben seines Sohnes Jesus Christus. In Christus hat Gott die Mächte der Sünde und des Todes überwunden, deshalb müssen wir nicht in unserer Schuld verfangen bleiben. Der Glaube an Jesus Christus, in dem Gott uns trotz aller Sünde […] bedingungslose Liebe gezeigt hat, befreit zu einem neuen und dankbaren Leben, das der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung dient. […]

Wir brauchen eine stärkere Akzeptanz einer Ethik der Genügsamkeit, ja sogar eine Bereitschaft zum „Weniger", zum Verzicht. Darin äußert sich auch eine Verschiebung der Werte von rein materiellem Wohlstand zu einem anderen Wohlstand wie z. B. Zeitwohlstand oder Reichtum an sozialen Beziehungen. In allen diesen Aktionen ist auch eine ideologische und praktische Abkehr vom Denken in den Kategorien des Wachstums zu sehen, das viele Jahre der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland war und z. T. immer noch ist. Umweltbewusstes Wachstum sollte heute die Devise sein. Die Christen müssen vom Evangelium her überzeugend darlegen und vorleben, dass das Leben sich nicht im Streben nach „immer mehr" erschöpft. Je mehr ihnen dies gelingt, umso mehr werden sie auch verändernd in die Gesellschaft hineinwirken.

M 2 – Niels Boeing: Verzicht rettet die Welt nicht (ZEIT ONLINE, 12.05.2019)

Ich fordere keinen bedingungslosen Freispruch für Flugreisen. Von Hamburg nach Frankfurt zu fliegen ist unsinnig, wenn man im Vergleich mit der Bahn für eine Dreiviertelstunde Zeitgewinn 1400-mal so viel CO2 ausstößt. Fragwürdig ist auch, ob man jedes zweite oder dritte Wochenende quer durch die EU fliegen muss, um für 48 Stunden zu shoppen oder Party zu machen.

In der Debatte Fliegen versus Klimawandel geht es aber nicht mehr um derartige Differenzierungen. In ihr haben sich Begriffe festgesetzt, die moralisch, teilweise schon religiös geprägt sind. Da ist von „Klimafrevel" oder „Klimasünde" die Rede. Zu Beginn der diesjährigen katholischen Fastenzeit am 6. März verbreitete sich in den Medien die Idee, bis Ostern aufs Fliegen zu verzichten. „Wenn Klimafasten dafür ein Anfang ist, dann begrüßt Greenpeace das ausdrücklich", zitierte etwa das Handelsblatt einen Greenpeace-Experten. Wenn die Debatte so geführt wird, dann läuft etwas schief, würde ich da gerne einwerfen. […]

Fliegen verbindet gerade auch Menschen und Kulturen. […] Wichtig erscheint mir eine Debatte darüber, was uns das Fliegen als kulturelle Errungenschaft wert ist. Und wenn uns etwas, vielleicht sogar viel wert wäre: Was müsste dann passieren, um die Luftfahrt klimaverträglicher zu machen? Am Ende gar klimaneutral?

Die Luftfahrt hat über Jahrzehnte die Effizienz ihrer Maschinen immer weiter gesteigert. […]

Derzeit sind klimaoptimierte Flugrouten und Wasserstoff-Triebwerke noch Zukunftsvisionen, weitere Studien sind nötig […]. Eine zunehmend nichtfossile Luftfahrt ist aber kein Ding der Unmöglichkeit. Wir sollten alle Hebel in Bewegung setzen – und zwar nicht mit individuellen Verzichtsentscheidungen, sondern als politisch handelnde Subjekte –, dass sie Wirklichkeit wird. Dass der Traum vom Fliegen nicht zerplatzt. Und wir nicht hart auf dem Boden einer engstirnigen Welt aufschlagen, deren Landstriche wieder allein um ihren eigenen Nabel kreisen und in der wir vergessen haben, was für eine vielfältige Menschheit auf diesem Planeten zu entdecken ist.

M 3 – Arthur Sullivan: Der Klimawandel und das Fliegen (Deutsche Welle, 27.01.2020)

Nach Schätzungen der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) steigt die Zahl der Flugpassagiere 2016 weltweit auf 3,7 Milliarden, und jedes Jahr seit 2009 war ein Rekordjahr.

Die „Internationale Luftverkehrsvereinigung" (IATA) erwartet, dass sich diese Zahl bis 2035 auf etwa 7,2 Milliarden fast verdoppeln wird. Wie die Flugzeuge selbst, steigen die Zahlen ständig in die Höhe. Und wenn man bedenkt, welchen Schaden das Fliegen anrichtet, gibt das zu denken.

Vielen Schätzungen zufolge liegt der Anteil der Luftfahrt an den globalen CO2-Emissionen bei etwas mehr als 2 Prozent. Auch die Branche selbst erkennt diese Zahl weitgehend an.

Aber sie ist irreführend, sagt Stefan Gössling. Er ist Professor an den Universitäten Lund und Linné und Ko-Herausgeber des Buchs „Climate Change and Aviation: Issues, Challenges and Solutions". „Das ist nur die halbe Wahrheit."

Andere Luftfahrtemissionen wie Stickoxid, Wasserdampf, Feinstaub, Kondensstreifen und Veränderungen in Zirruswolken haben einen zusätzlichen Erwärmungseffekt. Bezogen auf den Einzelnen gibt es keine andere menschliche Aktivität, die in so kurzer Zeit so hohe Emissionen verursacht wie die Luftfahrt.

„Der Beitrag der Branche zur Erderwärmung ist mindestens doppelt so groß, wie der des CO2 für sich alleine genommen", sagt Gössling […]. Er schätzt den gesamten Beitrag zum Klimawandel auf mindestens 5 Prozent.

M 4 – Klima-Kollekte. Kirchlicher Kompensationsfonds: Berechnen und kompensieren Sie Ihre unvermeidlichen Emissionen!

Die Klima-Kollekte unterstützt Sie, klimafreundlich zu handeln und so die Schöpfung zu bewahren. Die Klima-Kollekte ist ein CO2-Kompensationsfonds christlicher Kirchen, über den jeder Mensch, jede Organisation und jede Gemeinde unvermeidliche Emissionen aus Strom- und Wärmeenergie, Reisen sowie Papier- und Druckerzeugnissen kompensieren kann. Die Ausgleichszahlungen werden gezielt in Projekte in Ländern des globalen Südens investiert und mindern Armut vor Ort, indem sie Frauen stärken, Gesundheit schützen und Perspektiven ermöglichen – zudem verringern sie den CO2-Ausstoß und schützen so das Klima. Der Ausgleich von CO2-Emissionen geschieht dabei durch Klimaschutzprojekte kirchlicher Organisationen oder ihrer Partner:innen.

M 5 – Rita Gianelli: Verzichten ist effektiver als zahlen (reformiert., 27.09.2019)

Greta Thunberg hat vielen aus der Seele gesprochen mit ihrem Protest gegen die Klimaerwärmung. Tatsächlich hat es auch in den Köpfen vieler Menschen etwas bewirkt. Insbesondere bei den Politikern und Politikerinnen, die sich das Thema – erst recht vor den Wahlen – auf die Fahne geschrieben haben. Auch die Kirchen versuchen mitzuhalten, jetzt mit einem Kompensationsfonds namens Klima-Kollekte.

Gut gemeint, aber im Grunde überlassen wir damit einmal mehr das Handeln den anderen. Statt wirklich zu verzichten, zahlen wir für unsere Klimasünden. […]

Was die Welt braucht, sind keine Ablasszahlungen. Die Effizienz der mit der Klimakollekte finanzierten Projekte darf man in Frage stellen, weil sie oft auf Jahrzehnte angelegt sind. Doch die Zeit ist zu knapp […]. Greta Thunberg hat etwas in Bewegung gebracht. Statt Kompensationsbeiträge zu zahlen, wäre eine gezielte Konsumwahl wirklich effektiv.

M 6 – Gerhard Mester: Karikatur (2009)

M 7 – Eckart Bücken: Gott gab uns Atem, damit wir leben (Evangelisches Gesangbuch, Lied 432)

1. Gott gab uns Atem, damit wir leben. / Er gab uns Augen, dass wir uns sehn. / Gott hat uns diese Erde gegeben, / dass wir auf ihr die Zeit bestehn. / Gott hat uns diese Erde gegeben, / dass wir auf ihr die Zeit bestehn.

2. Gott gab uns Ohren, damit wir hören. / Er gab uns Worte, dass wir verstehn. / Gott will nicht diese Erde zerstören. / Er schuf sie gut, er schuf sie schön. / Gott will nicht diese Erde zerstören. / Er schuf sie gut, er schuf sie schön.

3. Gott gab uns Hände, damit wir handeln. / Er gab uns Füße, dass wir fest stehn. / Gott will mit uns die Erde verwandeln. / Wir können neu ins Leben gehn. / Gott will mit uns die Erde verwandeln. / Wir können neu ins Leben gehn.

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Kolja Haaf

Um die Erde zu retten, brauchen wir Angst vor der ewigen Verdammnis

Glosse 1

Man kann den großen Weltreligionen einiges vorwerfen: massive Spaßverderberei, Fanatismus, Ausgrenzung, Ausbeutung, Unterdrückung, Mord, Folter, Genozid. Aber in einer Sache waren und sind sie, zum Teil bis heute, unschlagbar: Sie können Menschen dazu bringen, etwas zu tun, worauf diese eigentlich keine Lust haben. Über Standes- und Ländergrenzen 5 hinweg. Und das mittels völlig unbeweisbarer Behauptungen! Tip top Marketing.

Wie wäre es deshalb, diese jahrtausendealte Erfolgsstrategie einfach mal statt auf so schwammige Dinge wie Sünde, Vergebung, Verdammnis und Auferstehung auf etwas zu übertragen, das gründlich belegt ist? Den Klimawandel zum Beispiel. „Klimareligion“ ist ja eh schon lange ein rechter Kampfbegriff. Wieso nicht einfach ein bisschen aneignen?

10 Denn man schaue sich doch bitte mal die Beispiele für die unvergleichbare Überzeugungskraft an, die Religion im Portfolio hat. Gemeint ist die Überzeugungskraft zur Selbstbeschränkung. Das ganze bunte Sortiment an Enthaltsamkeit, Buße und Karma-Pflege: Wochenlange Wanderungen zu Pilgerstätten! Endlose Umrundungen diverser Heiligtümer (am besten auf Knien)! Verzicht auf Schimpfwörter! Verzicht auf Rauschmittel! Fasten wo’s geht! Und so- 15 wieso: die wildesten Essensregeln! Dann Spenden ohne Ende! Bei der Beichte alten Männern intimste Geheimnisse erzählen! Leben ohne Sex in jeder Form! Schweigegelübde! Tagelange Meditation! Endloses Beten! Selbstgeißelung! Selbstverstümmelung! Selbstverleugnung! Und nicht zu vergessen: Das nie endende Büffeln furztrockener, uralter Texte. Das muss man erstmal hinkriegen.

20 Und genau das ist die Art von Selbstüberwindung, die es für den Klimaschutz braucht: eine Hingabe, die stärker ist als die Verheißungen jedes 9,99 Euro-Lanzarote-Trips. Eine Inbrunst, die jeden Manager aus der Ölindustrie voller Reue seine Bonus-Millionen spenden und sich nur noch von regionaler Rauke ernähren lässt. Und einen Eifer, der uns zwingt, täglich ungeduldig unseren Briefkasten nach der Wahlbenachrichtigung zu checken, um endlich das Pro- 25 gramm wählen zu können, das die meisten Entbehrungen und den größten Verzicht verspricht.

Denn: Welches „Jetzt gemeinsam gegen den Klimawandel!“-U-Bahn-Plakat irgendeiner NGO 2 hätte bislang so eine Begeisterung hervorgerufen? Eben.

Was können wir also von den Weltreligionen lernen? Angst ist ganz wichtig. Angst vor der realen Hölle: die, in der wir und die, die nach uns kommen, leben werden. Der Nachteil einer 30 realen Hölle ist zwar, dass man sie nicht nach Belieben ausfüllen kann mit Horrorszenarien à la Dantes Inferno 3. Der Vorteil einer realen Hölle ist aber: Sie ist real. Sie ist eine wissenschaftlich belegte Prognose. Damit dürfte sie eigentlich deutlich glaubwürdiger zu verkaufen sein als vages Gefasel von behörnten Dämonen.

Die andere unerlässliche Zutat für echte Frömmigkeit ist die Hoffnung auf ein Paradies. Oder 35 zumindest auf ein Nirvana. Oder die Liebe Gottes. The good shit eben. Dieser Punkt ist im Fall Klimawandel ein bisschen tricky. Denn im Idealfall wird ja nur Schlimmeres vermieden. Zumindest, wenn es nur um die Erderwärmung geht. Aber da ja hier alles mit allem verbunden ist, kann man das Heilsversprechen auch einfach auf Umweltschutz ganz allgemein ausweiten: Eine heile, ausbalancierte Zukunft wartet da! Ein Garten Eden wird das, in dem keine 40 Schornsteine und Autobahnen mehr die Landschaft verschandeln, sondern glückliche Kinder im Herzen der Großstädte Äpfel von den Bäumen pflücken! Ozeane ohne Plastik, in denen die Korallenriffe nur so wuchern! Ausgestorben geglaubte Arten kehren zurück! Die Erde: eine Arche Noah im All. Man stelle sich nur die Liebe und Dankbarkeit unserer Nachkommen vor. Und die der Erde überhaupt (eignet sich auch hervorragend als Ersatz für eine göttliche 45 Personifikation).

Eigentlich doch ideale Voraussetzungen, um mit ein bisschen Kommunikations-Know-how die Bewohner dieser Erde zu motivieren, sich und ihre Heimat zu retten!? Stattdessen wird bieder vor sich hingewarnt und gemahnt und selbst der glühendste Aktivismus setzt eher auf das Happy-Go-Lucky-Image 4 engagierter Jugendlicher, gut gemeinte Anpack-Rhetorik und 50 bunten Baumbesetzer-Widerstand als auf die volle, gnadenlose Bildgewalt von Himmel und Hölle. Greta Thunbergs „I want you to panic!“ ging zwar in die richtige Richtung – aber sich zu wünschen, dass Menschen Angst haben, ist einfach nicht das Gleiche, wie sie dazu zu bringen.

Ein Beispiel: Bei den Protesten gegen die IAA 5 Anfang September in München zogen mehrere Tausend Menschen durch die Stadt. Viele davon jung, gut drauf – Sprechchöre, originelle 55 Pappschilder, bunte Haare, Bierchen. Und, bitte, daran ist ja nichts verkehrt, besser als nichts. Aber Panik? Panik bekommt man davon nicht. Man stelle sich stattdessen vor, die Demo hätte nachts stattgefunden: Donnergrollen am Horizont, während durch die Straßen schweigende Büßerprozessionen ziehen, die nur gelegentlich dissonante gregorianische Gesänge vom Ende der Zeit anstimmen.

60 Zu dramatisch, unzeitgemäß, unsachlich? Wieso nicht einfach eine nette kleine Unterschriftenaktion in der Fußgängerzone? Pah! Wir haben es lange genug mit sachlicher Aufklärung und Selbstverantwortung versucht, und sie scheinen nicht zu funktionieren. Für eine Panik, die die ganze Menschheit erfasst, müssen wir die reale, zukünftige Hölle bis zum Letzten ausreizen. Wir brauchen gnadenlos reißerische Geschichten! Geschichten, die man sich ängstlich 65 zuflüstert. Von Naturkatastrophen, die mit satanischem Lachen aus den Wolken, den Ozeanen und den Erdspalten über uns und die unseren hereinbrechen, während wir uns im Café über die zu kalte Hafermilch im Latte beschweren. Geschichten von Völkerwanderungen biblischen Ausmaßes, die, gejagt von Sandstürmen, gen Norden ziehen und dickliche Wohlstandssünder:innen aus ihren Schrebergartenstühlen vertreiben und von den folgenden grausamen Krie- 70 gen ums Überleben in den letzten erträgliche Klimazonen. Geschichten von einer weißglühenden Sonne, die sich in heiligem Zorn über den verbrannten Alpen erhebt, und von schwitzenden, zitternden Menschlein, die in den letzten schlammigen Pfützen des Bodensees kauern.

Dann auf der anderen Seite: Die Vision eines kitschigen Paradieses, in dem es wieder weiße Weihnachten gibt, satte Mischwälder, Einklang mit Mutter Natur und eine Artenvielfalt, dass 75 einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

Good Cop und Bad Cop halt.

Und das Gute: Anders als mit einem Ave Maria oder einer Umrundung des Kailash 6 lässt sich mit Maßnahmen gegen den Klimawandel eine tatsächliche, kollektive Wirksamkeit erleben, mit der wir diese große Prüfung des Himmels bestanden und uns als würdig erwiesen haben. 80 Was für eine verbindende Erfahrung für die Menschheit!

Deshalb: Schriftsteller:innen, Filmemacher:innen, Werbemacher:innen, Künstler:innen, Designer:innen, Politiker:innen und alle, die sich mit Illusion und Show befassen: Wir brauchen die ganz großen Epen 7 über Rettung und Verdammnis.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Kolja Haaf ist Journalist.

1 Glosse: satirischer oder polemischer Meinungsbeitrag, z. B. in einer Zeitung

2 NGO: „Non-Governmental Organization“ – eine Organisation, die gesellschaftliche Interessen vertritt, aber nicht dem Staat oder der Regierung unterstellt ist

3 Dantes Inferno: Im ersten Teil „Inferno“ des epischen Gedichts „Göttliche Komödie“ beschreibt der italienische Dichter Dante Alighieri (14. Jh.) die Hölle und die Höllenqualen.

4 happy-go-lucky: hier: Sorglosigkeit, Unbekümmertheit

5 IAA: Internationale Automobilausstellung

6 Kailash: heiliger Berg in Tibet

7 Epen: umfangreiche Heldenerzählungen

1. Erarbeiten Sie das Thema sowie den Gedankengang des satirischen Textes von Kolja Haaf und arbeiten Sie dabei heraus, welche Vorstellung von religiös motiviertem Handeln er entfaltet. [24 Punkte]

Ihre Ausarbeitung wurde eingereicht. Vergleichen Sie Ihre Antwort mit den Kriterien der offiziellen Musterlösung.

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Religionskritik und die Frage nach der Existenz Gottes

Kolja Haaf

Um die Erde zu retten, brauchen wir Angst vor der ewigen Verdammnis

Glosse 1

Man kann den großen Weltreligionen einiges vorwerfen: massive Spaßverderberei, Fanatismus, Ausgrenzung, Ausbeutung, Unterdrückung, Mord, Folter, Genozid. Aber in einer Sache waren und sind sie, zum Teil bis heute, unschlagbar: Sie können Menschen dazu bringen, etwas zu tun, worauf diese eigentlich keine Lust haben. Über Standes- und Ländergrenzen 5 hinweg. Und das mittels völlig unbeweisbarer Behauptungen! Tip top Marketing.

Wie wäre es deshalb, diese jahrtausendealte Erfolgsstrategie einfach mal statt auf so schwammige Dinge wie Sünde, Vergebung, Verdammnis und Auferstehung auf etwas zu übertragen, das gründlich belegt ist? Den Klimawandel zum Beispiel. „Klimareligion“ ist ja eh schon lange ein rechter Kampfbegriff. Wieso nicht einfach ein bisschen aneignen?

10 Denn man schaue sich doch bitte mal die Beispiele für die unvergleichbare Überzeugungskraft an, die Religion im Portfolio hat. Gemeint ist die Überzeugungskraft zur Selbstbeschränkung. Das ganze bunte Sortiment an Enthaltsamkeit, Buße und Karma-Pflege: Wochenlange Wanderungen zu Pilgerstätten! Endlose Umrundungen diverser Heiligtümer (am besten auf Knien)! Verzicht auf Schimpfwörter! Verzicht auf Rauschmittel! Fasten wo’s geht! Und so- 15 wieso: die wildesten Essensregeln! Dann Spenden ohne Ende! Bei der Beichte alten Männern intimste Geheimnisse erzählen! Leben ohne Sex in jeder Form! Schweigegelübde! Tagelange Meditation! Endloses Beten! Selbstgeißelung! Selbstverstümmelung! Selbstverleugnung! Und nicht zu vergessen: Das nie endende Büffeln furztrockener, uralter Texte. Das muss man erstmal hinkriegen.

20 Und genau das ist die Art von Selbstüberwindung, die es für den Klimaschutz braucht: eine Hingabe, die stärker ist als die Verheißungen jedes 9,99 Euro-Lanzarote-Trips. Eine Inbrunst, die jeden Manager aus der Ölindustrie voller Reue seine Bonus-Millionen spenden und sich nur noch von regionaler Rauke ernähren lässt. Und einen Eifer, der uns zwingt, täglich ungeduldig unseren Briefkasten nach der Wahlbenachrichtigung zu checken, um endlich das Pro- 25 gramm wählen zu können, das die meisten Entbehrungen und den größten Verzicht verspricht.

Denn: Welches „Jetzt gemeinsam gegen den Klimawandel!“-U-Bahn-Plakat irgendeiner NGO 2 hätte bislang so eine Begeisterung hervorgerufen? Eben.

Was können wir also von den Weltreligionen lernen? Angst ist ganz wichtig. Angst vor der realen Hölle: die, in der wir und die, die nach uns kommen, leben werden. Der Nachteil einer 30 realen Hölle ist zwar, dass man sie nicht nach Belieben ausfüllen kann mit Horrorszenarien à la Dantes Inferno 3. Der Vorteil einer realen Hölle ist aber: Sie ist real. Sie ist eine wissenschaftlich belegte Prognose. Damit dürfte sie eigentlich deutlich glaubwürdiger zu verkaufen sein als vages Gefasel von behörnten Dämonen.

Die andere unerlässliche Zutat für echte Frömmigkeit ist die Hoffnung auf ein Paradies. Oder 35 zumindest auf ein Nirvana. Oder die Liebe Gottes. The good shit eben. Dieser Punkt ist im Fall Klimawandel ein bisschen tricky. Denn im Idealfall wird ja nur Schlimmeres vermieden. Zumindest, wenn es nur um die Erderwärmung geht. Aber da ja hier alles mit allem verbunden ist, kann man das Heilsversprechen auch einfach auf Umweltschutz ganz allgemein ausweiten: Eine heile, ausbalancierte Zukunft wartet da! Ein Garten Eden wird das, in dem keine 40 Schornsteine und Autobahnen mehr die Landschaft verschandeln, sondern glückliche Kinder im Herzen der Großstädte Äpfel von den Bäumen pflücken! Ozeane ohne Plastik, in denen die Korallenriffe nur so wuchern! Ausgestorben geglaubte Arten kehren zurück! Die Erde: eine Arche Noah im All. Man stelle sich nur die Liebe und Dankbarkeit unserer Nachkommen vor. Und die der Erde überhaupt (eignet sich auch hervorragend als Ersatz für eine göttliche 45 Personifikation).

Eigentlich doch ideale Voraussetzungen, um mit ein bisschen Kommunikations-Know-how die Bewohner dieser Erde zu motivieren, sich und ihre Heimat zu retten!? Stattdessen wird bieder vor sich hingewarnt und gemahnt und selbst der glühendste Aktivismus setzt eher auf das Happy-Go-Lucky-Image 4 engagierter Jugendlicher, gut gemeinte Anpack-Rhetorik und 50 bunten Baumbesetzer-Widerstand als auf die volle, gnadenlose Bildgewalt von Himmel und Hölle. Greta Thunbergs „I want you to panic!“ ging zwar in die richtige Richtung – aber sich zu wünschen, dass Menschen Angst haben, ist einfach nicht das Gleiche, wie sie dazu zu bringen.

Ein Beispiel: Bei den Protesten gegen die IAA 5 Anfang September in München zogen mehrere Tausend Menschen durch die Stadt. Viele davon jung, gut drauf – Sprechchöre, originelle 55 Pappschilder, bunte Haare, Bierchen. Und, bitte, daran ist ja nichts verkehrt, besser als nichts. Aber Panik? Panik bekommt man davon nicht. Man stelle sich stattdessen vor, die Demo hätte nachts stattgefunden: Donnergrollen am Horizont, während durch die Straßen schweigende Büßerprozessionen ziehen, die nur gelegentlich dissonante gregorianische Gesänge vom Ende der Zeit anstimmen.

60 Zu dramatisch, unzeitgemäß, unsachlich? Wieso nicht einfach eine nette kleine Unterschriftenaktion in der Fußgängerzone? Pah! Wir haben es lange genug mit sachlicher Aufklärung und Selbstverantwortung versucht, und sie scheinen nicht zu funktionieren. Für eine Panik, die die ganze Menschheit erfasst, müssen wir die reale, zukünftige Hölle bis zum Letzten ausreizen. Wir brauchen gnadenlos reißerische Geschichten! Geschichten, die man sich ängstlich 65 zuflüstert. Von Naturkatastrophen, die mit satanischem Lachen aus den Wolken, den Ozeanen und den Erdspalten über uns und die unseren hereinbrechen, während wir uns im Café über die zu kalte Hafermilch im Latte beschweren. Geschichten von Völkerwanderungen biblischen Ausmaßes, die, gejagt von Sandstürmen, gen Norden ziehen und dickliche Wohlstandssünder:innen aus ihren Schrebergartenstühlen vertreiben und von den folgenden grausamen Krie- 70 gen ums Überleben in den letzten erträgliche Klimazonen. Geschichten von einer weißglühenden Sonne, die sich in heiligem Zorn über den verbrannten Alpen erhebt, und von schwitzenden, zitternden Menschlein, die in den letzten schlammigen Pfützen des Bodensees kauern.

Dann auf der anderen Seite: Die Vision eines kitschigen Paradieses, in dem es wieder weiße Weihnachten gibt, satte Mischwälder, Einklang mit Mutter Natur und eine Artenvielfalt, dass 75 einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

Good Cop und Bad Cop halt.

Und das Gute: Anders als mit einem Ave Maria oder einer Umrundung des Kailash 6 lässt sich mit Maßnahmen gegen den Klimawandel eine tatsächliche, kollektive Wirksamkeit erleben, mit der wir diese große Prüfung des Himmels bestanden und uns als würdig erwiesen haben. 80 Was für eine verbindende Erfahrung für die Menschheit!

Deshalb: Schriftsteller:innen, Filmemacher:innen, Werbemacher:innen, Künstler:innen, Designer:innen, Politiker:innen und alle, die sich mit Illusion und Show befassen: Wir brauchen die ganz großen Epen 7 über Rettung und Verdammnis.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Kolja Haaf ist Journalist.

1 Glosse: satirischer oder polemischer Meinungsbeitrag, z. B. in einer Zeitung

2 NGO: „Non-Governmental Organization“ – eine Organisation, die gesellschaftliche Interessen vertritt, aber nicht dem Staat oder der Regierung unterstellt ist

3 Dantes Inferno: Im ersten Teil „Inferno“ des epischen Gedichts „Göttliche Komödie“ beschreibt der italienische Dichter Dante Alighieri (14. Jh.) die Hölle und die Höllenqualen.

4 happy-go-lucky: hier: Sorglosigkeit, Unbekümmertheit

5 IAA: Internationale Automobilausstellung

6 Kailash: heiliger Berg in Tibet

7 Epen: umfangreiche Heldenerzählungen

2. Entfalten Sie einen religionskritischen Ansatz aus der Gegenwart und stellen Sie ihn in Beziehung zu Kolja Haafs Konzept religiös motivierten Handelns. [30 Punkte]

Ihre Ausarbeitung wurde eingereicht. Vergleichen Sie Ihre Darstellung mit den offiziellen Kriterien.

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung

Kolja Haaf

Um die Erde zu retten, brauchen wir Angst vor der ewigen Verdammnis

Glosse 1

Man kann den großen Weltreligionen einiges vorwerfen: massive Spaßverderberei, Fanatismus, Ausgrenzung, Ausbeutung, Unterdrückung, Mord, Folter, Genozid. Aber in einer Sache waren und sind sie, zum Teil bis heute, unschlagbar: Sie können Menschen dazu bringen, etwas zu tun, worauf diese eigentlich keine Lust haben. Über Standes- und Ländergrenzen 5 hinweg. Und das mittels völlig unbeweisbarer Behauptungen! Tip top Marketing.

Wie wäre es deshalb, diese jahrtausendealte Erfolgsstrategie einfach mal statt auf so schwammige Dinge wie Sünde, Vergebung, Verdammnis und Auferstehung auf etwas zu übertragen, das gründlich belegt ist? Den Klimawandel zum Beispiel. „Klimareligion“ ist ja eh schon lange ein rechter Kampfbegriff. Wieso nicht einfach ein bisschen aneignen?

10 Denn man schaue sich doch bitte mal die Beispiele für die unvergleichbare Überzeugungskraft an, die Religion im Portfolio hat. Gemeint ist die Überzeugungskraft zur Selbstbeschränkung. Das ganze bunte Sortiment an Enthaltsamkeit, Buße und Karma-Pflege: Wochenlange Wanderungen zu Pilgerstätten! Endlose Umrundungen diverser Heiligtümer (am besten auf Knien)! Verzicht auf Schimpfwörter! Verzicht auf Rauschmittel! Fasten wo’s geht! Und so- 15 wieso: die wildesten Essensregeln! Dann Spenden ohne Ende! Bei der Beichte alten Männern intimste Geheimnisse erzählen! Leben ohne Sex in jeder Form! Schweigegelübde! Tagelange Meditation! Endloses Beten! Selbstgeißelung! Selbstverstümmelung! Selbstverleugnung! Und nicht zu vergessen: Das nie endende Büffeln furztrockener, uralter Texte. Das muss man erstmal hinkriegen.

20 Und genau das ist die Art von Selbstüberwindung, die es für den Klimaschutz braucht: eine Hingabe, die stärker ist als die Verheißungen jedes 9,99 Euro-Lanzarote-Trips. Eine Inbrunst, die jeden Manager aus der Ölindustrie voller Reue seine Bonus-Millionen spenden und sich nur noch von regionaler Rauke ernähren lässt. Und einen Eifer, der uns zwingt, täglich ungeduldig unseren Briefkasten nach der Wahlbenachrichtigung zu checken, um endlich das Pro- 25 gramm wählen zu können, das die meisten Entbehrungen und den größten Verzicht verspricht.

Denn: Welches „Jetzt gemeinsam gegen den Klimawandel!“-U-Bahn-Plakat irgendeiner NGO 2 hätte bislang so eine Begeisterung hervorgerufen? Eben.

Was können wir also von den Weltreligionen lernen? Angst ist ganz wichtig. Angst vor der realen Hölle: die, in der wir und die, die nach uns kommen, leben werden. Der Nachteil einer 30 realen Hölle ist zwar, dass man sie nicht nach Belieben ausfüllen kann mit Horrorszenarien à la Dantes Inferno 3. Der Vorteil einer realen Hölle ist aber: Sie ist real. Sie ist eine wissenschaftlich belegte Prognose. Damit dürfte sie eigentlich deutlich glaubwürdiger zu verkaufen sein als vages Gefasel von behörnten Dämonen.

Die andere unerlässliche Zutat für echte Frömmigkeit ist die Hoffnung auf ein Paradies. Oder 35 zumindest auf ein Nirvana. Oder die Liebe Gottes. The good shit eben. Dieser Punkt ist im Fall Klimawandel ein bisschen tricky. Denn im Idealfall wird ja nur Schlimmeres vermieden. Zumindest, wenn es nur um die Erderwärmung geht. Aber da ja hier alles mit allem verbunden ist, kann man das Heilsversprechen auch einfach auf Umweltschutz ganz allgemein ausweiten: Eine heile, ausbalancierte Zukunft wartet da! Ein Garten Eden wird das, in dem keine 40 Schornsteine und Autobahnen mehr die Landschaft verschandeln, sondern glückliche Kinder im Herzen der Großstädte Äpfel von den Bäumen pflücken! Ozeane ohne Plastik, in denen die Korallenriffe nur so wuchern! Ausgestorben geglaubte Arten kehren zurück! Die Erde: eine Arche Noah im All. Man stelle sich nur die Liebe und Dankbarkeit unserer Nachkommen vor. Und die der Erde überhaupt (eignet sich auch hervorragend als Ersatz für eine göttliche 45 Personifikation).

Eigentlich doch ideale Voraussetzungen, um mit ein bisschen Kommunikations-Know-how die Bewohner dieser Erde zu motivieren, sich und ihre Heimat zu retten!? Stattdessen wird bieder vor sich hingewarnt und gemahnt und selbst der glühendste Aktivismus setzt eher auf das Happy-Go-Lucky-Image 4 engagierter Jugendlicher, gut gemeinte Anpack-Rhetorik und 50 bunten Baumbesetzer-Widerstand als auf die volle, gnadenlose Bildgewalt von Himmel und Hölle. Greta Thunbergs „I want you to panic!“ ging zwar in die richtige Richtung – aber sich zu wünschen, dass Menschen Angst haben, ist einfach nicht das Gleiche, wie sie dazu zu bringen.

Ein Beispiel: Bei den Protesten gegen die IAA 5 Anfang September in München zogen mehrere Tausend Menschen durch die Stadt. Viele davon jung, gut drauf – Sprechchöre, originelle 55 Pappschilder, bunte Haare, Bierchen. Und, bitte, daran ist ja nichts verkehrt, besser als nichts. Aber Panik? Panik bekommt man davon nicht. Man stelle sich stattdessen vor, die Demo hätte nachts stattgefunden: Donnergrollen am Horizont, während durch die Straßen schweigende Büßerprozessionen ziehen, die nur gelegentlich dissonante gregorianische Gesänge vom Ende der Zeit anstimmen.

60 Zu dramatisch, unzeitgemäß, unsachlich? Wieso nicht einfach eine nette kleine Unterschriftenaktion in der Fußgängerzone? Pah! Wir haben es lange genug mit sachlicher Aufklärung und Selbstverantwortung versucht, und sie scheinen nicht zu funktionieren. Für eine Panik, die die ganze Menschheit erfasst, müssen wir die reale, zukünftige Hölle bis zum Letzten ausreizen. Wir brauchen gnadenlos reißerische Geschichten! Geschichten, die man sich ängstlich 65 zuflüstert. Von Naturkatastrophen, die mit satanischem Lachen aus den Wolken, den Ozeanen und den Erdspalten über uns und die unseren hereinbrechen, während wir uns im Café über die zu kalte Hafermilch im Latte beschweren. Geschichten von Völkerwanderungen biblischen Ausmaßes, die, gejagt von Sandstürmen, gen Norden ziehen und dickliche Wohlstandssünder:innen aus ihren Schrebergartenstühlen vertreiben und von den folgenden grausamen Krie- 70 gen ums Überleben in den letzten erträgliche Klimazonen. Geschichten von einer weißglühenden Sonne, die sich in heiligem Zorn über den verbrannten Alpen erhebt, und von schwitzenden, zitternden Menschlein, die in den letzten schlammigen Pfützen des Bodensees kauern.

Dann auf der anderen Seite: Die Vision eines kitschigen Paradieses, in dem es wieder weiße Weihnachten gibt, satte Mischwälder, Einklang mit Mutter Natur und eine Artenvielfalt, dass 75 einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

Good Cop und Bad Cop halt.

Und das Gute: Anders als mit einem Ave Maria oder einer Umrundung des Kailash 6 lässt sich mit Maßnahmen gegen den Klimawandel eine tatsächliche, kollektive Wirksamkeit erleben, mit der wir diese große Prüfung des Himmels bestanden und uns als würdig erwiesen haben. 80 Was für eine verbindende Erfahrung für die Menschheit!

Deshalb: Schriftsteller:innen, Filmemacher:innen, Werbemacher:innen, Künstler:innen, Designer:innen, Politiker:innen und alle, die sich mit Illusion und Show befassen: Wir brauchen die ganz großen Epen 7 über Rettung und Verdammnis.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Kolja Haaf ist Journalist.

1 Glosse: satirischer oder polemischer Meinungsbeitrag, z. B. in einer Zeitung

2 NGO: „Non-Governmental Organization“ – eine Organisation, die gesellschaftliche Interessen vertritt, aber nicht dem Staat oder der Regierung unterstellt ist

3 Dantes Inferno: Im ersten Teil „Inferno“ des epischen Gedichts „Göttliche Komödie“ beschreibt der italienische Dichter Dante Alighieri (14. Jh.) die Hölle und die Höllenqualen.

4 happy-go-lucky: hier: Sorglosigkeit, Unbekümmertheit

5 IAA: Internationale Automobilausstellung

6 Kailash: heiliger Berg in Tibet

7 Epen: umfangreiche Heldenerzählungen

3. Überprüfen Sie kritisch, wie Kolja Haaf religiös motiviertes Handeln darstellt, und nehmen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse Stellung dazu, inwiefern der christliche Glaube dazu beitragen kann, „die Erde zu retten“. [26 Punkte]

Ihre Ausarbeitung wurde eingereicht. Vergleichen Sie Ihre Argumentation mit den Kriterien des Erwartungshorizonts.

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Matthias Drobinski

Die Heilige Familie ist immer noch auf der Flucht

Das bürgerliche Weihnachtsfest steht in eigentümlich schroffem Gegensatz zu jenen bibli-

schen Geschichten, ohne die es dieses Fest gar nicht gäbe. Weihnachten: Das ist die Hoffnung

auf Frieden und Harmonie, sind Lichterglanz und strahlende Kinderaugen, Wärme, Geborgen-

heit, ein holder Knabe in lockigem Haar. Die biblischen Geschichten rund um die Geburt Jesu

5 aber irritieren und verstören, wenn man sich ihnen nähert. Da ist die ungeklärt entstandene

Schwangerschaft, die Geburt im Provisorium, bezeugt von nach Schaf stinkenden Außensei-

tern. Das Gotteskind ist ausgeliefert den Verhältnissen, ein verletzliches Kind.

Und so geht es weiter. Die Männer aus dem Morgenland, die dem neugeborenen König hul-

digen (noch so eine irritierende Geschichte), sind wieder weg, nicht ohne Herodes, dem König

10 von Judäa, zu erzählen, dass sie einen künftigen König suchen. Herodes plant nun, diesen

König zu töten. Dann, so heißt es im Matthäusevangelium, „erschien dem Josef im Traum ein

Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten;

dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu

töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.

15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den

Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

Jesus, der Flüchtling. Der Engel Gottes rettet Gottes Sohn vor der unfassbar grausamen Tat

des Herodes, von der Matthäus im nächsten Abschnitt berichtet: Der König vermutet die Kon-

kurrenz irgendwo in Bethlehem und Umgebung, so lässt er alle neugeborenen Knaben bis zum

20 Alter von zwei Jahren töten, überall sind die Schmerzensschreie der verzweifelten Mütter zu

hören.

Die Bibelwissenschaftler sind sich heute einig, dass die Flucht von Josef, Maria und Jesus

nach Ägypten und sehr wahrscheinlich auch der Kindermord zu Bethlehem eine Legende ist.

Sie ist auf die Weise der Legenden wahr: Sie erzählt, wie die ersten Jüngerinnen und Jünger

25 diesen Jesus wahrnahmen beziehungsweise in Erinnerung hatten, was sie von ihm berichte-

ten, was Matthäus aufschrieb. Es ist die Geschichte von Gott, der sich verletzlich macht, der

sich den Ohnmachtserfahrungen der Menschen aussetzt, der existenziellen Gefährdung, dem

Heimatverlust und dem Flüchtlingsleben. Sie erzählt vom gefährdeten und geretteten Gottes-

kind, das den Weg des wandernden Gottesvolkes Israel wiederholt: Aus Ägypten ins Gelobte

30 Land, von der Peripherie ins Zentrum, was die realen Verhältnisse auf den Kopf stellt: In Wirk-

lichkeit ist in dieser Zeit Ägypten das reiche und kulturell hochstehende Zentrum der Region

und Israel tiefste Provinz.

Was für ein eigentümlicher Gott, der fliehen muss, um nicht abgeschlachtet zu werden. Er

teilt das Schicksal jener Abermillionen Menschen, die zu allen Zeiten ihre Heimat verließen

35 und ins Ungewisse zogen, weil sie um ihr Leben fürchteten, die Not groß war, sie Gewalt und

Krieg vertrieben oder die Hoffnung auf ein besseres Leben sie aufbrechen ließ. Ein solcher

Gott ist ein Ärgernis. Im dritten Jahrhundert nach Christus schreibt der Theologe Origenes 1

eine Verteidigungsschrift gegen den Philosophen Celsus 2, der eine jüdische Stimme zitiert:

Gerade die Flucht Jesu beweise doch, dass er nicht göttlicher Natur sei. Hätte er sonst den

40 Tod fürchten müssen? Hätte Gott nicht sonst verhindert, dass die Familie sich in der Fremde

durchschlagen muss, Jesus gar mit Zaubertricks, die er dann wieder in Galiläa vorführt? Die

Antwort des Origenes: Jesus musste auf menschliche Weise gerettet werden, weil er ganz

Mensch geworden ist. Und wenn die Letzten im Himmelreich die Ersten sein würden – dann

liegt es nahe, dass Gott selber einer dieser Letzten wird, ein armer Flüchtling, der darauf hofft

45 und wartet, dass in der Heimat die Tyrannei des Herodes ein Ende hat.

Origenes „geht aus der Defensive in die Offensive, wenn er zeigt, dass es nur diese Umkeh-

rung aller Verhältnisse ist, die Hoffnung auf Erlösung machen kann“, schreibt Thomas Söding,

Professor für neutestamentliche Exegese an der katholischen Fakultät der Uni Bochum. „Auf

diese Weise verbindet sich die matthäische 3 Weihnachtsgeschichte bei Origenes mit einer

50 Christologie des wahren Menschseins Jesu. Ohne die Betonung, dass Gottes Sohn Mensch

geworden und gewesen ist, könnte das Evangelium nicht die gute Nachricht aller Menschen

sein, die auf der Flucht sind.“ […]

Viele der frühen Christinnen und Christen […] dürften gewusst haben, dass das Leben auf der

Flucht zu den Nachtseiten der menschlichen Existenz gehört; sie waren oft selber Verfolgte,

55 Exilanten, die um ihres Glaubens willen die Heimat aufgegeben hatten. […]

Für die Christen […] bleibt: Der Gottessohn war ein Flüchtling, selbst in Nazareth ein Zuge-

reister, ein Rückkehrer mit unklarer Geschichte. Der Gründer jener Religion, deren Kirchen

zu den staunenswertesten, ehrwürdigsten, prächtigsten Gebäuden der Welt gehören, war ein

Unbehauster, der durch Galiläa zog und dann nach Jerusalem, um zu sterben; einer, der nicht

60 einmal einen Stein hatte, auf den er nachts seinen Kopf legen konnte, ohne Familie und festen

Wohnsitz, getrieben von der Unruhe des Herzens. Seine Heimat war im Himmel, sie materia-

lisierte sich in seiner Beziehung zu Gott und den Menschen, in der Fähigkeit, die Häuser der

anderen durch seine Anwesenheit zu besonderen Heimaten werden zu lassen. Irdische Räume

zu besetzen war ihm fremd, ein Grundstück zu umzäunen, ein Gebiet als Einflussbereich zu

65 markieren. Zentren zu schaffen und damit auch Ränder.

Für die Geflüchteten, Schutzsuchenden, Vertriebenen und Heimatlosen, für alle Unbehausten

ist die Geschichte von der Flucht nach Ägypten eine Verheißung: Gott ist einer der ihren, ist

mit den Herbergs- und Heimatsuchenden, die in der fremden Sprache radebrechen 4, gefangen

in den Fallen der unbekannten Kultur. Er lässt die Grenzen verschwimmen zwischen fremd und

70 einheimisch, Zentrum und Peripherie, dazugehörig und ausgeschlossen, pulverisiert identitäre 5

Konstruktionen, wer immer sie gebaut hat. Er ist ja selber den Menschen nah und fremd zu-

gleich. Er ist eine Herausforderung für die Sesshaften, Beheimateten, für Alteingesessene, wie

sie die meisten Christinnen und Christen heute sind: Du sollst den Fremdling nicht bedrücken,

denn ihr wart selber Fremdlinge im Ägyptenland. Die Sorge für den Fremden, der Mut zur

75 Selbstbefremdung 6, das ist im Christentum mehr als eine soziale oder intellektuelle Übung.

Sie führt zum Kern des Glaubens, zum geflüchteten, schutzlosen Kind, in dem Gott Mensch

wird.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Matthias Drobinski ist Journalist und katholischer Theologe.

1 Origenes (185 – 254 n. Chr.): griechischer Theologe und Autor zahlreicher antiker christlicher Schriften

2 Celsus: Philosoph aus Alexandria, Zeitgenosse des Origenes, verfasste mit „Die wahre Lehre“ die älteste Streitschrift gegen das Christentum

3 matthäisch: aus dem Matthäus-Evangelium

4 radebrechen: eine (Fremd-)Sprache nur in Ansätzen bzw. sehr schlecht sprechen

5 identitär: die eigene Identität (und damit die Ausgrenzung anderer) betreffend

6 Selbstbefremdung: sich selbst infrage stellen, die Perspektive eines Fremden einnehmen

Materialgrundlage: Matthias Drobinski: Die Heilige Familie ist immer noch auf der Flucht. Die Sorge für den Fremden führt zum Kern des Glaubens, zum schutzlosen Kind, in dem Gott Mensch wird. In: Publik-Forum EXTRA Leben, Dezember 2021, S. 18 – 21

1. Erarbeiten Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Matthias Drobinski und arbeiten Sie dabei das Gottesbild heraus, das seiner Interpretation der Weihnachtsgeschichte zugrunde liegt. (24 Punkte)

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung

Matthias Drobinski

Die Heilige Familie ist immer noch auf der Flucht

Das bürgerliche Weihnachtsfest steht in eigentümlich schroffem Gegensatz zu jenen bibli-

schen Geschichten, ohne die es dieses Fest gar nicht gäbe. Weihnachten: Das ist die Hoffnung

auf Frieden und Harmonie, sind Lichterglanz und strahlende Kinderaugen, Wärme, Geborgen-

heit, ein holder Knabe in lockigem Haar. Die biblischen Geschichten rund um die Geburt Jesu

5 aber irritieren und verstören, wenn man sich ihnen nähert. Da ist die ungeklärt entstandene

Schwangerschaft, die Geburt im Provisorium, bezeugt von nach Schaf stinkenden Außensei-

tern. Das Gotteskind ist ausgeliefert den Verhältnissen, ein verletzliches Kind.

Und so geht es weiter. Die Männer aus dem Morgenland, die dem neugeborenen König hul-

digen (noch so eine irritierende Geschichte), sind wieder weg, nicht ohne Herodes, dem König

10 von Judäa, zu erzählen, dass sie einen künftigen König suchen. Herodes plant nun, diesen

König zu töten. Dann, so heißt es im Matthäusevangelium, „erschien dem Josef im Traum ein

Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten;

dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu

töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.

15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den

Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

Jesus, der Flüchtling. Der Engel Gottes rettet Gottes Sohn vor der unfassbar grausamen Tat

des Herodes, von der Matthäus im nächsten Abschnitt berichtet: Der König vermutet die Kon-

kurrenz irgendwo in Bethlehem und Umgebung, so lässt er alle neugeborenen Knaben bis zum

20 Alter von zwei Jahren töten, überall sind die Schmerzensschreie der verzweifelten Mütter zu

hören.

Die Bibelwissenschaftler sind sich heute einig, dass die Flucht von Josef, Maria und Jesus

nach Ägypten und sehr wahrscheinlich auch der Kindermord zu Bethlehem eine Legende ist.

Sie ist auf die Weise der Legenden wahr: Sie erzählt, wie die ersten Jüngerinnen und Jünger

25 diesen Jesus wahrnahmen beziehungsweise in Erinnerung hatten, was sie von ihm berichte-

ten, was Matthäus aufschrieb. Es ist die Geschichte von Gott, der sich verletzlich macht, der

sich den Ohnmachtserfahrungen der Menschen aussetzt, der existenziellen Gefährdung, dem

Heimatverlust und dem Flüchtlingsleben. Sie erzählt vom gefährdeten und geretteten Gottes-

kind, das den Weg des wandernden Gottesvolkes Israel wiederholt: Aus Ägypten ins Gelobte

30 Land, von der Peripherie ins Zentrum, was die realen Verhältnisse auf den Kopf stellt: In Wirk-

lichkeit ist in dieser Zeit Ägypten das reiche und kulturell hochstehende Zentrum der Region

und Israel tiefste Provinz.

Was für ein eigentümlicher Gott, der fliehen muss, um nicht abgeschlachtet zu werden. Er

teilt das Schicksal jener Abermillionen Menschen, die zu allen Zeiten ihre Heimat verließen

35 und ins Ungewisse zogen, weil sie um ihr Leben fürchteten, die Not groß war, sie Gewalt und

Krieg vertrieben oder die Hoffnung auf ein besseres Leben sie aufbrechen ließ. Ein solcher

Gott ist ein Ärgernis. Im dritten Jahrhundert nach Christus schreibt der Theologe Origenes 1

eine Verteidigungsschrift gegen den Philosophen Celsus 2, der eine jüdische Stimme zitiert:

Gerade die Flucht Jesu beweise doch, dass er nicht göttlicher Natur sei. Hätte er sonst den

40 Tod fürchten müssen? Hätte Gott nicht sonst verhindert, dass die Familie sich in der Fremde

durchschlagen muss, Jesus gar mit Zaubertricks, die er dann wieder in Galiläa vorführt? Die

Antwort des Origenes: Jesus musste auf menschliche Weise gerettet werden, weil er ganz

Mensch geworden ist. Und wenn die Letzten im Himmelreich die Ersten sein würden – dann

liegt es nahe, dass Gott selber einer dieser Letzten wird, ein armer Flüchtling, der darauf hofft

45 und wartet, dass in der Heimat die Tyrannei des Herodes ein Ende hat.

Origenes „geht aus der Defensive in die Offensive, wenn er zeigt, dass es nur diese Umkeh-

rung aller Verhältnisse ist, die Hoffnung auf Erlösung machen kann“, schreibt Thomas Söding,

Professor für neutestamentliche Exegese an der katholischen Fakultät der Uni Bochum. „Auf

diese Weise verbindet sich die matthäische 3 Weihnachtsgeschichte bei Origenes mit einer

50 Christologie des wahren Menschseins Jesu. Ohne die Betonung, dass Gottes Sohn Mensch

geworden und gewesen ist, könnte das Evangelium nicht die gute Nachricht aller Menschen

sein, die auf der Flucht sind.“ […]

Viele der frühen Christinnen und Christen […] dürften gewusst haben, dass das Leben auf der

Flucht zu den Nachtseiten der menschlichen Existenz gehört; sie waren oft selber Verfolgte,

55 Exilanten, die um ihres Glaubens willen die Heimat aufgegeben hatten. […]

Für die Christen […] bleibt: Der Gottessohn war ein Flüchtling, selbst in Nazareth ein Zuge-

reister, ein Rückkehrer mit unklarer Geschichte. Der Gründer jener Religion, deren Kirchen

zu den staunenswertesten, ehrwürdigsten, prächtigsten Gebäuden der Welt gehören, war ein

Unbehauster, der durch Galiläa zog und dann nach Jerusalem, um zu sterben; einer, der nicht

60 einmal einen Stein hatte, auf den er nachts seinen Kopf legen konnte, ohne Familie und festen

Wohnsitz, getrieben von der Unruhe des Herzens. Seine Heimat war im Himmel, sie materia-

lisierte sich in seiner Beziehung zu Gott und den Menschen, in der Fähigkeit, die Häuser der

anderen durch seine Anwesenheit zu besonderen Heimaten werden zu lassen. Irdische Räume

zu besetzen war ihm fremd, ein Grundstück zu umzäunen, ein Gebiet als Einflussbereich zu

65 markieren. Zentren zu schaffen und damit auch Ränder.

Für die Geflüchteten, Schutzsuchenden, Vertriebenen und Heimatlosen, für alle Unbehausten

ist die Geschichte von der Flucht nach Ägypten eine Verheißung: Gott ist einer der ihren, ist

mit den Herbergs- und Heimatsuchenden, die in der fremden Sprache radebrechen 4, gefangen

in den Fallen der unbekannten Kultur. Er lässt die Grenzen verschwimmen zwischen fremd und

70 einheimisch, Zentrum und Peripherie, dazugehörig und ausgeschlossen, pulverisiert identitäre 5

Konstruktionen, wer immer sie gebaut hat. Er ist ja selber den Menschen nah und fremd zu-

gleich. Er ist eine Herausforderung für die Sesshaften, Beheimateten, für Alteingesessene, wie

sie die meisten Christinnen und Christen heute sind: Du sollst den Fremdling nicht bedrücken,

denn ihr wart selber Fremdlinge im Ägyptenland. Die Sorge für den Fremden, der Mut zur

75 Selbstbefremdung 6, das ist im Christentum mehr als eine soziale oder intellektuelle Übung.

Sie führt zum Kern des Glaubens, zum geflüchteten, schutzlosen Kind, in dem Gott Mensch

wird.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Matthias Drobinski ist Journalist und katholischer Theologe.

1 Origenes (185 – 254 n. Chr.): griechischer Theologe und Autor zahlreicher antiker christlicher Schriften

2 Celsus: Philosoph aus Alexandria, Zeitgenosse des Origenes, verfasste mit „Die wahre Lehre“ die älteste Streitschrift gegen das Christentum

3 matthäisch: aus dem Matthäus-Evangelium

4 radebrechen: eine (Fremd-)Sprache nur in Ansätzen bzw. sehr schlecht sprechen

5 identitär: die eigene Identität (und damit die Ausgrenzung anderer) betreffend

6 Selbstbefremdung: sich selbst infrage stellen, die Perspektive eines Fremden einnehmen

Materialgrundlage: Matthias Drobinski: Die Heilige Familie ist immer noch auf der Flucht. Die Sorge für den Fremden führt zum Kern des Glaubens, zum schutzlosen Kind, in dem Gott Mensch wird. In: Publik-Forum EXTRA Leben, Dezember 2021, S. 18 – 21

2. Entfalten Sie in Grundzügen Aspekte des Gottesbildes, das sich ergibt, wenn man den Kreuzestod Jesu als Heilsereignis deutet, und vergleichen Sie es mit dem Gottesbild, auf dem Matthias Drobinskis Deutung der Weihnachtsgeschichte beruht. (30 Punkte)

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung

Matthias Drobinski

Die Heilige Familie ist immer noch auf der Flucht

Das bürgerliche Weihnachtsfest steht in eigentümlich schroffem Gegensatz zu jenen bibli-

schen Geschichten, ohne die es dieses Fest gar nicht gäbe. Weihnachten: Das ist die Hoffnung

auf Frieden und Harmonie, sind Lichterglanz und strahlende Kinderaugen, Wärme, Geborgen-

heit, ein holder Knabe in lockigem Haar. Die biblischen Geschichten rund um die Geburt Jesu

5 aber irritieren und verstören, wenn man sich ihnen nähert. Da ist die ungeklärt entstandene

Schwangerschaft, die Geburt im Provisorium, bezeugt von nach Schaf stinkenden Außensei-

tern. Das Gotteskind ist ausgeliefert den Verhältnissen, ein verletzliches Kind.

Und so geht es weiter. Die Männer aus dem Morgenland, die dem neugeborenen König hul-

digen (noch so eine irritierende Geschichte), sind wieder weg, nicht ohne Herodes, dem König

10 von Judäa, zu erzählen, dass sie einen künftigen König suchen. Herodes plant nun, diesen

König zu töten. Dann, so heißt es im Matthäusevangelium, „erschien dem Josef im Traum ein

Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten;

dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu

töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.

15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den

Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

Jesus, der Flüchtling. Der Engel Gottes rettet Gottes Sohn vor der unfassbar grausamen Tat

des Herodes, von der Matthäus im nächsten Abschnitt berichtet: Der König vermutet die Kon-

kurrenz irgendwo in Bethlehem und Umgebung, so lässt er alle neugeborenen Knaben bis zum

20 Alter von zwei Jahren töten, überall sind die Schmerzensschreie der verzweifelten Mütter zu

hören.

Die Bibelwissenschaftler sind sich heute einig, dass die Flucht von Josef, Maria und Jesus

nach Ägypten und sehr wahrscheinlich auch der Kindermord zu Bethlehem eine Legende ist.

Sie ist auf die Weise der Legenden wahr: Sie erzählt, wie die ersten Jüngerinnen und Jünger

25 diesen Jesus wahrnahmen beziehungsweise in Erinnerung hatten, was sie von ihm berichte-

ten, was Matthäus aufschrieb. Es ist die Geschichte von Gott, der sich verletzlich macht, der

sich den Ohnmachtserfahrungen der Menschen aussetzt, der existenziellen Gefährdung, dem

Heimatverlust und dem Flüchtlingsleben. Sie erzählt vom gefährdeten und geretteten Gottes-

kind, das den Weg des wandernden Gottesvolkes Israel wiederholt: Aus Ägypten ins Gelobte

30 Land, von der Peripherie ins Zentrum, was die realen Verhältnisse auf den Kopf stellt: In Wirk-

lichkeit ist in dieser Zeit Ägypten das reiche und kulturell hochstehende Zentrum der Region

und Israel tiefste Provinz.

Was für ein eigentümlicher Gott, der fliehen muss, um nicht abgeschlachtet zu werden. Er

teilt das Schicksal jener Abermillionen Menschen, die zu allen Zeiten ihre Heimat verließen

35 und ins Ungewisse zogen, weil sie um ihr Leben fürchteten, die Not groß war, sie Gewalt und

Krieg vertrieben oder die Hoffnung auf ein besseres Leben sie aufbrechen ließ. Ein solcher

Gott ist ein Ärgernis. Im dritten Jahrhundert nach Christus schreibt der Theologe Origenes 1

eine Verteidigungsschrift gegen den Philosophen Celsus 2, der eine jüdische Stimme zitiert:

Gerade die Flucht Jesu beweise doch, dass er nicht göttlicher Natur sei. Hätte er sonst den

40 Tod fürchten müssen? Hätte Gott nicht sonst verhindert, dass die Familie sich in der Fremde

durchschlagen muss, Jesus gar mit Zaubertricks, die er dann wieder in Galiläa vorführt? Die

Antwort des Origenes: Jesus musste auf menschliche Weise gerettet werden, weil er ganz

Mensch geworden ist. Und wenn die Letzten im Himmelreich die Ersten sein würden – dann

liegt es nahe, dass Gott selber einer dieser Letzten wird, ein armer Flüchtling, der darauf hofft

45 und wartet, dass in der Heimat die Tyrannei des Herodes ein Ende hat.

Origenes „geht aus der Defensive in die Offensive, wenn er zeigt, dass es nur diese Umkeh-

rung aller Verhältnisse ist, die Hoffnung auf Erlösung machen kann“, schreibt Thomas Söding,

Professor für neutestamentliche Exegese an der katholischen Fakultät der Uni Bochum. „Auf

diese Weise verbindet sich die matthäische 3 Weihnachtsgeschichte bei Origenes mit einer

50 Christologie des wahren Menschseins Jesu. Ohne die Betonung, dass Gottes Sohn Mensch

geworden und gewesen ist, könnte das Evangelium nicht die gute Nachricht aller Menschen

sein, die auf der Flucht sind.“ […]

Viele der frühen Christinnen und Christen […] dürften gewusst haben, dass das Leben auf der

Flucht zu den Nachtseiten der menschlichen Existenz gehört; sie waren oft selber Verfolgte,

55 Exilanten, die um ihres Glaubens willen die Heimat aufgegeben hatten. […]

Für die Christen […] bleibt: Der Gottessohn war ein Flüchtling, selbst in Nazareth ein Zuge-

reister, ein Rückkehrer mit unklarer Geschichte. Der Gründer jener Religion, deren Kirchen

zu den staunenswertesten, ehrwürdigsten, prächtigsten Gebäuden der Welt gehören, war ein

Unbehauster, der durch Galiläa zog und dann nach Jerusalem, um zu sterben; einer, der nicht

60 einmal einen Stein hatte, auf den er nachts seinen Kopf legen konnte, ohne Familie und festen

Wohnsitz, getrieben von der Unruhe des Herzens. Seine Heimat war im Himmel, sie materia-

lisierte sich in seiner Beziehung zu Gott und den Menschen, in der Fähigkeit, die Häuser der

anderen durch seine Anwesenheit zu besonderen Heimaten werden zu lassen. Irdische Räume

zu besetzen war ihm fremd, ein Grundstück zu umzäunen, ein Gebiet als Einflussbereich zu

65 markieren. Zentren zu schaffen und damit auch Ränder.

Für die Geflüchteten, Schutzsuchenden, Vertriebenen und Heimatlosen, für alle Unbehausten

ist die Geschichte von der Flucht nach Ägypten eine Verheißung: Gott ist einer der ihren, ist

mit den Herbergs- und Heimatsuchenden, die in der fremden Sprache radebrechen 4, gefangen

in den Fallen der unbekannten Kultur. Er lässt die Grenzen verschwimmen zwischen fremd und

70 einheimisch, Zentrum und Peripherie, dazugehörig und ausgeschlossen, pulverisiert identitäre 5

Konstruktionen, wer immer sie gebaut hat. Er ist ja selber den Menschen nah und fremd zu-

gleich. Er ist eine Herausforderung für die Sesshaften, Beheimateten, für Alteingesessene, wie

sie die meisten Christinnen und Christen heute sind: Du sollst den Fremdling nicht bedrücken,

denn ihr wart selber Fremdlinge im Ägyptenland. Die Sorge für den Fremden, der Mut zur

75 Selbstbefremdung 6, das ist im Christentum mehr als eine soziale oder intellektuelle Übung.

Sie führt zum Kern des Glaubens, zum geflüchteten, schutzlosen Kind, in dem Gott Mensch

wird.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Matthias Drobinski ist Journalist und katholischer Theologe.

1 Origenes (185 – 254 n. Chr.): griechischer Theologe und Autor zahlreicher antiker christlicher Schriften

2 Celsus: Philosoph aus Alexandria, Zeitgenosse des Origenes, verfasste mit „Die wahre Lehre“ die älteste Streitschrift gegen das Christentum

3 matthäisch: aus dem Matthäus-Evangelium

4 radebrechen: eine (Fremd-)Sprache nur in Ansätzen bzw. sehr schlecht sprechen

5 identitär: die eigene Identität (und damit die Ausgrenzung anderer) betreffend

6 Selbstbefremdung: sich selbst infrage stellen, die Perspektive eines Fremden einnehmen

Materialgrundlage: Matthias Drobinski: Die Heilige Familie ist immer noch auf der Flucht. Die Sorge für den Fremden führt zum Kern des Glaubens, zum schutzlosen Kind, in dem Gott Mensch wird. In: Publik-Forum EXTRA Leben, Dezember 2021, S. 18 – 21

3. Erörtern Sie, wie Matthias Drobinski die Weihnachtsgeschichte versteht, und nehmen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse begründet Stellung zu der Frage, inwiefern der christliche Glaube zwangsläufig dazu führt, sich für den Nächsten einzusetzen. (26 Punkte)

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