Aufgabe 2 · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin 2021
Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung; unkommentierte Ausgabe von E. T. A. Hoffmann „Der Sandmann“ (liegt im Prüfungsraum zur Einsichtnahme vor).
Aufgabenstellung
1.
Untersuchen Sie, wie Todorov in seinem Text argumentativ vorgeht. Erschließen Sie dabei vor allem, was er unter dem Fantastischen versteht und welche Rolle er der Leserin / dem Leser bei der Entstehung des Fantastischen zuweist. (30 Punkte)
2.
Erörtern Sie, ob E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“ nach Todorovs Verständnis als fantastischer Text gelten kann. Prüfen Sie dazu sowohl, inwieweit eindeutige Lesarten im Sinne des Unheimlichen und des Wunderbaren möglich sind, als auch eine Lesart, die von Unschlüssigkeit bestimmt ist. Beziehen Sie zum Schluss den literaturhistorischen Kontext mit ein. (42 Punkte)
Materialgrundlage
Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1992, S. 25–31.
Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur (Textauszug)
Definition des Fantastischen
1 Alvares, die Hauptperson in Cazottes Le Diable amoureux, lebt seit Monaten mit einem Wesen weiblichen Geschlechts zusammen, das er für einen bösen Geist hält: für den Teufel oder einen seiner Diener. Die Art, wie dieses Wesen erschienen ist, weist deutlich darauf hin, daß es ein Vertreter der anderen Welt ist. Sein spezifisch menschliches (mehr noch (weibliches)) Betragen jedoch, die realen Verletzungen, die ihm zugefügt werden, scheinen im Gegenteil zu beweisen, daß es sich schlicht um eine Frau, und zwar um eine liebende Frau handelt. Als Alvares Biondetta fragt, woher sie komme, antwortet sie: „Ich bin ursprünglich eine Sylphide, und zwar eine der ansehnlichsten“. Aber gibt es denn Sylphiden? „Ich begriff nichts von dem, was ich hörte“, fährt Alvares fort. „Aber was war denn überhaupt Begreifliches in meinem Abenteuer? Es kommt mir alles wie ein Traum vor, sprach ich zu mir, jedoch was ist das ganze menschliche Leben anderes als ein Traum? Ich träume nur ungewöhnlicher als ein anderer, das ist alles. Wo ist das Mögliche, wo das Unmögliche?“
So ist Alvares unschlüssig, fragt sich (und der Leser mit ihm), ob das wahr sei, was ihm geschieht, ob, was ihn umgibt, tatsächlich Realität sei (die Sylphiden also wirklich existieren) oder ob es sich einfach um eine Sinnestäuschung handelt, die hier die Gestalt eines Traumes annimmt. Alvares geht später soweit, mit eben dieser Frau zu schlafen, die vielleicht der Teufel ist, und fragt sich, durch diese Vorstellung erschreckt, von neuem: „Habe ich geschlafen? Sollte ich so glücklich sein, daß alles nur ein Traum gewesen ist?“. Seine Mutter wird genauso darüber denken: „… du hast die Meierei und ihre Bewohner sicherlich nur erträumt“. Die Ambiguität bleibt bis zum Ende des Abenteuers gewahrt: Wirklichkeit oder Traum? Wahrheit oder Illusion?
Wir sehen uns ins Zentrum des Fantastischen geführt. In einer Welt, die durchaus die unsere ist, die, die wir kennen, eine Welt ohne Teufel, Sylphiden oder Vampire, geschieht ein Ereignis, das sich aus den Gesetzen eben dieser vertrauten Welt nicht erklären läßt. Der, der das Ereignis wahrnimmt, muß sich für eine der zwei möglichen Lösungen entscheiden: entweder handelt es sich um eine Sinnestäuschung, ein Produkt der Einbildungskraft, und die Gesetze der Welt bleiben, was sie sind, oder das Ereignis hat wirklich stattgefunden, ist integrierender Bestandteil der Realität. Dann aber wird diese Realität von Gesetzen beherrscht, die uns unbekannt sind. Entweder der Teufel ist eine Täuschung, ein imaginäres Wesen, oder aber er existiert wirklich, genau wie die anderen Lebewesen – nur daß man ihm selten begegnet.
Das Fantastische liegt im Moment dieser Ungewißheit; sobald man sich für die eine oder die andere Antwort entscheidet, verläßt man das Fantastische und tritt in ein benachbartes Genre ein, in das des Unheimlichen oder das des Wunderbaren. Das Fantastische ist die Unschlüssigkeit, die ein Mensch empfindet, der nur die natürlichen Gesetze kennt und sich einem Ereignis gegenübersieht, das den Anschein des Übernatürlichen hat.
Der Begriff des Fantastischen definiert sich also aus seinem Verhältnis zu den Begriffen des Realen und des Imaginären […].
Ist eine solche Definition wenigstens originell? Man kann sie, wenn auch anders formuliert, seit dem 19. Jahrhundert finden.
Zuerst bei dem russischen Philosophen und Mystiker Wladimir Solowjow: „Beim wirklichen Fantastischen bleibt die äußerliche und formale Möglichkeit einer einfachen Erklärung der Erscheinungen stets gewahrt; zur gleichen Zeit ist diese Erklärung jedoch bar jeder inneren Wahrscheinlichkeit“. Es gibt eine unheimliche Erscheinung, die man auf zweierlei Weise erklären kann, nämlich entweder aus natürlichen Ursachen oder aber aus übernatürlichen. Die Möglichkeit der Unschlüssigkeit angesichts dieser Alternative schafft die Wirkung des Fantastischen.
Einige Jahre später gebraucht der englische Autor Montagu Rhodes James, Spezialist für Gespenstergeschichten, fast dieselben Wendungen: „Es ist manchmal notwendig, daß die Ausgangstür zu einer natürlichen Erklärung offenbleibt, aber ich muß wohl hinzufügen, daß diese Tür so eng sein muß, daß man von ihr keinen Gebrauch machen kann“. Wieder wird also auf zwei mögliche Lösungen hingewiesen.
[…] „… ich war nun fast bereit, zu glauben“: in dieser Formel findet der Geist des Fantastischen komprimiert Ausdruck. Der uneingeschränkte Glaube ebenso wie die absolute Ungläubigkeit würden uns aus dem Fantastischen herausführen; es ist die Unschlüssigkeit, die es ins Leben ruft. Wer ist in dieser Geschichte unschlüssig? Ohne Zweifel Alfons, d. h. der Held, die handelnde Person. Er hat, solange die Handlung währt, zwischen zwei Interpretationen zu wählen. Aber wenn dem Leser die „Wahrheit“ schon bekannt wäre, wenn er wüßte, woraus alles hinausläuft, dann wäre die Situation eine ganz andere. Das Fantastische impliziert also die Integration des Lesers in die Welt der Personen. Es definiert sich aus der ambivalenten Wahrnehmung der berichteten Ereignisse durch den Leser selbst. Wir müssen sogleich präzisieren, daß wir dabei nicht diesen oder jenen bestimmten wirklichen Leser im Auge haben, sondern eine „Funktion“ des Lesers, die im Text impliziert ist (so wie er die Funktion des Erzählers impliziert). Die Wahrnehmungen dieses implizierten Lesers sind dem Text mit der gleichen Präzision eingeschrieben, wie die Haltung der Personen.
Die Unschlüssigkeit des Lesers ist also die erste Bedingung des Fantastischen. […]
Anmerkung zum Autor: Tzvetan Todorov (1939–2017) war ein bulgarisch-französischer Literaturwissenschaftler. Die „Einführung in die fantastische Literatur“ erschien ursprünglich auf Französisch im Jahr 1970.
1.
2.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Untersuchen Sie, wie Todorov in seinem Text argumentativ vorgeht. Erschließen Sie dabei vor allem, was er unter dem Fantastischen versteht und welche Rolle er der Leserin / dem Leser bei der Entstehung des Fantastischen zuweist. (30 Punkte)
Lösung: Eine gelungene Bearbeitung verfasst eine aufgabenbezogene Einleitung (Autor, Titel, Erscheinungsjahr), benennt das Thema des Textausschnitts (Definition des Fantastischen; Abgrenzung vom Wunderbaren und Unheimlichen, vom Realen und Imaginären), erläutert die zentralen Gedanken (Fantastisches als textuell erzeugte Ungewissheit über die fiktive Wirklichkeit; Spannung zwischen Imaginärem und Realem, die nicht aufgelöst wird; Ambiguität zwischen rational erklärbaren und darüber hinausgehenden Phänomenen; Fantastisches als erzeugte Haltung der impliziten Leserin/des impliziten Lesers, nicht als Gegenstand), erläutert die Argumentationsweise (Entwicklung des Konzepts anhand einer Erzählung, Veranschaulichung durch Beispiele, Bezug auf andere Autoren, Fokussierung auf das Moment der Uneindeutigkeit), erschließt den Begriff des Fantastischen (Einordnung in das Begriffsnetz Reales/Imaginäres/Wunderbares/Unheimliches; Fantastisches als Ungewissheit über den Realitätsstatus von Ereignissen; Ambivalenz als Kern, der nicht aufgelöst werden darf) und erschließt die Rolle der impliziten Leserin/des impliziten Lesers (Fantastisches als Lesehaltung, erzeugt durch Textstrukturen; Schwebezustand durch fehlende eindeutige Anhaltspunkte; Unentschiedenheit als durch den Text notwendig gemachte Haltung, nicht als zufällige individuelle Reaktion).
2. Erörtern Sie, ob E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“ nach Todorovs Verständnis als fantastischer Text gelten kann. Prüfen Sie dazu sowohl, inwieweit eindeutige Lesarten im Sinne des Unheimlichen und des Wunderbaren möglich sind, als auch eine Lesart, die von Unschlüssigkeit bestimmt ist. Beziehen Sie zum Schluss den literaturhistorischen Kontext mit ein. (42 Punkte)
Lösung: Eine gelungene Bearbeitung verfasst eine aufgabenbezogene Überleitung, stellt die wesentlichen Aspekte der Anlage des „Sandmann“ dar (mehrperspektivische Erzählkonstruktion aus Briefen und Erzählbericht; Kindheitsängste Nathanaels, alchimistische Experimente des Vaters, Besuch Coppolas, Tod des Vaters; später: Auftauchen Coppelius'/Coppolas, Verliebtheit in die mechanische Puppe Olimpia, Entfremdung von Clara und Lothar, Zerstörung Olimpias, Krise, scheinbare Genesung, Suizid bei erneutem Auftauchen Coppelius'; Motive: Verbindung von Kindheitstraumata mit bedrohlicher Gegenwart, Augenmotiv, alchimistische Experimente), prüft die Möglichkeit einer eindeutigen Lesart im Sinne des Unheimlichen (alles psychologisch/rational erklärbar: Kinderängste aus mangelnder Einsicht, Verwechslung von Mechanischem und Lebendigem als Ausdruck psychischer Krise, Wahnvorstellung bezüglich der Identität Coppola/Coppelius, Feuer als Zufälle – insgesamt Nathanael als Opfer von Wahnvorstellungen und Fehlinterpretationen), prüft die Möglichkeit einer eindeutigen Lesart im Sinne des Wunderbaren (Leben-Einhauchen in einen Mechanismus als übernatürliche Fähigkeit, Veränderung der Weltsicht durch das Okular, Häufung von Zufällen als Indiz einer verborgenen übernatürlichen Ordnung, Alterslosigkeit Coppelius'/Coppolas – insgesamt Nathanael als hellsichtiger Durchschauer einer manipulativen, finsteren Realität), prüft, inwiefern eine vom Text erzeugte Unschlüssigkeit vorliegt (Lesart als Wahnvorstellung vs. reale Gefahr bleibt offen; Fehlen einer objektiven Erzählinstanz; Perspektivenspiel zwischen Clara (unheimlich/rational) und Nathanael (wunderbar/übernatürlich); Ambiguität zentraler Zusammenhänge: Verhältnis Coppelius/Coppola, Experimente des Vaters und Spallanzanis, Beseeltheit Olimpias), bezieht begründet Stellung zur Frage, ob der „Sandmann“ im Sinne Todorovs fantastisch ist, und setzt die Frage abschließend in Beziehung zum literaturhistorischen Kontext (romantische Vorliebe für Wunderbares/Märchenhaftes und zugleich Unheimliches/Abseitiges; Spannung zwischen Wissenschaft/Aufklärung und Alchimie/mechanischer Innovation; Erforschen des Ungewissen als romantisches Projekt, Hinwendung zu Nacht und Dunkelheit; divergente Rezeption Hoffmanns als „Gespensterhoffmann“ oder als weitsichtiger Deuter des Unbewussten).
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