Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin 2022
Thema: Leid und Theodizee: angemessen von Gott sprechen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Materialgrundlage
Petra Bahr: Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange). In: DIE ZEIT Nr. 14/2018, Beilage Christ & Welt. Wochenzeitung für Glaube und Gesellschaft, S. 1
Petra Bahr: Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange)
Das Kreuz ist leer, der Leichnam fort. Die Freunde des Gekreuzigten sind wie vom Erdboden
verschwunden. Sie haben kapituliert vor dem Ausgang der Geschichte. Müde sind sie und
selber wie tot, so ohne Aussicht auf ein Zeichen der Hoffnung. Karsamstag, der Tag der Leere.
Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht nur das Nichts.
5 Dieser mittlere Tag des Triduums, wie die Zeit zwischen der Passion und der Verkündigung
der Auferstehung in der christlichen Tradition hieß, ist der vielleicht unbekannteste heilige
Tag der westlichen Christenheit. Drei Tage, in denen nicht nur die Heilsgeschichte sich wie
in einem Brennglas verdichtet, sondern auch alle Dimensionen der menschlichen Existenz
ausgeleuchtet werden.
10 Vom Karfreitag bleiben immerhin rappelvolle Aufführungen der Bach’schen Passionen 1 und
der laute Kampf um den stillen Feiertag. Während die einen zur Todesstunde Jesu schweigen,
dröhnt es draußen vor der Kirche aus billigen Verstärkern, weil es Leute gibt, die diese Stille
für alle nicht ertragen. Doch gerade in der Bestreitung wird auch die kulturelle Bedeutung
des Kreuzes noch einmal offensichtlich.
15 Viele Menschen mögen sich dem Gott dieser Passion nicht mehr anvertrauen, der sich in die-
sem Schmerzensmann zeigt. Doch dass im Mittelpunkt dieses Glaubens nicht der Übermensch
steht, sondern der Zerbrochene, Entwürdigte, Belächelte, öffnet immer noch einen Raum, der
Menschen berührt, und sei es nur diese intime Zone zwischen ästhetischer Erfahrung und reli-
giöser Berührung. Auch das Osterfest ist zumindest mit religiösen Restbeständen vital. Dem
20 schier Unglaublichen, der Auferweckung von den Toten, wird als Feier des Neubeginns mit
Brunch und Spaziergang in heiterer Frühlingsluft oder Kurzurlaub im Sonnenschein begegnet.
Unbestritten ist Ostern ein wichtiges Ziel des kollektiven Festkalenders, ein Fest, das sich mit
säkular-religiösen Erwartungen so leicht ausstaffieren konnte, dass der Bedeutungsverlust des
Christentums durch das Gewicht der Dekorartikel ausgeglichen wird. […]
25 Der Karsamstag ist dagegen immer schon eine Art Brückentag zwischen Karfreitag und
Ostern, immer schon nur ein Übergang von hier nach dort. Dabei würde sein ursprünglicher
Sinn einer zaudernden, melancholisch gewordenen Christenheit neue Bedeutsamkeit geben
können. Das Kar 2, der Hinweis auf das Weinen, hängt ja an diesem besonderen Samstag. Es
ist der Tag der Leere und der Gottesferne, das schlimmste Zwischen der menschlichen Exis-
30 tenz. In den alten Traditionen der westlichen Christenheit der einzige Tag, an dem keine
Messe gefeiert wird. Auch die Kirchen bleiben leer. Kein Blumenschmuck, keine Kerzen auf
dem Altar. Im Glaubensbekenntnis bekommt dieser Welttrauertag einen bestimmten Rich-
tungssinn. Und der führt nach unten. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt es fast
lakonisch. Zwischen dem „gekreuzigt, gestorben und begraben“ und „am dritten Tage auf-
35 erstanden von den Toten“ ist dieser Satz leicht zu verstolpern.
Die Künstler des Abendlands hat dieser Satz fasziniert. Nicht das Kreuz ist das Schlimmste,
was dem Sohn Gottes passiert. Das Schlimmste kommt erst noch, am Tag danach. Sie bevöl-
kern ihre Höllengemälde mit schauderhaften Wesen, untoten Zombies und wilden Tieren, die
sich in Gewaltexzesse verstricken – und zeigen den Gottessohn in diesem Inferno oft genug
40 ungerührt, als wüsste er schon, dass die Reise ins Herz der Finsternis nicht lang dauern kann.
Auch die Kirchenväter haben ihre Fantasie an diesen Ort geschickt. Sie zeichnen die Erfah-
rung radikaler Gottesverlassenheit und tiefer Einsamkeit. Den Tod eben.
Die Hölle, das ist für sie nicht das Reich einer dämonischen Mafia, in der die Bösen wohnen
und ihre Taten bis ins Unendliche wiederholen. Es ist der Ort der tiefsten Entmenschlichung,
45 weil hier das Vergessen wohnt, genauer gesagt: die, die vergessen worden sind. Gott, so be-
schreibt es ein anonymer Kirchenvater, nimmt sich Zeit, um die aufzusuchen, die von der
Welt vergessen worden sind. Die Erfahrung der Leere, das große Nichts, die Abwesenheit
Gottes ist an diesem Tag so groß, weil Gott die entfernten Winkel der Welt aufsucht. Dem
düstersten Rand der Welt ist Gott an diesem Tag nah.
50 Damit bekommt die Abwesenheit eine andere Qualität, sie ist nämlich mit einer Art mitbe-
dachter Gegenwart in der Fremde verbunden. Gott ist da, wo kein Mensch je hinwill. Auch
das ist Stellvertretung. In dieser Lesart ist der Karsamstag der Zeitraum zwischen der Erfah-
rung all der sinnlosen, bösartigen, unverständlichen Tode und der immer schon schwer fass-
baren Hoffnung auf ein Ende dieser unendlichen Geschichte. Im Karsamstag spiegelt sich der
55 Zustand der Welt, dieser Tag ist der tiefste Ausdruck des ungläubigen Glaubens, der in der
Aussicht auf Ostern liegt, im Zwischen. Zwischen Tod und Leben. Zwischen Kapitulation
und Hoffnung. […]
Was kann es bedeuteten, dass Gott sich diesen Höllentrip zumutet und an die Vergessenen
erinnert? Am Karsamstag wird die Verlassenheit des Menschen explizit. Das, was Tod bedeu-
60 tet, wird aussprechbar und ansprechbar, in seinem Schrecken und seiner Banalität, ebenso wie
die Angst, die sich mit beidem verbindet.
Wer diesen Tag einfach überspringt, verdichtet zwar die Erfahrung von Karfreitag und Ostern
zu einem extremen Erlebnis. Um die Spannung des Zwischen, die so schwer auszuhalten ist,
werden diese heiligen Tage allerdings gekürzt. Der Mitteltag im Triduum ist der Tag, an dem
65 ausgiebig Zeit ist für erschöpften Glauben und Kleinmütigkeit, die in jeder Generation anders
aussieht.
Die Identifikation mit den Jüngern, die ängstlich in ihren Verstecken sitzen, weil sie nicht
mehr wissen, wozu sie sich eigentlich bekennen sollen, sollte weniger verschämt geschehen.
Denn genau so sind Christen doch, auch wenn sie schon tausendmal Ostern gefeiert haben:
70 eine Karsamstagsbande, Menschen, die nicht nur die Anwesenheit Gottes feiern, sondern auch
die Erfahrung seiner Abwesenheit und die zähe Qual dieser Erfahrung zum Thema machen
können.
All die vergeblichen Gebete und die Lieder, die einem im Halse stecken bleiben und falsch
klingen. Die Feigheit vor den Fragen der anderen und der Sprachnot angesichts der ausge-
75 stellten Osterfreude, die doch das Innerste nicht erreicht.
Die Kraft des christlichen Glaubens liegt doch darin, dass der innere Streit, der Unglaube Teil
der religiösen Sprache sind. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, schreit
der Gekreuzigte in der Sprache eines Psalms. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, wird ein
Jünger namens Thomas später sagen, einer von denen, die sich unter dem Schatten des Kreu-
80 zes in tiefe Traurigkeit verstrickt haben.
Die Bedeutung des Karsamstags hat sich in der Liturgie der Osternacht erhalten. Die ersten
dunklen Minuten in der kalten Kirche, die eisige Luft des frühen Aprils, die in die Glieder
fährt, bis zum Osterlicht im Morgengrauen ist es auch in der Sprache der Gebete noch lang.
Deshalb machen Christen einmal im Jahr „die Nacht durch“, um diesen Weg symbolisch
85 nachzuvollziehen. Sie sollten dem Karsamstag nicht ausweichen.
1 Bach’sche Passionen: musikalische Umsetzungen der Passionsgeschichte durch den Komponisten Johann Sebastian Bach
2 Kar: althochdeutsch Kara: Trauer, Klage
(Durch die Auslassungen im Text wird der Gedankengang nicht gestört; entfallen sind lediglich ergänzende Gesichtspunkte.)
Petra Bahr ist evangelische Theologin.
2. Entfalten Sie verschiedene Antwortversuche auf die Theodizee-Frage, die sich angesichts des Leidens in der Schöpfung stellt, und berücksichtigen Sie dabei das Gottesbild, das jeweils zugrunde liegt. Bringen Sie diese Ansätze anschließend mit der Gottesvorstellung in Verbindung, die Petra Bahr entwirft. [30 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Entfalten Sie verschiedene Antwortversuche auf die Theodizee-Frage, die sich angesichts des Leidens in der Schöpfung stellt, und berücksichtigen Sie dabei das Gottesbild, das jeweils zugrunde liegt. Bringen Sie diese Ansätze anschließend mit der Gottesvorstellung in Verbindung, die Petra Bahr entwirft.
Lösung: Zentrale Aspekte der offiziellen Lösung: - Problemstellung Theodizee: Spannung zwischen der Güte Gottes, seiner Allmacht und der erfahrbaren Realität des Leidens (malum physicum und malum morale). - Darstellung unterschiedlicher Lösungsansätze und Konsequenzen für das Gottesbild: * *Leid als Folge menschlicher Freiheit (Free-Will-Defense):* Gott schränkt seine Macht ein, um dem Menschen Freiheit zu ermöglichen. Gott bleibt gut, das Leid rührt von menschlicher Sünde her. * *Pädagogischer / Erzieherischer Ansatz (z. B. Buch Hiob, Irenäus):* Leid dient der Läuterung oder Bewährung; Gott als unbegreiflicher, souveräner Souverän. * *Eschatologische Theodizee:* Gerechtigkeit und Überwindung des Leids werden in die zukünftige Vollendung / Auferstehung verlagert. * *Theologie des mitleidenden Gottes (z. B. J. Moltmann, D. Bonhoeffer):* Gott leidet im gekreuzigten Christus selbst mit der leidenden Kreatur. Aufgabe des traditionellen Apathie-Axioms und der Vorstellung omnipotenter Willkür zugunsten mitleidender Liebe. - In-Beziehung-Setzen zu Petra Bahrs Gottesvorstellung: * *Gemeinsamkeiten/Bezüge:* Enge Verwandtschaft zum Modell des mitleidenden Gottes: Gott greift nicht magisch von außen ein, sondern geht selbst durch den Tod und in die tiefste Gottverlassenheit, um den Leidenden nahe zu sein. * *Unterschiede/Akzentuierungen:* Bahrs Fokus liegt spezifisch auf dem Karsamstag – der radikalen Absenz/Abwesenheit Gottes und dem Raum für den ungläubigen Glauben, der nicht vorschnell mit Harmonisierung oder vordergründigem Trost antwortet. * *Zusammenfassung:* Bahr betont den mitleidenden, sich ohnmächtig machenden Gott, der die Zumutung der Verlassenheit ernst nimmt.
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