Aufgabe 4 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Nachtermin 2021

Thema: Identität und Sozialisation · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Leistungskurs

Aufgabe 4

Materialgrundlage

Alexander Martin: Medienerziehung im Unterrichtsfach Pädagogik – Praxisorientierte Entwicklung, Durchführung und Evaluation einer Lehrkräftefortbildung zu den Themenbereichen Cybermobbing, Gewalt und Sexualisierung in Medien. Dissertation. Universität Paderborn 2017, S. 25 – 29.

(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)

Alexander Martin

Medienerziehung im Unterrichtsfach Pädagogik

Entwicklungsaufgaben und -herausforderungen von Kindern und Jugendlichen im Kontext einer mediatisierten Lebenswelt

In einer mediatisierten Gesellschaft sind Heranwachsende von Beginn ihres Lebens an mit vielzähligen Medieneinflüssen konfrontiert und Medien stellen einen entscheidenden und prägenden Einflussfaktor dar. Dabei geraten insbesondere entwicklungspsychologische (Ebene des Individuums) und soziologische (Ebene der Gesellschaft) Perspektiven in den Blick, die sich überlappen und wechselseitig beeinflussen. Kindheit und Jugend können nicht zuletzt ob der unausweichlichen Medieneinflüsse nicht mehr (ausschließlich) als Lebensphase des gefahrlosen Experimentierens im Sinne eines „Moratoriums“ 1 verstanden werden. Ein Charakteristikum zunehmend mediatisierter Lebenswelten ist, dass sich Kindern hier Zugriffs-, Einblick- und Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die ihrem Entwicklungsstand oftmals nicht entsprechen. Damit unterscheidet sich das gegenwärtige Auf- und Heranwachsen substanziell von vormaligen Kinderjahren, die dadurch geprägt waren, dass Erwachsene Kinder sukzessive an ihre Lebenswelt herangeführt haben und den Takt dabei (idealerweise entwicklungsangemessen) selbst bestimmen konnten. [...]

Mit zunehmendem Alter entwickelt sich dann bei Kindern auch eine eigenständige und aktive Hinwendung zur Mediennutzung. [...]

Insbesondere ältere Kinder und Jugendliche prüfen „[i]n der Auseinandersetzung mit den medialen Helden und Idolen [...] ihr Selbstbild, klären ihre Geschlechterrolle und inszenieren ihre Subjektivität. Im sozialen Bereich nutzen sie die Medien, um sich Ansehen in der Gruppe zu verschaffen, Konflikte mit den Eltern auszutragen und sich von ihnen abzulösen oder sich über Medieninhalte mit anderen zu verständigen“. Da anzunehmen ist, dass das identitäts- und sinnstiftende Moment des Medienkonsums in diesem Alter insbesondere dann eine ungünstige Entwicklung einschlägt, wenn reale Erfahrungen wenig Halt geben, „wird sich der pädagogische Blick immer wieder auf die Kontexte richten müssen, die möglicherweise einen problematischen Medienumgang mit bedingen“.

Insbesondere im sozialen Miteinander von Jugendlichen haben Medien und hierbei vor allem Angebote des „Social Web“, das sich dadurch kennzeichnet, „dass die [...] Nutzer zu Inhaltsanbietern werden können“, einen entscheidenden Stellenwert und sind „ein Bestandteil der Peer-Kulturen“, etwa als Mittel zur Kommunikation oder wenn die Nutzung gleicher Medienangebote und -inhalte eine verbindende Gemeinsamkeit markiert. Webbasierte Angebote, die Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, auch selbst als Produzierende in Erscheinung zu treten, tangieren zentrale Bereiche der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung. Insbesondere in einer „Gesellschaft, die von Individualisierungsprozessen, von relativer Wahlfreiheit einerseits, aber auch von einer verwirrenden Vielfalt der Lebenskonzepte und Wertsysteme andererseits gekennzeichnet ist, bedeutet es keinesfalls eine leichte Aufgabe, zu einem stabilen Selbstkonzept zu gelangen“. Webangebote wie soziale Netzwerke bieten zwar eine Vielzahl von Möglichkeiten, ‚Identitäten‘ zu erproben, können aber bei unbedarfter Anwendung die Identitätsfindung auch erschweren oder gefährden.

Es ist anzunehmen, „dass Kinder und Jugendliche vor allem Medienangebote nutzen, die ihnen eine Befriedigung von Bedürfnissen ermöglichen. Insofern liegt darin auch ein Schlüssel, um die Beliebtheit bestimmter Medienangebote zu erklären“. Jenseits basaler 2 physischer Bedürfnisse streben Kinder und Jugendliche „nach Sinneserregung und Spannung, nach Orientierung und Sicherheit sowie der darüber liegenden Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Liebe sowie nach Achtung und Wertschätzung“. So suchen beispielsweise Jugendliche in Zeiten einer zunehmend multioptionalen Gesellschaft „Orientierungshilfen in den Medien“. Insbesondere im Zuge anspruchsvoller Entwicklungs- und Orientierungsaufgaben wie Übergangssituationen [...] oder der Verortung in einer wertepluralistischen Gesellschaft, kann die Befriedigung dieser Bedürfnisse versagt bleiben und ersatzweise „an die Medien heran[ge]tragen werden“. [...]

Aus einer entwicklungspsychologischen Warte betrachtet, ergeben sich bestimmte Aufgaben, die das Aufwachsen begleiten. Mittlerweile hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass sich zwar Entwicklungsaufgaben benennen lassen, die Menschen mehr oder minder gleichermaßen begegnen, dass sich aber die Frage nach einer gelingenden Entwicklung (bzw. erfolgreichen Bewältigung dieser Aufgaben) nur bedingt pauschal beantworten lässt, da unterschiedliche Milieus dies unterschiedlich deuten. So kann etwa die „Übernahme der männlichen resp. 3 weiblichen Geschlechtsrollen“ ganz unterschiedlichen Auffassungen darüber unterliegen, wie diese Rollen auszufüllen sind oder ob es sie in Reinform überhaupt gibt. Bei allen Unterschieden im Detail kann aber die „Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ als allgemein gültige Richtschnur für den Entwicklungsprozess angenommen werden.

Ausgangspunkt der Diskussion darüber, wie der anzustoßende Entwicklungsprozess gelingen kann, ist zunächst die Anerkennung der Tatsache, dass Heranwachsende in eine mediatisierte Gesellschaft hineinwachsen und dass es sich dabei um einen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess handelt, von dem nicht anzunehmen ist, dass er sich wird rückgängig machen lassen, geschweige denn, dass dies einem mehrheitlichen gesellschaftlichen Willen entspräche. Geht man davon aus, stellt sich die Frage, was Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Mediensozialisation sind.

Unbestreitbar sind Medienentwicklungen mit möglichen Risiken verbunden: „Medien konfrontieren die Heranwachsenden mit Konsum- und Konformitätsdruck, sie verleiten zu fremdbestimmter Zeit, wenn die Programmstrukturen der Angebote den Tagesablauf beherrschen. Medienfiguren und -geschichten können das Selbst- und Weltbild verzerren und die Identitätsgrenzen ins Wanken bringen.“

Gleichermaßen können der zunehmende Stellenwert und die breite Verfügbarkeit von Medien auch mit positiven Effekten einhergehen: „Der hohe Aufforderungscharakter der Medien kann dazu führen, dass Menschen lernen, ihre Zeit bewusst zu gestalten. Der Anspruch an permanente Verfügbarkeit durch die mobilen Medien kann dazu zwingen, bewusste Abgrenzung zu lernen. Medien werden als Bausteine einer anregenden sozialen Umwelt genutzt. Statt eines Ersatzes kommt es zu einer Ergänzung der Face-to-Face Beziehungen.“

Entscheidend ist vor diesem Hintergrund also die Frage, wie sich Risiken vermeiden und Potenziale heben lassen. [...] Medienerzieherische Einflussnahme muss sich dann als stabilisierendes Korrektiv verstehen. Wie bereits zuvor skizziert, lässt sich der Einfluss von Medien nur im Kontext des sozialen Systems, in dem Kinder und Jugendliche aufwachsen, verstehen. Dass Medieneinflüsse eine zentrale Einflussgröße darstellen, ist unstrittig. Entscheidenden Einfluss auf die Wirkrichtung hat dann allerdings die erzieherische Begleitung des Medienkonsums.

1 Moratorium: Aufhaltung, Aufschub

2 basal: die Basis bildend, grundlegend, elementar

3 resp.: Abkürzung von respektive: beziehungsweise, besser gesagt

Anmerkung zum Autor: Alexander Martin ist Junior Professor an der Universität zu Köln und arbeitet an der Fachdidaktik des Unterrichtsfaches Pädagogik.

1.

Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche Chancen und welche Risiken sich durch die Mediennutzung für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen ergeben und wie sich die erzieherische Begleitung des Medienkonsums auf dessen Wirkrichtung auswirkt. [18 Punkte]

2.

Setzen Sie die Aussagen des Textes zu einem psychosozialen Entwicklungsmodell sowie zu einer weiteren Identitätstheorie Ihrer Wahl in Beziehung. [34 Punkte]

3.

Ziehen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse pädagogische Konsequenzen für die Begleitung des Medienkonsums in Schule und Elternhaus. [28 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche Chancen und welche Risiken sich durch die Mediennutzung für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen ergeben und wie sich die erzieherische Begleitung des Medienkonsums auf dessen Wirkrichtung auswirkt.

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Teilaufgabe 1 (18 Punkte inhaltliche Leistung).

2. Setzen Sie die Aussagen des Textes zu einem psychosozialen Entwicklungsmodell sowie zu einer weiteren Identitätstheorie Ihrer Wahl in Beziehung.

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Teilaufgabe 2 (34 Punkte inhaltliche Leistung).

3. Ziehen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse pädagogische Konsequenzen für die Begleitung des Medienkonsums in Schule und Elternhaus.

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Teilaufgabe 3 (28 Punkte inhaltliche Leistung).

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