Aufgabe Vorschlag C - 2 · Abitur Hessen Deutsch LK 2022
Thema: Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Angela Lehner: Vater unser (2019)
Die Protagonistin des Romans, Eva Gruber, ist zwangsweise, aber ohne Angabe von Gründen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Am vierten Tag hat sie das erste Gespräch mit ihrem Psychiater.
Wer nicht mehr neu ist, braucht auch nicht mehr in den grünen Papierhandtuchanzügen herumzulau-
fen. Stattdessen habe ich ein ansehnliches Repertoire an Jogginganzügen zur Verfügung gestellt be-
kommen. Ich muss sagen, das ist gar nicht so schlecht: Den ganzen Tag in Gummizug-Hosen flanieren
und zu den Fütterungszeiten im Aufenthaltsraum abhängen. Urlaub in Lignano 1 ist auch nicht viel an-
5 ders.
Meine Schritte hallen durch den Gang. Und es hilft nichts, man muss es sagen: Der Gang ist schon
schön. Da herrscht noch der Glanz anderer Zeiten. In den Patientenpavillons hört das ja gleich auf mit
dem Schein, sobald man das Stiegenhaus verlässt und durch die Stationstür geht. Da beginnt der Plas-
tikboden, und womit könnte man besser ausdrücken, dass man am Boden der Tatsachen angekommen
10 ist, als mit Plastikboden; ja, Plastikboden ist eigentlich tatsächlich der Boden der Tatsachen. Aber hier
auf den Gängen im ambulanten Therapiegebäude gibt es kein Plastik. Die blauen Ornamente begleiten
einen vom Erdgeschoss über vier Stockwerke hinweg. Bis ins Dachgeschoss, wo Doktor Korb sein
Büro hat. Bevor ich eintrete, bleibe ich stehen und luge 2 in das Zimmer. Doktor Korb nickt mir, eine
Hand an der Türklinke, zu.
15 Ich trete über die Schwelle, mache ein paar Schritte, bleibe mitten im Raum stehen und warte. Er
schließt die Tür, geht an mir vorbei zu den Sitzmöbeln, bedeutet mir dann wieder mit einem Nicken,
dass ich weitergehen soll. Als führte er mich an einer unsichtbaren Leine. Und genau wie ein braves
Hündchen trotte ich seiner Halbglatze hinterher und mache Platz. Auf einem Diwan 3, der mit specki-
gem Leder bezogen ist. Die eine Seite flach, auf der anderen bäumt sich in elegantem Bogen eine
20 Lehne auf. Als hätte sich ein Ohrensessel mit einem Bett gepaart. Ich rücke ein Stück nach rechts, und
einer der Knöpfe, die sich in gleichmäßigen Abständen auf dem Speckbezug verteilen wie Fettaugen
auf einer Wurstscheibe, gibt ein Geräusch von sich. Ich rücke noch ein Stück weiter, um Missverständ-
nisse zu vermeiden. Doktor Korb setzt sich mir gegenüber in einen Ohrensessel, der im gleichen Stil
gehalten ist wie der Diwan.
25 Hinter ihm steht ein großer Schreibtisch, Mahagoni, denke ich. Nicht, dass ich wüsste, wie Mahago-
nimöbel aussehen, aber wenn sie tatsächlich existieren, dann wohl in diesem Büro. Regale aus demsel-
ben Holz, Bücher, Zertifikate. An der gegenüberliegenden Wand eine Vitrine. Flaschen voller bern-
steinfarbenem Alkohol. Ich schnaube und merke, wie Doktor Korb mich beobachtet. Da entdecke ich
auf dem niedrigen Tisch zwischen ihm und mir ein Schälchen mit bunten Holzfrüchten. Ungläubig
30 nehme ich einen rot bemalten Holzapfel und rieche daran. Badezimmer, denke ich und freue mich. Ich
schaue zu Doktor Korb hinüber und halte den Apfel in die Höhe.
Er verzieht keine Miene. Er scheint den Apfel nicht lustig zu finden und auch nicht die kleine Holzba-
nane oder die blaue Himbeere, die genauso groß wie die Banane ist. Die Holzfrüchte, den bernsteinfar-
benen Alkohol, sein ganzes klischeedurchtränktes Büro: nichts davon findet dieser Korb lustig. Kurz
35 frage ich mich, ob ich ihm eine Freude machen und mich über den Diwan werfen sollte, wie eine Diva
im Schwarz-Weiß-Film. Ein Handgelenk an der Stirn, das andere am Bauch, seufzen. Nur um das Bild
eines Psychiater-Büros für ihn zu komplettieren. Vollendung, denke ich mir, ist immer ausreizbar.
Korb bleibt stumm, und ich höre eine Uhr ticken, nach der ich mich nicht mehr umzudrehen brauche.
Die Lücken im Kopf haben sich geschlossen, spätestens seit den Holzfrüchten weiß ich alles über die-
40 sen Raum.
Nach einer weiteren Minute sagt Korb: „Guten Tag.“
Ich wundere mich.
„Guten Tag“, sag ich.
Dann nickt Korb und sagt wieder: „Guten Tag.“
45 Ich lächle, vielleicht steckt doch Humor in diesem Menschen. Ich hebe die Hände neben die Ohren
und beginne, mit ihnen zu wackeln, während ich auf dem Diwan von links nach rechts schaukle: „Gu-
tentag, Gutentag, ich will mein Leben zurück“ 4, sag ich.
Stille. Dann notiert Doktor Korb sich etwas auf dem Klemmbrett.
„Wissen Sie“, sag ich, „die richtige Lampe fehlt noch.“
50 „Wie bitte?“, Korb hebt den Kopf.
„Na ja, im Zimmer hier: eine Lampe.“
„Soll ich das Licht einschalten?“, fragt er.
„Nein“, sag ich und komme nicht umhin, die Augen zu verdrehen. Schließlich ist es helllichter Tag.
Die Sonne knallt durch die Fenster herein, und auch Doktor Korb schwitzt unter seinem weißen Arzt-
55 kostüm wie die Neueinlieferungen in ihren Papierhandtuchanzügen.
„Für den Schreibtisch“, sag ich und deute überflüssigerweise mit dem Kinn zum Tisch, als wüsste er
nicht selbst, wo er steht.
„So eine kleine grüne“, sag ich und beuge mich nach vorne. Ich lege die Hände auf den Couchtisch
und fahre dann in der Luft die Form der Lampe nach. Auch imaginäre Lampen müssen auf echten Ti-
60 schen stehen.
„So“, sag ich, „hier golden und da oben grün.“ Ich ziehe die Hände auseinander: „Grünes Glas.“ Ich
richte mich wieder auf und rutsche auf dem Diwan nach hinten: „Wie in den Bibliotheken“, sag ich,
„in den alten. Am Heldenplatz 5 zum Beispiel.“
Korb schaut zur Seite, nickt. Einen Moment lang befürchte ich, er könnte gleich wieder „Guten
65 Tag“ sagen. Deswegen beschließe ich, die Situation selbst zu retten. Ich starte die Therapie einfach
mal alleine, der Arzt kann ja später einsteigen.
„Ich bin Eva Gruber“, sag ich. „Mit meiner Familie ist es schwierig.“
Doktor Korb nickt. Das ist zumindest ein Anfang.
„Mein Vater“, sag ich, „hat sich umgebracht.“
70 Er nickt wieder.
„Und meine Mutter ist ja auch tot.“
Der Arzt zieht die Augenbrauen zusammen.
„Meinen Bruder“, sag ich, „hab ich alleine großgezogen.“
Ich lege den Kopf schief und schwelge in der Erinnerung: „Jaja“, sag ich, „das waren noch Zeiten.“
75 Ich lehne mich vor und schaue dem Psychiater in die Augen: „Wir haben wirklich ein inniges Verhält-
nis, mein Bruder und ich. Ich habe ihn ja gewissermaßen alleine am Leben erhalten. Wissen Sie, an
meinen metaphorischen Zitzen hab ich ihn gesäugt, wie bei diesen Wölfen in Rom.“
Mit der Hand mache ich eine kreisende Bewegung vor meiner linken Brust: „Wissen Sie, was ich
meine?“
80 Der Arzt hebt den Blick von meiner Brust und schaut mir ins Gesicht: „Was?“
„Wölfe in Rom“, sag ich, „sind Sie total ungebildet, oder was? Diese Legende. Die Menschen haben
an den Zitzen von dem Wolf getrunken, in Rom; oder die Wölfe an den Zitzen von den Menschen.
Umgekehrt würde es aber mehr Sinn machen. So ein Wolf hat ja mehr Zitzen zum Andocken.“
Wieder lasse ich meine Hände vor den Brüsten kreisen und denke nach. „In Deutschland“, sag ich,
85 „soll es ja auch wieder Wölfe geben.“
„Frau Gruber“, unterbricht Doktor Korb mich.
„Ja?“, sag ich und lasse die Hände sinken.
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragt er.
„Ja“, sag ich und stecke die Hände in die Hosentaschen.
90 Es ist beruhigend zu sehen, dass der Arzt jetzt auch an der Therapie teilnimmt.
„Können Sie mir dann bitte in eigenen Worten erzählen, warum Sie hier am OWS aufgenommen wur-
den?“
„OWS“ ist Slang für Otto-Wagner-Spital, die Leute hier nutzen es wie Studierende die Wörter „Bib“ 6
oder „Stip“ 7. Das OWS ist die Hood 8 vom Korb. Darum merkt er nicht, dass er Slang redet. Er schaut
95 mich abwartend an.
„Hergekommen bin ich mit der Polizei. Vor drei Tagen.“
Ich nicke: „Fast schon vier Tage bin ich da.“
Korb stimmt mir zu.
„Richtig“, sagt er, „wir sind uns also einig, seit wann Sie da sind und wie Sie hergekommen sind. Das
100 Warum müssten wir noch klären.“
Ich nehme das Gummiband, das ich ums Handgelenk trage, und binde mir die Haare zusammen.
„Also, die Polizei hat mich geholt. Ich war da sehr kooperativ, muss ich sagen. Ich bin eingestiegen,
und dann hat man mich hergebracht. Gut“, sag ich, weil mir die Therapie jetzt schon auf die Nerven
geht. Ich klatsche mir mit den Händen auf die Schenkel: „War auch ein bisschen viel heute. Wir sehen
105 uns ja morgen wieder.“
Ich lächle Korb an, stehe auf und gehe zur Tür. Ich drücke die Klinke nach unten, aber die Tür bewegt
sich nicht: abgesperrt. „Korb“, sag ich und drehe mich um, „das wäre so ein cooler Abgang gewesen.
Sie haben es mir versaut.“
„Frau Gruber“, sagt er, „das ist keine Show, das ist Ihre Therapie.“
110 „Ja“, sag ich und gehe zum Diwan zurück, „wenn das meine Show wäre, würde es auch bessere
Snacks geben.“ Ich deute auf die Schüssel mit den Duftfrüchten.
„Warum sperren Sie überhaupt die Tür ab?“, ich fläze mich wieder auf das Möbel. „Das ist ja schon
grenzwertig. Ein grenzwertiger Mensch sind Sie.“
„So ist das bei mir“, sagt Korb und lehnt sich jetzt ebenfalls entspannt zurück. Es ist, als hätte sich ge-
115 rade was aufgelöst zwischen uns. „Sie können auch gern zum Kollegen wechseln. Bei mir bleibt die
Tür zu.“
„Schon gut“, sag ich und hebe die Hände, „kein Grund, gleich beleidigt zu sein.“
Korb hält wieder das Klemmbrett im Anschlag und wartet, dass ich weiterspreche. Na gut, denke ich.
Angela Lehner: Vater unser, Berlin 2019, S. 25–31.
Hinweise
Angela Lehner (*1987), österreichische Schriftstellerin, erhielt für ihren Debütroman „Vater unser“ mehrere Literaturpreise.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Lignano – italienischer Badeort an der Adria
2 lugen – aufmerksam spähend schauen, nach jemandem/etwas blicken
3 Diwan – Sofa
4 „Gutentag, Gutentag, ich will mein Leben zurück“ – Refrain aus dem Song „Guten Tag“ der Gruppe „Wir sind Helden“
5 Die österreichische Nationalbibliothek befindet sich am Wiener Heldenplatz.
6 Bib – Bibliothek
7 Stip – Stipendium
8 Hood (engl.) – Nachbarschaft, Viertel
2 Erläutern Sie – auch unter Rückbezug auf den vorliegenden Textauszug aus Lehners „Vater unser“ (Material) – das jeweilige Arzt-Patienten-Verhältnis in Büchners Drama „Woyzeck“ (Szene „Beim Doktor“) und Goethes Drama „Faust I“ (Szenen „Vor dem Tor“ V. 981–1055 und „Studierzimmer II“ V. 2001–2036). [35 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Erläutern Sie – auch unter Rückbezug auf den vorliegenden Textauszug aus Lehners „Vater unser“ (Material) – das jeweilige Arzt-Patienten-Verhältnis in Büchners Drama „Woyzeck“ (Szene „Beim Doktor“) und Goethes Drama „Faust I“ (Szenen „Vor dem Tor“ V. 981–1055 und „Studierzimmer II“ V. 2001–2036).
Lösung: Vergleichende Erläuterung des Arzt-Patienten-Verhältnisses in Büchners „Woyzeck“ und Goethes „Faust I“ mit Rückbezug auf Lehners Textauszug.
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