Aufgabe 1 - Teilaufgaben 1 bis 3: Membranpotenzia… · Abitur NRW Biologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Thema: Chemotaktile Wahrnehmung bei Octopus
Material A: Jagdverhalten bei Octopus
Die Vertreter der Gattung Octopus leben in Tiefen bis zu 200 Meter vorwiegend am Meeresboden. Sie besitzen einen Kopf, acht Arme, die mit jeweils zwei Reihen von Saugnäpfen besetzt sind, und einen Eingeweidesack mit Tintenblase. Oktopusse sind Jäger, die vorwiegend Krebstiere, Muscheln und Schnecken und manchmal Fische mithilfe ihrer Arme erbeuten. Beständig suchen sie mit ihren beweglichen Armen auf und im Untergrund nach Nahrung. Bei Gefahr entleert der Octopus seine Tintenblase und flüchtet vor Feinden wie etwa Kalmaren im Schutz des tintengefärbten Wassers. Oktopusse verfügen über empfindliche Sinnesorgane und ein leistungsfähiges Gehirn. Sie besitzen zwei hoch entwickelte Linsenaugen und können Wasserströmungen über ein Seitenlinienorgan wahrnehmen. Insbesondere die Arme mit den Saugnäpfen sind sehr stark von Neuronen durchzogen. Die Zellkörper dieser Neuronen liegen gemeinsam in einer Verdickung, dem Ganglion, an der Basis des jeweiligen Arms. Die Bewegung jedes Arms kann von dessen eigenem Ganglion und daher unabhängig vom Gehirn gesteuert werden.
In Experimenten mit dem Gewöhnlichen Kraken ( Octopus vulgaris) wurde im Aquarium die Häufigkeit des zuerst geöffneten Schraubgefäßes ermittelt (Abbildung 1). Als Nahrung bevorzugte O. vulgaris ohne Schraubgefäß immer Sardellen. Bei blickdichten Gefäßen mit Deckeln ohne Löcher wurden beide Gefäße annähernd gleich häufig zuerst geöffnet.
Material B: Neurophysiologische Untersuchungen bei Zelltypen von Saugnäpfen
Die Saugnäpfe der Arme des Kalifornischen Zweipunktkraken ( Octopus bimaculoides) wurden genauer analysiert. Hier treten drei Zelltypen auf, die sich in ihrem Aufbau und ihrer neurophysiologischen Reaktion auf verschiedene Reizarten unterscheiden lassen. Untersucht wurde der reizabhängige Einstrom von Kationen wie etwa Natriumionen in den jeweiligen Zelltyp mithilfe elektrophysiologischer Messungen (Abbildung 2).
Um die elektrophysiologischen Eigenschaften der drei Zelltypen zu untersuchen, wurden die verschiedenen Zelltypen unterschiedlich starken künstlichen Reizströmen ausgesetzt und die jeweilige Reaktion gemessen (Abbildung 3).
Abbildung 3 Elektrophysiologische Reaktion der Zelltypen des Saugnapfs bei unterschiedlich starken Reizströmen.
pA = Pico-Ampere
Material C: Spezifität der Chemorezeptorproteine
Molekulare Analysen der Chemorezeptorzellen führten zur Identifikation einer Vielzahl von Chemorezeptorproteinen, den CR-Proteinen, bei Octopus bimaculoides. Allgemein sind Chemorezeptorproteine Transmembranproteine, die von außen kommende Stoffe zu Beginn der Signaltransduktion spezifisch binden. Bei O. bimaculoides bilden die unterschiedlichen CR-Proteine Ionenkanäle, die nach Aktivierung für Kationen permeabel werden. Um die Spezifität dieser CR-Proteine genauer zu analysieren, wurden ihre Reaktionen auf unterschiedliche chemische Substanzen wie zum Beispiel Oktopus-Tinte elektrophysiologisch untersucht, auch mithilfe der Patch-Clamp-Technik. Die Ergebnisse der Experimente für ausgewählte CR-Proteine sind in Tabelle 1 zusammengefasst.
Im Wasser werden gut wasserlösliche (hydrophile) Stoffe schneller gleichmäßig in einem großen Volumen verteilt. Schlecht wasserlösliche (hydrophobe) Stoffe bleiben länger in der Nähe der Stoffquelle. Fischextrakt enthält sowohl hydrophile als auch hydrophobe Stoffe. Physiologisch bedeutende hydrophobe Substanzen sind zum Beispiel Atractylon und Polygodial. Diese beiden hydrophoben Stoffe werden auch von Muscheln oder Schnecken insbesondere bei Bedrohung abgegeben.
Material D: Evolution von CR-Proteinen
Acetylcholin-gesteuerte Natriumionen-Kanäle chemischer Synapsen, kurz bezeichnet als ACh-Rezeptorproteine, kommen in vielen Variationen in den unterschiedlichen neuronalen Geweben bei Wirbellosen und Wirbeltieren vor. Sie weisen alle einen Bereich auf, der den Liganden Acetylcholin binden kann. Die verschiedenen Varianten dieser ACh-Rezeptorproteine werden zum Beispiel beim Menschen oder auch beim Octopus durch eine Vielzahl unterschiedlicher Genkopien codiert. Die CR-Proteine von Octopus bimaculoides zeigen Sequenzübereinstimmungen zu Acetylcholin-gesteuerten Natriumionen-Kanälen erregender chemischer Synapsen, reagieren aber nicht auf den Liganden Acetylcholin. Die CR-Proteine findet man nur bei Octopus und anderen Kopffüßern in großer Vielfalt, aber nicht bei anderen Wirbellosen und auch nicht bei Wirbeltieren.
Durch Genverdopplungen können aus einem Ursprungsgen mehrere Genkopien entstehen, die sich evolutiv unterschiedlich entwickeln können. Solche Vorgänge führen zur Bildung von Genfamilien wie zum Beispiel bei den hier verglichenen Rezeptorproteinen. Abbildung 4 zeigt einen vereinfachten phylogenetischen Stammbaum ausgewählter ACh-Rezeptorproteine und CR-Proteine von O. bimaculoides.
1.
Stellen Sie in knapper Form das experimentelle Vorgehen dar und werten Sie Abbildung 1 im Hinblick auf die Rolle der verschiedenen Reizarten für Octopus aus (Material A). [10 Punkte]
2.
Fassen Sie die Ergebnisse aus den Abbildungen 2 und 3 zusammen und erklären Sie, wie die Signaltransduktion in Mechano- und Chemorezeptorzellen von Octopus bimaculoides abläuft (Material B). Deuten Sie diese Ergebnisse hinsichtlich der Rolle der unterschiedlichen Reizarten und beziehen Sie dabei die neuronale Informationsverarbeitung im Ganglion von Octopus bimaculoides ein (Materialien A und B). [22 Punkte]
3.
Stellen Sie die Patch-Clamp-Technik dar. Werten Sie Tabelle 1 daraufhin aus, wie spezifisch die beiden CR-Proteine sind (Material C). Erläutern Sie, welche Bedeutung die ausgewählten CR-Proteine und die Mechanorezeptoren für das Verhalten von Octopus bimaculoides in seiner natürlichen Umgebung haben (Materialien A bis C). [20 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie in knapper Form das experimentelle Vorgehen dar und werten Sie Abbildung 1 im Hinblick auf die Rolle der verschiedenen Reizarten für Octopus aus (Material A).
Lösung: Experimentelle Vorgehensweise und Auswertung der Reizarten: - Zwei Schraubgefäße mit bevorzugter Beute (Sardelle) und Alternative (Miesmuschel) im Aquarium. - Gefäße variieren Reizarten: Deckellöcher ermöglichen chemische Reize (Geruch/Geschmack im Wasser), durchsichtige Gefäße optische Reize, blickdichte Gefäße schließen optische Reize aus. - Erfasst wird, welches Gefäß O. vulgaris zuerst öffnet. - Auswertung: Bei gleichzeitigem chemischen und optischen Reiz (A: 85 % Sardelle) sowie bei rein chemischem Reiz ohne optischen Reiz (C: 85 % Sardelle) wird gleich häufig die bevorzugte Beute gewählt. Fehlt der chemische Reiz (B: nur noch 61 % Sardelle), sinkt die Trefferquote deutlich. Daraus folgt: Der chemische Reiz ist für das Auffinden und Erkennen von Beute deutlich bedeutsamer als der optische Reiz.
2. Fassen Sie die Ergebnisse aus den Abbildungen 2 und 3 zusammen und erklären Sie, wie die Signaltransduktion in Mechano- und Chemorezeptorzellen von Octopus bimaculoides abläuft (Material B). Deuten Sie diese Ergebnisse hinsichtlich der Rolle der unterschiedlichen Reizarten und beziehen Sie dabei die neuronale Informationsverarbeitung im Ganglion von Octopus bimaculoides ein (Materialien A und B).
Lösung: Ergebniszusammenfassung, Signaltransduktion und Deutung: - Abb. 2: Stützzellen zeigen weder bei mechanischer noch bei chemischer Reizung einen Kationeneinstrom. Mechanorezeptorzellen reagieren spezifisch auf Verbiegung (mechanischer Reiz) mit einem sehr kurzen, starken Kationeneinstrom (bis zu 400 pA Peak). Chemorezeptorzellen reagieren spezifisch auf Fischextrakt mit einem länger anhaltenden, moderaten Kationeneinstrom (~100 pA). - Abb. 3: Stützzellen bilden keine Aktionspotenziale (AP). Mechanorezeptorzellen bilden ab einem Schwellenwert von ca. 15 pA Aktionspotenziale mit geringer Frequenz (bis ca. 2 AP/s). Chemorezeptorzellen generieren bereits ab ca. 10 pA Aktionspotenziale und erreichen steil ansteigend hohe Frequenzen (über 10 AP/s bei 30 pA). - Signaltransduktion: Mechanische Verbiegung bzw. spezifische Bindung von Liganden öffnet kationenpermeable Ionenkanäle der Rezeptorzelle. Der Einstrom von Kationen (v. a. Na⁺) führt zur Depolarisation (Rezeptorpotenzial), welche sich elektrotonisch ausbreitet und am Axonhügel spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle öffnet, wodurch frequenzcodierte Aktionspotenziale entstehen. - Deutung und Ganglienverarbeitung: Durch die Spezifität der Rezeptortypen können Reizarten getrennt wahrgenommen werden. Die hohe Empfindlichkeit und Entladungsrate der Chemorezeptorzellen ermöglicht eine präzise chemische Ortung. Da die Armganglien unabhängig vom Gehirn agieren, können Reize lokal verarbeitet und unmittelbar in koordinierte Greifbewegungen der Arme und Saugnäpfe umgesetzt werden.
3. Stellen Sie die Patch-Clamp-Technik dar. Werten Sie Tabelle 1 daraufhin aus, wie spezifisch die beiden CR-Proteine sind (Material C). Erläutern Sie, welche Bedeutung die ausgewählten CR-Proteine und die Mechanorezeptoren für das Verhalten von Octopus bimaculoides in seiner natürlichen Umgebung haben (Materialien A bis C).
Lösung: Patch-Clamp-Technik, Auswertung Tabelle 1 und ökologische Bedeutung: - Patch-Clamp-Technik: Eine feine Glas-Mikrokapillare mit Messelektrode wird dicht auf die Zellmembran aufgesetzt (Gigaseal), sodass idealerweise ein einzelner oder wenige Ionenkanäle erfasst werden. Unter Spannungsklemme (Voltage-Clamp) werden Stromflussänderungen gemessen, die durch das Öffnen und Schließen des Kanals bei Substanzzugabe entstehen. - Auswertung Tabelle 1: Beide CR-Proteine (CR518 und CR840) werden durch Fischextrakt stark aktiviert. CR518 reagiert zusätzlich hochspezifisch auf hydrophobe Abwehrsubstanzen von Beutetieren (Atractylon, Polygodial) mit starker Aktivierung; Tinte hemmt die Aktivierung durch Fischextrakt vollständig. CR840 reagiert nicht auf Atractylon/Polygodial und wird durch Tinte nur partiell gehemmt (mittlere Aktivierung). - Bedeutung für das natürliche Verhalten: Hydrophobe Stoffe wie Atractylon lösen sich schlecht im Wasser und verbleiben konzentriert an der Beuteoberfläche. Octopus nutzt die Saugnäpfe mit CR518 zum gezielten chemotaktilen Aufspüren versteckter Schnecken/Muscheln bei direktem Kontakt, unterstützt durch Mechanorezeptoren beim Betasten von Spalten. Eigene Tinte bei Fluchtreaktionen hemmt die Chemorezeptoren (insbesondere CR518), wodurch das Jagdverhalten unterbrochen und ein sofortiger Wechsel zu Fluchtverhalten begünstigt wird.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe 1 (Teilaufgaben 1 bis 3) - Neurobiologie · LK · Haupttermin 2022 · Aufgabe 1 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · LK · Nachtermin 2022 ›
Mehr Aufgaben zu Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung
- Aufgabe 2 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · LK · Nachtermin 2023
- Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · GK · Haupttermin · bilingual Englisch 2022
- Aufgabe HT 1 - 2: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erre… · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
- Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1: Nervenzelle: Membranpo… · GK · Nachtermin 2022
- Aufgabe 1 (Teilaufgaben 1 bis 3) - Neurobiologie · LK · Haupttermin 2022
- Aufgabe 1 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · LK · Nachtermin 2022
- Aufgabe 2 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · LK · Nachtermin 2022
- Aufgabe 1 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022
- Aufgabe 2 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022
- Aufgabe 2 (1–2) - Nervenzelle: Membranpotenziale… · GK · Haupttermin 2021