Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Matthias Heine
Die Alpenfestung des Dialekts in der Schweiz
Bis zum Westfälischen Frieden, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete, gehörte die Schweiz zu Deutschland. Die Urkantone sind alle deutschsprachig, die französisch- und italienischsprachigen kamen erst später dazu. Von den 26 Kantonen sind heute 17 ganz und vier teilweise deutschsprachig. Auch in der Bundesstadt Bern ist Deutsch die einzige offizielle Amtssprache.
Noch die großen Schweizer Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts fühlten sich ganz selbstverständlich dem deutschen Kulturraum zugehörig: […]
Die Schriftsprache war das Bindeglied zwischen Deutschland und der Schweiz, so wie sie bis 1871 das Bindeglied zwischen den vielen deutschen Teilstaaten gewesen war. Aber es gab einen entscheidenden Unterschied: Während in Deutschland spätestens seit dem 18. Jahrhundert die Dialekte nicht nur aus der Schriftsprache, sondern auch aus der Umgangssprache der gebildeten städtischen Schichten nach und nach verdrängt wurden, verwendete das Schweizer Bürgertum die Mundart in der Alltagskommunikation weiter. Unvorstellbar war in der Schweiz eine sprachliche Situation, wie sie Thomas Mann in den „Buddenbrooks“ schildert, wo die Angehörigen der Lübecker Kaufmannsfamilie untereinander ein gepflegtes, von französischen und englischen Modeausdrücken durchsetztes Hochdeutsch reden, aber ins Niederdeutsche wechseln, wenn sie mit den Speicherarbeitern und anderen Angehörigen des gemeinen Volks „schnacken“. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Walter Haas schreibt: „Nur in ihrer sozusagen ‚praktischen‘ Funktion als überregionales Medium des Verkehrs und der Kultur wurde die Hochsprache akzeptiert, nicht aber in ihrer nationalsymbolischen Funktion. Gerade in der Weigerung, die Hochsprache als Alltagssprache zu übernehmen, bot sich dem Schweizer die Möglichkeit nationaler Abgrenzung.“ […]
Das 19. Jahrhundert wähnte den Dialekt auf dem Rückzug und manche fürchteten, manche hofften, er werde zumindest bei den Gebildeten auch in der Schweiz verschwinden.
In den 1830er Jahren war in den meisten Kantonen die allgemeine Volksschule eingeführt worden, in der den Kindern das Lesen und Schreiben auf schriftsprachlicher Grundlage beigebracht wurde. […]
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es obendrein eine starke Einwanderung aus Deutschland. Das Reich exportierte seinen Bevölkerungsüberschuss nicht nur nach Amerika, sondern auch in die Schweiz – in geringerem Maße zwar, aber ausreichend, um das kleine Land und seine Sprachlandschaft zu verändern. […]
Der Volkskundler Thomas Hengartner registriert für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein „relatives Minimum an Dialektgebrauch“: „Mundarten galten in grossen Teilen der Bevölkerung, besonders derjenigen, die mit der neuen Zeit in grossem Mass konfrontiert wurden, als überkommen, veraltet und zum Aussterben verurteilt.“ […]
Der linguistische Bruch mit dem Deutschen Reich begann mit dem Ersten Weltkrieg, in dem die Schweiz zwar bewaffnete Neutralität wahrte, die Sympathien jedoch bei vielen eher auf französischer Seite lagen als bei den wilhelminisch-auftrumpfenden Verwandten im Norden. Viele deutsche Gastarbeiter kehrten heim ins Reich – die Zuwanderung hatte sich ohnehin schon abgeschwächt, da in Deutschland seit etwa 1890 Arbeitskräftemangel herrschte. Und jetzt empfanden die Schweizer das Bedürfnis, sich selbst und der Welt zu beweisen, dass man zum großen und großkotzigen Reich im Nordosten Distanz hielt. Das eigene Schwyzertütsch 1 war dafür bestens geeignet. Es begann eine Renaissance des Dialekts, ohne dass dieser aber gleich die Allgegenwärtigkeit erreicht hätte, die er in der heutigen Schweiz hat. Hengartner spricht von einer ersten „Mundartwelle“ und fasst zusammen: „Mundart (im Kanton Bern entsteht zu diesem Zeitpunkt eine reiche Theater- und Prosa-Mundart-Literatur) etablierte sich als Faktor zur Identitätsstiftung vorab unter der Deutschschweizer Bevölkerung – zusätzlich in Abhebung zum übrigen deutschsprachigen Raum.“ […]
Die Tendenz, die kulturelle Eigenständigkeit der Schweiz wieder stärker hervorzuheben, setzte sich im ganzen 20. Jahrhundert fort. In der Zwischenkriegszeit, als die Schweiz von aggressiven und landgierigen Nachbarn umgeben war, wurde nicht nur mit dem Bau einer Festungskette, dem Reduit, für den Aggressionsfall gerüstet, sondern es entstand Anfang der dreißiger Jahre auch eine kulturelle Bewegung, die Geistige Landesverteidigung hieß und sich speziell gegen den deutschen Faschismus richtete, in dem man zu Recht bald die größte Gefahr erkannte. Neu geschaffene Institutionen wie die Stiftung „Pro Helvetiae“ sollten das spezifisch Schweizerische betonen. Führende Initiatoren der Geistigen Landesverteidigung waren Sozialdemokraten, und diese priesen natürlich die direkte Volksdemokratie als etwas typisch Schweizerisches. In solch einem geistigen Umfeld wurde das Dialektsprechen endgültig zum Ausweis nationaler Gesinnung. Hengartner nennt dies die zweite Mundart-Welle. […]
Einen besonderen Aufschwung erlebten die Mundarten seit den sechziger Jahren, als sie von Musikern der Alternativkultur propagiert wurden und damit endgültig den letzten Ruch des Bäuerlich-Zurückgebliebenen abschüttelten. Diese Bewegung zählt Hengartner als dritte Mundart-Welle.
Heute ist das Dialektsprechen bis in weite Bereiche der Massenmedien gängig. Die Schweizer Variante des Hochdeutschen wird von vielen Schweizern mehr oder weniger als Fremdsprache bezeichnet. 93,3 Prozent der Deutschschweizer gaben bei der Volkszählung 2000 an, im Alltag Dialekt zu sprechen. Der Experte Hans Bickel ist sicher, dass Schweizer Standarddeutsch im Alltag nur nutzen, wenn sie mit Deutschen verheiratet sind. Bei der Arbeit sprechen selbst im polyglotten 2, international geprägten Zürich drei Viertel der Menschen Dialekt, obwohl ja nicht nur Deutsche, sondern erst recht andere Ausländer und Schweizer aus den nicht deutschsprachigen Landesteilen Schwierigkeiten haben, den Dialekt zu verstehen. Lehrer an weiterführenden Schulen wechseln teilweise innerhalb ein und derselben Unterrichtsstunde zwischen den Varietäten: Für den eigentlichen Unterricht wird Schriftdeutsch benutzt, für die informelle Kommunikation nebenher, etwa wenn man einen Schüler Kreide holen schickt, der Dialekt. Und für die Universität berichtet Walter Haas: „Wie alle Lehrer spreche ich mit meinen Studenten während der ‚Veranstaltung‘ Hochdeutsch, Mundart erst nach dem Klingelzeichen.“
Von den zahlreichen deutschen Zuwanderern wird erwartet, dass sie Dialekt zumindest verstehen. Das ist auch notwendig, denn 66,4 Prozent der Schweizer gaben bei der genannten Volkszählung an, überhaupt kein Standarddeutsch zu sprechen und zumindest aktiv nur den Dialekt zu beherrschen.
Bei aller linguistischen Distanzierung von Deutschland würde jedoch bis heute kein Schweizer leugnen, dass die zahlreichen Dialekte seines Landes Varianten der deutschen Sprache sind. Darin unterscheiden sie sich von den Luxemburgern, die ihr Letzeburgisch, obwohl es eigentlich ein moselfränkischer Dialekt ist, als eigenständige Sprache betrachten.
Anmerkungen zum Autor:
Matthias Heine, geboren 1961, ist ein deutscher Journalist und Buchautor. Er arbeitete als freier Journalist u. a. für die „Welt“ und „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, seit 2010 ist er Redakteur im Feuilleton der „Welt“. Zudem ist er Autor mehrerer Bücher zum Sprachgebrauch und Sprachwandel.
1 Schwyzertütsch: Schweizerdeutsch, Sammelbezeichnung für die Schweizer Dialekte
2 polyglott: gr. vielsprachig
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Lösung
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Lösung: Ausführliche Textanalyse gemäß den Vorgaben der Lehrkraftunterlagen (Aufbau: aufgabenbezogene Einleitung, Themaerschließung, gedanklicher Aufbau, Bestimmung der Merkmale/Funktionen des Dialekts in der Schweiz, sprachliche Analyse und reflektierende Schlussbetrachtung).
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