Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Ernährungslehre LK · Haupttermin 2022
Thema: Stoffwechselstörungen und Krankheitsbilder · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
M 1: Stoffwechsel der Aminosäuren (vereinfacht)
Die beim Abbau überschüssiger Aminosäuren übriggebliebenen Aminogruppen müssen eliminiert werden, da ansonsten Ammoniak (NH 3) entsteht, das in größeren Mengen ins Blut übertreten kann und insbesondere im Gehirn sowie in Muskelzellen als ein sehr starkes Zellgift wirkt. Um eine Ammoniakbildung zu verhindern, findet in den Körperzellen eine Transaminierung statt.
M 2: Harnstoffzyklus (vereinfacht)
Leberzellen sind im Wesentlichen die einzigen Zellen, die in der Lage sind, überschüssige Aminogruppen im Rahmen des Harnstoffzyklus im ungiftigen und wasserlöslichen Harnstoff zu fixieren, der dann über den Urin ausgeschieden werden kann.
In mehreren Reaktionen werden die aus dem Glutamin stammenden überschüssigen Aminogruppen schrittweise im Harnstoff fixiert. Störungen des Harnstoffzyklus oder die Anhäufung eines Zwischenprodukts innerhalb der Zelle wirken sich sowohl negativ auf die vorherigen Teilreaktionen als auch letztlich auf die Desaminierung von Glutamin aus. Dies führt dazu, dass die Glutamatkonzentration in den Zellen sinkt. Mit steigender intrazellulärer Glutaminkonzentration nimmt die weitere Glutaminaufnahme aus dem Blut ab, da diese konzentrationsabhängig ist.
* Die bei der Desaminierung des in die Leberzellen aufgenommenen Glutamins freigesetzte Aminogruppe reagiert mit 2 ATP-Molekülen und CO 2 zum Carbamoyl-Phosphat sowie zwei ADP-Molekülen und einer Phosphatgruppe.
M 3: OTC-Mangel
Der Ornithintranscarbamylase-Mangel (kurz OTC-Mangel) ist die häufigste Variante (Häufigkeit von 1:30.000) einer ganzen Reihe von sogenannten Harnstoffwechselstörungen. Beim OTC-Mangel handelt es sich um eine Erbkrankheit, deren Ursache ein Gendefekt ist, wobei das betroffene Gen für das Enzym Ornithintranscarbamylase (OTC) codiert. Die Ornithintranscarbamylase (OTC; siehe auch M 2) ist für die Bildung von Citrullin aus Carbamoyl-Phosphat und Ornithin verantwortlich und ist dadurch eines der wichtigsten Enzyme des Harnstoffzyklus.
Je nachdem, ob noch eine Restfunktion des Enzyms vorhanden ist, zeigen sich unterschiedliche Schweregrade der Erkrankung.
Einen wichtigen Hinweis auf das Vorliegen eines OTC-Mangels liefern die folgenden charakteristischen Blutparameter:
erniedrigte Citrullinkonzentration
erhöhte Glutaminkonzentration
Akkumulation von Ammoniak (Hyperammonämie)
Je nach Schwere und Dauer einer Hyperammonämie treten u. a. Symptome wie Trinkschwäche, Erbrechen, Bewegungsstörungen und Krampfanfälle bis hin zu einer Schädigung der Gehirnzellen auf. Zusätzlich kann es aufgrund einer erhöhten Ammoniakkonzentration in den sogenannten Astrozyten (spezieller Zelltyp im zentralen Nervensystem) zur Bildung von Hirnödemen kommen, die eine erhöhte Sterblichkeitsrate bedingen.
M 4: Diätetische Prinzipien bei einem OTC-Mangel
Um eine Hyperammonämie zu vermeiden, müssen am OTC-Mangel leidende Personen dauerhaft eine individuell angepasste Diät einhalten, die folgenden Prinzipien folgt:
Bestimmung des individuellen Proteinbedarfs und darauf basierend eine entsprechend starke Einschränkung der Proteinzufuhr über die Nahrung, sodass der individuelle Bedarf zwar gedeckt wird, eine darüber hinausgehende Proteinzufuhr jedoch vermieden wird.
Bei nur noch sehr geringer Restaktivität der OTC und entsprechend größerem Schweregrad der Erkrankung ggf. ergänzende Supplementation mit essenziellen Aminosäuren (Aufnahme spezieller Aminosäuremischungen).
Sicherstellung einer hinreichenden Energieversorgung, um eine katabole Stoffwechsellage zu vermeiden, insbesondere über die Aufnahme von Kohlenhydraten.
Bedarfsdeckende Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen.
Gleichmäßige Verteilung der aufzunehmenden Proteinmenge über den Tag verteilt im Rahmen mehrerer fester Nahrungsintervalle bis hin zu einer Nachtmahlzeit.
Ergänzend zur Ernährungstherapie kommen bei Bedarf auch ammoniakbindende Medikamente zum Einsatz.
M 5: Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Ernährungstherapie
Die Auswahl proteinarmer Lebensmittel erlaubt grundsätzlich Kartoffeln, Reis, Obst, Gemüse, (protein arme) Kekse, aber z. B. keine Milchprodukte (Käse, Joghurt) oder Produkte, die Milch enthalten (Schokolade), und in der Regel auch keine Fleisch- oder Wurstwaren. Das Angebot geeigneter Lebensmittel ist insgesamt eingeschränkt und vor allem für Kinder nicht immer attraktiv. Zudem fehlen, wenn bestimmte Lebensmittel nicht akzeptiert werden, passende Alternativen, sodass die selbstständige Durchführung der Ernährungstherapie gerade für Kinder herausfordernd und nicht immer möglich ist und sie auf Unterstützung z. B. seitens der Eltern angewiesen sind. Phasen der Appetitlosigkeit gehen dabei immer mit einem erhöhten Risiko einer katabolen Stoffwechsellage einher. Diese müssen an OTC-Mangel leidende Menschen möglichst vermeiden, da in solchen Phasen der Nahrungskarenz verstärkt Körperproteine zur Energiebereitstellung abgebaut werden.
Eine weitere Schwierigkeit stellt die Einnahme von Aminosäuremischungen dar. Auch hier ist die am Markt verfügbare Auswahl eher gering. Wird ein bestimmtes Präparat nicht toleriert, gibt es nur wenige Alternativen hinsichtlich des Geschmacks oder der Darreichungsform. Mitunter können zur Geschmacksverbesserung auch ergänzende Aromamischungen zum Einsatz kommen. Falls eine Verweigerung von Lebensmitteln oder der gewählten Aminosäuremischung auch durch ergänzende Ideen oder Anreize nicht aufzulösen ist, kommt letztlich nur noch eine Ernährung über eine Magensonde in Betracht. So können eine ausreichende energetische Versorgung sowie eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Aminosäuren sichergestellt werden, ein „normales Essen“ bleibt dabei ergänzend weiterhin möglich.
M 6: Nahrungsergänzungsmittel
Auszug aus dem Produkt-Steckbrief:
Altersstufe: ab 15 Jahren
Anwendung: zum Diätmanagement bei Betroffenen mit Harnstoffwechselstörungen
D-A-CH-Referenzwerte für Proteine:
26 g/Tag (7- bis 10-Jährige);
38 g/Tag (10- bis 13-Jährige);
49 g/Tag (13- bis 19-jährige Mädchen)
50 – 62 g/Tag (13- bis 19-jährige Jungen)
Produktmerkmale:
Aminosäuremischung aus essenziellen Aminosäuren
altersgerecht angereichert mit allen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen nach den neuesten D-A-CH-Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr
individuell dosierbar entsprechend dem Proteinbedarf
Pulver: je nach Geschmack mit Wasser, Fruchtsaft oder Fruchtmus anzurühren
Energiegehalt: 1253 kJ pro 100 g
davon 0 g Fett, 13,7 g Kohlenhydrate (0,40 g Zucker), 60 g Protein
Das Produkt ist nicht zur ausschließlichen Ernährung geeignet. Die Tagesmenge wird auf 3 bis 5 Einzelgaben verteilt und zusammen mit berechneten Mengen anderer vor allem Energie und essenzielle Fettsäuren liefernder Nahrungsmittel verzehrt.
Das Produkt kann alternativ über eine Magensonde aufgenommen werden.
Preis: 76 € pro 100 g Produkt
Hinweis: Die Herstellung von Aminosäuremischungen mit einer spezifischen Aminosäurezusammensetzung ist sehr aufwendig und mit vielen einzelnen Produktionsschritten verbunden.
2. Charakterisieren Sie mithilfe von M 3 den sogenannten OTC-Mangel und erläutern Sie unter Heranziehung von M 2, wie es zu den für diese Erkrankung typischen Blutwerten kommt. (22 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Charakterisieren Sie mithilfe von M 3 den sogenannten OTC-Mangel und erläutern Sie unter Heranziehung von M 2, wie es zu den für diese Erkrankung typischen Blutwerten kommt.
Lösung: 1. Charakterisierung des OTC-Mangels anhand von M 3 (z. B. 4 Aspekte, 8 Punkte): - Erbkrankheit, deren Ursache ein Gendefekt ist. - Häufigste Variante einer Reihe von Harnstoffwechselstörungen (Häufigkeit 1:30.000). - Das betroffene Gen codiert für das Enzym Ornithintranscarbamylase (OTC), das für die Bildung von Citrullin aus Carbamoyl-Phosphat und Ornithin verantwortlich ist. - Je nach Restfunktion des Enzyms zeigen sich unterschiedliche Schweregrade der Erkrankung mit Symptomen wie Trinkschwäche, Erbrechen, Bewegungsstörungen, Krampfanfällen bis hin zur Schädigung der Gehirnzellen. - Charakteristische Blutparameter: Hyperammonämie, erhöhte Glutaminkonzentration und erniedrigte Citrullinkonzentration im Blut. - Durch die erhöhte Ammoniakkonzentration in den Astrozyten kann es zur Bildung von Hirnödemen mit erhöhter Sterblichkeitsrate kommen. 2. Erläuterung des Zustandekommens der Blutparameter unter Einbezug von M 2 (14 Punkte): - Erniedrigte Citrullinkonzentration (3 Punkte): Fehlt das Enzym OTC, kann Carbamoyl-Phosphat nicht auf Ornithin übertragen werden. Citrullin kann nicht gebildet werden, sodass dessen Konzentration zunächst in den Leberzellen und in der Folge auch im Blut vermindert ist. - Erhöhte Glutaminkonzentration (5 Punkte): Aufgrund des Enzymdefekts häuft sich Carbamoyl-Phosphat an. Die aus der Desaminierung des Glutamins stammende Aminogruppe kann nicht fixiert werden; die Aufnahme von Glutamin in die Leberzelle wird gehemmt, wodurch die Glutaminkonzentration im Blut ansteigt. - Hyperammonämie (6 Punkte): Die aus Transaminierungsprozessen stammenden Aminogruppen können nicht mehr ausreichend fixiert werden (zu wenig Glutamat vorhanden; Oxalacetat fehlt als Akzeptor, da es nicht hinreichend aus der Spaltung von Argininosuccinat gebildet wird). Überschüssige Aminogruppen häufen sich an und führen zur Bildung von Ammoniak, das ins Blut übertritt.
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