Aufgabe 1 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Nachtermin 2021
Thema: Identität und Sozialisation · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Autors, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie der Text argumentativ aufgebaut ist. (18 Punkte)
2. Setzen Sie die Positionen des Autors in Beziehung entweder zu einem psychoanalytischen Ansatz oder zu einer von Ihnen gewählten Identitätstheorie. (32 Punkte)
3. Ziehen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse pädagogische Konsequenzen, die eine konstruktive Selbstwahrnehmung innerhalb der Familie fördern. (30 Punkte)
Materialgrundlage
Sebastian Herrmann: Wir Guten. In: Süddeutsche Zeitung, 8./9./10.06.2019 (Nr. 132), S. 33
(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)
1 [...] „Die meisten Menschen halten sich für moralisch anständig, und dieser Glaube ist ein integraler Baustein der Konstruktion einer persönlichen Identität“, sagen Matthew Stanley und Felipe De Brigard. Die beiden Wissenschaftler haben gerade im Fachjournal Current Directions in Psychological Science Forschung zu der Frage zusammengetragen, mit welchen
5 Strategien und Denkmustern sich Menschen selbst hinters Licht führen und daraus eine Lebensgeschichte vom moralisch wertvollen Selbst konstruieren. Die meisten handeln dabei ähnlich wirksam wie die Propaganda totalitärer Regime – was nicht in die Agenda passt, wird umgedeutet oder zensiert.
10 „Die Freuden der moralischen Selbstbeweihräucherung“, schrieb William James, einer der Begründer der wissenschaftlichen Psychologie im Jahr 1878, „sind wahrscheinlich nötig, um die Vorstellung der bloßen Existenz überhaupt zu ertragen.“ Wer sich als Unmensch empfindet, wird die täglichen Herausforderungen hingegen schwer meistern. Das Leben wäre ein permanentes Bad in Schuldgefühlen, nicht auszuhalten. Psychologen um Mike Prentice von
15 der Wake Forest University lieferten kürzlich quasi die Daten zu dem Spruch von William James: Ein moralisch wertvolles Leben zu führen, sei so etwas wie ein psychologisches Grundbedürfnis, schreiben die Forscher im Fachjournal Social Psychological and Personality Science. Ein Selbstbild als gute Person fördere die Lebensqualität und verleihe der eigenen Existenz Bedeutung.
20 Die Seele hungert nach dem Gefühl von Rechtschaffenheit, Edelmut¹ sowie der Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen und zum Team der Guten zu zählen. Dabei spielt es zunächst keine allzu wichtige Rolle, ob jemand tatsächlich höchste ethische Standards an sein Handeln, Sprechen oder Denken anlegt und diese auch noch erfüllt. Wesentlich ist ausschließlich „das subjektive Gefühl, ein guter Mensch zu sein“, sagen die Psychologen um Prentice, „was auch
25 immer das für jede einzelne Person und deren moralische Standards bedeuten mag“. Ein Scheinheiliger fühlt sich also ebenso erhaben und rechtschaffen wie ein echter Heiliger.
Wenn ein mächtiger Wunsch den Menschen martert, dann biegt er sich gerne die Welt nach seiner Wahrnehmung und seinen Vorstellungen zurecht. Ein moralisch stets einwandfreies Leben zu führen, ist nicht nur grauenhaft anstrengend, es ist unmöglich. Jeder Mensch verstrickt sich in Konflikte, ein Leben ohne Widersprüche kann nur eines sein: eine dreiste Lüge.
30 [...]
Doch sich ändern zu wollen, bringt stets neues Scheitern mit sich. Es ist wie beim Rauchen oder anderen suchtähnlichen Macken: Ein Laster neu zu bewerten, ist deutlich leichter, als es aufzugeben. Statt die Nikotinabhängigkeit durch Entwöhnung zu bekämpfen, lindert es das Gewissen, die Schädlichkeit von Tabak zu bezweifeln. Nach dem Motto: Was ich nicht las-
35 sen kann, ist eigentlich gar nicht so schlimm. Klimawandel? Ach was, alles nur Hysterie. Ähnlich geschmeidig lässt sich eine Biografie als Sünder schönfärben und umdeuten: Ist doch alles gar nicht schlimm.
Du bist, was du isst, lautet einer der vielen abgedroschenen Sprüche der Gegenwart. Aus Sicht der Psychologie und auch des Selbst sollte dieser Satz jedoch so lauten: Du bist, woran du dich
40 erinnerst. Die eigene Lebensgeschichte setzt sich aus vergangenen Erfahrungen und Erlebnissen zusammen, die regelmäßig abgerufen und aktiviert werden. Grundsätzlich erinnern sich Menschen lieber an schöne Erlebnisse als an Momente, in denen sie Schlechtes getan haben. Wenn andere uns enttäuscht haben, vergessen wir das nie; wenn wir Mist gebaut haben, dann finden wir einen Weg, das positiv zu deuten.
45 Menschen erinnern sich gerne an Momente, die zu ihrem Wunschbild als gute, moralisch handelnde Person passen. „Das gegenwärtige Selbstbild eines Menschen wird wesentlich davon geprägt, woran er sich aus seiner persönlichen Vergangenheit erinnert und wie diese Episoden bewertet werden“, schrieben die Psychologen Anne Wilson und Michael Ross vor einigen Jahren im Fachmagazin Memory. Einige Studien legen den Schluss nahe, dass ethi-
50 sche Fehltritte besonders anfällig dafür sind, verzerrt erinnert zu werden. [...]
Auf diese Weise distanzieren wir uns vom eigenen Selbst der Vergangenheit, um das gegenwärtige Selbstbild aufzupolieren: Das war nicht mein wahres Ich, das damals gelogen, betrogen, gestohlen hat. Schwächen oder sprichwörtliche Leichen im Keller dienen dann als Ausgangspunkt einer Geschichte von persönlichem Wachstum und Fortschritt: Ich habe mich
55 verändert, Schatz! Experimentelle Belege zeigen, dass diese Strategie wirksam ist. Viele unglückliche Paare behaupten in Befragungen zum Beispiel, dass die Qualität ihrer Beziehung früher noch schlechter gewesen sei – eine angenommene positive Entwicklung lässt den Schmerz der Gegenwart besser ertragen. Sollen Probanden in Studien Verfehlungen aus ihrer Vergangenheit einordnen, stoßen Psychologen auf das gleiche Muster: Alte Fehltritte wiegen
60 in der Erinnerung schwerer auf dem Gewissen – aber werden in der Rückschau als Wendepunkte empfunden.
Je kürzer unethische Taten hingegen zurückliegen, desto milder bewerten wir sie. Dann diente ein unmoralischer Akt zum Beispiel vermeintlich einem höheren Ziel. Dann erlaubt man es sich etwa im Kampf gegen Hass, andere hasserfüllt zu beschimpfen, ist ja für eine gute Sache.
65 Oder der Alltagssünder verlässt sich auf die menschliche Fähigkeit, auch kurzfristig strategisch zu vergessen. Psychologen um Lisa Shu haben einmal im Personality and Social Psychology Bulletin berichtet, wie vergesslich ihre schummelnden Probanden waren. Wer in einem Spiel betrog, konnte sich anschließend auffallend häufig nicht so recht an die Regeln erinnern: „Ach, das gilt nicht? Oh, das war mir nicht klar.“ Und wenn sie nicht vergessen,
70 dann sagen sich Alltagssünder so lange ihre Rechtfertigung vor, bis sich diese in eine trotzige Halbwahrheit verwandelt hat.
Am Ende ist es am wichtigsten, sich selbst zu überzeugen – es stillt dieses tiefe Bedürfnis, sich als guter Mensch zu empfinden. Zur Not hilft es, sich zu sagen: Ich bin zwar nicht perfekt, aber die anderen sind noch schlimmer. Dieser von Psychologen als „holier-than-thou“-
75 Effekt bezeichnete Effekt lässt sich am besten in den sozialen Medien wie etwa bei Twitter beobachten. In dieser Arena tobt so etwas wie ein Anstandswettbewerb des Tugendmobs: Hoch zu Ross versuchen sich dort Nutzer zu vergewissern, dass sie gute Menschen sind, und brüllen ihre Tugend in die Öffentlichkeit. Sie machen das, indem sie sich über echte oder konstruierte Verfehlungen anderer empören und sie diesen im Namen von Moral und Gerechtigkeit um die
80 Ohren dreschen. Eigentlich predigen die Anstandshochstapler jedoch zu sich selbst, um ihr Selbstbild zu pflegen und zu polieren. Dem übrigen Publikum gehen sie hingegen vor allem auf die Nerven. Denn auch das ist aus Studien und der banalen Alltagserfahrung bekannt: Egal wie wirksam die moralische Selbstbeweihräucherung auch ausfällt, auf den scheinheiligen inneren Hochstapler fällt außer einem selbst kaum jemand rein.
¹ Edelmut: edle Gesinnung; edel: menschlich vornehm; von vornehmer Gesinnung
Anmerkung zum Autor: Sebastian Herrmann ist ein deutscher Journalist und Sachbuchautor.
Teilaufgabe 1
Teilaufgabe 2
Teilaufgabe 3

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Autors, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie der Text argumentativ aufgebaut ist. (18 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung entsprechend den Kriterien der amtlichen Vorgaben (inhaltliche Leistung: 18 Punkte).
2. Setzen Sie die Positionen des Autors in Beziehung entweder zu einem psychoanalytischen Ansatz oder zu einer von Ihnen gewählten Identitätstheorie. (32 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung entsprechend den Kriterien der amtlichen Vorgaben (inhaltliche Leistung: 32 Punkte).
3. Ziehen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse pädagogische Konsequenzen, die eine konstruktive Selbstwahrnehmung innerhalb der Familie fördern. (30 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung entsprechend den Kriterien der amtlichen Vorgaben (inhaltliche Leistung: 30 Punkte; zzgl. 20 Punkte Darstellungsleistung für die Gesamtarbeit).
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