Abitur Hessen Erdkunde 2022 · LK
Abiturprüfung Erdkunde in Hessen 2022, LK: 5 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele · Landwirtschaft in Industrieländern und nachhaltige Bewirtschaftung · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit · Wasser als knappe Ressource und Nutzungskonflikte
Aufgabe Vorschlag A · Landwirtschaft in Industrieländern und nachhaltige Bewirtschaftung
Thema: Landwirtschaft im Spannungsfeld nachhaltiger Entwicklungen
1
Beschreiben Sie die physisch-geographischen Voraussetzungen für eine landwirtschaftliche Nutzung im Oldenburgischen Münsterland. (Atlas) [20 BE]
2
Erläutern Sie Strukturen und Entwicklungen der Agroindustrie am Beispiel des Oldenburgischen Münsterlandes. (Material 1, Atlas) [30 BE]
Material 1: Agroindustrielle Landwirtschaft im Oldenburgischen Münsterland
3
Vergleichen Sie die Gefährdung der Ackerböden durch Wind in Norddeutschland mit den Ursachen und Auswirkungen des Dust-Bowl-Phänomens in den USA. (Material 2–6, Atlas) [20 BE]
Material 2: Potentielle Gefährdung der Ackerböden durch Wind in Deutschland (2014)
Material 3: Bodenerosion durch Wind (2014)
Unter Winderosion versteht man den Abtrag, Transport und die Ablagerung von Bodenmaterial durch die Kräfte des Windes. Der Prozess wird durch den menschlichen Eingriff in die Vegetation über das natürliche Ausmaß verstärkt, da der Boden nicht mehr durch eine geschlossene Pflanzendecke geschützt ist. Mittel- bis langfristig führt Winderosion auf Ackerflächen zur Verminderung der Bodenqualität. Die Mächtigkeit, also die Tiefe des Bodens, nimmt ab. Dadurch verringert sich die Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit. Dies führt zu einem Rückgang der Ernteerträge. Kurzfristig kommt es durch Windabrasion zur Schädigung der Kulturpflanzen. Schäden entstehen aber auch auf benachbarten Flächen. [...]
Drei Faktoren beeinflussen den Prozess der Winderosion maßgeblich: der Boden und seine Anfälligkeit gegenüber dem Abtrag (Erodierbarkeit), das Wetter (Windgeschwindigkeit und Bodenfeuchte) und die Bewirtschaftung durch den Menschen (geringe Oberflächenrauhigkeit, Pflug, Saatzeitpunkte zwischen März und Mai).
Material 4: Als ein Sandsturm zur Katastrophe wurde (2021)
Eine riesige Sandwolke nimmt Autofahrern auf der A19 bei Kavelstorf unweit von Rostock am 8. April 2011 die Sicht. 85 Fahrzeuge kollidieren, acht Menschen sterben. Bis zu 100 Stundenkilometer peitscht der Wind Sand und Ackerboden von den umliegenden Feldern auf, die nach wochenlanger Dürre völlig ausgetrocknet sind. Umweltschutzorganisationen wie der BUND bemängeln das Fehlen von Feldhecken und das Absinken des Humusgehaltes.
Material 5: Wassermangel im Unterboden (2020)
„Bis in eine Tiefe von knapp zwei Metern haben wir weiterhin eine flächendeckende Dürre in Deutschland – und zwar in einem Ausmaß, wie man es statistisch nur alle 50 Jahre erwarten würde“, sagt Andreas Marx (UFZ Leipzig). Durch höhere Temperaturen geht im Sommer zudem mehr Wasser durch Verdunstung verloren. Trockener Boden wirkt beim Versickern wie eine Bremse für nachfolgendes Regenwasser.
Material 6a: Dürremonitor Gesamtboden (Nov. 2018)
Material 6b: Entwicklung der Dürre 2018
Material 6c: Dürrestärke April bis Oktober im Gesamtboden
4
Diskutieren Sie unter Berücksichtigung der Region Oldenburgisches Münsterland, wie eine nachhaltige Umgestaltung der Landwirtschaft in Deutschland erreicht werden kann. (Material 1–8, Atlas) [30 BE]
Material 7: Entwicklungsstufen landwirtschaftlicher Systeme
Material 8: Entwicklungsstufen landwirtschaftlicher Systeme am Beispiel des Reisanbaus
Eine nachhaltige Intensivierung kann durch verbesserte Ausbringung von Düngern und Pestiziden erreicht werden (Öko-Effizienz). Sollen diese Inputs ökologisch umgestellt werden, können z. B. Mist und Kompost genutzt werden (biologische Zertifizierung). Der Schritt zu einer agrar-ökologischen Intensivierung versucht spezifische geographische Gegebenheiten zu nutzen, um Agrarsysteme zu schaffen, die kulturellen und ökologischen Bedürfnissen vor Ort gerecht werden (Diversifizierung, Hecken, Bäume, angepasste Feldfrüchte).
Aufgabe Vorschlag B · Wasser als knappe Ressource und Nutzungskonflikte
Nilwasser als Ressource – der „Grand Ethiopian Renaissance Dam“
Aufgaben
1
Ordnen Sie Wasser in die Systematik der Rohstoffe und Ressourcen ein und stellen Sie dessen globale Bedeutung und Verfügbarkeit dar. (Material 1–2, Atlas)
2
Beschreiben Sie die naturräumlichen Voraussetzungen sowie die Wirtschaftsstruktur von Äthiopien und erläutern Sie vor diesem Hintergrund mögliche Auswirkungen des Staudammes „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ (GERD) auf die Entwicklung des Landes. (Material 3–5, Atlas)
3
Untersuchen Sie die überregionalen Auswirkungen des Baus des GERD-Staudammes aus der Perspektive Ägyptens und Äthiopiens und vergleichen Sie die beiden Sichtweisen. (Material 3–7)
4
Überprüfen Sie auf der Basis Ihrer Ausführungen am Beispiel von drei selbst ausgewählten UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung 2030, inwiefern der Bau des GERD-Staudammes einen Beitrag zum Erreichen dieser Ziele leisten kann, und erörtern Sie die möglichen Auswirkungen des Nutzungskonfliktes auf die Region. (Material 1–10)
Aufgabe Vorschlag C · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt
Städte der Zukunft – wie kann nachhaltige Stadtentwicklung gelingen?
Aufgaben
1
Beschreiben Sie das Strukturmodell der deutschen Stadt anhand des Beispiels Frankfurt am Main und ordnen Sie den Teilräumen Frankfurts einzelne Daseinsgrundfunktionen zu. (Material 1, Atlas) (20 BE)
2
Skizzieren Sie im Allgemeinen die Faktoren nachhaltiger Stadtentwicklung unter Berücksichtigung der fünf Prinzipien, die den UN-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung zu Grunde liegen. (Material 2–3) (15 BE)
3
Untersuchen Sie, inwiefern die städtebaulichen Konzepte für die geplanten Stadtteile im Nordwesten Frankfurts und die Smartcity Tengah in Singapur den Faktoren nachhaltiger Stadtentwicklung entsprechen. (Material 2–8) (35 BE)
4
Überprüfen Sie, inwiefern sich die städtebaulichen Ideen der Smartcity Tengah im Allgemeinen auf bestehende Städte übertragen lassen und entwickeln Sie auf der Basis selbst gewählter Aspekte Maßnahmen für eine nachhaltige Stadtentwicklung für den geplanten Stadtteil im Frankfurter Nordwesten. (Material 1–8) (30 BE)
Aufgabe Vorschlag D - 1 - Globale Disparitäten und Entwic… · Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele
Material 1
Strukturdaten Indonesien 2021 (wenn nicht anders angegeben)
Material 2
Keine Transformation in Sicht
Südostasien [...] gehört zu den Regionen mit dem am schnellsten anwachsenden Energiebedarf weltweit. Seit dem Jahr 2000 hat die Energienachfrage insgesamt um mehr als 80% zugenommen. Allein der Strombedarf steigt hier mit durchschnittlich jährlich 6% wesentlich schneller als in anderen Teilen der Welt. Dem Wachstum wird zu großen Teilen mit dem weiteren Ausbau fossiler Energien begegnet, was negative Folgen für Klima und Umwelt mit sich bringt. Trotz eines großen Potenzials und gesunkener Produktionskosten (insbesondere von Solar- und Windenergie) werden aktuell nur 15% des Energiebedarfs durch erneuerbare Energie gedeckt. Insgesamt entfallen drei Viertel des Primärenergieverbrauchs in Südostasien auf fossile Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas. [...] Anders als in den meisten anderen Weltregionen hat in Südostasien auch der Anteil der Kohle an der Stromproduktion über die letzten Jahre weiter zugenommen und beträgt aktuell etwa 40%. Mit zunehmendem Verbrauch wird auch die Infrastruktur für die Produktion und den Transport von Energie weiter ausgebaut. Problematisch ist dabei, dass so auch längerfristige Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern geschaffen werden. [...]
Die Nutzung fossiler Energieträger wie Erdöl, Erdgas und Kohle führt zu Luftverschmutzung und treibt [...] den Klimawandel voran. Nach den Prognosen der Internationale Energieagentur (IEA) wird allein die steigende Nachfrage nach Kohle in Südostasien zu einem Anstieg der CO 2 -Emissionen von über 65% bis 2040 führen. Aber nicht nur der Verbrauch, sondern auch bereits die Produktion von Energie und der Abbau fossiler Energieträger hat gravierende ökologische und soziale Folgen. So wird Kohle beispielsweise vorwiegend im Tagebau gewonnen und trägt damit u.a. zu massiver Abholzung und Erosion bei. Für die lokale Bevölkerung bedeuten Tagebauminen häufig Vertreibung, Ernteeinbußen und gesundheitliche Beeinträchtigung. [...]
Gleichzeitig haben von den knapp 670 Mio. Menschen in Südostasien mindestens 45 Mio. Menschen keinen Zugang zu Elektrizität, wobei eine weitaus höhere Dunkelziffer anzunehmen ist. Vor allem in entlegeneren Regionen wird der Strombedarf über teure und zeitlich nur eingeschränkt verfügbare Quellen wie Dieselgeneratoren gedeckt. [...]
Das Ausmaß der Energiearmut variiert dabei [...] innerhalb einzelner Staaten stark. Während die Versorgungslage auf der indonesischen Insel Java [...] sehr gut ist, hat beispielsweise ein sehr großer Anteil [...] der in Irian Jaya, dem indonesischen Teil Papuas, lebenden Menschen keinen oder nur sehr sporadischen Zugang zu Elektrizität. Die offiziellen Angaben zu Elektrifizierungsraten sind allerdings in vielen Ländern Südostasiens sehr ungenau. Beispielsweise wird meist nicht eindeutig definiert, was Zugang zu Elektrizität genau bedeutet und in manchen Ländern (u.a. Indonesien) werden oft nur registrierte Haushalte erfasst, wodurch ein bedeutender Anteil der Bevölkerung in den Statistiken nicht berücksichtigt wird.
Aufgrund der steigenden Energienachfrage besteht in der Region ein großer Bedarf an neuer Infrastruktur für die Erzeugung und den Transport von Energie. Insbesondere große Infrastrukturprojekte sind seit einigen Jahren wieder auf dem Vormarsch. [...]
Die Förderung von Großinfrastrukturprojekten durch asiatische Nachbarstaaten folgt oft deren eigenem Entwicklungsmodell. Entwicklung ist dabei in einer autoritäreren Variante der Modernisierungstheorie nicht nur einem neoliberalen Paradigma unterworfen, sondern wird maßgeblich als staatlich induziert konzipiert. Menschenrechtsverletzungen und ökologische Zerstörung werden als notwendiges Übel auf dem Weg zu ökonomischer Prosperität verstanden. [...]
Aufgrund ihres enormen Flächenverbrauchs, daraus resultierenden Landkonflikten sowie anderer ökologischer und sozialer Probleme, die mit Energieinfrastrukturprojekten meist einhergehen, ziehen sie Kritik und massive Widerstände seitens der lokalen Bevölkerung sowie von Menschenrechts- und Umweltgruppen nach sich. Eine zunehmende Vernetzung lokaler Initiativen mit der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung, internationaler Druck und die gesunkenen Preise der Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen haben zumindest punktuell ein Umdenken und den Ausbau erneuerbarer Energien begünstigt.
Eine tatsächliche Energietransformation und die Verbesserung des Zugangs zu Energie in Südostasien bedürfen allerdings nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch besserer Rahmenbedingungen für kleinere, dezentrale Energieinfrastruktur.
Anna Fünfgeld: Keine Transformation in Sicht – Großinfrastrukturprojekte und die Beständigkeit fossiler Energien in Südostasien, in: Geographische Rundschau (Heft 4) 2021, S. 12–16.
Material 3
Kohlekraftwerke in Indonesien
Indonesien ist der größte Kohleproduzent und -exporteur in Südostasien. Die Kohlevorkommen werden zunehmend für die Deckung des Strombedarfs im Land genutzt. Deswegen wurden in den letzten Jahren zahlreiche neue Kohlekraftwerke gebaut, weitere befinden sich im Bau oder in der Planungsphase. Häufig werden die Kraftwerke in der Nähe von Siedlungsgebieten, Küsten und landwirtschaftlich genutzten Flächen errichtet und führen daher zu Nutzungskonflikten mit der lokalen Bevölkerung, denen dadurch die Lebensgrundlage entzogen wird. Ein Beispiel ist das 2012 in Betrieb gegangene Kraftwerk am Rande der west-javanischen Großstadt Cirebon. Bereits seit dem Jahr 2006 protestieren die knapp 2.000 Anwohnerinnen und Anwohner gegen das Bauvorhaben, das ihnen den Zugang zur Küste versperrt und zu Landenteignung geführt hat. Da die Mehrheit von ihnen bis dahin vom Fischfang und der Salzproduktion gelebt hat, haben viele ihre Einkommensgrundlage verloren. Neben Ernteeinbußen beklagt die Bevölkerung zudem eine starke Zunahme der Luftverschmutzung und den Rückgang der Fischbestände.
Anna Fünfgeld: Keine Transformation in Sicht – Großinfrastrukturprojekte und die Beständigkeit fossiler Energien in Südostasien, in: Geographische Rundschau (Heft 4) 2021, S. 12–16.
Material 4
Indonesien – Strommix
Bernhardt Schaaf: Indonesien setzt bei Stromerzeugung auf Kohle und Gas, 01.04.2019, URL: https://www.gtai.de/gtai-de/trade/branchen/branchenbericht/indonesien/indonesien-setzt-bei-stromerzeugung-auf-kohle-und-gas-22842 (abgerufen am 18.06.2021).
Material 5
Kohleförderung in Indonesien in den Jahren von 1981 bis 2019 (in Millionen Tonnen)
Statista, 14.06.2021, URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/41355/umfrage/indonesien---kohleproduktion-in-millionen-tonnen-oelaequivalent (abgerufen am 18.06.2021).
Material 6
Indonesien – Prognostizierter Stromverbrauch (2019)
Prognostizierter Stromverbrauch bei Kohle und erneuerbaren Energieträgern (in Gigawattstunden)
· KOHLE · ERNEUERBARE ENERGIEN
2019 · 176.517 · 36.620
2023 · 248.560 · 50.675
2027 · 293.902 · 102.532
Bernhardt Schaaf: Indonesien setzt bei Stromerzeugung auf Kohle und Gas, 01.04.2019, URL: https://www.gtai.de/gtai-de/trade/branchen/branchenbericht/indonesien/indonesien-setzt-bei-stromerzeugung-auf-kohle-und-gas-22842 (abgerufen am 18.06.2021).
Material 7
„Business as usual“ im Kohle-Revier (2020)
Seit dem 13. Welt-Klimagipfel im Dezember 2007 auf Bali hat sich die Fördermenge an Steinkohle in Indonesien von 188,66 Millionen Tonnen auf ca. 610 Millionen Tonnen verdreifacht. [...] Trotz des Versprechens, die Treibhausgasemissionen bis 2020 auf 26% zu senken, ist Indonesien nach Australien heute der zweitgrößte Exporteur von thermischer Kohle. Fast 80% der Kohle aus Indonesien werden nach Indien, China, Südkorea, Vietnam, Thailand und auf die Philippinen exportiert. Der Rest wird für Kohlekraftwerke im Inland verwendet [...]
Die Provinzen Ost- und Süd-Kalimantan steuerten 2017 bereits 82,2% der 461,2 Millionen Tonnen Kohleproduktion Indonesiens bei. Im selben Jahr begann auch der Anstieg der Kohleförderung in Zentral-Kalimantan. Im Jahr 2017 förderte Zentral-Kalimantan 17,3 Millionen Tonnen, ein Anstieg um mehr als das Zweifache im Vergleich zu drei Jahren zuvor [...]. Kalimantan bietet nicht nur Kohlereserven, die großen Flüsse stellen dort auch die billigsten Transportwege für die Kohle von den Bergbaustandorten dar. [...]
Die Aktivitäten der indigenen Bevölkerung der Dayak sind größtenteils abhängig von den Flüssen in der Region. [...] Zurzeit gibt es aber große Veränderungen der ökologischen Bedingungen der Flüsse, die durch steigende Wasserpegel immer näher an die Dörfer „rücken“. [...] „In der Vergangenheit kam das nicht so häufig vor und das Wasser war auch nicht so trüb wie jetzt“, erinnert sich Ata, die in Maruwei geboren wurde. Ata macht für die Trübheit des Wassers die Aktivitäten von Kohlegruben an den Nebenflüssen des Laung verantwortlich.
Seit zwei Jahrzehnten ist eine Kohlemine [...] in Betrieb. Eine weitere kam vor einigen Jahren hinzu. Drei weitere sollen folgen. Kohlefirmen sind an den Feldern und Plantagen der Bewohner*innen interessiert, welche nach der Meinung der Firmen einen hohen Kohleanteil bergen. Im Bezirk Murung Raya bestehen Bergbaukonzessionen für 48% des Gebiets. [...]
Die Arbeitsmöglichkeiten im Kohlebergbau für lokale Anwohner*innen, die über keinen Studienabschluss verfügen, beschränken sich oft auf körperliche Arbeit. Zunächst werden sie als Helfer*innen zum Tragen von Ausrüstung und Versorgungsmaterialien in den Wald, bei der Entnahme von Gesteinsproben oder beim Bedienen von schweren Maschinen eingesetzt. Die Produktionsweise im Bergbau und die Geschlechterverteilung in der Gesellschaft machen Beschäftigungsmöglichkeiten im Bergbau meist nur für Männer attraktiv. Es gibt nur wenige Möglichkeiten der Lohnarbeit für Frauen, außer in der Verwaltung, Buchhaltung, in der Wäscherei oder im Catering. [...]
Altersbegrenzung und Vertragslaufzeiten der Jobs in den Kohlefirmen sind begrenzt. Wer älter als 45 Jahre ist, bekommt keine Arbeit mehr. Ein Großteil der lokalen Arbeitskräfte erhält zudem nur Kurzzeit-Verträge, die mit einer Probezeit von drei Monaten beginnen. Die Verträge werden dann auf sechs Monate verlängert und können auf ein oder zwei Jahre ausgedehnt werden. Ist der Auftrag des Unternehmens erledigt, folgen Massenentlassungen.
Dennoch sind diese Jobs unter jungen Menschen sehr beliebt. Der Lohn liegt über dem regionalen Mindestlohn der Provinz Zentral-Kalimantan. Zudem ist der Preis für Kautschuk, die ehemalige Haupteinnahmequelle, im letzten Jahrzehnt dramatisch gesunken, wodurch die Einnahmen aus Kautschukplantagen um 70% zurückgingen. [...]
Diese Situation hat große Auswirkungen auf die Arbeitsteilung in den Dörfern in der Umgebung, weil die Männer lieber im Bergbau arbeiten als auf den Plantagen oder Feldern. Traditionell teilen sich jedoch Männer und Frauen die Arbeit auf den Feldern: [...] Die Männer graben die Löcher vor, in welche dann die Frauen die Reispflanzen setzen. Die Frauen stutzen das Gras zwischen den Reisfeldern, während die Männer Früchte von den Plantagen unweit der Felder ernten. [...]
Doch seit ihre Männer im Bergbau arbeiten, entschieden sich viele Frauen dazu, nicht mehr die Felder zu bestellen oder Kautschuk abzubauen. Wollen sie die Felder bestellen, sind die Ausgaben für die Bestellung des Feldes höher als die daraus resultierenden Einnahmen, da sie nun Arbeiter*innen auf ihren Feldern bezahlen müssen.
Siti Maimunah: „Business as usual“ im Kohle-Revier, 09.05.2020, URL: https://suedostasien.net/indonesien-business-as-usual-im-kohle-revier/ (abgerufen am 18.06.2021).
1 Beschreiben Sie die wirtschaftliche und soziale Lage Indonesiens und ordnen Sie das Land begründet einem Entwicklungsstand zu. (Material 1–2, Atlas)
(20 BE)
Aufgabe Vorschlag D - 2 bis 4 - Kohleabbau und Energietra… · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit
Material 1
Strukturdaten Indonesien 2021 (wenn nicht anders angegeben)
Material 2
Keine Transformation in Sicht
Südostasien [...] gehört zu den Regionen mit dem am schnellsten anwachsenden Energiebedarf weltweit. Seit dem Jahr 2000 hat die Energienachfrage insgesamt um mehr als 80% zugenommen. Allein der Strombedarf steigt hier mit durchschnittlich jährlich 6% wesentlich schneller als in anderen Teilen der Welt. Dem Wachstum wird zu großen Teilen mit dem weiteren Ausbau fossiler Energien begegnet, was negative Folgen für Klima und Umwelt mit sich bringt. Trotz eines großen Potenzials und gesunkener Produktionskosten (insbesondere von Solar- und Windenergie) werden aktuell nur 15% des Energiebedarfs durch erneuerbare Energie gedeckt. Insgesamt entfallen drei Viertel des Primärenergieverbrauchs in Südostasien auf fossile Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas. [...] Anders als in den meisten anderen Weltregionen hat in Südostasien auch der Anteil der Kohle an der Stromproduktion über die letzten Jahre weiter zugenommen und beträgt aktuell etwa 40%. Mit zunehmendem Verbrauch wird auch die Infrastruktur für die Produktion und den Transport von Energie weiter ausgebaut. Problematisch ist dabei, dass so auch längerfristige Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern geschaffen werden. [...]
Die Nutzung fossiler Energieträger wie Erdöl, Erdgas und Kohle führt zu Luftverschmutzung und treibt [...] den Klimawandel voran. Nach den Prognosen der Internationale Energieagentur (IEA) wird allein die steigende Nachfrage nach Kohle in Südostasien zu einem Anstieg der CO 2 -Emissionen von über 65% bis 2040 führen. Aber nicht nur der Verbrauch, sondern auch bereits die Produktion von Energie und der Abbau fossiler Energieträger hat gravierende ökologische und soziale Folgen. So wird Kohle beispielsweise vorwiegend im Tagebau gewonnen und trägt damit u.a. zu massiver Abholzung und Erosion bei. Für die lokale Bevölkerung bedeuten Tagebauminen häufig Vertreibung, Ernteeinbußen und gesundheitliche Beeinträchtigung. [...]
Gleichzeitig haben von den knapp 670 Mio. Menschen in Südostasien mindestens 45 Mio. Menschen keinen Zugang zu Elektrizität, wobei eine weitaus höhere Dunkelziffer anzunehmen ist. Vor allem in entlegeneren Regionen wird der Strombedarf über teure und zeitlich nur eingeschränkt verfügbare Quellen wie Dieselgeneratoren gedeckt. [...]
Das Ausmaß der Energiearmut variiert dabei [...] innerhalb einzelner Staaten stark. Während die Versorgungslage auf der indonesischen Insel Java [...] sehr gut ist, hat beispielsweise ein sehr großer Anteil [...] der in Irian Jaya, dem indonesischen Teil Papuas, lebenden Menschen keinen oder nur sehr sporadischen Zugang zu Elektrizität. Die offiziellen Angaben zu Elektrifizierungsraten sind allerdings in vielen Ländern Südostasiens sehr ungenau. Beispielsweise wird meist nicht eindeutig definiert, was Zugang zu Elektrizität genau bedeutet und in manchen Ländern (u.a. Indonesien) werden oft nur registrierte Haushalte erfasst, wodurch ein bedeutender Anteil der Bevölkerung in den Statistiken nicht berücksichtigt wird.
Aufgrund der steigenden Energienachfrage besteht in der Region ein großer Bedarf an neuer Infrastruktur für die Erzeugung und den Transport von Energie. Insbesondere große Infrastrukturprojekte sind seit einigen Jahren wieder auf dem Vormarsch. [...]
Die Förderung von Großinfrastrukturprojekten durch asiatische Nachbarstaaten folgt oft deren eigenem Entwicklungsmodell. Entwicklung ist dabei in einer autoritäreren Variante der Modernisierungstheorie nicht nur einem neoliberalen Paradigma unterworfen, sondern wird maßgeblich als staatlich induziert konzipiert. Menschenrechtsverletzungen und ökologische Zerstörung werden als notwendiges Übel auf dem Weg zu ökonomischer Prosperität verstanden. [...]
Aufgrund ihres enormen Flächenverbrauchs, daraus resultierenden Landkonflikten sowie anderer ökologischer und sozialer Probleme, die mit Energieinfrastrukturprojekten meist einhergehen, ziehen sie Kritik und massive Widerstände seitens der lokalen Bevölkerung sowie von Menschenrechts- und Umweltgruppen nach sich. Eine zunehmende Vernetzung lokaler Initiativen mit der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung, internationaler Druck und die gesunkenen Preise der Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen haben zumindest punktuell ein Umdenken und den Ausbau erneuerbarer Energien begünstigt.
Eine tatsächliche Energietransformation und die Verbesserung des Zugangs zu Energie in Südostasien bedürfen allerdings nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch besserer Rahmenbedingungen für kleinere, dezentrale Energieinfrastruktur.
Anna Fünfgeld: Keine Transformation in Sicht – Großinfrastrukturprojekte und die Beständigkeit fossiler Energien in Südostasien, in: Geographische Rundschau (Heft 4) 2021, S. 12–16.
Material 3
Kohlekraftwerke in Indonesien
Indonesien ist der größte Kohleproduzent und -exporteur in Südostasien. Die Kohlevorkommen werden zunehmend für die Deckung des Strombedarfs im Land genutzt. Deswegen wurden in den letzten Jahren zahlreiche neue Kohlekraftwerke gebaut, weitere befinden sich im Bau oder in der Planungsphase. Häufig werden die Kraftwerke in der Nähe von Siedlungsgebieten, Küsten und landwirtschaftlich genutzten Flächen errichtet und führen daher zu Nutzungskonflikten mit der lokalen Bevölkerung, denen dadurch die Lebensgrundlage entzogen wird. Ein Beispiel ist das 2012 in Betrieb gegangene Kraftwerk am Rande der west-javanischen Großstadt Cirebon. Bereits seit dem Jahr 2006 protestieren die knapp 2.000 Anwohnerinnen und Anwohner gegen das Bauvorhaben, das ihnen den Zugang zur Küste versperrt und zu Landenteignung geführt hat. Da die Mehrheit von ihnen bis dahin vom Fischfang und der Salzproduktion gelebt hat, haben viele ihre Einkommensgrundlage verloren. Neben Ernteeinbußen beklagt die Bevölkerung zudem eine starke Zunahme der Luftverschmutzung und den Rückgang der Fischbestände.
Anna Fünfgeld: Keine Transformation in Sicht – Großinfrastrukturprojekte und die Beständigkeit fossiler Energien in Südostasien, in: Geographische Rundschau (Heft 4) 2021, S. 12–16.
Material 4
Indonesien – Strommix
Bernhardt Schaaf: Indonesien setzt bei Stromerzeugung auf Kohle und Gas, 01.04.2019, URL: https://www.gtai.de/gtai-de/trade/branchen/branchenbericht/indonesien/indonesien-setzt-bei-stromerzeugung-auf-kohle-und-gas-22842 (abgerufen am 18.06.2021).
Material 5
Kohleförderung in Indonesien in den Jahren von 1981 bis 2019 (in Millionen Tonnen)
Statista, 14.06.2021, URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/41355/umfrage/indonesien---kohleproduktion-in-millionen-tonnen-oelaequivalent (abgerufen am 18.06.2021).
Material 6
Indonesien – Prognostizierter Stromverbrauch (2019)
Prognostizierter Stromverbrauch bei Kohle und erneuerbaren Energieträgern (in Gigawattstunden)
· KOHLE · ERNEUERBARE ENERGIEN
2019 · 176.517 · 36.620
2023 · 248.560 · 50.675
2027 · 293.902 · 102.532
Bernhardt Schaaf: Indonesien setzt bei Stromerzeugung auf Kohle und Gas, 01.04.2019, URL: https://www.gtai.de/gtai-de/trade/branchen/branchenbericht/indonesien/indonesien-setzt-bei-stromerzeugung-auf-kohle-und-gas-22842 (abgerufen am 18.06.2021).
Material 7
„Business as usual“ im Kohle-Revier (2020)
Seit dem 13. Welt-Klimagipfel im Dezember 2007 auf Bali hat sich die Fördermenge an Steinkohle in Indonesien von 188,66 Millionen Tonnen auf ca. 610 Millionen Tonnen verdreifacht. [...] Trotz des Versprechens, die Treibhausgasemissionen bis 2020 auf 26% zu senken, ist Indonesien nach Australien heute der zweitgrößte Exporteur von thermischer Kohle. Fast 80% der Kohle aus Indonesien werden nach Indien, China, Südkorea, Vietnam, Thailand und auf die Philippinen exportiert. Der Rest wird für Kohlekraftwerke im Inland verwendet [...]
Die Provinzen Ost- und Süd-Kalimantan steuerten 2017 bereits 82,2% der 461,2 Millionen Tonnen Kohleproduktion Indonesiens bei. Im selben Jahr begann auch der Anstieg der Kohleförderung in Zentral-Kalimantan. Im Jahr 2017 förderte Zentral-Kalimantan 17,3 Millionen Tonnen, ein Anstieg um mehr als das Zweifache im Vergleich zu drei Jahren zuvor [...]. Kalimantan bietet nicht nur Kohlereserven, die großen Flüsse stellen dort auch die billigsten Transportwege für die Kohle von den Bergbaustandorten dar. [...]
Die Aktivitäten der indigenen Bevölkerung der Dayak sind größtenteils abhängig von den Flüssen in der Region. [...] Zurzeit gibt es aber große Veränderungen der ökologischen Bedingungen der Flüsse, die durch steigende Wasserpegel immer näher an die Dörfer „rücken“. [...] „In der Vergangenheit kam das nicht so häufig vor und das Wasser war auch nicht so trüb wie jetzt“, erinnert sich Ata, die in Maruwei geboren wurde. Ata macht für die Trübheit des Wassers die Aktivitäten von Kohlegruben an den Nebenflüssen des Laung verantwortlich.
Seit zwei Jahrzehnten ist eine Kohlemine [...] in Betrieb. Eine weitere kam vor einigen Jahren hinzu. Drei weitere sollen folgen. Kohlefirmen sind an den Feldern und Plantagen der Bewohner*innen interessiert, welche nach der Meinung der Firmen einen hohen Kohleanteil bergen. Im Bezirk Murung Raya bestehen Bergbaukonzessionen für 48% des Gebiets. [...]
Die Arbeitsmöglichkeiten im Kohlebergbau für lokale Anwohner*innen, die über keinen Studienabschluss verfügen, beschränken sich oft auf körperliche Arbeit. Zunächst werden sie als Helfer*innen zum Tragen von Ausrüstung und Versorgungsmaterialien in den Wald, bei der Entnahme von Gesteinsproben oder beim Bedienen von schweren Maschinen eingesetzt. Die Produktionsweise im Bergbau und die Geschlechterverteilung in der Gesellschaft machen Beschäftigungsmöglichkeiten im Bergbau meist nur für Männer attraktiv. Es gibt nur wenige Möglichkeiten der Lohnarbeit für Frauen, außer in der Verwaltung, Buchhaltung, in der Wäscherei oder im Catering. [...]
Altersbegrenzung und Vertragslaufzeiten der Jobs in den Kohlefirmen sind begrenzt. Wer älter als 45 Jahre ist, bekommt keine Arbeit mehr. Ein Großteil der lokalen Arbeitskräfte erhält zudem nur Kurzzeit-Verträge, die mit einer Probezeit von drei Monaten beginnen. Die Verträge werden dann auf sechs Monate verlängert und können auf ein oder zwei Jahre ausgedehnt werden. Ist der Auftrag des Unternehmens erledigt, folgen Massenentlassungen.
Dennoch sind diese Jobs unter jungen Menschen sehr beliebt. Der Lohn liegt über dem regionalen Mindestlohn der Provinz Zentral-Kalimantan. Zudem ist der Preis für Kautschuk, die ehemalige Haupteinnahmequelle, im letzten Jahrzehnt dramatisch gesunken, wodurch die Einnahmen aus Kautschukplantagen um 70% zurückgingen. [...]
Diese Situation hat große Auswirkungen auf die Arbeitsteilung in den Dörfern in der Umgebung, weil die Männer lieber im Bergbau arbeiten als auf den Plantagen oder Feldern. Traditionell teilen sich jedoch Männer und Frauen die Arbeit auf den Feldern: [...] Die Männer graben die Löcher vor, in welche dann die Frauen die Reispflanzen setzen. Die Frauen stutzen das Gras zwischen den Reisfeldern, während die Männer Früchte von den Plantagen unweit der Felder ernten. [...]
Doch seit ihre Männer im Bergbau arbeiten, entschieden sich viele Frauen dazu, nicht mehr die Felder zu bestellen oder Kautschuk abzubauen. Wollen sie die Felder bestellen, sind die Ausgaben für die Bestellung des Feldes höher als die daraus resultierenden Einnahmen, da sie nun Arbeiter*innen auf ihren Feldern bezahlen müssen.
Siti Maimunah: „Business as usual“ im Kohle-Revier, 09.05.2020, URL: https://suedostasien.net/indonesien-business-as-usual-im-kohle-revier/ (abgerufen am 18.06.2021).
2
Beschreiben Sie die Merkmale des Abbaus und der Verwendung von Kohle in Indonesien und erläutern Sie diese vor dem Hintergrund der Modernisierungstheorie. (Material 2–7) [20 BE]
3
Untersuchen Sie die Nachhaltigkeit des Kohleabbaus auf unterschiedlichen Maßstabsebenen von lokal bis global. (Material 2–7) [30 BE]
4
„Eine tatsächliche Energietransformation und die Verbesserung des Zugangs zu Energie in Südostasien bedürfen allerdings nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch besserer Rahmenbedingungen für kleinere, dezentrale Energieinfrastruktur.“ (Material 2)
Diskutieren Sie diese Aussage. (Material 2–7, Atlas) [30 BE]
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