Aufgabe 1 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Interkulturelle Bildung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist.

(18 Punkte)

2.

Ordnen Sie die Darlegungen des Autors in Ihr Wissen über Interkulturelle Bildung ein.

(32 Punkte)

3.

Nehmen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse Stellung zu den Darlegungen des Autors. Beziehen Sie dabei Ihr Wissen über Chancen und Grenzen pädagogischen Einwirkens in Vorschuleinrichtungen ein.

(30 Punkte)

Materialgrundlage: Bernhard Koch: Diversitätskompetenz im Kindergarten – Eine internationale Perspektive (2017)

Bernhard Koch

Diversitätskompetenz im Kindergarten – Eine internationale Perspektive

1 In Deutschlands Kindertageseinrichtungen wird sich der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund weiter erhöhen. Welche Rolle kommt der Diversitätskompetenz zu und wie wird sie im internationalen Kontext verstanden? [...]

4 Unter Diversitätskompetenz wird im Allgemeinen ein angemessener Umgang mit kultureller, sozialer, geschlechtlicher und religiöser Differenz verstanden. Diversitätskompetente Menschen verfolgen das Ziel, soziale Vielfalt konstruktiv zu nutzen, Diskriminierungen zu verhindern und Chancengleichheit zu erhöhen. Es geht dabei weniger um einzelne Personen oder um Minderheitengruppen, sondern darum, eine produktive Gesamtatmosphäre in einer Kindertageseinrichtung zu erreichen. Wachsende Anforderungen im Kontext von Diversität erfordern eine permanente Reflexion erzieherischer Praktiken, pädagogischer Ansätze und des Wissens gemeinsam mit Kindern und Eltern. Diese Anforderungen können nicht alleine gemeistert werden, sondern innerhalb eines ‚kompetenten Systems‘, das die Qualität der Arbeit sichert. Ein angemessenes Curriculum sollte ausbalanciert sein: zwischen Verweigerung der Kenntnisnahme von Diversität („alle Kinder sind gleich“ und werden gleich behandelt) und Essentialismus 1 („das Kind wird reduziert auf den kulturellen Hintergrund der Familie“).

16 Obwohl Diversitätskompetenz in Deutschland und Österreich 2 noch kaum systematisch und den Alltagsanforderungen entsprechend in die Ausbildung von Erzieher/innen und Kindheitspädagog/innen integriert ist, gibt es inzwischen eine zunehmende Zahl an entsprechenden Fortbildungsangeboten. Dabei geht es sowohl um Wissen über kulturelle Normen und Verhaltenskodes 3 bei den wichtigsten Herkunftsländern als auch um ein Bewusstsein über die eigenen kulturellen Normen. Denn der Blick auf das Andere wird vom eigenen Selbst aus geleitet: Was für mich fremd und anders ist, wie es dazu kommt, dass manches Andere für mich besonders anziehend ist, anderes als bedrohlich empfunden wird, hängt eben auch von mir selbst ab. Zentral sind ferner die Einflüsse anderer Diversitätsdimensionen wie insbesondere sozioökonomischer Hintergrund, Bildung, Geschlecht, Religion oder auch Alter. Insgesamt geht es um eine Sensibilisierung zu Vorurteilen, weniger um eine abstrakte „Vorurteilsfreiheit“, und um Methoden bei der Lösung und Bearbeitung von Konflikten.

27 Diversitätskompetenz besteht nach Herzog-Punzenberger 4 aus vier Komponenten: Sensibilisierung, Wissen, Haltung bzw. Einstellungen und Handlungsfähigkeit. [...]

30 Eine von DECET (Diversity in Early Childhood Education and Training) durchgeführte Erhebung in europäischen Ländern zeigt, was Praktiker/innen in Kindertagesstätten unter Diversitätskompetenzen verstehen: den Wunsch, Unterschiede zu akzeptieren und andere Arten der Lebensführung zu respektieren, nicht gleich bewerten, offen für Neues sein, Flexibilität zeigen, sensitiv und verantwortlich sein, das Gefühl von Dazu-Gehören unterstützen, kreativ sein und Wärme zeigen. Kulturelle Kompetenzen umfassen demnach auch, sich seiner eigenen Weltsicht bewusst zu sein, eine positive Einstellung zu kulturellen Unterschieden zu entwickeln, sich Wissen anzueignen und über Kommunikationsformen im interkulturellen Kontext zu verfügen. [...]

39 Zumindest für Österreich, aber vermutlich auch für viele andere Länder lässt sich feststellen, dass es sehr wenig empirisch abgesicherte Forschung zur Beschaffenheit der Diversitätskompetenzen der Erzieher/innen und Lehrkräfte gibt. Hier scheint noch großer Forschungsbedarf zu bestehen.

43 Um die Diversitätskompetenz in den Kindergärten effektiv zu erhöhen, sollte das Thema sowohl in der Pädagogik und Didaktik, als auch in der Personal- und Organisationsentwicklung einige Zeit priorisiert werden. Entwicklungsprozesse in den Kindertageseinrichtungen sollten auf dem sprachlich-kulturellen Diversitätsprofil der Kita aufbauen, die Migrationsgeschichte der Kindertagesstätte aufnehmen und die Diversitätskompetenz des Personals aufbauen. Dazu gehören u. a.: Diversitätskompetenz als verpflichtender Bestandteil in der Ausbildung aller Lehrkräfte, als Kernkompetenz bei der Auswahl der Praxislehrkräfte und als Kernkompetenz eines Weiterbildungskonzepts für die Lehrenden an den Pädagogischen Hochschulen und Universitäten.

52 Vandenbroeck 5 betont, dass Kindertagesstätten Orte sein müssen, wo

jedes Kind, Eltern und Mitarbeiter/innen sich zugehörig fühlen können. Dies impliziere eine aktive Politik, um Familienkulturen bei der Erstellung des Curriculums entsprechend zu berücksichtigen.

jedes Kind, Eltern und Mitarbeiter/innen ermutigt werden, die unterschiedlichen Aspekte ihrer diversen Identitäten zu entwickeln.

jede/jeder von anderen kulturübergreifend lernen kann.

Erzieher/innen und Eltern zusammenarbeiten, um institutionelle Diskriminierungen zu vermeiden.

[...]

62 Allen Vorstellungen zu Diversitätskompetenzen sind Offenheit und Akzeptanz gegenüber „anderen“ kulturell geprägten Verhaltensweisen und Einstellungen gemeinsam. In der erziehungswissenschaftlichen und elementarpädagogischen Literatur werden allerdings die Grenzen von Akzeptanz selten thematisiert. Wie zeigt sich etwa die Diversitätskompetenz einer Erzieherin, wenn ein Vater aufgrund seines religiös-kulturellen Hintergrundes die Gleichwertigkeit einer weiblichen Fachkraft oder Helferin nicht anerkennt? Wie verhält man sich, wenn klar wird, dass das anvertraute Kind im Elternhaus (von Eltern mit oder ohne Migrationshintergrund, von Eltern aus armen oder aus reichen Verhältnissen) geschlagen wird? Diese und ähnliche Herausforderungen im Kolleg/innenkreis und unter fachlicher Anleitung zu diskutieren und in Rollenspielen durchzuspielen, müsste zentraler Bestandteil von Aus- und Fortbildungen zu Diversitätskompetenz sein.

73 Normative Überhöhungen („Du hast so und so zu ‚Anderen‘ zu sein“), stoßen oft genug an ihre Grenzen. Offene Diskussionen, in denen unterschiedliche Meinungen akzeptiert werden können, ohne ihnen sofort zustimmen zu müssen, können die Basis sein für die Entwicklung von Diversitätskompetenz. In einem Beitrag über multikulturelle Erziehung 6 der viele Jahre vor der Flüchtlingsbewegung des Jahres 2015 verfasst wurde, wies der Autor darauf hin, dass sich immer auch Einschränkungen ergäben, da Erziehung auf pädagogische Ziele hin ausgerichtet sei, die aus kulturellen Grundhaltungen abgeleitet wären. Multikulturelles Leben verlange in diesem Sinne auch Kompromisse.

81 Kindertageseinrichtungen sind die Orte, wo Kinder das Leben in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft lernen. Die kulturelle Vielfalt der Kinder kann als Ressource verstanden werden ebenso wie deren Neugierde, Mitgefühl und Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Die dabei erforderliche Diversitätskompetenz kann von Erzieher/innen erlernt werden. [...]

1 Essentialismus bezeichnet hier die Annahme, dass soziale Kategorien ausschließlich kulturell fundiert seien.

2 Die Autorin bezieht sich auf Forschungsergebnisse hinsichtlich dieser Länder.

3 Verhaltenskodes: Sammlung von Verhaltensweisen, die in unterschiedlichsten Umgebungen und Zusammenhängen abhängig von der jeweiligen Situation angewandt werden können bzw. sollen

4 Frau Barbara Herzog-Punzenberger ist Mitglied des Forschungszentrums „Migration und Globalisierung“ der Universität Innsbruck.

5 Michel Vandenbroek: Diversity in early childhood services. 2010

6 Christian Büttner: Vorschulerziehung auf dem Weg nach Europa. Multikulturelle Erziehung und Europäisierung. 2002

Anmerkung zum Autor:

Dr. Bernhard Koch war von 2007 bis 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Innsbruck. Er lehrt und forscht im Fachbereich Elementarpädagogik.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. (18 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß Kriterienkatalog zu Teilaufgabe 1 (Hauptaussage, Inhaltswiedergabe, Argumentationsaufbau).

2. Ordnen Sie die Darlegungen des Autors in Ihr Wissen über Interkulturelle Bildung ein. (32 Punkte)

Lösung: Individuelle kriterienorientierte Zuordnung, z. B. zum Konzept der Interkulturellen Erziehung und Bildung nach Wolfgang Nieke.

3. Nehmen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse Stellung zu den Darlegungen des Autors. Beziehen Sie dabei Ihr Wissen über Chancen und Grenzen pädagogischen Einwirkens in Vorschuleinrichtungen ein. (30 Punkte)

Lösung: Kriteriengeleitetes, abwägendes pädagogisches Urteil zu den Ausführungen Kochs sowie Chancen und Grenzen vorschulischer Institutionen.

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