Aufgabe 1 (1–2) - Nahrungsbeziehungen und Populat… · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin 2021
Thema: Nahrungsbeziehungen und Populationen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Thema: Obst als Lebensraum
Material A: Lebensraum Weintrauben
Reife Weintrauben, die Früchte der Weinrebe ( Vitis vinifera), sind für viele Organismen Nahrungsquelle und Lebensraum. Hefen, zu denen auch die Bäckerhefe ( Saccharomyces cerevisiae) gehört, sind einzellige Pilze. Die Bäckerhefe kommt in der Natur vor allem auf Früchten vor. Im Herbst verbreitet sie sich rasch auf reifen, zuckerreichen Weintrauben. Sie vergärt den Zucker zur Energiegewinnung, wobei unter anderem Alkohol und verschiedene flüchtige Stoffe entstehen. Auch andere Pilze, wie etwa der Grauschimmelpilz ( Botrytis cinereum) oder Penicillium -Arten, nutzen Weintrauben als Nahrungsquelle.
Die Taufliege ( Drosophila melanogaster) ist weltweit verbreitet und lebt auf verschiedenen Früchten und anderem organischen Material. Ausgewachsene Taufliegen nutzen überreife und gärende Weintrauben als Nahrungsquelle und Substrat für die Eiablage. Die Fliegen und ihre Larven fressen nicht nur die Früchte, sondern auch die darauf vorkommende Bäckerhefe, die lebensnotwendige Aminosäuren, Fette und Vitamine enthält.
Schlupfwespen der Gattung Leptopilina können ein Ei in eine Taufliegen-Larve legen. Die geschlüpfte Wespenlarve frisst die Taufliegen-Larve von innen her und verlässt als ausgewachsene Wespe deren Hülle. Zebraspringspinnen ( Salticus scenicus) jagen auf reifen und gärenden Weintrauben Insekten, die sie aus mehreren Zentimetern Entfernung anspringen und mit einem Giftbiss töten.
Material B: Verbreitung der Bäckerhefe auf Weintrauben
In einem Experiment wurden ausgewachsene Taufliegen verwendet, die im Labor gezüchtet worden waren und vor dem Versuch keinen Kontakt mit Bäckerhefe hatten. Diese Taufliegen wurden zu Versuchsbeginn entweder einen Tag lang mit Bäckerhefe-freiem Futter oder mit einem Futter mit lebender Bäckerhefe gefüttert. Jeweils eine dieser Taufliegen wurde dann auf eine sterilisierte, Bäckerhefe-freie Weintrauben-Probe gesetzt. Als Kontrolle dienten Weintrauben-Proben ohne Zugabe von Taufliegen (Tabelle 1).
Tabelle 1 Wachstum von Bäckerhefe auf Weintrauben. Es wurden jeweils zehn Versuche durchgeführt. Versuchsansatz · Weintrauben-Proben mit Bäckerhefebewuchs
Taufliegen mit Bäckerhefe-freiem Futter · 0
Taufliegen mit Bäckerhefe-haltigem Futter · 10
Kontrolle ohne Taufliegen · 0
Material C: Vermehrung der Taufliege
In weiteren Experimenten wurde der Einfluss der Früchte und der Bäckerhefe auf die Vermehrung der Taufliege untersucht. Dazu wurden vier verschiedene Proben verwendet: Weintrauben, durch Bäckerhefe-Zusatz vergorene Weintrauben, ein Weintrauben-freies Nährmedium für Taufliegen und das durch Bäckerhefe-Zusatz vergorene Nährmedium. Die von diesen Proben abgegebenen Duftstoffe wurden als Geruchsprobe aufgefangen. Jede Geruchsprobe wurde einzeln in einen Windkanal gegeben, in dem sich jeweils 20 Taufliegen befanden. Nach 15 Minuten wurde jeweils die Anzahl der Taufliegen gezählt, die gegen den Wind geflogen und auf der betreffenden Geruchsquelle gelandet waren (Abbildung 1A).
Weiterhin wurde aus den vier Proben jeweils ein Untergrund für die Eiablage hergestellt. Je 20 befruchtete Taufliegenweibchen wurden für 24 Stunden zu den Eiablageuntergründen gegeben und anschließend die abgelegten Eier gezählt (Abbildung 1B).
In einem dritten Experiment wurden zwei Tage alte, Hefe-freie Taufliegen-Larven zum einen auf Weintraubenstücke mit oder ohne Bäckerhefe und zum anderen auf das Nährmedium mit oder ohne Bäckerhefe gelegt. Danach wurde der prozentuale Anteil an Larven bestimmt, die sich bis zur ausgewachsenen Taufliege entwickelten (Abbildung 1C).
Material D: Duftstoffe der Hefen
Die Gruppe der Hefen umfasst 83 Gattungen mit etwa 600 Arten. Viele dieser Pilze produzieren Duftstoffe. In einem Versuch wurden sieben verschiedene Hefe-Arten eingesetzt, die phylogenetisch wenig verwandt sind und sich deutlich in ihren Lebensbedingungen unterscheiden: Einige leben auf Früchten, andere auf Insekten, in Milch oder als Krankheitserreger des Menschen. In einem Windkanal-Versuch, wie in Material C beschrieben, wurde untersucht, inwiefern ausgewachsene Taufliegen zu Geruchsproben dieser verschiedenen Hefe-Arten fliegen (Abbildung 2).
Aufgabenstellung: Thema: Obst als Lebensraum
1.
Skizzieren Sie anhand von Material A ein Nahrungsnetz und geben Sie begründend an, welchen Trophieebenen die Organismen zuzuordnen sind (Material A). (11 Punkte)
2.
Fassen Sie die Ergebnisse aus Tabelle 1 zusammen und erklären Sie davon ausgehend, welche Bedeutung die Taufliege für die Bäckerhefe hat (Materialien A und B). Beschreiben Sie die Ergebnisse aus Abbildung 1 und werten Sie diese hinsichtlich der Rolle von Duftstoffen für die Vermehrung der Taufliege aus (Materialien A und C). Prüfen Sie, inwiefern die Beziehung zwischen Bäckerhefe und Taufliege als Symbiose gelten kann (Materialien A bis C). (27 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Skizzieren Sie anhand von Material A ein Nahrungsnetz
Lösung: Ein vollständiges Nahrungsnetz mit Pfeilrichtung 'wird gefressen von': - Weinrebe → Grauschimmel - Weinrebe → Bäckerhefe - Weinrebe → Penicillium - Weinrebe → Taufliege - Bäckerhefe → Taufliege - Taufliege → Zebraspringspinne - Taufliege → Schlupfwespe (Auch eine Verbindung von Schlupfwespe zu Zebraspringspinne ist möglich).
1. Geben Sie begründend an, welchen Trophieebenen die Organismen zuzuordnen sind (Material A)
Lösung: - Die Weinrebe ist als Photosynthese betreibende Pflanze ein Produzent und Nahrungsquelle für verschiedene Lebewesen. - Die drei Pilze Bäckerhefe, Grauschimmel und Penicillium sind Konsumenten erster Ordnung, die den Produzenten als Nahrungsquelle nutzen. - Die Taufliege ist ein Konsument erster und zweiter Ordnung, da sie sowohl Weintrauben als auch den Konsumenten Bäckerhefe frisst. - Die Zebraspringspinne und die Schlupfwespe nutzen die Taufliege als Nahrungsquelle und sind somit Konsumenten zweiter beziehungsweise dritter Ordnung.
2. Fassen Sie die Ergebnisse aus Tabelle 1 zusammen und erklären Sie davon ausgehend, welche Bedeutung die Taufliege für die Bäckerhefe hat (Materialien A und B)
Lösung: Ergebnisse Tabelle 1: - Wenn Taufliegen mit Bäckerhefe gefüttert werden, wächst die Bäckerhefe anschließend auf vormals Bäckerhefe-freien Weintrauben (10 von 10 Proben). - Die Bäckerhefe wächst aber nicht auf Weintrauben, die keinen Kontakt zu Fliegen hatten oder die von Taufliegen besucht wurden, die nicht mit Bäckerhefe gefüttert wurden (jeweils 0 von 10 Proben). Bedeutung der Taufliege: - Die Taufliegen haben die Bäckerhefe auf die Weintrauben übertragen. Die Taufliegen sorgen somit für die Verbreitung der Bäckerhefe auf überreifem Obst.
2. Beschreiben Sie die Ergebnisse aus Abbildung 1 und werten Sie diese hinsichtlich der Rolle von Duftstoffen für die Vermehrung der Taufliege aus (Materialien A und C)
Lösung: Beschreibung: - Weibliche Taufliegen landeten bevorzugt, zu mehr als 50 %, auf Geruchsquellen, die von Bäckerhefen vergoren wurden (kein wesentlicher Unterschied zwischen Weintrauben oder Nährmedium). Weintrauben ohne Hefe: ca. 30 %; Nährmedium ohne Hefe: ca. 10 %. - Die Taufliegenweibchen legten sowohl auf Weintrauben als auch auf Nährmedium mit Hefe-Zusatz etwa 8 Eier je Weibchen ab; ohne Hefe nur etwa 4 Eier auf Weintrauben und etwa 1 Ei auf Nährmedium. - Auf Medien mit Hefe-Zusatz überlebten etwa 50 bis 65 % der Fliegenlarven. Ohne Hefe überlebten auf Weintrauben nur etwa 20 % der Larven, auf Nährmedium ohne Hefe 0 %. Auswertung: - Taufliegen-Weibchen können Proben anhand des Duftes unterscheiden. Sie bevorzugen für Anflug und Eiablage Substrate mit Bäckerhefe-Zusatz, wodurch die Überlebenswahrscheinlichkeit der Larven erhöht wird. - Die Larven fressen überreife Früchte und die darauf wachsende Bäckerhefe, welche lebensnotwendige Aminosäuren, Fette und Vitamine enthält. Daher überleben sie mit Hefe am besten. - Weintrauben ohne Hefe enthalten nur geringe Mengen dieser Nährstoffe (wenige Larven überleben), Nährmedium ohne Hefe enthält sie gar nicht (keine Larve überlebt). - Fruchtduft allein lockt ebenfalls an und regt Eiablage an, korreliert jedoch mit geringerem Überleben.
2. Prüfen Sie, inwiefern die Beziehung zwischen Bäckerhefe und Taufliege als Symbiose gelten kann (Materialien A bis C)
Lösung: - Bei einer Symbiose (bzw. einem Mutualismus) profitieren beide Partner von der Beziehung: * Die Bäckerhefe profitiert, weil die Taufliege sie auf neue Nahrungsquellen (überreifes Obst) überträgt. * Die Taufliege profitiert, weil adulte Tiere und Larven die Bäckerhefe als essentielle Nahrungsquelle nutzen. - Einschränkung/Kritik: * Taufliegen schädigen den Pilz einerseits durch Fressen, übertragen ihn aber andererseits auf neue Früchte. Der Vorteil der Übertragung überwiegt vermutlich den Schaden des Gefressenwerdens. * Die Bäckerhefe ist nicht ausschließlich auf die Taufliege angewiesen (auch andere Tiere können sie übertragen) und kann auf verschiedenen Nahrungsquellen leben. * Weil beide Partner auch unabhängig voneinander leben können, handelt es sich um eine fakultative Symbiose (Allianz / Mutualismus). (Aufgrund der lockeren Beziehung ist bei entsprechender Begründung auch das Fazit vertretbar, dass es sich um keine Symbiose im engeren Sinne handelt.)
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