Aufgabe 3 (1) - Evolutionsfaktoren und Artbildung · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin 2021
Thema: Evolutionsfaktoren und Artbildung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Material A: Das Warmblood Fragile Foal Syndrome in der Pferdezucht
Das Warmblood Fragile Foal Syndrome (WFFS) ist eine bei Pferden auftretende Erbkrankheit, die eine unheilbare Bindegewebsstörung zur Folge hat. Von WFFS betroffene Fohlen zeigen bereits unmittelbar nach der Geburt Symptome. Sie erleiden schon in den ersten Lebensstunden Verletzungen der Bänder, Sehnen und Knochen, die kaum heilen und letztlich tödlich sind. Das WFFS wird autosomal-rezessiv vererbt.
Das WFFS gibt es Schätzungen zufolge schon seit 170 Jahren, seit 2011 jedoch werden vermehrt Fälle von WFFS dokumentiert. Etwa sechs bis elf Prozent aller Pferde tragen diesen Gendefekt. Betroffen sind vor allem Pferde, die für den Pferdesport gezüchtet werden. Bei der Zucht wird ein Zuchthengst zur Verpaarung mit verschiedenen Stuten eingesetzt. Man vermutet einen Zusammenhang zwischen der Mutation, die dem WFFS zugrunde liegt, und den bei Sportpferden gewünschten Zuchteigenschaften wie einem besonderen Maß an Beweglichkeit.
Material B: Molekulargenetische Ursachen des WFFS
Bindegewebe besteht zu einem großen Teil aus Kollagen. Kollagen ist ein faserig aufgebautes Protein, das neben dem Aufbau von Bindegewebe – zum Beispiel der Haut, der Blutgefäße, der Sehnen und des Knorpels – auch am Aufbau von Knochen und Zähnen beteiligt ist. Kollagen macht bis zu 25 % des Proteingehalts des menschlichen und tierischen Körpers aus. Das PLOD1 -Gen codiert für das Enzym Lysyl-Hydroxylase 1 (LH1), welches an einem Teilschritt der Synthese von stabilen Kollagenfasern beteiligt ist. Um Erkenntnisse zu den molekulargenetischen Ursachen des WFFS zu gewinnen, wurde das PLOD1 -Gen sequenziert (Tabelle 1).
Tabelle 1 Ausschnitt aus dem nicht-codogenen Strang des PLOD1 -Gens eines gesunden und eines an WFFS erkrankten Fohlens. · · Triplett-Nummer
· 5′ → · 691 · 692 · 693 · 694 · 695 · 696 · 697 · → 3′
Normalallel · · TAC · GAG · GGC · GGG · GGC · TGT · CGG
Mutiertes Allel · · TAC · GAG · GGC · AGG · GGC · TGT · CGG
Material C: Nachweis von WFFS
Im Zusammenhang mit dem WFFS wird empfohlen, Zuchtpferde genetisch testen zu lassen. Dafür wird DNA aus dem Blut oder anderen Geweben der zu testenden Tiere isoliert. Anschließend wird das in Abbildung 1 dargestellte Verfahren genutzt, um die Mutation mithilfe einer speziellen PCR nachzuweisen. Bei dieser Form der PCR kommen zusätzlich zwei Sonden zum Einsatz, die selbst nicht als Primer wirken können. Jede der Sonden ist nukleotidgenau komplementär zu der untersuchten DNA-Sequenz, entweder mit oder ohne Mutation. Die beiden Sonden sind am 5′-Ende mit unterschiedlichen fluoreszierenden Farbstoffen gekoppelt und am 3′-Ende mit einem Entleuchter. Sind sowohl der Farbstoff als auch der Entleuchter an der Sonde gebunden, unterdrückt der Entleuchter die Fluoreszenz des Farbstoffs.
Während der PCR wird die Fluoreszenz im PCR-Ansatz gemessen. Abbildung 2 zeigt beispielhaft die Fluoreszenz-Messwerte, die im Verlauf einer solchen PCR für Pferde mit unterschiedlichem PLOD1 -Genotyp zu erwarten wären.
Material D: Codesonne und Tabelle zum genetischen Code
1. Geben Sie für die Evolutionsfaktoren Mutation und Selektion jeweils eine Definition an. Erläutern Sie darauf aufbauend, warum das WFFS bei Pferden im Pferdesport vermehrt auftritt (Material A).
[10 Punkte]
a)
b)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Geben Sie für die Evolutionsfaktoren Mutation und Selektion jeweils eine Definition an.
Lösung: - Mutation: Zufällige Veränderungen des genetischen Materials eines Organismus. - Selektion: Prozess, der zum Überleben des am besten an seine Umwelt angepassten Individuums führt und damit dessen Fortpflanzungswahrscheinlichkeit erhöht (unterschiedlicher Fortpflanzungserfolg).
Erläutern Sie darauf aufbauend, warum das WFFS bei Pferden im Pferdesport vermehrt auftritt (Material A).
Lösung: - Die Mutation, die WFFS verursacht, führt aufgrund der Letalität zu einem starken Selektionsnachteil; unter natürlichen Bedingungen würde die Allelfrequenz langfristig abnehmen. - In der Zucht findet künstliche Selektion statt: Gezielt werden Tiere mit erwünschten Merkmalen (z. B. besondere Beweglichkeit) angepaart (Selektions- bzw. Zuchtvorteil). - Die WFFS-Mutation hängt vermutlich mit diesen Merkmalen zusammen, weshalb sie trotz Letalität bei Merkmalsträgern erhalten bleibt und die Allelfrequenz steigt. - Zuchthengste zeugen sehr viele Nachkommen; ist ein Hengst Konduktor (heterozygot), überträgt er das Allel an 50 % seiner Nachkommen.
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