Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Deutsch GK 2021
Thema: Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Jan Roß: Macht mich Bildung zum besseren Menschen? (2020)
Während meiner Zeit als Korrespondent in Indien bin ich zahllosen Bettlern begegnet. Manchmal habe ich ihnen ein bisschen Geld gegeben, manchmal ärgerte ich mich über sie, weil ich sie zudringlich fand. Aber an den allermeisten bin ich vorbeigegangen. Das passiert natürlich auch in Deutschland, in jeder großstädtischen Fußgängerzone. Doch in einem Land wie Indien, wo die Armut trotz aller wirtschaftlichen Entwicklung immer noch allgegenwärtig ist, fällt einem die eigene Fähigkeit zur Achtlosigkeit, zur Wahrnehmungsverweigerung besonders drastisch auf. Man blickt von den Armen nicht einmal mehr weg, man sieht einfach durch sie hindurch.
Zufälligerweise las ich zur selben Zeit, in der ich mich in Indien einlebte, ein dickes, altes europäisches Buch, einen Klassiker: den Roman Bleakhouse des englischen Erzählers Charles Dickens 1 aus dem Jahr 1853. Eine spannende Geschichte aus dem nebelverhangenen viktorianischen London. Halb Krimi, halb Sozialkritik, voller unvergesslicher Charaktere.
Eine der Romanfiguren ist der Straßenkehrer Jo, noch ein halbes Kind, so schmächtig, verschüchtert und elend, dass er nicht einmal einen Nachnamen angeben kann, wenn er gefragt wird, und gewissermaßen nur aus zwei Buchstaben besteht. Das Verrückte ist nun: An diesem literarischen Betteljungen konnte ich, im Unterschied zu den lebenden Bettlern draußen in der Stadt, nicht vorbeisehen. Er ist aus der Geschichte nicht wegzudenken, Dickens hat ihn mit dutzenderlei Fäden in die Handlung hineingenäht. Wer Bleakhouse liest, muss sich auch mit Jo befassen. Ich konnte den Band natürlich zuschlagen und weglegen, aber solange ich meinen Kopf in das Buch steckte, war Jo da. Ich musste seinen gestammelten, sprachlich unkorrekten Sätzen mit Geduld zuhören. Ich musste mitansehen, wie er von der Polizei als unerwünschter Obdachloser von Ort zu Ort gescheucht wird, wie er vor Gericht nicht als Zeuge erscheinen darf, wie er schließlich an den Pocken stirbt, die in den Londoner Slums ausgebrütet werden. Ich konnte das alles nicht ausblenden: Augen, die zum Lesen geöffnet sind, lassen sich für die Vorstellungskraft nicht schließen. Mein Lektüreerlebnis war gespenstisch, aber auch ein Wunder: Ein fiktiver Charakter aus einem mehr als 150 Jahre alten Buch war für mich wirklicher als die tatsächlichen Leute vor meiner Haustür. Oder, anders und optimistischer gesagt: Ein Kunstwerk, ein klassischer Roman – ein Bildungsgut –, zwang mich unerbittlicher, die Realität der Armut zur Kenntnis zu nehmen, als die Realität selbst es vermochte.
Macht uns Bildung zu besseren Menschen? Was für eine ungewohnte Frage das ist – altmodisch, idealistisch, naiv, beinahe peinlich. Das ist nicht die Art, wie wir normalerweise über dieses Thema reden. Bildung steht offiziell hoch im Kurs, als Fundament der modernen Wissensgesellschaft; die Diskussion geht dann gleich in die Details: acht oder neun Jahre Gymnasium, mehr Digitalisierung oder mehr Latein. Aber ist das alles? An Bildung richten sich Erwartungen, Sehnsüchte, die durch keine Kultusbürokratie und kein Reformexpertentum zu befriedigen sind. Wenn sie mehr sein soll als Information oder Training, mehr als bloß Karrierevehikel oder Statusmerkmal, sondern eine Lebensbegleiterin, dann landet man irgendwann bei dieser Frage: Macht uns Bildung zu besseren Menschen?
Und die erste schnelle, selbstverständliche, fast aus dem Rückenmark schießende Antwort lautet: Nein. Wir alle kennen belesene, kunstsinnige und intellektuell brillante Wichtigtuer, Egoisten oder Zyniker. […] Wir kennen den „Bildungsdünkel“: ein klassenmäßiges bürgerliches Ausschluss-Kriterium, um „die da unten“ und „die da draußen“ von der besseren Gesellschaft fernzuhalten. Der Anspruch auf Bildung ist oft von der Giftwolke der Arroganz umgeben, wenn nicht von angemaßtem Herrenmenschentum. Umgekehrt gibt es eine Menge Leute, die den Namen „Shakespeare“ zwar nicht einmal buchstabieren können – denen aber seelisch und charakterlich nicht das Mindeste fehlt. Ein gebildeter und ein guter Mensch zu sein, also Geistesbildung und Herzensbildung – die beiden Eigenschaften haben offenbar nur sehr bedingt miteinander zu tun. […]
Und trotzdem ist das nicht die ganze Wahrheit. Dass Bildung moralische Kraft besitzt, ist keine komplette Illusion oder ideologische Phrase. […]
In der Horizonterweiterung steckt […] die Ethik der Bildung. Bildung tritt dem Vergessen entgegen und hält die Vergangenheit gegenwärtig. Sie konfrontiert uns mit dem Fremden und anderen, mit Ideen, auf die wir selbst nicht gekommen wären, und mit Weltbildern, die uns irritieren. Das gilt nicht nur für die Literatur – obwohl sie vielleicht eine gewisse Sonderrolle spielt, als kulturelle Erbin des Erzählens, jener Urform, in der die Menschheit ihre Neuigkeiten austauscht und weitergibt. […] Bei der Frage, welche Medien bildungstauglich sind, soll man nicht kleinlich sein.
Entscheidend ist: Geisteswerke schicken uns auf intellektuelle Abenteuer und machen uns mit außerordentlichen Frauen und Männern bekannt […]. Sie brechen den Käfig unserer Routine und Beschränktheit auf, sie erweitern unser Einfühlungsvermögen und unsere moralische Fantasie. Bildung ist das Gegenprogramm zu einer Mentalität, die satt und träge um sich selbst kreist. Zum geistigen und seelischen Daumenlutschertum. Zum Narzissmus 2.
In der Welt der Bildung funktioniert dieser bequeme Rückzug auf das, was naheliegt und uns in den Kram passt, dagegen nicht. Nicht nur, weil sie uns unbehagliche Situationen zumutet. Das ganze Prinzip und System Bildung beruht, wenn man so will, auf der Relativierung unserer Vorlieben und unserer Selbstgenügsamkeit, es steht in entschiedenem Gegensatz zu der Vorstellung, dass wir das Maß aller Dinge seien. […] [D]as Grundgesetz des Bildungsuniversums lautet, dass man nie der Erste und nie der Einzige ist, dass die Welt nicht bei null und nicht mit mir selbst anfängt, dass man etwas vorfindet, an dem man sich abarbeiten muss. Das hilft schon ein bisschen gegen Selbstüberschätzung.
Diese Konfrontation mit dem Unverlangten, mit dem, was wir uns selbst nicht ausgesucht hätten, ist eines der wichtigsten Bildungserlebnisse. Für den Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts sind die Figuren der literarischen Klassiker oder vergangener Epochen weit weg. Man könne sich mit ihnen nicht identifizieren, heißt es, man finde sich in ihnen nicht wieder. […]
Wer […] von vornherein immer und überall nur sich und seine Welt „wiederfinden“ und sich mit allem „identifizieren“ will, bleibt nicht bloß intellektuell beschränkt. Der schlimmste Feind – der wahre Gegenspieler – des gebildeten Menschen ist nicht der Barbar: Es ist der Spießer, der alles auf sich bezieht, alles schon zu wissen meint und selbstzufrieden in seinem Denken und Dasein ruht.
„Bildungsrelevant“ ist daher nicht einfach das Interessante und Wichtige – sondern vor allem das, was uns infrage stellt. […] Bildung zieht uns den Schnuller der Egozentrik 3 aus dem Mund.
DIE ZEIT Nr. 4/2020, 16. Januar 2020, URL: https://www.zeit.de/2020/04/bildung-einfuehlungsvermoegen-empathie-gesellschaft?utm_referrer=https%3A%2F%2Fstartpage.com%2F (abgerufen am 21.01.2020).
Hinweise
Jan Roß (* 1965), deutscher Journalist und Autor, seit 1998 Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Charles Dickens (1812–1870) – englischer Schriftsteller, der mit seinen Werken insbesondere Kritik an sozialen Missständen übte
2 Narzissmus – Selbstbezogenheit, Selbstliebe
3 Egozentrik – Einstellung oder Verhaltensweise, die die eigene Person als Zentrum allen Geschehens betrachtet; Unfähigkeit, sich in die Rolle eines anderen hineinzuversetzen
2
Erläutern Sie, ausgehend von Roß’ Text, welche Rolle Bildung für die Figuren Wagner, Faust und Margarete aus Goethes Drama „Faust I“ spielt.
(45 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Erläutern Sie, ausgehend von Roß’ Text, welche Rolle Bildung für die Figuren Wagner, Faust und Margarete aus Goethes Drama „Faust I“ spielt.
Lösung: Individuelle vergleichende und erläuternde Ausarbeitung anhand der Dramenfiguren und des Essaytextes.
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