Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 6 · Abitur Hessen Biologie GK 2021

Thema: Humangenetik, Gendiagnostik und Gentechnik · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material 4

Lissenzephalie

Lissenzephalie ist eine neurologische Erkrankung, die auf einer Entwicklungsstörung der Nervenzellen in der menschlichen Großhirnrinde beruht. Diese fÿhrt, je nach Schweregrad der Erkrankung, dazu, dass die Faltung der Großhirnrinde vollständig fehlt bzw. nur eine grobe Strukturierung vorliegt. Auch kann die Anordnung der Schichten neuronaler Gewebe innerhalb der Hirnrinde verändert sein. Die bei Lissenzephalien beobachteten Fehlbildungen entstehen bereits im Mutterleib während der pränatalen Entwicklung des kindlichen Gehirns.

Durch die Fehlbildungen ihres Gehirns leiden an Lissenzephalie erkrankte Menschen oftmals unter geistigen Behinderungen und epileptischen Anfällen. Es werden auch Störungen der motorischen Fähigkeiten beobachtet sowie Beeinträchtigungen beim Schlucken, die in schweren Fällen eine Ernährung über eine Magensonde notwendig machen. Das Spektrum der Beeinträchtigungen reicht von leichten Formen mit epileptischen Anfällen bis zu schwersten Verläufen, die bereits innerhalb der ersten Lebensmonate zum Tod fÿhren können. Eine ursächliche Therapie gibt es zurzeit nicht.

Eine häufige Ursache der erblichen Form der Lissenzephalie sind Mutationen im Gen DCX, das das Protein Doublecortin kodiert. Doublecortin wird ausschließlich in den ersten Monaten der frÿhkindlichen Entwicklung in neuronalen Geweben exprimiert. In sich entwickelnden Neuronen bindet es an die Mikrotubuli des Cytoskeletts und stabilisiert diese. Diese Funktion von Doublecortin spielt eine wichtige Rolle bei der Wanderung und der korrekten Positionierung junger Neurone in der Großhirnrinde.

Stammbaum einer Familie mit einer erblichen Form der Lissenzephalie

Weibliche Mitglieder der in der Abbildung dargestellten Familie, welche eine Mutation im DCX -Gen tragen (Personen 1 und 7), entwickelten in jugendlichem Alter epileptische Anfälle, ohne jedoch weitere klinische Symptome zu zeigen. Die ebenfalls von der DCX -Mutation betroffenen männlichen Mitglieder der Familie (Personen 5, 6 und 10) hingegen litten bereits wenige Wochen nach ihrer Geburt unter schweren epileptischen Anfällen, waren stark in ihrer geistigen Entwicklung verzögert und körperlich schwer behindert.

Material 5

Molekulargenetische Untersuchung eines Patienten mit Lissenzephalie

Bei einem Patienten mit klinisch diagnostizierter Lissenzephalie wurde das DCX -Gen molekulargenetisch untersucht. Das Genprodukt Doublecortin besteht aus 361 Aminosäuren.

Abbildung 5.1: Ausschnitte des nicht-codogenen DNA-Strangs des DCX -Gens

5′ – …GAC CTG ACG CGA TCT… – 3′

gesunder Mann

5′ – …GAC CTG AGG CGA TCT… – 3′

Patient mit Lissenzephalie

6 Prüfen Sie den Stammbaum der Familie mit einer erblichen Form der Lissenzephalie auf mögliche Vererbungsmodi. Entscheiden Sie anhand der auftretenden Symptome, welcher der möglichen Vererbungsmodi wahrscheinlich vorliegt. (Material 4) [18 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 6 · Abitur Hessen Biologie GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Prüfen Sie den Stammbaum der Familie mit einer erblichen Form der Lissenzephalie auf mögliche Vererbungsmodi.

Lösung: Grundsätzlich erlaubt der gegebene Stammbaum mehrere Interpretationsmöglichkeiten bezüglich des Vererbungsmodus. Klar auszuschließen ist ein X-gonosomaler, rezessiver Erbgang, da in diesem Fall die Tochter (Person 7) aufgrund des nicht mutierten väterlichen X-Chromosoms nicht erkrankt sein dürfte. Eine autosomal-rezessive Vererbung des mutierten DCX-Allels ist grundsätzlich möglich, wenn die beiden phänotypisch gesunden Väter (Personen 2 und 8) jeweils heterozygot für das betroffene Allel sind. Da die Mütter (Personen 1 bzw. 7) in diesem Fall homozygot krank wären, würden sie in jedem Fall das mutierte DCX-Gen an ihre Kinder vererben, wodurch bei einem heterozygoten Vater sowohl heterozygot gesunde als auch homozygot kranke Kinder beiderlei Geschlechts entstehen könnten. Sowohl eine autosomal-dominante als auch ein X-gonosomal-dominante Vererbung des mutierten DCX-Allels sind aufgrund des vorliegenden Stammbaums möglich. In beiden Fällen wäre die Mutter (Person 1) der ersten Generation Trägerin eines mutierten Allels, das sie an die männlichen und weiblichen Nachkommen 5, 6 und 7 weitergegeben hat und das sich im Phänotyp dominant durchsetzt.

Entscheiden Sie anhand der auftretenden Symptome, welcher der möglichen Vererbungsmodi wahrscheinlich vorliegt.

Lösung: Die Symptome der Lissenzephalie unterscheiden sich im Schweregrad ihrer Ausprägung bei weiblichen und männlichen Familienmitgliedern deutlich. Dies spricht für eine Lokalisierung des DCX-Gens auf dem X-Chromosom anstelle eines Autosoms. Offenbar reicht bei weiblichen Familienmitgliedern eine teilweise Expression des funktionsfähigen Genprodukts Doublecortin durch das nicht mutierte Allel aus, um einen entsprechend abgemilderten Phänotyp zu erzeugen. Dies wird bestätigt durch die Beobachtung, dass erkrankte weibliche Familienmitglieder lediglich eine frühzeitige Neigung zu epileptischen Anfällen aufweisen. Bei männlichen Familienmitgliedern hingegen kann offenbar die mangelnde Expression des Doublecortin-Proteins nicht abgemildert werden, da ihnen ein zweites X-Chromosom fehlt. Daher kommt es bei ihnen zu einem deutlich ausgeprägteren Phänotyp mit schweren Krankheitssymptomen. Der Vererbungsmodus der Lissenzephalie bei der betrachteten Familie ist daher mit hoher Wahrscheinlichkeit X-gonosomal dominant.

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