Aufgabe 2 - Teilaufgabe 4 · Abitur NRW Ernährungslehre LK · Haupttermin 2021
Thema: Ernährungsempfehlungen, Therapie und Produktbeurteilung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
M 1: Morbus von Gierke (Glykogenose Typ I)
Morbus von Gierke, oft auch als Glykogenose Typ I bezeichnet, ist eine seltene angeborene Störung im Kohlenhydratstoffwechsel. Die Krankheit wurde erstmalig 1929 vom Pathologen Edgar von Gierke beschrieben und gehört zu den Glykogenspeicherkrankheiten.
Charakteristisch für Morbus von Gierke ist das Fehlen des Enzyms Glucose-6-phosphatase aufgrund eines Gendefekts. Eine medikamentöse Therapie ist nicht möglich. Bereits ab dem frühen Alter von ca. 3 – 5 Monaten sinkt bei den Betroffenen in Phasen ohne Nahrungsaufnahme (Nahrungskarenz) der Blutglucosespiegel auf unter 50 mg/dl (starke Hypoglykämie). Dies ist vor allem nachts problematisch. Zudem zeigt sich im Verlauf der Lebenszeit in der Regel eine deutlich vergrößerte Leber. In Abhängigkeit von der Stoffwechseleinstellung treten weitere metabolische Störungen auf, u. a. Hypertriglyceridämie, Hyperurikämie, Hyperlactatämie (und damit verbunden eine Lactatacidose).
Die einzige Möglichkeit, die schädlichen Folgen der Stoffwechselstörung für einen Patienten möglichst gering zu halten, ist die Durchführung einer geeigneten Diätbehandlung. Das vorrangige Behandlungsziel besteht darin, Hypoglykämien, aber auch schon „zu niedrige“ Blutglucosespiegel (unter 75 – 80 mg/dl) zu vermeiden, um den Abbau von Leberglykogen zu verhindern und somit dafür zu sorgen, dass auch der Lactatspiegel im Blut nicht wesentlich über den üblichen Bereich ansteigt. Auf diese Weise gelingt es auch, die Entstehung von Komplikationen und schweren Krankheitserscheinungen an verschiedenen Organen so gut wie möglich zu verhindern.
M 2: Auszug aus dem Leberstoffwechsel (vereinfacht)
Glykogen dient dem menschlichen Organismus als Speicher für Glucose, der bei Bedarf schnell mobilisiert werden kann. Nur freie, nicht phosphorylierte Glucose kann ins Blut abgegeben werden. Im Gegensatz zu den Leberzellen verfügen Muskelzellen nicht über das Enzym Glucose-6-phosphatase. Folglich dient der Glykogenspeicher der Muskulatur ausschließlich der Energiebereitstellung für die Muskelkontraktion.
Liegt eine sehr hohe Konzentration an Glucose-6-phosphat vor, findet in der Leber eine verstärkte Lactatbildung statt. Überschüssiges Lactat wird ans Blut abgegeben.
M 3: Vereinfachtes Schema der Regulation des Blutglucosespiegels
Der Blutglucosespiegel wird bei gesunden Personen im Bereich von 80 bis 120 mg/dl Blut konstant gehalten. Die Einhaltung dieser Homöostase unterliegt einer hormonellen Regulation. Die Leber kann Glucose insulinunabhängig aufnehmen.
M 4: Blutglucoseprofile einer gesunden Person und einer von Morbus von Gierke betroffenen Person
Sinkt der Blutglucosespiegel unterhalb von 50 mg/dl, kommt es zu neuronalen Ausfallerscheinungen wie z. B. Benommenheit, Verwirrtheit, Sprach- und Sehstörungen. Bei einem weiteren Abfall des Blutglucosespiegels auf ca. 30 – 40 mg/dl können die Betroffenen bewusstlos werden und ins Koma fallen. Diese Zustände stellen dann folglich eine lebensbedrohliche Situation dar.
M 5: Produktinformation zu einem Präparat aus Maisstärke
Das Produkt enthält physikalisch modifizierte Maisstärke, wodurch die Stärke besonders langsam verdaut wird. Es ist als Pulver in 60-g-Beuteln erhältlich. Die vorab – in Absprache mit medizinischen Fachkräften – individuell ermittelte Einnahmemenge wird typischerweise in 100 ml kaltem Wasser aufgelöst, gut geschüttelt und im Anschluss sofort getrunken. (Geeignet ab 2 Jahren)
1 Beutel kostet ca. 5,- Euro.
· pro 100 g · pro 60 g (Beutel)
Brennwert / Energie (kJ) · 1496 · 901
Fett (g) · 0 · 0
Kohlenhydrate (g)
davon Zucker (g) · 88
0 · 53
0
Proteine (g) · 0 · 0
Salz (g) · < 0,05 · < 0,03
4. Entwickeln Sie unter Einbeziehung sämtlicher Materialien fünf Empfehlungen zur Ernährung für Erkrankte. Beurteilen Sie, wie gut sich das in M 5 dargestellte Produkt für die Ernährung bei Morbus von Gierke eignet. (14 Punkte)
a)
b)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Entwickeln Sie unter Einbeziehung sämtlicher Materialien fünf Empfehlungen zur Ernährung für Erkrankte.
Lösung: Mögliche Ernährungsempfehlungen (Auswahl von 5 Aspekten): - Einteilung in mehrere (7–8) kleinere, kohlenhydratbetonte Mahlzeiten über den Tag verteilt, um Hypoglykämien und den Abbau von Leberglykogen zu verhindern. - Regelmäßige nächtliche Kohlenhydratzufuhr (z. B. Weckzeiten oder Zufuhr per Sonde), um ein Absinken des Blutglucosespiegels unter 50 mg/dl zu vermeiden. - Vermeidung übermäßig hoher Kohlenhydratmengen pro Mahlzeit zur Vorbeugung übermäßiger Glykogenspeicherung in der Leber. - Verzicht bzw. Meiden von Fructose (fructosereiches Obst/Getränke), da Fructose in Glucose-6-phosphat umgewandelt wird und Stoffwechselstörungen (Laktatazidose, Hyperurikämie, Hyperlipidämie) verstärkt. - Weitgehender Verzicht auf Saccharose (Haushaltszucker, Süßigkeiten), da bei deren Spaltung Glucose und Fructose entstehen. - Meiden von Lactose (Milch und Milchprodukte), da Galaktose ebenfalls zu Glucose-6-phosphat umgebaut wird. - Bevorzugung von Kohlenhydratquellen mit niedrigem glykämischen Index / niedriger glykämischer Last (ballaststoffreich wie Vollkorngetreide, Gemüse, kombiniert mit Proteinen und Fetten zur Verzögerung der Resorption). - Glucose nur gezielt zur Akutbehandlung oder Vorbeugung drohender Hypoglykämien einsetzen. - Bei starker körperlicher Belastung (Sport) zusätzliche, rechtzeitige Kohlenhydratzufuhr einplanen. - Bei Meiden von Milchprodukten und Obst ggf. gezielte Nährstoffsupplementierung (z. B. Calcium, Vitamin C).
Beurteilen Sie, wie gut sich das in M 5 dargestellte Produkt für die Ernährung bei Morbus von Gierke eignet.
Lösung: Beurteilung der Eignung des Maisstärke-Präparats: - Eignung/Vorteile: Das Produkt enthält physikalisch modifizierte Maisstärke, die besonders langsam verdaut und resorbiert wird. Dadurch wird dem Organismus über mehrere Stunden kontinuierlich Glucose bereitgestellt, wodurch ein kritisches Absinken des Blutglucosespiegels verhindert wird. - Es eignet sich insbesondere zur Einnahme vor dem Schlafengehen, um längere Nahrungskarenzphasen in der Nacht ohne Unterbrechung des Schlafs bzw. ohne Sonde zu überbrücken, oder als Ergänzung vor körperlicher Belastung. - Einschränkungen/Nachteile: Die Verdauungsdauer muss individuell ermittelt und überwacht werden. Zudem ist das Produkt mit ca. 5 Euro pro Beutel verhältnismäßig teuer, weshalb tagsüber herkömmliche komplexe Kohlenhydratträger die wirtschaftlichere Wahl darstellen.
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