Aufgabe 2 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · Abitur NRW Biologie LK · Nachtermin 2022

Thema: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung: Thema: Das Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndrom

Ermitteln Sie anhand des Stammbaums den Erbgang für das Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndrom, indem Sie andere Erbgänge begründet ausschließen (Material A). Geben Sie die Genotypen der Personen 1 bis 9 an (Material A). [11 Punkte]

Vergleichen Sie die SSCP-Analyse mit der klassischen Gelelektrophorese (Material B). Erklären Sie das Bandenmuster von Person A nach Durchführung einer SSCP-Analyse (Material B). Werten Sie das Ergebnis der SSCP-Analyse für die Personen B und C aus, indem Sie die Genotypen ableiten (Material B). Ermitteln Sie die Aminosäuresequenz und den vorliegenden Mutationstyp (Materialien B und E). [25 Punkte]

Beschreiben Sie die in Material C gezeigten Versuchsergebnisse. Erklären Sie die Auswirkungen der Mutation des KCNQ1 -Gens auf die Funktion des Kaliumionen-Kanals (Materialien B und C). [10 Punkte]

Beschreiben Sie den Verlauf eines kardialen Aktionspotentials (Abbildung 4A) und erklären Sie ihn mithilfe der Abbildung 4B (Material D). Erklären Sie die Auswirkungen der Mutation des KCNQ1 -Gens auf den Verlauf des kardialen Aktionspotentials (Materialien B bis D). Entwickeln Sie eine Hypothese zur Erklärung der Symptome des Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndroms bei Belastung (Materialien A, C und D). [20 Punkte]

Zugelassene Hilfsmittel: GTR (Grafikfähiger Taschenrechner) oder CAS (Computer-Algebra-System); Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

Material A: Das Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndrom

Das Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndrom (JLNS) ist eine seltene Erkrankung, die bei Menschen zum plötzlichen Herztod führen kann. Typisch für die Erkrankung sind anfallsweise auftretende Herzrhythmusstörungen, die zum Herzrasen bis hin zur Bewusstlosigkeit führen können. Diese Symptome treten bevorzugt bei körperlicher Belastung oder in Stresssituationen auf. Einige Merkmalsträger haben keine Beschwerden und bleiben ohne Symptome. Bei ihnen wird das JLN-Syndrom nur bei zufälligen EKG-Untersuchungen diagnostiziert.

Material B: Molekulargenetische Ursachen des Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndroms

Die SSCP-Analyse ist eine besondere Form der Gelelektrophorese, mit der das Vorhandensein von Mutationen in Genen nachgewiesen werden kann. Zunächst wird der zu untersuchende DNA-Abschnitt mittels PCR vervielfältigt. Die DNA wird denaturiert, sodass die komplementären DNA-Doppelstränge in Einzelstränge getrennt werden. Dies geschieht in einer Lösung, welche die Wiederherstellung der doppelsträngigen DNA verhindert. Die beiden Einzelstränge falten sich dann je nach Basensequenz zu einer räumlichen Struktur, die später die Wanderungsgeschwindigkeit des jeweiligen Einzelstrangs im Gel bestimmt. Bereits der Austausch einer einzigen Base kann eine deutliche Änderung der Wanderungsgeschwindigkeit eines Einzelstrangs im Gel bewirken. Während der Gelelektrophorese werden alle Einzelstränge einer Probe, also sowohl codogene als auch nicht-codogene Einzelstränge beider Allele, in einer Spur aufgetrennt.

Bei einer vom Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndrom betroffenen Familie wurde eine SSCP-Untersuchung eines Genabschnitts des KCNQ1 -Gens durchgeführt (Abbildung 2). Dieses Gen codiert für ein 676 Aminosäuren langes Kaliumionen-Kanalprotein, das besonders häufig in Herzmuskelzellen exprimiert wird. Es ist an der Ausbildung des für Herzmuskelzellen typischen kardialen Aktionspotentials beteiligt. Im Anschluss an die SSCP-Analyse wurden die Genabschnitte sequenziert (Tabelle 1).

Material C: Auswirkungen der Mutation

Um die Auswirkungen der in Tabelle 1 dargestellten Mutation auf die Funktionsfähigkeit des Kaliumionen-Kanals zu überprüfen, wurden das Normal-Allel und das mutierte Allel des KCNQ1 -Gens jeweils in tierischen Zellen exprimiert. Nach künstlicher Reizung durch Anlegen verschiedener Spannungen wurde die Stärke des jeweiligen Kaliumionen-Stroms gemessen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Relativer Kaliumionen-Strom bei Reizung mit unterschiedlicher Spannung

Material D: Das kardiale Aktionspotential

Jeder reguläre Herzschlag wird ausgelöst von einem spontanen elektrischen Impuls, der von einer Gruppe von spezialisierten Zellen im Herzen ausgeht. Von dort breitet sich das kardiale Aktionspotential (Abbildung 4A) sehr schnell über alle Herzmuskelzellen aus. Die einzelnen Herzmuskelzellen besitzen in ihrem Inneren Proteine, die sich nach Auslösung des Aktionspotentials zusammenziehen und dadurch jeweils einen kleinen Beitrag zur Kontraktion des gesamten Herzmuskels leisten.

An der Ausbildung des kardialen Aktionspotentials sind verschiedene Ionenkanäle beteiligt (Abbildung 4B). Diese werden von unterschiedlichen Genen codiert. Das KCNQ1 -Gen codiert für einen der fünf beteiligten Kaliumionen-Kanäle, den K v 7.1-Kanal.

Abbildung 4: Das kardiale Aktionspotential.

A Verlauf des Aktionspotentials bei einer Herzmuskelzelle;

B Spannungsänderungen während des kardialen Aktionspotentials, aufgeschlüsselt nach den beteiligten Ionenkanälen. Die y-Achse gibt die aus dem jeweiligen Ionenfluss folgende relative Spannungsänderung in Millivolt pro Sekunde an.

Material E: Codesonne und Tabelle zum genetischen Code

3.

Beschreiben Sie die Versuchsergebnisse, die Material C darstellt. Erklären Sie, wie sich die Mutation des KCNQ1 -Gens auf die Funktion des Kaliumionen-Kanals auswirkt (Materialien B und C).

[10 Punkte]

4.

Beschreiben Sie, wie ein kardiales Aktionspotential verläuft (Abbildung 4A), und erklären Sie diesen Verlauf anhand von Abbildung 4B (Material D). Erklären Sie, welche Folgen die Mutation des KCNQ1 -Gens für den Verlauf des kardialen Aktionspotentials hat (Materialien B bis D). Entwickeln Sie eine Hypothese, die die Symptome des Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndroms unter Belastung erklärt (Materialien A, C und D).

[20 Punkte]

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Beschreiben Sie die Versuchsergebnisse, die Material C darstellt. Erklären Sie, wie sich die Mutation des KCNQ1-Gens auf die Funktion des Kaliumionen-Kanals auswirkt (Materialien B und C).

Lösung: Beschreibung: - Bei einer angelegten Spannung von -60 mV ist sowohl bei dem vom Normal-Allel als auch bei dem vom mutierten Allel exprimierten Kaliumionen-Kanal kein Ionenstrom messbar. - Mit steigender Spannung erhöht sich bei beiden Kaliumionen-Kanälen der relative Kaliumionen-Strom. - Der relative Kaliumionen-Strom durch KCNQ1-Kanäle des Normal-Allels ist höher als der durch mutierte Kanäle; der Unterschied vergrößert sich mit steigender Spannung. - Bei der größten Spannung (+60 mV) zeigt der mutierte Kanal weniger als die Hälfte des relativen Ionenstroms des Normal-Kanals. Erklärung: - Der Kanal öffnet sich und ist weiterhin spannungsgesteuert. - Die Mutation verändert vermutlich die räumliche Struktur des Kanalproteins (z. B. Verengung), sodass weniger Kaliumionen passieren können.

4. Beschreiben Sie, wie ein kardiales Aktionspotential verläuft (Abbildung 4A), und erklären Sie diesen Verlauf anhand von Abbildung 4B (Material D). Erklären Sie, welche Folgen die Mutation des KCNQ1-Gens für den Verlauf des kardialen Aktionspotentials hat (Materialien B bis D). Entwickeln Sie eine Hypothese, die die Symptome des Jervell-und-Lange-Nielsen-Syndroms unter Belastung erklärt (Materialien A, C und D).

Lösung: Verlauf des Aktionspotentials: - Rasche Depolarisation von ca. -90 mV auf +30 mV. - Nach ca. 10 ms leichtes Absinken auf ca. +15 mV. - Plateauphase: Depolarisation bleibt für ca. 250 ms erhalten. - Repolarisation zurück zum Ruhepotential nach etwa 400 ms. Erklärung über Ionenkanäle: - Öffnung von Na+- und Ca2+-Kanälen bedingt raschen Kationeneinstrom und Depolarisation. - Schließen der Na+-Kanäle und Abnahme des Ca2+-Einstroms; Öffnung von Kv1.4/Kv4.3 (und beginnend Kv7.1/Kv11.1) lässt K+ ausströmen (Peak-Absenkung auf +15 mV). - Anhaltender Ca2+-Einstrom balanciert den K+-Ausstrom (Kv7.1, Kv11.1) aus → Plateauphase. - Nach ~300 ms endet der Ca2+-Einstrom; verstärkter K+-Ausstrom (u. a. Kir2.1) führt zur vollständigen Repolarisation. Auswirkung der Mutation: - Verminderter K+-Ausstrom durch Kv7.1 verzögert die Repolarisation (Verlängerung des Aktionspotentials). Hypothese bei Belastung: - In Ruhe reicht der verminderte Ausstrom aus, um das Ruhepotential vor dem nächsten Schlag zu erreichen. - Bei Belastung steigt die Herzfrequenz; ein neuer Erregungsimpuls trifft die Herzmuskelzelle noch während der unvollständigen Repolarisation (Refraktärphase/veränderte Ionenverteilung). - Dies führt zu veränderten Ionenströmen, Herzrhythmusstörungen und Gefahr des plötzlichen Herztods.

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