Aufgabe Vorschlag B - Teil II.3 · Abitur Hessen Altgriechisch GK 2022
Thema: Euripides, Elektra: Tragödie, Figuren und Muttermord · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
II Interpretation
3
Erörtern Sie unter Bezug auf Euripides' Elektra, ob auch Klytaimnestra als liebevolle Mutter bezeichnet werden kann (Lektürekenntnisse). (35 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Erörtern Sie unter Bezug auf Euripides' Elektra, ob auch Klytaimnestra als liebevolle Mutter bezeichnet werden kann (Lektürekenntnisse).
Lösung: Mit Klytaimnestra hat Euripides eine trotz ihrer schlimmen Verbrechen nicht absolut böse, sondern ambivalente Figur entworfen. Diese Ambivalenz zeigt sich auch in der Art ihrer Mutterliebe: - Einerseits hat Klytaimnestra, indem sie sich mit Aigisth verband, ermöglicht, dass Orest und Elektra ihrer angestammten Rechte beraubt und zu einem unwürdigen Leben als Bäuerin und Flüchtling gezwungen wurden. Eine derart massive Entrechtung der eigenen Kinder zehn Jahre lang klaglos in Kauf zu nehmen, scheint auf den ersten Blick ganz und gar kein Ausdruck von Mutterliebe zu sein. - Andererseits hat Klytaimnestra, indem sie dieser Entrechtung zustimmte, die Ermordung Elektras durch Aigisth verhindert und so ihrer Tochter das Leben gerettet. Auf den zweiten Blick kann man in ihrem Verhalten also sehr wohl einen Ausdruck von Mutterliebe erkennen (es sei denn, dass man hinter ihrem Rettungsakt nicht mehr als eine selbstbezogene Angst vor gesellschaftlicher Ächtung vermutet). - Außerdem geht Klytaimnestra gerade deshalb in die Falle, die Elektra ihr gestellt hat, weil sie ihrer Tochter nach deren erster Entbindung helfen will. Auch daraus kann man den Schluss ziehen, dass sie sich letztlich doch irgendwie für das Wohl ihrer Tochter verantwortlich fühlt (es sei denn, dass man in ihrem Kommen nicht mehr als eine scheinheilige Erfüllung von gesellschaftlichen Rollenerwartungen sieht). - Auch aus den Worten, mit denen Klytaimnestra Elektra ihre Handlungsmotive zu erklären versucht, spricht das Bemühen der Mutter um Annäherung an ihre entfremdete Tochter (bei dem sie allerdings nicht von ihrem Standpunkt abrückt und nicht auf die Tochter zugeht, sondern erwartet, dass die Tochter sich auf sie zu bewegt und ihre Perspektive übernimmt). - Aus Klytaimnestras Sicht hat Agamemnon seine Ermordung v.a. deshalb verdient, weil er die gemeinsame Tochter Iphigenie kaltherzig seinen machtpolitischen Interessen geopfert habe. In den zehn Jahren, die seit der Opferung vergangen sind, hat Klytaimnestras Schmerz nicht nachgelassen. Der Verlust Iphigenies hat sich vielmehr zu einem Problem entwickelt, um das ihre Gedanken permanent kreisen. Dabei begeht sie den Fehler, dass sie in der Trauer um ihr totes Kind die Interessen der beiden lebenden Kinder aus dem Blick verliert. So ist ihre Mutterliebe zwar groß, aber ungleich verteilt.
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