Aufgabe 1 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Identität und Sozialisation · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Grundkurs
Aufgabenstellung
Materialgrundlage:
Leopold Klepacki: Theater in der Schule. Ein Mittel zur Kompensation soziokultureller Benachteiligungen? In: Friedrich Jahresheft 2013, S. 68 f.
Leopold Klepacki: Theater in der Schule – Ein Mittel zur Kompensation soziokultureller Benachteiligungen?
1 Es ist seit langem bekannt, dass die statistische Schulerfolgswahrscheinlichkeit nicht ausschließlich an individuelle Leistungen oder Dispositionen gekoppelt ist, sondern auch von den ökonomischen, sozialen und kulturellen Hintergründen und Ausgangsbedingungen der Schüler abhängt. Bereits Anfang der 1970er-Jahre hat der französische Soziologe Pierre
5 Bourdieu mit Nachdruck auf diesen Umstand hingewiesen: Indem die Schule durch das Postulat des Leistungsprinzips die heterogenen kulturellen und sozialen Hintergründe der Schüler nicht ausreichend in den Blick nimmt, werden die diesbezüglichen individuellen Ungleichheiten nicht kompensiert.
Diese Einschätzung hat bis heute grundsätzlich nicht an Gültigkeit verloren. Chancengleich-
10 heit ist demnach immer noch eine Illusion – trotz vielfältiger Ansätze individueller Förderung im schulischen Unterricht. Schüler aus sog. prekären Verhältnissen erscheinen als schulisch benachteiligte Gruppe.
Vor dem Hintergrund dieses, vor allem durch die Ergebnisse der PISA-Studien wieder fokussierten, Umstandes ist eine umfassende Diskussion in Gang gekommen, die sich u. a. auch
15 mit der Relevanz der künstlerisch-ästhetischen Bereiche hinsichtlich der Lösung dieses schulischen Problems beschäftigt. [...]
Beobachtet man diesbezügliche Diskurse, dann ist es gerade das Theaterspiel, dem eine besonders umfangreiche Wirkkraft zugesprochen wird. Es erscheint als ein Medium, das den Erwerb eines enormen Spektrums an personalen, kommunikativen, sozialen und kulturellen
20 Kompetenzen ermöglicht. [...]
Was könnte das aber nun konkret bedeuten bzw. wie kann man sich derartige Lern- und Bildungsprozesse vorstellen und warum sind sie für schulische Kontexte hinsichtlich einer Kompensation soziokultureller Benachteiligungen relevant? Zunächst einmal könnte man sagen, dass die Anforderungen, die das Theaterspiel an die Schüler stellt, auf einer anderen Ebene
25 angesiedelt sind, als die Anforderungen im regulären Schulunterricht. Die zentrale Anforderung des Theaterspielens, aus der auch die spezifischen Lern- und Bildungspotenziale resultieren, besteht weniger in objektiven, logischen Erkenntnisproblematiken und Wissensformen als vielmehr in subjektiven ästhetischen Handlungs- und Wahrnehmungsproblematiken. Die mit dem Theaterspiel verbundenen Lern- und Bildungsmöglichkeiten resultieren daher zu-
30 nächst und grundsätzlich aus der Anforderung einer bewussten subjektiven Gestaltung von körperlicher Handlung. Die Kunstform Theater wirkt dabei als ein Rahmen, innerhalb dessen Möglichkeitsformen von Handlungen ausprobiert werden können, bzw. in dem das subjektive Selbst und die objektive Welt gestalterisch durch ästhetisierte, zeichenhafte Handlung transformiert werden können. Während des Spiels können diese Handlungen immer wieder aufs
35 Neue variiert, verändert, hinterfragt und auf ihre Wirkung hin reflektiert werden. Somit kann Theaterspiel z. B. die Grundlagen sozialen Rollenhandelns sowie dessen Vollzugsbedingungen und Konsequenzen bewusst werden lassen. Im Gegensatz zu Alltagspraxen, die zu weiten Teilen unreflektiert und unhinterfragt sowie „automatisch“, d. h. habitualisiert, ablaufen, ist das Theaterspiel dabei auf ein Bewusstsein der Darsteller hinsichtlich der Darstellungen ange-
40 wiesen. Somit geht es nicht nur einfach um Handlung, sondern vor allem auch um Wahrnehmung und Reflexion. [...].
Damit Theater jedoch „funktioniert“, müssen noch zwei weitere Faktoren betrachtet werden: Erstens ist Theaterspiel auch in der Schule nicht voraussetzungslos zu denken. Vielmehr bedarf es differenzierter Lern- und Übungsprozesse, damit Kinder und Jugendliche theaterspie-
45 len können. Ein Mindestmaß theatralen Handwerkszeugs ist nötig, damit das Theaterspiel überhaupt sein pädagogisches Potenzial entfalten kann. Im Gegensatz zu den meisten anderen schulischen Fächern geht es hier jedoch nicht um den Erwerb eines formalen theoretischen Wissens, sondern dezidiert um praktische Lernprozesse, die auf Handlungsbefähigung abzielen. Zweitens benötigt Theaterspiel Inhalte anhand derer sich die theatralen Selbst- und Welt-
50 verhandlungen ereignen können. Hierbei kann man sich eine enorme Spannbreite möglicher Inhaltsformen vorstellen: Eigenproduktionen, in denen die Schüler ihre „eigenen“ lebensweltlich relevanten Themen behandeln, biographische Theaterarbeit, die Arbeit mit klassischen dramatischen Stoffen, die Auseinandersetzung mit kulturhistorisch tradierten Themen, Sagen, Mythen, die Auseinandersetzung mit elementaren Fragen menschlichen Daseins usw. Ich
55 möchte diese verschiedenen Formen hier weder hierarchisieren noch bewerten. Wichtig ist an dieser Stelle einzig der Umstand, dass im Theater schulisch bedeutsame Inhalte (wie z. B. dramatische Stoffe, Zeitprobleme, ethische und politische Fragen usw.) durch die subjektiven Handlungs- und Gestaltungsprozesse der Schüler verarbeitet werden [...]. [...]
Eine in Kontexten der Diskussion um Bildungsbenachteiligungen immer wieder fokussierte
60 Gruppe sind Schüler mit Migrationshintergrund. Ungeachtet der Problematik, dass es die Schüler mit dem Migrationshintergrund überhaupt nicht gibt, sondern, dass sich dahinter eine sozial und kulturell enorm plurale Gruppe verbirgt, kann hier noch einmal verdeutlicht werden, wie Theater (kompensatorisch) als Medium kultureller und sozialer Teilhabebefähigung wirken kann:
65 Vor dem Hintergrund der oben entfalteten Vorstellung von Theater, existiert die Möglichkeit einer reflexiven Annäherung an die eigene und die fremde Kultur durch transformative Handlungen. Theater bietet somit die Chance zu einer bewussten kulturellen Selbstverortung, zu kultureller Reflexion in und durch gestaltete Handlung und damit zur Entwicklung einer subjektiven kulturellen Ausdrucksfähigkeit, die die Schüler letztlich – und hier wäre man nun
70 schlussendlich auch bei den Transferwirkungen angelangt – in andere Kontexte der Schule und des Lebens übertragen können.
Gerade in Zeiten, in denen der einzelne Mensch ganz grundsätzlich damit konfrontiert ist, sein Leben selbst gestalten zu müssen, wird es deutlich, dass die Schule nicht nur ein Ort der Qualifikation in einer ökonomischen Brauchbarkeitsperspektive sein kann, sondern dass das
75 gesamte Leben des Menschen in seinen subjektiven, sozialen und kulturellen Bezügen in den Blick genommen werden muss. Hierzu kann das Theater offenbar einen Beitrag leisten, wenn es als Kunstform pädagogisch ernst genommen wird. Die unverfügbare und zweckfreie Beschäftigung mit Kunst wäre dann eben doch sehr nützlich.
Anmerkung zum Autor: Leopold Klepacki (*1976 in Nürnberg) ist tätig am Institut für Pädagogik / Lehrstuhl für Pädagogik der Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen mit dem Schwerpunkt Kultur, ästhetische Bildung und Erziehung.
1.
Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes und arbeiten Sie heraus, welches Bildungspotenzial im Theaterspielen liegt und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit es pädagogisch wirksam wird.
[18 Punkte]
2.
Erläutern Sie das Bildungspotenzial des Theaterspielens nach Klepacki unter Einbeziehung eines interaktionistischen Identitätskonzeptes.
[32 Punkte]
3.
Beurteilen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, welche Möglichkeiten und Grenzen das Theaterspielen für Prozesse der Identitätsbildung bietet. Beziehen Sie dazu das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung ein.
[30 Punkte]
Hinweis zur Bewertung: Die inhaltliche Leistung wird mit höchstens 80 Punkten bewertet (Teilaufgabe 1: 18 P., Teilaufgabe 2: 32 P., Teilaufgabe 3: 30 P.). Auf die Darstellungsleistung entfallen zusätzlich 20 Punkte.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes und arbeiten Sie heraus, welches Bildungspotenzial im Theaterspielen liegt und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit es pädagogisch wirksam wird. (18 Punkte)
Lösung: Umfassende Textanalyse gemäß den Vorgaben der Lehrkraftunterlagen: 1. Hauptaussage(n): Das Theaterspiel ermöglicht den Erwerb eines enormen Spektrums an personalen, kommunikativen, sozialen und kulturellen Kompetenzen. Die daraus resultierenden Lern- und Bildungspotenziale können soziokulturelle Bildungsbenachteiligungen kompensieren. Zudem existiert durch das Theaterspiel die Möglichkeit einer reflexiven Annäherung an die eigene und die fremde Kultur durch transformative Handlungen. 2. Bildungspotenzial des Theaterspielens: - Annahme einer umfangreichen Wirkkraft des Theaterspiels als Möglichkeitsraum zur Kompensation soziokultureller Benachteiligung. - Erprobung von Handlungen und Einübung von Rollenübernahme sowie Aufbau von Argumentationsfähigkeit. - Ermöglichen bewusster Wahrnehmungs- und Reflexionsprozesse von sozialem Rollenhandeln sowie dessen Vollzugsbedingungen und Konsequenzen (im Gegensatz zu automatisierten Alltagspraxen). - Theater als Kunstform und Medium eines ästhetischen Zugangs zur Welt; Verarbeitung schulisch bedeutsamer Inhalte durch subjektive Gestaltung körperlicher Handlung. - Chance zu einer bewussten kulturellen Selbstverortung, reflexiven Annäherung an eigene und fremde Kultur sowie Entwicklung subjektiver kultureller Ausdrucksfähigkeit mit Transferwirkung auf Schule und Leben. 3. Voraussetzungen für die pädagogische Wirksamkeit: - Erfordernis differenzierter Lern- und Übungsprozesse. - Vermittlung eines Mindestmaßes an theatralem Handwerkszeug (praktische Handlungsbefähigung statt rein theoretischen Wissens). - Angewiesensein auf geeignete schulisch und lebensweltlich bedeutsame Inhalte (z. B. Eigenproduktionen, biographische Arbeit, klassische Stoffe, gesellschaftliche Zeitprobleme).
2. Erläutern Sie das Bildungspotenzial des Theaterspielens nach Klepacki unter Einbeziehung eines interaktionistischen Identitätskonzeptes. (32 Punkte)
Lösung: Theoriegeleitete Erläuterung (z. B. nach George Herbert Mead): 1. Eigene Schwerpunktsetzung & Textbezug: Fokussierung auf individuelle Identitätsentwicklung, Rollenhandeln, Selbstwahrnehmung und Sozialisationserfahrungen durch die im Text genannten Aspekte (Erprobungsrahmen, Lernort von Selbst- und Weltverhandlungen, Kompensation). 2. Darstellung der interaktionistischen Theorie (z. B. Mead): - Identitätsbildung als Prozess sozialer Interaktion unter Verwendung signifikanter Symbole (Sprache, Gesten). - Das Modell der Identität (Self) als Synthese aus impulsivem Ich ('I') und verinnerlichten gesellschaftlichen Rollenerwartungen ('Me'). - Entwicklungsschritte vom freien Spiel ('Play' – Übernahme der Rolle eines signifikanten Anderen) zum reglementierten Gruppenspiel ('Game' – Berücksichtigung der Rollenerwartungen des verallgemeinerten Anderen). - Fähigkeit zur Perspektiven- und Rollenübernahme ('Role-taking') und Rollengestaltung ('Role-making'). 3. Verknüpfung mit dem Bildungspotenzial nach Klepacki: - Das Theaterspiel fungiert als explizites Übungsfeld für den Umgang mit signifikanten Symbolen und die Verhaltensantizipation. - Erwerb theatralen Handwerkszeugs unterstützt Aneignungsprozesse von Rollenerwartungen durch Role-taking. - Theaterspielen stellt eine anspruchsvolle Variation des 'Game' dar, da Rollenerwartungen des verallgemeinerten Anderen bewusst reflektiert und empathisch nachvollzogen werden müssen. - Spannungsverhältnis zwischen 'I' (subjektive kreative Impulse, körperliche Gestaltung) und 'Me' (vorgegebene Rolle/Text) wird im Spiel aktiv ausbalanciert und stärkt das 'Self'. - Reflexion über kulturelle Symbolsysteme ermöglicht interkulturelle Verständigung und Kompensation von Benachteiligungen. 4. Fazit: Zusammenfassende Abstraktion des Theaterspiels als geschützter Erfahrungs- und Erprobungsraum für die gelingende Balance der Identitätsdimensionen.
3. Beurteilen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, welche Möglichkeiten und Grenzen das Theaterspielen für Prozesse der Identitätsbildung bietet. Beziehen Sie dazu das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung ein. (30 Punkte)
Lösung: Kriteriengeleitetes pädagogisches Urteil anhand des Modells der produktiven Realitätsverarbeitung (Hurrelmann): 1. Problemaufriss & Kriterienwahl: Fragestellung, inwiefern Theaterspiel die produktive Realitätsverarbeitung unterstützt bzw. an Grenzen stößt (z. B. Ausbalancierung von Individuation und Integration, Stärkung von personalen und sozialen Ressourcen, Autonomie vs. Überforderung). 2. Theorieaspekte nach Hurrelmann: - Sozialisation als kontinuierliche Bewältigung der inneren Realität (körperliche/psychische Dispositionen) und äußeren Realität (soziale/ökologische Umweltanforderungen). - Identitätsbildung als dynamische Synthese aus Individuation (Aufbau einer unverwechselbaren Persönlichkeit) und Integration (Anpassung an gesellschaftliche Werte und Rollen). - Bewältigung zentraler Entwicklungsaufgaben im Jugendalter (Qualifizieren, Binden, Konsumieren, Partizipieren). - Notwendigkeit personaler Ressourcen (Selbstwert, Reflexionsfähigkeit, Frustrationstoleranz) und sozialer Ressourcen (unterstützendes Umfeld, pädagogische Begleitung). 3. Differenzierte Beurteilung (Möglichkeiten und Grenzen): - Möglichkeiten: Stärkung der Individuation durch Entfaltung kreativer Potenziale und körperlicher Ausdrucksformen; Förderung der Integration durch kooperatives Handeln im Ensemble und Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen/Normen; Ausbau personaler Ressourcen (Selbstwirksamkeit, Ambiguitätstoleranz) und sozialer Ressourcen (Zugehörigkeitsgefühl, Teilhabe sozial benachteiligter Schüler); Unterstützung der Entwicklungsaufgabe Partizipation. - Grenzen / Risiken: Gefahr der Überforderung bei unzureichendem theatralen Handwerkszeug; Risiko von Beschämung oder Rollenfixierung bei sensiblen Themen; Scheitern der Synthese bei dominanter Rollenerwartung (mangelnde Abgrenzung zwischen Rolle und Person); institutionelle Rahmenbedingungen der Schule (Notendruck, mangelnde Zeit) können den zweckfreien, geschützten Charakter gefährden. 4. Fazit / Gesamturteil: Ausgewogenes, kriterienorientiertes pädagogisches Gesamturteil zur Wirksamkeit des Theaterspielens als kompensatorisches und identitätsförderndes Bildungsangebot.
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