Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2023

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage: Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. München: C. H. Beck 8 2019, S. 263–270.

Yuval Noah Harari

Gott

Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen

Gibt es Gott? Das hängt davon ab, welchen Gott Sie dabei im Sinn haben. Das kosmische

Geheimnis oder den irdischen Gesetzgeber? Wenn Menschen über Gott reden, dann sprechen

sie mitunter über ein großes und Ehrfurcht gebietendes Rätsel, über das wir absolut nichts

wissen. Wir beschwören diesen mysteriösen Gott, um die tiefsten Rätsel des Kosmos zu er-

5 klären. Warum gibt es etwas und nicht nichts? Woher stammen die Grundgesetze der Physik?

Was ist Bewusstsein und woher kommt es? Die Antworten auf diese Fragen kennen wir nicht,

und unserem Nichtwissen geben wir den großen Namen „Gott“. Das grundlegendste Merkmal

dieses geheimnisvollen Gottes ist, dass wir nichts Konkretes über ihn sagen können. Das ist

der Gott der Philosophen; der Gott, über den wir reden, wenn wir spätabends am Lagerfeuer

10 sitzen und uns fragen, was das Leben eigentlich ist.

Bei anderen Gelegenheiten betrachten die Menschen Gott als strengen und irdischen Gesetz-

geber, über den wir nur allzu viel wissen. Wir wissen genau, was er über Mode, Essen, Sex

und Politik denkt, und wir berufen uns auf diesen zornigen Mann im Himmel, um eine Million

Regeln, Erlasse und Konflikte zu rechtfertigen. Er regt sich auf, wenn Frauen kurze Röcke

15 tragen, wenn zwei Männer Sex miteinander haben oder wenn Teenager masturbieren. Manche

sagen, er möge es nicht, wenn wir Alkohol trinken, während er anderen zufolge sehr wohl ver-

langt, wir sollten jeden Freitagabend oder jeden Sonntagmorgen Wein trinken. Ganze Biblio-

theken wurden verfasst, um bis ins kleinste Detail zu erklären, was er will und was er nicht

mag. Das grundlegendste Merkmal dieses irdischen Gesetzgebers ist, dass wir äußerst kon-

20 krete Dinge über ihn sagen können. Das ist der Gott der Kreuzfahrer und der Dschihadisten,

der Inquisitoren, der Frauenverächter und der Homophoben. Das ist der Gott, über den wir

reden, wenn wir um einen brennenden Scheiterhaufen herumstehen und Steine und Flüche

auf die Häretiker 1 schleudern, die dort schmoren.

Fragt man Gläubige, ob Gott wirklich existiert, sprechen sie oftmals zunächst über die rätsel-

25 haften Geheimnisse des Universums und die Grenzen menschlichen Verstehens. „Die Wissen-

schaft kann den Urknall nicht erklären“, rufen sie aus, „deshalb muss das Gottes Tat sein.“

Doch wie ein Zauberer, der sein Publikum narrt, indem er unmerklich eine Karte durch eine

andere ersetzt, ersetzen die Gläubigen rasch das kosmische Geheimnis durch den irdischen

Gesetzgeber. Nachdem sie den unbekannten Geheimnissen des Kosmos den Namen „Gott“

30 gegeben haben, gebrauchen sie diesen Namen, um Bikinis und Ehescheidungen zu verdam-

men. „Wir verstehen den Urknall nicht – deshalb musst du dein Haar in der Öffentlichkeit

bedecken und gegen die Homoehe stimmen.“ Dabei besteht gar keine logische Verbindung

zwischen den beiden „Göttern“, ja sie widersprechen sich sogar. Je tiefer die Geheimnisse des

Universums sind, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass das, was dafür verantwortlich ist,

35 sich auch nur im Geringsten um weibliche Kleidervorschriften oder menschliches Sexualver-

halten schert. […]

Ich persönlich wundere mich unablässig über das Geheimnis des Daseins. Aber ich habe nie

verstanden, was das mit den belanglosen Gesetzen des Judentums, des Christentums oder des

Hinduismus zu tun haben soll. Diese Gesetze waren ohne Zweifel hilfreich, als es darum ging,

40 die Gesellschaftsordnung zu errichten und über Jahrtausende zu erhalten. Aber darin unter-

scheiden sie sich nicht grundlegend von den Gesetzen säkularer Staaten und Institutionen.

Das dritte der zehn biblischen Gebote verlangt von den Menschen, den Namen Gottes niemals

zu missbrauchen. Viele verstehen das auf eine recht kindische Weise, nämlich als Verbot, Got-

tes Namen explizit auszusprechen […]. Die tiefere Bedeutung dieses Gebots hingegen besteht

45 womöglich darin, dass wir den Namen Gottes nie gebrauchen sollten, um unsere politischen

Interessen, unsere ökonomischen Bestrebungen oder unsere persönlichen Abneigungen zu

rechtfertigen. Jemand hasst einen anderen und sagt: „Gott hasst ihn“; jemand begehrt ein Stück

Land und sagt: „Gott will es“. Die Welt wäre ein deutlich besserer Ort, wenn wir das dritte

Gebot treuer befolgten. Sie wollen einen Krieg gegen Ihre Nachbarn führen und ihnen ihr

50 Land stehlen? Dann lassen Sie Gott außen vor und suchen Sie sich irgendeine andere Ausrede.

Denn letzten Endes ist es eine Frage der Semantik 2. Wenn ich das Wort „Gott“ verwende,

denke ich an den Gott des Islamischen Staates, der Kreuzfahrer, der Inquisition und der „Gott

hasst Schwuchteln“-Aufkleber. Wenn ich an das Geheimnis des Daseins denke, benutze ich

lieber andere Wörter, um Verwechslungen zu vermeiden. Und anders als den Gott des Islami-

55 schen Staates und der Kreuzfahrer – der sich reichlich um Namen schert, vor allem um seinen

eigenen heiligen Namen – kümmert es das Geheimnis des Daseins nicht im geringsten, wel-

chen Namen wir […] ihm geben.

Natürlich hilft uns das kosmische Mysterium überhaupt nicht dabei, die Gesellschaftsordnung

aufrechtzuerhalten. Menschen behaupten oft, wir müssten an einen Gott glauben, der den Men-

60 schen einige ganz konkrete Gesetze gegeben hat, denn sonst werde die Moral verschwinden,

und die Gesellschaft werde wieder in vorzeitlichem Chaos versinken.

Es stimmt natürlich, dass der Glaube an Götter für verschiedene Gesellschaftsordnungen wich-

tig war und dass er mitunter positive Folgen hatte. Tatsächlich befördern dieselben Religio-

nen, die bei einigen Menschen für Hass und Bigotterie 3 sorgen, bei anderen Liebe und Mit-

65 gefühl. […]

Doch auch wenn Götter uns zu mitfühlendem Handeln inspirieren können, ist religiöser Glaube

keine notwendige Voraussetzung für moralisches Verhalten. Die Vorstellung, wir bräuchten

ein übernatürliches Wesen, das uns zu moralischem Handeln anhält, geht davon aus, dass

Moral etwas Unnatürliches ist. Doch warum? Eine gewisse Moral ist ganz natürlich. […]

70 Moral bedeutet nicht, „sich an göttliche Gebote zu halten“. Es bedeutet, „Leid zu verringern“.

Um moralisch zu handeln, muss man somit nicht an irgendeinen Mythos oder eine Geschichte

glauben. Man muss lediglich ein tiefreichendes Verständnis des Leids entwickeln. Wer wirk-

lich begreift, auf welche Weise eine Handlung einem selbst oder anderen unnötiges Leid zu-

fügt, wird auf ganz natürliche Weise davon Abstand nehmen. […]

75 Nun ließe sich einwenden, dass jeder Mensch natürlich danach strebt, sich nicht elend zu füh-

len, aber warum sollte sich jemand um das Elend anderer kümmern, wenn nicht irgendein

Gott es von ihm verlangt? Eine offenkundige Antwort lautet, dass Menschen soziale Lebe-

wesen sind, weshalb ihr Glück in hohem Maße von ihren Beziehungen zu anderen abhängt.

Wer könnte glücklich sein ohne Liebe, ohne Freundschaft, ohne Gemeinschaft? Wer ein ein-

80 sames, um sich selbst kreisendes Leben führt, wird sich mit ziemlicher Sicherheit elend füh-

len. Wer glücklich sein will, muss sich also zumindest um die eigene Familie, um die eigenen

Freunde und um die Angehörigen der eigenen Gemeinschaft kümmern.

Wie aber sieht es mit völlig Fremden aus? Warum kann ich nicht Fremde ermorden und mir

ihren Besitz unter den Nagel reißen, um mich und meinen Stamm zu bereichern? Viele Denker

85 haben ausgefeilte Gesellschaftstheorien entwickelt, die erklären, warum solches Verhalten auf

lange Sicht kontraproduktiv ist. Man möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Fremde

regelmäßig ausgeraubt und ermordet werden. […] Man wäre nicht nur fortwährender Gefahr

ausgesetzt, sondern würde auch nicht von den Vorzügen etwa des Handels profitieren, der

vom Vertrauen zwischen Fremden abhängt. Kaufleute suchen üblicherweise keine Räuber-

90 höhlen auf. Damit haben säkulare Theoretiker vom alten China bis zum modernen Europa die

goldene Regel gerechtfertigt, die da lautet: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch

keinem andern zu.“ […]

Manchen Leuten mag ein starker Glaube an einen mitfühlenden Gott, der uns befiehlt, die

andere Wange hinzuhalten, dabei helfen, die Wut zu zügeln. Das war tatsächlich ein wichtiger

95 Beitrag, den religiöser Glaube zu Frieden und Harmonie auf der Welt geleistet hat. Leider ist

es aber so, dass religiöser Glaube bei anderen Menschen ihre Wut erst noch anheizt und recht-

fertigt, insbesondere wenn es jemand wagt, ihren Gott zu beleidigen oder seine Wünsche zu

ignorieren. Der Wert des gesetzgebenden Gottes hängt also letztlich vom Verhalten seiner

Gläubigen ab. Wenn sie moralisch gut handeln, können sie glauben, was sie wollen. […]

100 Keinerlei Tempel zu besuchen und an keinerlei Gott zu glauben ist ebenfalls eine mögliche

Option. Wie die letzten Jahrhunderte belegen, müssen wir nicht Gottes Namen beschwören,

um ein moralisches Leben zu führen. Auch der Säkularismus 4 kann uns mit all den Werten

versorgen, die wir brauchen.

(Die im Text vorgenommenen Auslassungen beeinträchtigen den Gedankengang nicht; es entfallen lediglich zusätzliche Aspekte.)

Yuval Noah Harari ist ein israelischer Historiker und Publizist.

1 Häretiker: jemand, der von der offiziellen Kirchenlehre abweicht

2 Semantik: sprachwissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Bedeutung sprachlicher Zeichen beschäftigt

3 Bigotterie: hier: Intoleranz

4 Säkularismus: Weltanschauung, die auf religiöse Sichtweisen verzichtet

1.

Erarbeiten Sie, welches Thema der Text von Yuval Noah Harari behandelt und wie er gedanklich aufgebaut ist, und arbeiten Sie dabei heraus, wie Harari Gottesglauben und moralisches Handeln miteinander verknüpft. (24 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text von Yuval Noah Harari behandelt und wie er gedanklich aufgebaut ist, und arbeiten Sie dabei heraus, wie Harari Gottesglauben und moralisches Handeln miteinander verknüpft.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den zentralen Kriterien der Erwartungshorizonte.

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