Aufgabe 2, 4, 5 - Nahrungsbeziehungen und Populationen · Abitur NRW Biologie LK · Leben in der Tiefsee 2026

Thema: Nahrungsbeziehungen und Populationen · Aus der Prüfung LK · Leben in der Tiefsee (2026)

Aufgabenstellung

Lebewesen der Tiefsee

Bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde angenommen, dass in der Tiefsee aufgrund der vorherrschenden extremen Umweltbedingungen keine oder kaum Lebewesen existieren. Inzwischen werden mit moderner Technik viele interessante Lebensformen aus diesen Bereichen der Meere erforscht, darunter auch hoch spezialisierte Miesmuschel- und Bakterienarten mit ihren Stoffwechselwegen.

Material 1: Leben in der Tiefsee

Die Tiefsee beginnt ab ca. 800 m Wassertiefe und zählt zu den wenig erforschten Gebieten der Welt. Das Sonnenlicht dringt nicht bis in diese Bereiche vor, wodurch keine fotosynthetisch aktiven Organismen überleben können und somit diese Nahrungsgrundlage für viele Organismen fehlt. Sauerstoff gelangt nur in geringen Mengen über Meeresströmungen bis in tiefe Wasserschichten. Nur ungefähr ein Prozent der schwebenden Biomasse aus den höher liegenden lichtdurchfluteten Wasserschichten kommt in der Tiefsee an, da der Rest bereits in dem darüber liegenden Freiwasser gefressen wird.

Bei einer Expedition wurde in rund 2.500 m Wassertiefe ein sogenanntes Hydrothermalfeld entdeckt. Hydrothermalfelder bilden in der Tiefsee einen einzigartigen Lebensraum. Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit werden diese Bereiche gelegentlich als autarkes Ökosystem, also als unabhängig von äußeren Einflüssen, angesehen.

In das Ökosystem Hydrothermalfeld ragen vulkanische Schlote aus dem Meeresboden. Aus diesen Schloten strömt bis zu 400 °C heißes Wasser, welches mit Mineralstoffen, wie z. B. Schwefelverbindungen, angereichert ist. Um diese heißen Schlote herum wurden zahlreiche Bakterienarten entdeckt, die aus dem mineralstoffhaltigen Wasser Schwefelverbindungen aufnehmen und umwandeln. Die dabei freiwerdende Energie wird für den Aufbau von Kohlenhydraten, wie z. B. Glucose, genutzt. Diese Bakterien bilden die Nahrungsgrundlage für viele Tierarten. Dazu zählen unter anderem Tiefsee-Miesmuscheln, große Röhrenwürmer und Krabben. Diese Tiere ernähren sich auch von den wenigen organischen Schwebstoffen im Wasser. Es wurde ebenfalls beobachtet, dass sich verschiedene räuberisch lebende Fische und Tintenfische aus höher liegenden Wasserschichten trotz des hohen Drucks, der in diesen Tiefen herrscht, von den Tiefsee-Miesmuscheln, Röhrenwürmern und Krabben ernähren. Die größeren Tiere halten sich allerdings nur kurzzeitig für die Nahrungssuche in der Tiefsee auf.

(Quelle: In Anlehnung an Scinexx - Das Wissensmagazin, 2018 und Better Oceans, 2023)

Material 2: Tiefsee-Miesmuscheln der Gattung Bathymodiolus

Im Ökosystem Hydrothermalfeld im Bereich der heißen Schlote sind umfangreiche Ansammlungen von Tiefsee-Miesmuscheln der Gattung Bathymodiolus zu finden. Bei Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass in der oberen Hautschicht ihrer Kiemen, dem sogenannten Kiemenepithel, schwefeloxidierende Bakterien leben. Sie kommen dort in besonderen Zellen, den Bakteriocyten, vor. Dadurch werden diese Bakterien nicht durch das Wasser weggespült oder von Krebsen gefressen. Des Weiteren gelangen die Bakterien durch den Filtrationsstrom an den Kiemen leichter an Schwefelverbindungen und Sauerstoff. Durch Chemosynthese können die Bakterien die Energie aus Schwefelwasserstoff umwandeln und Kohlenhydrate aufbauen. Diese organischen Produkte nutzen auch andere Organismen wie beispielsweise die Tiefsee-Miesmuscheln als Nahrung. Die Bakterien wiederum verwenden Abbauprodukte aus dem Stoffwechsel der Tiefsee-Miesmuscheln zum Aufbau organischer Substanzen.

(Quelle: In Anlehnung an Kreutzmann & Dubilier, 2016)

Material 3: Schwefeloxidierende Bakterien

Schwefeloxidierende Bakterien in den Bakteriocyten der Tiefsee-Miesmuscheln gewinnen Energie durch Chemosynthese. Dabei findet ähnlich wie bei Pflanzen ein Calvin-Zyklus statt. Diese Bakterien wandeln Schwefelwasserstoff (H2S\text{H}_2\text{S}) schrittweise zu Sulfat-Ionen (SO42−\text{SO}_4^{2-}) um (Abb. 1). Die dabei freiwerdende Energie wird für die Bildung von ATP genutzt. Außerdem wird NADPH+H+\text{NADPH} + \text{H}^+ oder NADH+H+\text{NADH} + \text{H}^+ gebildet. Diese Zwischenprodukte werden anschließend im Calvin-Zyklus der Bakterien zur Produktion von Kohlenhydraten, z. B. Glucose, unter Nutzung von CO2\text{CO}_2 verwendet.

Die Gesamtgleichung der Chemosynthese lautet:

6 CO2+6 H2S+6 O2+6 H2O⟶C6H12O6+12 H++6 SO42−6\,\text{CO}_2 + 6\,\text{H}_2\text{S} + 6\,\text{O}_2 + 6\,\text{H}_2\text{O} \longrightarrow \text{C}_6\text{H}_{12}\text{O}_6 + 12\,\text{H}^+ + 6\,\text{SO}_4^{2-}

Die folgende Abbildung 1 zeigt eine vereinfachte Modellvorstellung über ausgewählte Prozesse in einer Bakteriocyte.

2

Analysieren Sie die ökologische Beziehung zwischen schwefeloxidierenden Bakterien und Tiefsee-Miesmuscheln der Gattung Bathymodiolus (M 1, M 2). [7 BE]

4

Beschreiben Sie den Energiefluss in einem Ökosystem allgemein. Erläutern Sie die Bedeutung der schwefeloxidierenden Bakterien für das Ökosystem Hydrothermalfeld der Tiefsee (M 1, M 2). [9 BE]

5

Beurteilen Sie die Einordnung von Hydrothermalfeldern als autarke Ökosysteme (M 1, M 2). [8 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe 2, 4, 5 - Nahrungsbeziehungen und Populationen · Abitur NRW Biologie LK · Leben in der Tiefsee 2026

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Analysieren Sie die ökologische Beziehung zwischen schwefeloxidierenden Bakterien und Tiefsee-Miesmuscheln der Gattung Bathymodiolus (M 1, M 2).

Lösung: Zwischen den schwefeloxidierenden Bakterien und den Tiefsee-Miesmuscheln der Gattung *Bathymodiolus* liegt eine Symbiose (Mutualismus/Endosymbiose) vor, da es ein Zusammenleben verschiedener Arten zum gegenseitigen Vorteil darstellt: * Vorteile für die schwefeloxidierenden Bakterien: * Sie sind durch ihre Lage im Kiemenepithel geschützt (vor Fressfeinden wie Krebsen und vor Strömungen bzw. Wegspülen). * Sie erhalten über den Filtrationsstrom der Muschel Schwefelverbindungen und Sauerstoff zur Chemosynthese. * Sie nutzen Abbauprodukte aus dem Stoffwechsel der Muscheln zum Aufbau organischer Substanzen. * Vorteile für die Tiefsee-Miesmuscheln: * Sie werden durch die Bakterien mit energiereichen Kohlenhydraten (organischen Stoffen) als Nahrung versorgt.

4 Beschreiben Sie den Energiefluss in einem Ökosystem allgemein. Erläutern Sie die Bedeutung der schwefeloxidierenden Bakterien für das Ökosystem Hydrothermalfeld der Tiefsee (M 1, M 2).

Lösung: Beschreibung des Energieflusses allgemein: * Energie (Sonnenlicht bzw. chemische Energie) wird von Primärproduzenten zum Aufbau energiereicher organischer Stoffe genutzt. * Bei der Weitergabe organischer Substanzen an höhere Trophieebenen (Konsumenten, Destruenten) wird nur ein kleiner Teil der chemischen Energie (ca. 10 %) übertragen. * Der Großteil der nutzbaren Energie geht vor allem durch Zellatmung/Umwandlung in Wärmeenergie (Dissipation) sowie durch Ausscheidungen für die nachfolgende Trophieebene verloren; Energie fließt als offener Strom durch das System und wird nicht recycelt. Bedeutung der Bakterien für das Hydrothermalfeld: * Da kein Sonnenlicht vorhanden ist, stellen schwefeloxidierende Bakterien als chemoautotrophe Primärproduzenten energiereiches organisches Material bereit. * In der Tiefsee steht kaum anderes organisches Material am Anfang der Nahrungskette für Konsumenten 1. Ordnung (z. B. Krebse, Röhrenwürmer) zur Verfügung. * Das gesamte Ökosystem der Hydrothermalfelder ist grundlegend von diesen Bakterien abhängig.

5 Beurteilen Sie die Einordnung von Hydrothermalfeldern als autarke Ökosysteme (M 1, M 2).

Lösung: Argumente für Autarkie: * Die abgeschiedene Lage in der Tiefsee ohne nennenswerte Zu- oder Abwanderung der spezifisch angepassten Arten. * Primärproduzenten (chemoautotrophe Bakterien) stehen eigenständig für den Aufbau von Biomasse zur Verfügung. * Energieliefernde Stoffe (H2SH_2S) aus den hydrothermalen Quellen sowie CO2CO_2 stehen unabhängig von Sonnenlicht bereit. Argumente gegen Autarkie: * Absinkende organische Schwebstoffe („Meeresschnee“) aus höheren Wasserschichten führen Biomasse und Energie von außen zu. * Größere Konsumenten höherer Ordnung (räuberische Fische, Tintenfische) dringen temporär aus höheren Wasserschichten ein und entnehmen Biomasse. * Entscheidend: Der für die Schwefeloxidation benötigte molekulare Sauerstoff (O2O_2) stammt aus der Photosynthese oberflächennaher Schichten und gelangt nur über Meeresströmungen in die Tiefsee. Sachurteil: Hydrothermalfelder können nicht als vollständig autarke Ökosysteme angesehen werden, da es entscheidende Stoff- und Energieeinträge von außen gibt (insbesondere gelösten Sauerstoff aus der photosynthetischen Biosphäre) sowie Stoffaustausch mit anderen Meereszonen stattfindet.

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