Aufgabe Vorschlag B - Konzeptionen und Konjunkturpolitik · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft GK 2022

Thema: Konjunktur und wirtschaftspolitische Konzeptionen · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material 1

Gerald Braunberger: Die Politik muss auf höhere Inflation vorbereitet sein (2021)

Im Mai 1941 traf der britische Ökonom John Maynard Keynes junge amerikanische Kollegen in Washington, um mit ihnen über die Folgen der damals mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen starken staatlichen Ausgabenprogramme zu diskutieren. Die Amerikaner redeten nach Jahren einer ernüchternden Wirtschaftsentwicklung über die heilsamen Folgen staatlicher Schuldenpolitik für Konjunktur und Beschäftigung. Keynes redete über die Gefahren hoher staatlicher Verschuldung für die Inflation im Falle einer Überhitzung der Konjunktur. Damals betrug die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten 2,3 Prozent, und die Neuverschuldung war dabei, von 2,8 Prozent (1941) der Wirtschaftsleistung auf 12,3 Prozent (1942) zu steigen. Als einen wahrscheinlichen Auslöser von Inflation betrachtete der Brite eine starke Verteuerung der Rohstoffe. Daher empfahl er rechtzeitig Gegenmaßnahmen, für die seine jungen amerikanischen Kollegen allerdings noch weniger Verständnis zeigten als für seine Analysen.

Auch wenn sich Geschichte [...] nicht wiederholt [...] lohnt ein Vergleich mit der Gegenwart: Heute befindet sich die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten in etwa auf dem Niveau des Jahres 1941, und wie damals steigen die Preise für Rohstoffe deutlich. Im vergangenen Jahr erreichte die staatliche Neuverschuldung mit 14,9 Prozent der Wirtschaftsleistung ihren höchsten Stand in der Nachkriegszeit, und auch in diesem Jahr dürfte sie zehn Prozent überschreiten. Heute warnen Ökonomen der nicht mehr ganz jüngeren Generation wie Larry Summers, Olivier Blanchard und zuletzt auch Janet Yellen, die ihren Keynes noch gelesen haben, vor den Gefahren einer Kombination von konjunktureller Überhitzung und zunehmender Inflation, während sich viele jüngere Kollegen glücklich zeigen über jedes weitere Großprogramm, mit dem Präsident Joe Biden die staatliche Nachfrage erhöht.

Die Vereinigten Staaten sind im Konjunkturzyklus weiter vorangeschritten als die Europäer; angesichts einer jüngeren Bevölkerung und weniger verkrusteter und regulierter Märkte erfreuen sich die Amerikaner zudem eines bedeutenderen langfristigeren Wachstumspotentials als der Alte Kontinent 1. Aber auch in Europa dürfte die Wirtschaft mit den ins Laufen gekommenen Impfkampagnen im Jahresverlauf eine kräftige Erholung beginnen, die weit ins kommende Jahr tragen sollte. Eine stark steigende gesamtwirtschaftliche Nachfrage trifft auf ein Angebot, das von steigenden Rohstoffpreisen sowie in Teilen beschädigten globalen Lieferketten gekennzeichnet ist. Diese Entwicklungen werden im Laufe der Zeit auch die Verbraucherpreise nicht völlig unbeeinflusst lassen. Gegen Ende des Jahres könnte die Inflationsrate in Deutschland, durch vorübergehende Sondereffekte wie den Wegfall der letztjährigen Mehrwertsteuersenkung 2 zusätzlich getrieben, die Marke von drei Prozent überschreiten.

Vorübergehende Anstiege von Inflationsraten müssen keine dramatischen Wirkungen entfalten. Das hatte die deutsche Wiedervereinigung gezeigt, als die Rate im Jahre 1992 immerhin 5,1 Prozent erreichte, danach aber rasch auf unter zwei Prozent fiel. Es wäre daher unseriös, heute eine Periode hoher Inflationsraten für sicher zu halten. Worauf es ankommt, hatte Keynes in seinen Gesprächen in Washington betont: Die Politik muss sich rechtzeitig für den Fall rüsten, dass Inflation ein ernsthaftes Problem werden könnte.

Gefordert sind die Geldpolitik ebenso wie die Finanzpolitik und die Außenwirtschaftspolitik. Die Geldpolitik sollte ihre Krisenmaßnahmen mit der allmählichen Überwindung der Krise konsequent reduzieren und mit einer Betonung ihrer Wachsamkeit gegenüber Inflationsgefahren die Bildung höherer Inflationserwartungen bei Verbrauchern und Unternehmen verhindern. Dann dürfen aber nicht unter allerlei Vorwänden Ankaufsprogramme von Anleihen einfach fortgeschrieben werden.

Die Regierungen müssten akzeptieren, dass expansive Finanzpolitik in der Krise ihren Platz hat, in einer Erholung aber kontraproduktiv wirkt und schlechte Wahlprognosen keine Rechtfertigung für die Infragestellung in der Verfassung verankerter Schuldenregeln bilden. Die Union wie die SPD tun sich keinen Gefallen, wenn sie, verzweifelt hinter dem grünen Zeitgeist herhechelnd, ihre Wahlchancen durch großzügige staatliche Verschuldungsbereitschaft verbessern wollen. Gerade SPD-Ökonomen sollten dringend Keynes lesen.

Brüchige globale Lieferketten wiederum verdeutlichen den hohen Wert der Weltwirtschaft. Wer ausländische Produktion zu hohen Kosten heimholen und billige ausländische Konkurrenz durch Zölle abwehren will, holt sich Inflation ins Haus.

1 der Alte Kontinent – gemeint ist hier: Europa

2 Mehrwertsteuersenkung – Die Mehrwertsteuer wurde befristet vom 01.07.2020 bis zum 31.12.2020 gesenkt. Der reguläre Steuersatz sank dabei von 19% auf 16%, der reduzierte Steuersatz von 7% auf 5%.

Gerald Braunberger: Die Politik muss auf höhere Inflation vorbereitet sein, 09.05.2021, in: URL: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kommentar-die-politik-muss-auf-hochere-inflation-vorbereitet-sein-17333519.html?GEPC=s9&premium=0x8836828e9660c3532af011ee24cb7e81 (abgerufen am 09.05.2021).

Material 2

Kostas Koufogiorgos: Konjunkturpaket (2020)

Kostas Koufogiorgos: Konjunkturpaket, 02.06.2020, in: URL: https://de.toonpool.com/cartoons/Corona-Konjunkturpaket_360219 (abgerufen am 09.05.2021).

Inflation und Wirtschaftswachstum

1

Fassen Sie den Text zusammen. (Material 1) (25 BE)

2

„Die Regierungen müssten akzeptieren, dass expansive Finanzpolitik in der Krise ihren Platz hat, in einer Erholung aber kontraproduktiv wirkt […]“ (Material 1)

Erläutern Sie ausgehend vom Text Ziele und Prinzipien angebotsorientierter Wirtschaftspolitik. (Material 1) (25 BE)

4

Diskutieren Sie unter Einbeziehung der Aussage der Karikatur (Material 2) die Wirksamkeit von Konjunkturprogrammen als wirtschaftspolitisches Instrument. (25 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Konzeptionen und Konjunkturpolitik · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Fassen Sie den Text zusammen. (Material 1)

Lösung: In einer Einleitung sollen Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. der Adressat genannt werden: In dem Kommentar „Die Politik muss auf höhere Inflation vorbereitet sein“ von Gerald Braunberger, erschienen auf faz.net am 09.05.2021, geht es um die Einflussnahme des Staates auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Forderung des Autors, dass sich diese nach der Krise verändern müsse. - Gerald Braunberger verweist zunächst auf Keynes, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mit amerikanischen Kollegen über die Folgen der staatlichen Ausgabenprogramme diskutierte. Laut der Amerikaner verhalf die staatliche Schuldenpolitik der Konjunktur und Beschäftigung zu einem Aufschwung. Keynes hingegen sah eine Gefahr für eine Inflation im Falle einer hohen staatlichen Verschuldung. Als Auslöser der Inflation galt eine Verteuerung der Rohstoffe. Er plädierte folglich für rechtzeitige Gegenmaßnahmen des Staates. - Heutzutage sei die Inflationsrate der USA ähnlich hoch wie damals, die Preise für Rohstoffe stiegen enorm an. Ältere Ökonomen warnten vor den Gefahren einer Kombination von konjunktureller Überhitzung und steigender Inflation, hingegen erfreuten sich jüngere Ökonomen an Wirtschaftsprogrammen, die eine staatliche Nachfrage erhöhen. - Laut Braunberger würden sich die Amerikaner an einem langfristigen Wachstumspotenzial im Vergleich zu Europa erfreuen. - In Europa erhoffe man sich durch die voranschreitenden Impfkampagnen zur Eindämmung der Corona-Pandemie eine Erholung der Wirtschaft. Eine stark steigende gesamtwirtschaftliche Nachfrage treffe auf ein Angebot, das von steigenden Rohstoffpreisen sowie teilweise beschädigten Lieferketten gekennzeichnet sei. Ein Anstieg der Inflationsrate sei möglich. Nach Keynes sei es wichtig, dass die Politik vorbereitet ist, falls die Inflation zu einem Problem werde. - Nach der Krise sei ein Umdenken in der Geld-, Finanz- und Außenwirtschaftspolitik nötig.

2 Erläutern Sie ausgehend vom Text Ziele und Prinzipien angebotsorientierter Wirtschaftspolitik. (Material 1)

Lösung: Nach der Theorie der Angebotsorientierung werden wirtschaftliches Wachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen durch die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Unternehmen erreicht. Ausgehend vom Text kann auf folgende Ziele und Prinzipien angebotsorientierter Wirtschaftspolitik eingegangen werden: - Die im Text angesprochene Inflation beeinträchtigt aus angebotsorientierter Sicht den Marktmechanismus, indem sie das Spiel der Preisbildung stört und zur Fehllenkung der Produktionsfaktoren führt („Fehlallokation“). Die Folgen sind langfristig weniger Wachstum und weniger Beschäftigung, als dies in einer inflationsfreien Wirtschaft der Fall wäre. Besonderes Gewicht legen die Neoklassiker demzufolge auf die Geldpolitik. - Dominanz der Geldpolitik: Die Preisniveaustabilität soll aufrechterhalten werden. Diese orientiert sich am Wachstumspotenzial der Wirtschaft und soll den Wirtschaftssubjekten Planungssicherheit geben. - Angebotstheoretische Fundierung: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage (Say’sche Theorem). Bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen entstehen Kosten und damit in gleicher Höhe automatisch auch Einkommen und somit kaufkräftige Nachfrage, die sicherstellt, dass die Produktion auch abgesetzt werden kann. Eine gesamtwirtschaftliche Überproduktion ist somit allenfalls vorübergehend zu erwarten. Auf einzelnen Märkten können allerdings temporäre Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage herrschen. Diese werden jedoch nach kurzer Zeit wieder abgebaut. Das Say’sche Theorem impliziert die Unendlichkeit der Bedürfnisse. - Grundlegend ist der Glaube an die inhärente Stabilität des privaten Sektors: Danach schafft es ein privatwirtschaftlich kapitalistisches Wirtschaftssystem aus eigener Kraft, mit seinen Problemen fertig zu werden. - Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Unternehmen: Dazu gehört die Förderung der privaten Investitionstätigkeit z.B. durch verbesserte Abschreibungsbedingungen, um die Rentabilität von Unternehmensinvestitionen zu verbessern. - Verzicht auf Umverteilungszuschläge bei Lohnabschlüssen: Lohnsteigerungen sollen moderat sein und sich nur am Produktivitätsfortschritt orientieren. - Deregulierung des Arbeitsmarktes: Dazu gehören der Abbau von Kündigungsschutzvorschriften ebenso wie die Flexibilisierung der Arbeitszeiten. - Stärkung der Marktkräfte: Preisverzerrende Interventionen am Markt beispielsweise durch Subventionen sind zu unterlassen. - Bei der Angebotsorientierung werden der Abbau der Staatsverschuldung und die Rückführung der Staatsquote gefordert: Dadurch ergeben sich Möglichkeiten zum Abbau leistungshemmender Steuern.

4 Diskutieren Sie unter Einbeziehung der Aussage der Karikatur (Material 2) die Wirksamkeit von Konjunkturprogrammen als wirtschaftspolitisches Instrument.

Lösung: Die Karikatur mit dem Titel „Konjunkturpaket“ wurde von Kostas Koufogiorgos gezeichnet und am 02.06.2020 auf toonpool.com veröffentlicht. Abgebildet ist eine zerbrochene Fensterscheibe, auf der ein Plakat mit der Aufschrift „Konjunkturpaket“ hängt. Im Vordergrund befindet sich eine Abbildung des Corona-Virus und einzelne Scherben, die von dem ruinierten Fensterglas dahinter stammen. Mithilfe der Karikatur übt der Zeichner Kritik an etwaigen Unzulänglichkeiten der Corona-Konjunkturpakete. Die Fensterscheibe wurde durch das Corona-Virus zerbrochen und ein Blatt mit der Aufschrift „Konjunkturpaket“ dient als Flicken über dem Loch, der die finanziellen Schäden, die bei Wirtschaft, Kommunen und Familien während der Corona-Krise entstanden sind, mildern soll. Durch die Karikatur wird zum Ausdruck gebracht, dass die Konjunkturprogramme vom Zeichner als unzureichend eingeschätzt werden. Gegen Konjunkturprogramme als wirtschaftspolitisches Instrument können folgende Argumente diskutiert werden: - Unkalkulierbare Wirkungsverzögerungen: Zwischen wirtschaftspolitischen Entscheidungen und ihren Wirkungen können erhebliche Verzögerungen liegen. Gründe dafür sind zeitraubende politische Entscheidungsprozesse und der Umstand, dass getroffene Maßnahmen nicht sofort greifen, mit der Folge, dass antizyklische Maßnahmen sich prozyklisch auswirken können. - Der Anteil des Staates am BIP ist gestiegen mit der Folge steigender Steuer- und Abgabenlast. - Letztlich führen die kreditfinanzierten Konjunkturprogramme in Deutschland zu einer ansteigenden Staatsverschuldung, die die finanzpolitische Handlungsfähigkeit des Staates zunehmend einschränken kann. - Steuert der Staat krisenhaften Entwicklungen entgegen, so können unter Umständen neue Krisen entstehen. - Diese antizyklische Wirtschaftspolitik birgt die Gefahr der Destabilisierung. Die fallweisen Eingriffe vom Staat und der Zentralbank führen zur Verunsicherung der Wirtschaftsakteure. Investoren und Konsumenten wissen nicht, wann und wie die staatlichen Autoritäten entscheiden. Für Konjunkturprogramme als wirtschaftspolitisches Instrument können folgende Argumente diskutiert werden: - Bei der Steuerung der Konjunktur kommt dem Staat eine wichtige Bedeutung zu. Ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wegen fehlender privater Nachfrage zu gering, kann der Staat die fehlende Nachfrage der privaten Haushalte durch die Erhöhung seiner Staatsausgaben ausgleichen. Deshalb können staatliche Beschäftigungsprogramme aufgelegt werden, um zusätzliche Nachfrage zu schaffen. - Über die Initialzündung höherer Staatsinvestitionen wird ein positiver, sich selbst verstärkender Wirtschaftsprozess in Gang gesetzt (Multiplikatoreffekt). Der Staat gestaltet seine Ausgaben antizyklisch zum Konjunkturverlauf, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu erhöhen. In der Rezession sind sie kreditfinanziert zu erhöhen, im Boom werden höhere Steuereinnahmen zur Rückzahlung der Staatsschulden oder zur Bildung von Rücklagen verwendet. - Für die Bevölkerung ist es beruhigend, dass dem Staat ein Instrumentenkasten zur Verfügung steht, der es ihm erlaubt, krisenhaften Entwicklungen entgegenzusteuern. - Während der Corona-Pandemie soll beispielsweise die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes für stabilere Einkommen und höhere Konsumausgaben bei den privaten Haushalten sorgen. Auch die Umsatzsteuersenkung für Gastronomen soll die von der Pandemie gebeutelte Gastronomie entlasten. Die Diskussion soll zu einer eigenen begründeten Bewertung führen.

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