Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Katholische Religion GK 2022
Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Michael Schmidt-Salomon: Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel (2007)
Kaum waren die beiden 1 zur Tür hinausgegangen, fiel ihnen etwas Seltsames auf. Irgendjemand hatte
über Nacht ein Plakat an ihrem Häuschen angebracht. „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!“, stand
darauf geschrieben. Das kleine Ferkel las es dem kleinen Igel vor, denn der hatte in der Schule nicht so
gut aufgepasst.
5 „Ferkel, kennst du Gott?“, fragte der Igel. „Nee“, sagte das Ferkel. „Ich auch nicht!“, meinte der Igel.
Darüber erschraken die beiden sehr. Sie hatten ja gar nicht geahnt, dass ihnen etwas fehlte! Also
machten sie sich auf den Weg, um Gott zu suchen.
„Wo bitte geht’s zu Gott?“, fragte das kleine Ferkel jedes Tier, das sie auf ihrer Wanderung trafen.
Aber niemand hatte je etwas von einem Gott gehört, weder die Gans noch der Hase noch der
10 Maulwurf. Erst der schlaue Fuchs wusste Antwort.
„Ich hab’ mal ein paar Menschen über Gott streiten hören“, sagte der Fuchs. „Sie haben ihm dort oben
auf dem Tempelberg große Häuser gebaut.“ „Worüber haben sie sich denn gestritten?“, fragte der
kleine Igel. „Ich glaube, sie sind sich nicht einig, in welchem dieser Häuser der Herr Gott nun wohnt“,
antwortete der Fuchs und fügte leise hinzu: „Wenn ihr mich fragt, geht besser nicht dorthin! Die Leute
15 da oben sind ziemlich verrückt!“
Das kleine Ferkel und der kleine Igel bedankten sich artig für den guten Rat des Fuchses. Aber sie
waren so neugierig, dass sie trotz der Warnung den Berg hinaufstiegen. Sie mussten doch
herausfinden, was ihnen fehlte!
Als sie den Berg erklommen hatten, entdeckten sie drei riesige Häuser, die dicht nebeneinander
20 standen. So etwas Gewaltiges hatten die beiden noch nie gesehen.
„Dieser Herr Gott muss ja riesig groß sein, wenn er solch große Häuser braucht!“, meinte der kleine
Igel. Und er bekam auch etwas Angst: „Ferkel, meinst du, wir sollten nicht besser doch nach Hause
gehen?“ „Papperlapapp, Igel!“, sagte das Ferkel. „Jetzt sind wir schon so weit gewandert, da sollten
wir den Herrn auch kennen lernen!“
25 Das klang sehr ruhig, doch insgeheim hatte auch das kleine Ferkel ein wenig Angst, aber das wollte es
dem kleinen Igel nicht zeigen. […]
Und so liefen Igel und Ferkel zum zweiten Haus. 2 „Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen
seid!“, sagte der Mann, der vor dem Haus stand. Er hatte ein lustiges lila Käppchen auf dem Kopf und
trug ein seltsames Gewand, das bis auf den Boden reichte. „Wo bitte geht’s zu Gott?“, fragte das
30 kleine Ferkel den Mann. Es stellte sich heraus, dass der ein echter Bischof war und deshalb musste er
sich in solchen Fragen natürlich auskennen. „Das ist das Haus Gottes, eine Kirche!“, erklärte der
Bischof. „Wenn wir uns im Namen des Herrn versammeln, so ist er mitten unter uns.“
„Fein!“, sagte der kleine Igel. Also spazierten sie in die Kirche hinein.
Drinnen war es ziemlich dunkel und es roch auch irgendwie komisch. „Wo ist er denn nun, der Herr
35 Gott?“, fragte das kleine Ferkel. Der Bischof zeigte nach vorne. Igel und Ferkel starrten erschrocken
auf einen halbnackten Mann, dessen Hände und Füße mit spitzen Nägeln an ein Kreuz geschlagen
waren. Auf seinem Kopf trug er eine Krone aus Dornen und an seinem Körper klebte überall Blut.
„Aua!“, sagte der kleine Igel. „Tut das nicht furchtbar weh?“ „Gott, der Herr, schickte uns seinen
Sohn, der für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist!“, erklärte der Bischof. „Oh, das hätte der Herr
40 aber wirklich nicht tun müssen“, sagte das kleine Ferkel. „Der kleine Igel und ich sind doch immer
ganz brav …“
„Mit dem Blut Jesu wusch uns der Herr von der Sünde rein!“, sagte der Bischof. „Mit Blut? Igitt!“,
meinte das kleine Ferkel. „Und ich hab’ immer gedacht, dass man sich mit Seife waschen soll!“,
wunderte sich der kleine Igel.
45 „Gott gab uns eine frohe Botschaft: Wenn wir ihm folgen, wartet auf uns das Himmelreich!“, sagte der
Bischof.
„Na, so richtig froh sehen die Leute hier aber gar nicht aus!“, dachte sich das kleine Ferkel. „Die
gucken doch wie Trauerklöße aus der Wäsche!“ Nein, hier wollte das Ferkel gewiss nicht länger
bleiben. […]
50 Als sie die Kirche verlassen hatten, verspürten das kleine Ferkel und der kleine Igel eigentlich keine
große Lust mehr, sich das dritte Haus anzusehen. 3 […]
Als sie wieder zuhause angekommen waren, sagte der kleine Igel: „Ferkel, ich weiß jetzt, was uns die
ganze Zeit über gefehlt hat…“ „Was denn?“, fragte das kleine Ferkel. „Ohne Gott hatten wir keine
Angst!“, sagte der Igel. „Stimmt!“, meinte das Ferkel. „Aber hat dir die Angst gefehlt?“ „Nee!“,
55 antwortete der kleine Igel. „Der Herr Gott mit seinen komischen Dienern kann mir echt gestohlen
bleiben!“
Igel und Ferkel schauten sich noch einmal das geheimnisvolle Plakat an. „Ich denke, da ist einfach nur
ein Wort zuviel!“, sagte das kleine Ferkel und strich mit einem dicken Stift das Wörtchen „nicht“ auf
dem Plakat aus. „Es müsste eigentlich heißen: ‚Wer Gott kennt, dem fehlt etwas!‘ Nämlich hier
60 oben…“ Das Ferkel tippte sich lachend an die Stirn. Der kleine Igel nickte: „Die Leute vom
Tempelberg sind wirklich verrückt! Ich glaub’ ja, dass es den Herrn Gott überhaupt nicht gibt! […]“
„Wo du Recht hast, hast du Recht, Igel!“, sagte das kleine Ferkel. […]
Und die Moral von der Geschicht’: Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht!
Michael Schmidt-Salomon (Text), Helge Nyncke (Illustration): Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen, Aschaffenburg 2007, S. 4–34.
1 die beiden: Gemeint sind das kleine Ferkel und der Igel.
2 Zuvor haben Ferkel und Igel, als erstes Haus Gottes, ein jüdisches Gotteshaus besichtigt und mit einem Rabbi gesprochen.
3 Anschließend schauen sich die Tiere noch eine Moschee an und sprechen mit einem muslimischen Geistlichen.
Hinweise
Michael Schmidt-Salomon (geb. 1967): freischaffender Schriftsteller
Eberhard Jüngel (1934–2021): evangelischer Theologe
1 Beschreiben und analysieren Sie, welche religionskritischen Ansichten der Autor Michael Schmidt-Salomon vertritt und wie er diese im vorliegenden Auszug aus seinem Kinderbuch vermittelt. (Material)
(35 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Beschreiben und analysieren Sie, welche religionskritischen Ansichten der Autor Michael Schmidt-Salomon vertritt und wie er diese im vorliegenden Auszug aus seinem Kinderbuch vermittelt. (Material)
Lösung: Beschreibung und Analyse der religionskritischen Positionen und Vermittlungsstrategien Schmidt-Salomons im Kinderbuchauszug.
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