Aufgabe HT 2 - 2: Stammbäume, Verhalten und Evolution des… · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Stammbäume, Verhalten und Evolution des Menschen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Material A: Ökologie Eurasischer Spitzmausarten

Die Eurasische Wasserspitzmaus ( Neomys fodiens) zählt wie die Sumpfspitzmaus ( Neomys anomalus) und die Waldspitzmaus ( Sorex araneus) zur Familie der Spitzmäuse. Alle drei Arten kommen in Europa und Teilen Asiens gemeinsam vor.

Die Eurasische Wasserspitzmaus ist die größte der drei Arten. Sie besitzt Schwimmborsten an den Hinterfüßen und am Schwanz. Sie kann gut schwimmen und tauchen. Das nachtaktive Tier bewohnt nicht zu dicht bewachsene Uferbereiche von meist schnell fließenden Gewässern. Auch Sümpfe, nasse Wälder und Wiesen werden besiedelt. Die nachtaktive Sumpfspitzmaus kann ebenfalls schwimmen und tauchen. Ihre Schwimmborsten sind kleiner als die der Eurasischen Wasserspitzmaus oder fehlen ganz. Sie lebt bevorzugt an Ufern langsam fließender Gewässer und in Feuchtgebieten mit dichtem Kraut- und Strauchbewuchs. Die tag- und nachtaktive Waldspitzmaus besiedelt insbesondere feuchte Wälder und Feuchtwiesen, aber auch andere Landlebensräume.

Neben den in Tabelle 1 gezeigten Wirbellosen zählen auch kleinere Wirbeltiere wie Frösche und Fische zur Beute der Eurasischen Wasserspitzmaus. Die Waldspitzmaus frisst selten kleinere Wirbeltiere wie Frösche oder junge Mäuse.

Tabelle 1 Beutespektrum von Eurasischer Wasserspitzmaus, Sumpfspitzmaus und Waldspitzmaus. Es wurden Fäkalien von gefangenen Spitzmäusen untersucht. Die gezeigten Werte geben an, bei wie viel Prozent der Spitzmäuse die jeweiligen Beutetiere gefunden wurden.

· Eurasische Wasserspitzmaus · Sumpfspitzmaus · Waldspitzmaus

landlebende Beute

Laufkäfer · 22,6 % · 30,8 % · 6,3 %

andere Käfer · 32,3 % · 38,5 % · 56,3 %

Käferlarven · 6,5 % · 23,1 % · 31,3 %

Ameisen · 12,9 % · 0,0 % · 25,0 %

Tausendfüßer · 61,3 % · 38,5 % · 3,1 %

Spinnen · 74,2 % · 76,9 % · 63,3 %

Regenwürmer · 45,2 % · 100,0 % · 90,6 %

wasserlebende Beute

Köcherfliegenlarven · 12,9 % · 15,4 %

Waffenfliegenlarven · 6,5 % · 15,4 %

Wasserasseln · 51,6 % · 23,1 %

Material B: Umgang von Spitzmausarten mit Beutetieren

Spitzmäuse nehmen täglich eine große Menge an Nahrung zu sich, ihr Energiebedarf ist sehr hoch. Da sie auch über den Winter aktiv sind, benötigen sie ganzjährig Nahrung. Sie erbeuten häufig mehr Beutetiere als sie direkt verzehren. Ein Teil der Beute wird für längere Zeit im Bau gehortet. Dafür werden einige Beutetiere durch Bisse immobilisiert. Dies kann mechanisch erfolgen, indem Nerven durchtrennt werden, welche die Muskeln innervieren. Möglich ist zudem eine Immobilisierung mithilfe von Giften.

Die Eurasische Wasserspitzmaus und die Sumpfspitzmaus produzieren ein Gift in Drüsen unter der Zunge. Das Gift kann bei einem Biss mit dem Speichel übertragen werden. Es hat eine muskellähmende Wirkung. Die Waldspitzmaus ist dagegen ungiftig.

In einem Laborexperiment wurde der Umgang mit der Beute von Eurasischer Wasserspitzmaus und der kleineren Waldspitzmaus im Zusammenhang mit der Beutegröße und Beutemasse untersucht. Dazu wurden den Spitzmäusen unterschiedliche Beutetiere angeboten. Als kleine, leichte Beute dienten Mehlkäfer-Larven, als mittelgroße Beute wurden Regenwürmer angeboten und als große, schwere Beute dienten Frösche. Es wurde ermittelt, welcher Anteil der jeweiligen Beutetiere sofort an Ort und Stelle oder nach und nach gefressen wurde. Zudem wurde erfasst, welcher Anteil der Beute im Bau gehortet oder ignoriert wurde (Abbildung 1A). Abbildung 1B zeigt die jeweils zur Überwältigung der Beute benötigte Zeit.

Material C: Verwandtschaftsverhältnisse und Giftigkeit

Die Verwandtschaftsverhältnisse ausgewählter Spitzmausgattungen wurden auf der Grundlage molekularer Daten ermittelt und in Bezug zum Auftreten des Merkmals Giftigkeit in einem phylogenetischen Stammbaum dargestellt (Abbildung 2). Die Eurasische Wasserspitzmaus und die Sumpfspitzmaus gehören zur Gattung Neomys (Wasserspitzmäuse).

2. Fassen Sie die Ergebnisse zusammen, die Abbildung 1A zeigt, und deuten Sie das Verhalten der beiden Spitzmausarten (Materialien A und B). Stellen Sie unter Einbeziehung der Daten aus Abbildung 1B eine begründete Hypothese zur Bedeutung des Giftes für die Eurasische Wasserspitzmaus auf (Materialien A und B).

[20 Punkte]

a)

b)

c)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - 2: Stammbäume, Verhalten und Evolution des… · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Fassen Sie die Ergebnisse zusammen, die Abbildung 1A zum Umgang der beiden Spitzmausarten mit ihrer Beute zeigt.

Lösung: • Kleinere und leichtere Beutetiere (Mehlkäferlarven) werden von beiden Spitzmausarten größtenteils sofort gefressen. • Mittelgroße Beutetiere (Regenwürmer) werden kaum sofort, sondern nach und nach gefressen. • Mehlkäferlarven werden weniger gehortet als Regenwürmer. Regenwürmer werden häufig immobilisiert und dann gehortet, wobei die Waldspitzmaus anteilig mehr Regenwürmer hortet als die Eurasische Wasserspitzmaus. • Die Waldspitzmaus ignoriert anteilig weniger Beute als die Eurasische Wasserspitzmaus.

Deuten Sie das Verhalten der beiden Spitzmausarten (Materialien A und B).

Lösung: • Kleine Nahrung wird bevorzugt sofort gefressen und deckt so den hohen aktuellen Energiebedarf. • Ein Teil der Beute wird gehortet, um den ständigen Energiebedarf auch in den Ruhephasen decken zu können, in denen die Tiere nicht aktiv auf Nahrungssuche sind. • Dieses Verhalten könnte auch in den kälteren Wintermonaten, in denen das Nahrungsangebot knapper ist, eine besonders wichtige Funktion haben. • Das Horten von Beutetieren wie Regenwürmern bietet einen Vorteil, da diese Tiere eine größere Biomasse besitzen.

Stellen Sie unter Einbeziehung der Daten aus Abbildung 1B eine begründete Hypothese zur Bedeutung des Giftes für die Eurasische Wasserspitzmaus auf (Materialien A und B).

Lösung: • Mittelgroße Beute (Regenwürmer) wird von der Eurasischen Wasserspitzmaus schneller überwältigt als von der Waldspitzmaus. Große Beute (Frösche) wurde in dem Experiment nur von der Eurasischen Wasserspitzmaus getötet. • Dies könnte auf eine mögliche Bedeutung des Giftes der Eurasischen Wasserspitzmaus beim Fang mittelgroßer und größerer Tiere hindeuten. • Das Gift führt bei Fröschen vermutlich zu einer Muskellähmung und hindert die Tiere an der Flucht. • Der Zeitaufwand zur Überwältigung insbesondere mittelgroßer Beutetiere ist im Vergleich zu dem von nichtgiftigen Arten geringer. Dadurch spart die Eurasische Wasserspitzmaus Energie. • Das Gift könnte daher den Beutefang und die Hortung der Nahrung unterstützen und so einen Selektionsvorteil gegenüber nichtgiftigen Konkurrenten darstellen. • Dieser Vorteil sollte auch den Energieaufwand überwiegen, der zur Synthese des Giftes benötigt wird.

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