Aufgabe 3 - Koevolution · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Evolutionsfaktoren und Artbildung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)

Aufgabenstellung

Material A: Ökologie von Buntbarschen und Synodontis multipunctatus im Tanganjika-See

Der Tanganjika-See ist der zweitgrößte See in Afrika. Er zeichnet sich durch eine große Vielfalt dort lebender Fischarten aus. Ein Großteil der im Tanganjika-See vorkommenden Fischarten sind Buntbarsche, darunter die beiden maulbrütenden Arten Ctenochromis horei sowie Simochromis diagramma. Als Maulbrüter nehmen die Weibchen befruchtete Eier ins Maul auf und brüten diese dort aus. Nach dem Schlüpfen verbleiben die Jungen noch eine Weile im Maul der Mutter und ernähren sich weiterhin vom Nahrungsvorrat des Eis, dem Dottersack.

Der ebenfalls im Tanganjika-See heimische Kuckucks-Fiederbartwels ( Synodontis multipunctatus) ist ein Brutparasit unterschiedlicher maulbrütender Buntbarsch-Arten. S. multipunctatus -Gruppen attackieren die Buntbarsche während des Ablaichens. Währenddessen legen S. multipunctatus -Weibchen ihre eigenen befruchteten Eier in das Gelege der Buntbarsche. Durch die Attacken von S. multipunctatus gestresste Buntbarsch-Weibchen nehmen die „Kuckuckseier“ mit ihrem eigenen Gelege ins Maul und brüten alle Eier gemeinsam aus. Die Jungfische von S. multipunctatus können sich nicht von den Eiern der Buntbarsche ernähren, aber von geschlüpften Buntbarsch-Jungen sowie deren Dottersack. Dabei wird mitunter die gesamte Brut der parasitierten maulbrütenden Buntbarsche vernichtet.

Die Entwicklung von S. multipunctatus und C. horei wurde näher untersucht (Abbildung 1 und Tabelle 1). Die Größe der Embryonen bzw. der Jungfische wurde anhand der Länge der Rückensaite ermittelt, die ein Maß für die Körperlänge darstellt.

Tabelle 1 Vergleich der Entwicklung von S. multipunctatus und C. horei. Alle Zeitangaben beziehen sich auf den Zeitpunkt der Befruchtung. Ereignis · S. multipunctatus · C. horei

Schlüpfen · am 2. Tag · am 5. Tag

Dottersack aufgebraucht · nach dem 5. Tag · nach dem 21. Tag

selbstständige Ernährung · nach dem 5. Tag · nach dem 21. Tag

Entlassung aus dem Maul · nach dem 21. Tag · nach dem 21. Tag

Material B: Experimentelle Untersuchungen des Brutparasitismus

Einige maulbrütende Buntbarsch-Arten zeigen ein Ei-Ablehnungsverhalten. Dies bedeutet, dass sie fremde, aber auch eigene Eier nach der Aufnahme ins Maul wieder ausspucken. Der Brutparasitismus zwischen S. multipunctatus und zwei maulbrütenden Buntbarsch-Arten wurde experimentell untersucht. Die Experimente wurden in Aquarien mit nachgezüchteten Fischen durchgeführt. Untersucht wurden zwei maulbrütende Buntbarsch-Arten, die beide potenzielle Wirte für S. multipunctatus sind. Dabei verwendete man Fische der Art S. diagramma, die in der Natur mit S. multipunctatus gemeinsam im Tanganjika-See vorkommt. Haplochromis aeneocolor, die zweite untersuchte Art, kommt nur in anderen afrikanischen Seen vor, in denen S. multipunctatus nicht vorkommt. In allen Experimenten wurden Weibchen beider Buntbarsch-Arten verwendet, die zu Versuchsbeginn bereits arteigene Eier im Maul bebrüteten.

In einem Versuch wurden Weibchen befruchtete Eier von S. multipunctatus mithilfe einer Pipette ins Maul injiziert (Abbildung 2). Es wurde das Ablehnungsverhalten gegenüber den Eiern von S. multipunctatus innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Injektion untersucht.

Außerdem wurde der Bruterfolg von S. multipunctatus untersucht (Abbildung 3). 100 % Bruterfolg bedeuteten, dass mindestens ein S. multipunctatus -Jungfisch pro Wirtsweibchen lebendig aus dem Maul entlassen wurde.

Material C: Evolution der Fiederbartwelse im Tanganjika-See

Im Tanganjika-See leben mindestens neun morphologisch ähnliche Arten der Gattung Synodontis. Neben S. multipunctatus ist auch der Großaugen-Kuckucks-Fiederbartwels S. grandiops im Tanganjika-See heimisch. Um die Verwandtschaftsverhältnisse der Arten aufzuklären, wurden vergleichende DNA-Sequenzanalysen durchgeführt und zur Konstruktion eines phylogenetischen Stammbaums genutzt (Abbildung 4).

Aufgabe 3 – Teilaufgabe 2

Fassen Sie die Ergebnisse der Versuche zusammen, die in den Abbildungen 2 und 3 gezeigt werden (Material B).

Entwickeln Sie eine Hypothese, die das Ablehnungsverhalten von Simochromis diagramma unter dem Gesichtspunkt der reproduktiven Fitness erklärt (Materialien A und B).

Geben Sie eine Definition für den Begriff Coevolution an.

Prüfen Sie mithilfe der Materialien A und B, inwiefern die Evolution des Brutparasitismus von S. multipunctatus und der mit ihm zusammen lebenden maulbrütenden Buntbarsche als Coevolution anzusehen ist (Materialien A und B).

[26 Punkte]

a)

b)

c)

d)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Koevolution · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Fassen Sie die Ergebnisse der Versuche zusammen, die in den Abbildungen 2 und 3 gezeigt werden (Material B).

Lösung: Buntbarsche der Art *S. diagramma* spuckten nahezu alle injizierten Eier des Brutparasiten wieder aus (ca. 87 %). *H. aeneocolor*-Weibchen hingegen zeigten nach der Injektion der fremden Eier kein Ablehnungsverhalten (0 %; Abbildung 2). *S. multipunctatus*-Weibchen, die ihre Eier von *S. diagramma* ausbrüten ließen, besaßen einen deutlich geringeren Bruterfolg (ca. 13 %) als solche, die *H. aeneocolor* parasitierten (ca. 87 %; Abbildung 3).

Entwickeln Sie eine Hypothese, die das Ablehnungsverhalten von Simochromis diagramma unter dem Gesichtspunkt der reproduktiven Fitness erklärt (Materialien A und B).

Lösung: Weibchen von *S. diagramma* sind im natürlichen Lebensraum Angriffen von *S. multipunctatus* ausgesetzt, die mit Berührungen einhergehen. Das aggressive Verhalten von *S. multipunctatus* während des Ablaichens der Buntbarschweibchen ist für diese ein Signal für bevorstehenden Brutparasitismus; das Ablehnungsverhalten wird vermutlich dadurch ausgelöst. Durch das Ablehnungsverhalten von *S. diagramma* wird der Bruterfolg des parasitischen *S. multipunctatus* verringert, was für folgende Bruten sowie Folgegenerationen von *S. diagramma* die Wahrscheinlichkeit reduziert, durch *S. multipunctatus* parasitiert zu werden. Das Ablehnungsverhalten verhindert damit eine bedrohliche Dezimierung der Population: Auf lange Sicht überleben mehr Jungfische von *S. diagramma*, was den Fortbestand sichert und die reproduktive Fitness gegenüber einem vollständigen Gelegeverlust erhöht (auch wenn durch das Ausspucken kurzfristig eigene Eier verloren gehen).

Geben Sie eine Definition für den Begriff Coevolution an.

Lösung: Coevolution ist die wechselseitige Beeinflussung der Evolution verschiedener, eng miteinander lebender Arten durch gegenseitigen Selektionsdruck.

Prüfen Sie mithilfe der Materialien A und B, inwiefern die Evolution des Brutparasitismus von S. multipunctatus und der mit ihm zusammen lebenden maulbrütenden Buntbarsche als Coevolution anzusehen ist (Materialien A und B).

Lösung: Zwischen *S. multipunctatus* und den maulbrütenden Buntbarschen im Tanganjika-See besteht durch den Brutparasitismus eine enge interspezifische Beziehung, bei der beide Organismen wechselseitig Selektionsdruck aufeinander ausüben: 1. *S. multipunctatus* übt durch das Fressen der Wirtsbrut einen starken Selektionsdruck auf die Buntbarsche aus. 2. Infolge dieses Selektionsdrucks hat sich im Laufe der Stammesgeschichte ein Ei-Ablehnungsverhalten bei den sympatrisch lebenden Buntbarschen entwickelt; Tiere, die Eier ablehnen konnten, hatten einen Selektionsvorteil. 3. Die Buntbarsche üben wiederum Selektionsdruck auf *S. multipunctatus* aus, indem sie dessen Bruterfolg minimieren. 4. Das Ei-Ablehnungsverhalten ist bei *H. aeneocolor* nicht ausgeprägt, da diese Art aus anderen Gewässern stammt und keine gemeinsame evolutionäre Geschichte mit *S. multipunctatus* durchlaufen hat. Daher handelt es sich bei der Entwicklung des Brutparasitismus und der Wirtsabwehr um einen coevolutiven Prozess.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe 1 - Evolutionsfaktoren · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021 · Aufgabe 1 - Evolutionsfaktoren und Artbildung · GK · Nachtermin 2021 ›

Mehr Aufgaben zu Evolutionsfaktoren und Artbildung