Aufgabe 3 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Haupttermin 2021

Thema: Identität und Sozialisation · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 · Erziehungswissenschaft, Leistungskurs

Aufgabenstellung 3

Materialgrundlage

Aladin El-Mafaalani: Mythos Bildung. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020, S. 42 – 49 (Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)

Aladin El-Mafaalani

Habitus: Bildung als klassenspezifische Prägung 1

Humankapital 2 und Persönlichkeitsbildung 3 schließen sich nicht zwingend aus, stehen aber mindestens in einem gewissen Spannungsfeld zueinander. Durch eine einseitige Schwerpunktsetzung, also entweder auf die gesellschaftliche Funktion und Verwertbarkeit oder auf das Individuum und seine Veredelung, weisen beide Bildungsauffassungen blinde Flecken auf, insbesondere hinsichtlich der Berücksichtigung sozialer Ungleichheiten. Daher gilt es zu fragen, inwieweit die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Menschen wirken – auf seine Kompetenzentwicklung und Persönlichkeitsbildung. Hierfür steht der Begriff Habitus – wiederum maßgeblich geprägt durch Pierre Bourdieu 4. Der Begriff lässt sich in zweierlei Hinsicht auf Bildung übertragen: zum einen als Resultat von Bildung im Sinne von sichtbarer Kultiviertheit, zum anderen als Ausgangsbedingung für Bildung.

„Habitus“ ist ein Grundbegriff der Soziologie. Er beschreibt eine dauerhafte verinnerlichte Grundhaltung, die die Art und Weise prägt, wie Menschen ihre Umwelt, die Welt und sich selbst wahrnehmen, wie sie fühlen, denken und handeln. Diese Grundhaltung wird bereits früh im jeweiligen sozialen Umfeld eines Menschen – auch in der sozialen Schicht beziehungsweise im Milieu – ausgebildet und hilft ihm, sich darin zu orientieren. Auf die Trägerin oder den Träger, aber auch auf ihr oder sein Umfeld, wirkt der Habitus wie angeboren, natürlich, das Wesen dieses Menschen charakterisierend, und erzeugt nicht nur einzelne Verhaltensweisen, sondern ist als ganzheitliches Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster zu verstehen. Der Habitus ist ein Muster, das bestimmt, wie sich die Aneignung von Welt und die Formung des Selbst vollzieht.

Mit dem Habitus-Begriff werden also jenseits ihrer individuellen Besonderheiten vor allem die Gemeinsamkeiten von Menschen, die in einem ähnlichen sozialen Kontext aufwachsen und leben, herausgestellt. Denn sie teilen gemeinsame Erfahrungen und handeln nach ähnlichen sozialen Logiken. Man kann daher auch von schichtspezifischen Milieus, Kulturen oder auch Subkulturen sprechen. In ihnen funktioniert der Habitus „reibungslos“, denn alle denken auf eine ähnliche Weise und verstehen sich damit spielend. Mögliche Handlungssituationen sind allen bekannt oder zumindest artverwandt. Die dadurch entstehenden Routinen lassen jede Handlung „natürlich“ erscheinen.

Gemeint ist also so etwas wie das Hineinwachsen in ein Milieu, in dem man dann imstande ist, intuitiv zu handeln. Dabei geht es aber nicht nur um Gewohnheiten und Routinen, sondern auch um Geschmack, Ästhetik und Stil bis hin zu einer bestimmten Weltsicht. Es geht um die Aneignung einer gewissen Kultur, um Kultiviertheit. […]

Das hat natürlich enorm viel mit Bildung zu tun, und zwar sowohl in Hinsicht auf Überlegenheitsanspruch und Herstellung oder Bildung sozialer Hierarchien als auch in Hinsicht auf die Formung oder Bildung von Selbst- und Weltbild. Das geht deutlich weiter als die Tatsache, dass der Habitus auch mitbestimmt, wann, was und wie man am besten lernt.

Das Problem ist nun: Ein einmal ausgebildeter Habitus ist – der Definition nach – nicht mehr ohne Weiteres grundlegend veränderbar. Das liegt auch daran, dass er dort am besten funktioniert, wo er gebildet wurde. Das heißt, es handelt sich gewissermaßen um eine „zweite Natur“ oder einen „Instinktersatz“ – wie es Bourdieu bezeichnet. Wenn wir frei wählen können, dann suchen wir uns in der Regel solche Menschen, Situationen und Umgebungen aus, die zu uns und damit zu dem passen, was wir bereits verinnerlicht haben. Dadurch entsteht ein Zusammenspiel, das wechselseitige Resonanz 5 erzeugt. Demgegenüber verursachen soziale Kontexte mit großer sozialer Distanz zum Herkunftsmilieu Unsicherheit, Unwohlsein oder gar Vermeidungshandeln – man geht solchen Situationen, wenn es möglich ist, aus dem Weg. Denn in ihnen fühlt man sich „fehl am Platz“ oder hat das Gefühl, „das ist nichts für mich/uns“, weil Intuition und Automatismen für das richtige Verhalten fehlen. Weil man keinen Zugang findet, empfindet man keine Freude, erlebt keinen Flow und auch keinen Sinn. Man spürt dann gewissermaßen den Habitus.

In diesen Dissonanzen 6, wenn der Habitus nicht mehr funktioniert, hat man aber gleichzeitig – zumindest potenziell – einen bewussten Zugang zu ihm. Normalerweise wirkt unser Habitus hinter unserem Rücken. Erst wenn er irritiert wird, tritt er in den Vordergrund. Dadurch wird eine Energie erzeugt, die zu Hemmungen und Schamgefühl oder aber zu Experimentierfreude und Kreativität führen kann – unter Umständen zu intimer Selbstreflexion. Irritationen des Habitus müssen also überhaupt nichts Schlechtes sein. Aber ob sie zu Kreativität oder zu einem Schamgefühl und damit zu Hemmungen führen, hängt nicht unwesentlich von sozialen Faktoren und der Situation selbst ab.

Der Habitus wird nicht nur durch die Prägung in der Familie und dem unmittelbaren Umfeld ausgebildet (Prägungseffekt), sondern auch durch die Biografie insgesamt (Laufbahneffekt). Aus der Herkunft entwickelt sich ein „sense of one’s place“. Insbesondere aus dem, was in den Bildungsinstitutionen dann ausgeprägt wird, entsteht ein „sense of one’s way“. Wenn also etwas systematisch den Effekt der sozialen Herkunft und der Milieuzugehörigkeit abzuschwächen imstande ist, dann sind es die Institutionen der Erziehung und Bildung. Auf den Prägungseffekt können die Institutionen nur bedingt einwirken, aber umso größer ist ihr Einfluss auf den Laufbahneffekt. Und selbst der Prägungseffekt kann abgeschwächt werden, etwa durch frühkindliche Bildung und eine Ausweitung des Erfahrungshorizonts von Kindern aus unteren Schichten.

Mit dem Habitusbegriff wird – mit Karl Marx 7 gesprochen – der Zusammenhang von Sein und Bewusstsein, also der Zusammenhang zwischen den sozialen Lebensumständen der Menschen (ihr gesellschaftliches Sein) auf der einen Seite und den Vorstellungen und Konstruktionen der Menschen (ihr Bewusstsein) auf der anderen Seite beschrieben. Denn ein entscheidendes Kennzeichen moderner Gesellschaften ist es, dass ehemals äußere Herrschaftsverhältnisse und soziale Grenzen zunehmend unsichtbar werden und sich in die Individuen und die Institutionen verlagern.

Der Habitusbegriff füllt die Lücke dort, wo man weder von einem vollständig autonomen Subjekt noch von der alles determinierenden Gesellschaft ausgehen möchte. Und gleichzeitig weist er darauf hin, dass beides gleichermaßen eine Rolle spielt und sich wechselseitig bedingt: die gesellschaftlichen Realitäten, die Auswirkungen auf das Denken und Handeln des Einzelnen haben, und der widerständige, zur Autonomie fähige Mensch, der die gesellschaftliche Realität herstellt. Sein und Bewusstsein bedingen sich also wechselseitig. Damit vermittelt der Habitusbegriff gewissermaßen zwischen den Bildungsverständnissen, die entweder die Gesellschaft oder das Subjekt betonen. […]

Der Habitus stiftet einen Orientierungsrahmen für unser Denken, Fühlen und Handeln. Dadurch ermöglicht er es uns, in der Begegnung mit der Welt ein Gefühl innerer Geschlossenheit zu bewahren. Wir erfahren uns bei aller Veränderung als dieselbe Person, als stabile Einheit. Diese unheimlich wichtige Funktion, die uns zu einem Identitätsgefühl befähigt, bildet den Rahmen, also Möglichkeiten und Grenzen, sowohl für die Kompetenzentwicklung und Humankapitalbildung als auch für die Persönlichkeitsbildung.

1 Prägung: Bei dem Vorgang der Prägung handelt es sich nicht um einen irreversiblen Prozess.

2 Humankapital: Mit Humankapital ist hier ein Verständnis gemeint, das Bildung als Ware und Währung sieht.

3 Persönlichkeitsbildung: Mit Persönlichkeitsbildung ist hier ein Verständnis gemeint, das Bildung als Aneignung von Welt und Formung des Selbst begreift.

4 Pierre Bourdieu (1930 – 2002) war ein französischer Soziologe und Sozialphilosoph.

5 Resonanz (bildungssprachlich; lat. resonare = Widerhall): Gesamtheit der Diskussionen, Äußerungen, Reaktionen, die durch etwas hervorgerufen worden sind und sich darauf beziehen; Widerhall, Zustimmung, Zuspruch.

6 Dissonanz: Unstimmigkeit, Differenz.

7 Karl Marx (1818 – 1883) war ein deutscher Philosoph, Gesellschaftstheoretiker und Kritiker des Kapitalismus.

Anmerkung zum Autor: Aladin El-Mafaalani (*1978) ist ein deutscher Soziologe.

1.

Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Autors, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. [18 Punkte]

2.

Setzen Sie die Ausführungen des Autors zu der Theorie nach George Herbert Mead und zum Modell der produktiven Realitätsverarbeitung nach Klaus Hurrelmann in Beziehung. [34 Punkte]

3.

Beurteilen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ausführungen, welche Möglichkeiten und Grenzen die Institution Schule hat, den Habitus zu irritieren („Irritation[...] des Habitus“, Z. 54 f.), um Bildungsprozesse anzustoßen. [28 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Autors, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. [18 Punkte]

Lösung: Individuelle Bearbeitung nach den Vorgaben der amtlichen Richtlinien (Hauptaussage, Inhaltsangabe, Argumentationsaufbau).

2. Setzen Sie die Ausführungen des Autors zu der Theorie nach George Herbert Mead und zum Modell der produktiven Realitätsverarbeitung nach Klaus Hurrelmann in Beziehung. [34 Punkte]

Lösung: Individuelle Bearbeitung: Verknüpfung der Habituskonzeption mit Meads symbolischem Interaktionismus und Hurrelmanns Modell der produktiven Realitätsverarbeitung.

3. Beurteilen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ausführungen, welche Möglichkeiten und Grenzen die Institution Schule hat, den Habitus zu irritieren („Irritation[...] des Habitus“, Z. 54 f.), um Bildungsprozesse anzustoßen. [28 Punkte]

Lösung: Individuelle kriteriengeleitete Beurteilung der pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen der Schule bei der Irritation des Habitus.

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