Aufgabe 4 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Nachtermin 2021

Thema: Interkulturelle Bildung · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) der Autorin, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist.

(18 Punkte)

2.

Bringen Sie die Darlegungen der Autorin mit einem Konzept der Interkulturellen Bildung, das Sie kennen, in Zusammenhang.

(32 Punkte)

3.

Leiten Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse pädagogische Konsequenzen für die Realisierung Interkultureller Pädagogik in Kindergärten ab. Beziehen Sie dabei Möglichkeiten und Grenzen pädagogischen Handelns in Vorschuleinrichtungen mit ein.

(30 Punkte)

Materialgrundlage:

Annett Leisau

Kindergärten für Weltkinder: Zur interkulturellen Pädagogik im Elementarbereich

Grundgedanke der Interkulturellen Erziehung im Elementarbereich ist der, dass alle Kinder auf ein Leben in einer heterogenen Gesellschaft vorbereitet werden müssen. Daraus folgt, dass auch deutsche Kinder Adressaten solch eines Ansatzes sind. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Bemühen um ein friedvolles Zusammenleben in der Kindergartengruppe, geprägt von Akzeptanz und Respekt allen anderen Kindern gegenüber.

Was gehört zu einer so verstandenen Interkulturellen Pädagogik? Was sind die zentralen Gedanken und Inhalte, die Kinder erfahren können müssen, um mit der zunehmenden Heterogenität der Gesellschaft umgehen zu können? – Auf diese und weitere Fragen soll in den nächsten Abschnitten näher eingegangen werden.

Georg Auernheimer zitiert in seinem Buch „Einführung in die interkulturelle Pädagogik“ Glowka u. a., die vorschlagen, interkulturelle Erziehung als die Strategie zu bezeichnen, die es ermöglicht, das Leben in einer multikulturellen Situation voll bewältigen zu können. Um dieses leisten zu können, muss Interkulturelle Pädagogik als durchgängiges pädagogisches Prinzip verstanden werden; einzelne punktuelle Aktionen in elementarpädagogischen Einrichtungen (z. B. ein marokkanisches Essen, ein türkischer Tanz oder ein russisches Lied) machen noch keine interkulturelle pädagogische Arbeit aus. Elke Schlösser betont, dass „Bedürfnisse, Gewohnheiten, Traditionen und Rituale, Normen und Werte einheimischer und zugewanderter Familien durchgängig in der alltäglichen und ganzheitlichen Erziehung mit zu denken (sind)“. Alle Bereiche des Kindergartenlebens müssen in das interkulturelle Konzept einbezogen werden: Sprachförderung und Literacy, Essen, Spiel und Sport, aber auch Verkehrs- und Gesundheitserziehung.

Georg Auernheimer stellt zu Recht fest, dass die Interkulturelle Pädagogik im Wesentlichen durch zwei grundlegende Prinzipien gekennzeichnet ist: erstens durch das Prinzip der Gleichheit und zweitens durch das Prinzip der Anerkennung. Das bedeutet einerseits, dass Menschen unabhängig ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache oder ihrer religiösen oder kulturellen Orientierung gleichwertig behandelt werden müssen. Andererseits sollen die „von den Individuen für wertvoll, weil identitätsrelevant gehaltenen kulturellen Formen und Inhalten“ anerkannt werden.

Adressaten Interkultureller Pädagogik sind dabei nicht nur die Kinder der Gruppe, die im Ausland geboren und anschließend mit ihren Eltern migriert sind, sondern auch alle hier geborenen oder hier aufgewachsenen Kinder. Nationalität, Ethnie, religiöse Zugehörigkeit und kulturelle Prägung spielen dabei keine Rolle. Neben den Kindern sind aber auch die Eltern und die Erzieher/innen bzw. Elementarpädagogen/innen Adressaten der Interkulturellen Pädagogik. Wenn sie den interkulturellen Ansatz mittragen und mitgestalten wollen, müssen sie bereit sein, sich eigene Vorurteile und kulturelle Prägungen bewusst zu machen, um danach vorurteilsbewusst für die Kinder handeln zu können.

Bei der Interkulturelle Pädagogik stehen die Lebenswelten aller Kinder und ihrer Eltern oder ihrer Familien im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit. Jedes Kind soll die Chance haben, sich in den Räumen und in den Angeboten wiederfinden zu können. Es muss die Achtung und Wertschätzung seiner Sprache und seiner Kultur im Kindergarten erfahren können, um so in der Lage zu sein, eine positive Identität aufzubauen. Interkulturelle Pädagogik vermittelt allen Kindern das Gefühl: „Du bist angenommen – So wie du bist! Du hast ein Recht auf unseren Respekt vor deiner Kultur!“

Alle Kinder können und müssen auf ein Leben in einer multikulturellen, multiethnischen Gesellschaft vorbereitet werden. Dabei sollten Erzieher/innen bzw. Elementarpädagogen/innen beachten, dass Kinder bereits in frühen Jahren ein feines Gespür für Ungerechtigkeiten, für die Haltungen und Vorlieben der erwachsenen Bezugspersonen um sie herum entwickeln. Sie nehmen bereits in frühester Kindheit Stimmungen auf, speichern Wahrgenommenes ab und versuchen, alle neuen Informationen an bereits vorhandenes Wissen anzuknüpfen. Sie konstruieren sich so ihre „Welt“ und bereiten ihr Gehirn für weitere Anknüpfungen vor. Alle nachfolgenden Informationen werden durch sie wieder so „passend“ gemacht, dass sie an bereits bestehende Anknüpfungspunkte angekoppelt werden können. Damit Kinder auch im späteren Leben Vorurteilen und Stereotypisierungen nicht so schnell erliegen, damit sie lernen können, Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten zu durchschauen, ist es bereits im Vorschulalter wichtig, sie für mögliche kulturelle und/oder religiöse Differenzen zu sensibilisieren und ihnen ein Gefühl für Akzeptanz und Gleichwertigkeit zu vermitteln.

Ursula Boss-Nünning stellt in diesem Zusammenhang fest, „dass Kinder von sich aus niemals auf die Idee kämen, wahrgenommene Unterschiede als eine Frage der Nationalität oder Ethnie zu sehen“. Erst die ablehnende, diskriminierende Haltung, die Kinder auf Grund verschiedener Merkmale als „anders“ oder „abweichend“ kennzeichnet, lässt für sie die „Ethnie“ zu der bedeutendsten Unterscheidungskategorie werden. Das ist im Übrigen nicht nur für die Kinder mit Migrationshintergrund der Fall. Auch die deutschen Kinder erleben diese ungleiche Behandlung, auch sie lernen früh die entscheidende Bedeutung der Ethnie. „Die erworbenen kulturellen Vorurteile und Stereotypen bleiben im Gedächtnis präsent, auch wenn sie nicht mehr der aktuellen Einstellung entsprechen. Sie werden in Situationen, in denen automatische Prozesse ablaufen, aktiviert“, sagt Ursula Boos-Nünning und verweist damit auch auf die Notwendigkeit, bereits im Elementarbereich konsequent sowohl interkulturell und vorurteilsbewusst als auch antirassistisch und antidiskriminierend zu arbeiten.

(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) der Autorin, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. (18 Punkte)

Lösung: Individuelle textanalytische Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben (Hauptaussage, Inhaltswiedergabe, Argumentationsaufbau).

2. Bringen Sie die Darlegungen der Autorin mit einem Konzept der Interkulturellen Bildung, das Sie kennen, in Zusammenhang. (32 Punkte)

Lösung: Individuelle theoriegeleitete Verknüpfung der Textaussagen mit einem Konzept Interkultureller Bildung (z. B. nach Wolfgang Nieke).

3. Leiten Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse pädagogische Konsequenzen für die Realisierung Interkultureller Pädagogik in Kindergärten ab. Beziehen Sie dabei Möglichkeiten und Grenzen pädagogischen Handelns in Vorschuleinrichtungen mit ein. (30 Punkte)

Lösung: Individuelle Ableitung pädagogischer Handlungskonsequenzen sowie differenzierte Beurteilung von Chancen und Grenzen vorschulischer Interventionen.

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