Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 5 · Abitur Hessen Biologie LK · Schulen für Erwachsene 2022

Thema: Humangenetik, Gendiagnostik und Gentechnik · Aus der Prüfung LK · Schulen für Erwachsene (2022)

Aufgabenstellung

Material 1

Genetische Ursachen der Spinalen Muskelatrophie (SMA)

Patientinnen und Patienten, die an SMA leiden, erleben nach und nach den Verlust der Funktion ihrer Skelettmuskulatur. Der Zeitpunkt, ab dem die Krankheit ausbricht, ist unterschiedlich, zumeist beginnt die Krankheit aber schon im Baby- oder Kleinkindalter. Je nach vorher erlernten Bewegungsmustern verlieren die Betroffenen die Fähigkeit zu gehen oder zu sprechen und bei schwerem Verlauf auch zu atmen.

Alle Betroffenen können keine ausreichende Menge eines bestimmten Proteins, des SMN-Proteins, bilden. SMN steht für „survival motor neuron“ und gibt damit sehr gut die Bedeutung des Proteins wieder: Ohne dieses Protein sterben motorische Nervenzellen im Rückenmark, die α\alpha-Motoneurone, ab.

Die häufigste Ursache einer SMA ist die Deletion von Exon 7 des SMN1 -Gens. Das SMN1 -Gen, welches das aus 294 Aminosäuren bestehende SMN-Protein codiert, liegt auf Chromosom 5. Es enthält insgesamt neun Exons (1, 2a, 2b, 3, 4, 5, 6, 7, 8). Exon 7 des SMN1 -Gens umfasst 54 Nukleotide.

Material 2

Das SMN2 -Gen als fast identische Genkopie

Neben dem SMN1 -Gen besitzen alle Menschen auf Chromosom 5 eine zweite Variante, das SMN2 -Gen. Dieses Gen kann durch Duplikation des entsprechenden Chromosomenabschnitts individuell in unterschiedlicher Anzahl (eins bis sechs) vorkommen. Bei Personen, die eine Deletion von Exon 7 im SMN1 -Gen besitzen, ist die Existenz eines oder mehrerer SMN2 -Gene von besonderer Bedeutung.

Beide Varianten, das SMN1 -Gen und das SMN2 -Gen, stimmen zu über 99% überein. Das vom SMN2 -Gen codierte Protein ist jedoch überwiegend instabil und wird rasch abgebaut.

Die Ursache dafür liegt in einer Mutation in Exon 7 des SMN2 -Gens. Exon 7 umfasst die Nukleotidpositionen 868 bis 921.

Die Nukleotid-Sequenzen von Exons enthalten neben den Protein-codierenden Informationen gerade zu Beginn der Exonbereiche auch entscheidende Informationen für die Regulation des Spleißvorgangs im Zellkern.

Material 3

Typen der SMA

In Europa werden jedes Jahr ungefähr 550–600 Säuglinge mit SMA geboren. Der Verlauf der Erkrankung ist dabei sehr variabel. Abhängig vom Beginn der Erkrankung, von den erreichten motorischen Entwicklungsschritten und von der Schwere des Verlaufes werden drei SMA-Typen unterschieden, die in der folgenden Tabelle aufgeführt sind. Unbehandelt führt die schwerste Form bei 90% der Fälle bis zum Alter von zwei Jahren zum Tod oder zur Notwendigkeit einer ständigen Beatmung.

Bei der molekulargenetischen Untersuchung von zahlreichen an SMA erkrankten Personen wurde ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der SMN2 -Genkopien und dem Schweregrad der Erkrankung festgestellt.

Kriterien für die Einteilung der SMA

Typ · Beginn [Monate] · motorische Entwicklungsschritte · Tod [Jahre]

I · < 6 · niemals freies Sitzen · < 2

II · < 18 · niemals freies Gehen · > 2

III · > 18 · freies Stehen und Gehen · Erwachsenenalter

Material 4

Molekulargenetischer Nachweis der SMA

Mittlerweile ist es möglich, die Krankheit durch einen Gentest eindeutig zu diagnostizieren. Dazu reichen schon wenige Blutstropfen des Neugeborenen. Die daraus gewonnene DNA wird mittels PCR-Methode vervielfältigt und anschließend durch Gelelektrophorese analysiert. Die PCR führt zu Genabschnitten, die das Exon 7 einschließen und dann eine Größe von 200 Basenpaaren aufweisen. Bei Personen, die eine Deletion von Exon 7 im SMN1 -Gen aufweisen, wird dieser Genabschnitt nicht vervielfältigt.

Eine Schwierigkeit im Fall der SMA-Diagnose liegt darin, dass das SMN2 -Gen exakt die gleiche Länge wie das intakte SMN1 -Gen besitzt. Durch die Mutation im SMN2 -Gen ergibt sich jedoch eine weitere Schnittstelle für ein Restriktionsenzym.

Bei der molekulargenetischen Untersuchung auf SMA bei drei verschiedenen Personen, die nicht aus einer Familie stammen, konnte durch ein spezielles Verfahren auch die jeweilige Menge der untersuchten DNA-Fragmente ermittelt werden. Nur Person 3 zeigt phänotypisch die Symptome der SMA.

Aufgabe 5

[16 BE] Beschreiben Sie das Prinzip der Gelelektrophorese.

Analysieren Sie das Ergebnis der molekulargenetischen Untersuchung von drei Personen auf SMA in Bezug auf das Auftreten von SMA und leiten Sie den Erbgang der SMA her.

(Material 1, 2 und 4)

5.1

5.2

5.3

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 5 · Abitur Hessen Biologie LK · Schulen für Erwachsene 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Beschreiben Sie das Prinzip der Gelelektrophorese.

Lösung: Mit Hilfe einer Gelelektrophorese kann ein Gemisch unterschiedlich langer DNA-Fragmente entsprechend ihrer Länge in einem Gel aufgetrennt werden. An das Gel wird eine Spannung angelegt, wodurch die negativ geladene DNA zum Pluspol wandert. Das Gel stellt ein molekulares Sieb dar, durch das sich größere DNA-Fragmente langsamer bewegen als kleinere. Die entstehenden DNA-Banden lassen sich (mithilfe eines Farbstoffs) sichtbar machen und ihre jeweilige Länge durch Vergleich mit DNA-Längenstandards bestimmen.

Analysieren Sie das Ergebnis der molekulargenetischen Untersuchung von drei Personen auf SMA in Bezug auf das Auftreten von SMA.

Lösung: Das Ergebnis der Gelelektrophorese zeigt bei Person 1 jeweils Banden bei Basenpaaren der Längen 200, 176 und 24 bp in doppelter Stärke. Die Bande mit 200 bp lässt darauf schließen, dass bei Person 1 das intakte SMN1-Gen vorhanden ist, dessen bei der PCR vervielfältigter Ausschnitt inklusive Exon 7 genau 200 bp umfasst. Person 1 besitzt zudem das SMN2-Gen, das durch die Punktmutation eine zusätzliche Schnittstelle enthält, die das Gen in zwei Abschnitte (176 und 24 bp) teilt. Die doppelte Stärke deutet auf das jeweils zweifache Vorkommen der beiden Genabschnitte hin. Person 2 besitzt das intakte SMN1-Gen nur in einfacher Menge (einfache Bandenstärke bei 200 bp), zudem das SMN2-Gen in doppelter Menge. Person 3 besitzt kein intaktes SMN1-Gen, und das SMN2-Gen in zweifacher Menge. Die daraus resultierende zu geringe Menge an SMN-Protein führt bei dieser Person zu den Symptomen der SMA.

Leiten Sie den Erbgang der SMA her.

Lösung: Nur wenn gar kein intaktes SMN1-Gen vorhanden ist (und die Anzahl der Genkopien von SMN2 gering ist), kommt es zum Ausbruch von SMA. Ein einfach vorhandenes intaktes SMN1-Gen (Person 2) reicht demnach aus, den Ausbruch der Krankheit zu verhindern. Dies deutet auf einen rezessiven Erbgang hin. Da das SMN1-Gen auf Chromosom 5 liegt, handelt es sich insgesamt um einen autosomal-rezessiven Erbgang.

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