Aufgabe Vorschlag A - Teil II Aufgabe 2 · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2021
Thema: Euripides, Elektra: Tragödie, Figuren und Muttermord · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material zu Vorschlag A
Vorbemerkung
Orest (OP.) und Pylades geben sich bei Elektra (ΗΛ.) zunächst als Boten Orests aus und erkundigen sich bei ihr nach ihrer persönlichen Lage und der Situation im Palast.
Da kommt der Bauer (AYT.), Elektras Gatte, hinzu und erfährt von dieser, dass es sich bei den Fremden um Boten von Orest handelt, welche die Nachricht bringen, dass Orest noch lebt und sich nach dem Befinden seiner Schwester erkundigt. Der Bauer lädt die Fremden daraufhin in sein Haus ein:
ΑΥΤ. Χωρεῖτ’ ἐς οἴκους· ἀντὶ γὰρ χρηστῶν λόγων
2 ξενίων κυρήσεθ’, οἷ’ ἐμὸς κεύθει δόμος. [...]
καὶ μηδὲν ἀντείπητε, παρὰ φίλου φίλοι
4 μολόντες ἀνδρός· καὶ γὰρ εἰ πένης ἔφυν,
οὔτοι τό γ’ ἦθος δυσγενὲς παρέξομαι.
6 ΟΡ. πρὸς θεῶν, ὅδ’ ἁνήρ, ὃς συνεκκλέπτει γάμους
τοὺς σούς, Ὀρέστην οὐ καταισχύνειν θέλων;
8 ΗΛ. οὗτος κέκληται πόσις ἐμὸς τῆς ἀθλίας.
ΟΡ. φεῦ·
10 οὐκ ἔστ’ ἀκριβὲς οὐδὲν εἰς εὐανδρίαν·
ἔχουσι γὰρ ταραγμὸν αἱ φύσεις βροτῶν.
12 ἤδη γὰρ εἶδον ἄνδρα γενναίου πατρὸς
τὸ μηδὲν ὄντα, χρηστά τ’ ἐκ κακῶν τέκνα,
14 λιμόν τ’ ἐν ἀνδρὸς πλουσίου φρονήματι,
γνώμην τε μεγάλην ἐν πένητι σώματι. [...]
16 οὗτος [...] ἀνὴρ οὔτ’ ἐν Ἀργείοις μέγας
οὔτ’ αὖ δοκήσει δωμάτων ὠγκωμένος,
18 ἐν τοῖς δὲ πολλοῖς ὤν, ἄριστος ηὑρέθη.
οὐ μὴ ἀφρονήσεθ’, οἳ κενῶν δοξασμάτων
20 πλήρεις πλανᾶσθε, τῇ δ’ ὁμιλίᾳ βροτοὺς
κρινεῖτε καὶ τοῖς ἤθεσιν τοὺς εὐγενεῖς;
22 οἱ γὰρ τοιοῦτοι καὶ πόλεις οἰκοῦσιν εὖ
καὶ δώμαθ’· αἱ δὲ σάρκες αἱ κεναὶ φρενῶν
24 ἀγάλματ’ ἀγορᾶς εἰσιν. οὐδὲ γὰρ δόρυ
μᾶλλον βραχίων σθεναρὸς ἀσθενοῦς μένει·
26 ἐν τῇ φύσει δὲ τοῦτο κἀν εὐψυχίᾳ. [...]
δεξώμεθ’ οἴκων καταλύσεις. [...]
28 [...] ἐμοὶ πένης
εἴη πρόθυμος πλουσίου μᾶλλον ξένος.
(172 Wörter)
Übersetzungshilfen
V. 1 · χωρεῖτ’ = χωρεῖτε
ἀντί m. Gen. – für etw.
V. 2 · τὰ ξένια, -ίων – gastliche Bewirtung
κυρέω m. Gen. – etw. bekommen
οἷ’ – ergänze: [τοιούτων] ξενίων, οἷ[α]
κεύθω – in sich bergen, umschlossen halten
V. 3 · μηδὲν ἀντιλέγω – nichts dagegen haben
V. 3/4 · παρὰ [...] ἀνδρός – ordne: φίλοι μολόντες παρὰ φίλου ἀνδρός
παρὰ m. Gen. – von jmdm. her ( mit φίλος ἀνήρ ist Orest gemeint)
V. 4 · πένης, -ητος – arm
ἔφυν ≈ εἰμί
μολόντες – Nom. Sg. mask. Part. Aor. Akt. von βλώσκω (kommen)
V. 5 · δυσγενής, -ές – unedel
παρέχομαι m. dopp. Akk. – etw. als etw. erweisen
V. 6 · πρὸς θεῶν – bei den Göttern!
ὅδ[ε] [ὁ] ἀνήρ [ἐστιν οὗτος] [...]; – dieser Mann ist derjenige [...]?
συνεκκλέπτω m. Akk. – hier: etw. vorzutäuschen helfen ( da die Ehe nicht vollzogen wurde, besteht sie eigentlich gar nicht)
V. 7 · καταισχύνω – entehren
V. 8 · κέκληται – 3. Sg. Ind. Perf. Pass. von καλέω (rufen, nennen)
ἐμὸς τῆς ἀθλίας – übersetze: von mir, der Elenden ( Ergänzung zu πόσις)
V. 9 · φεῦ – ach!
V. 10 · οὐκ [...] ἀκριβὲς οὐδὲν εἰς – kein sicheres Zeichen für
ἡ εὐανδρία, -ας – die Mannhaftigkeit
V. 11 · ὁ ταραγμός, -οῦ – die Verwirrung, Unklarheit
V. 12-15 · εἶδον – im Folgenden werden 4 Objekte aufgezählt: ἄνδρα, τέκνα, λιμόν, γνώμην
V. 13 · τὸ μηδὲν εἶμι – hier: eine Null sein
τ’ ἐκ = τε ἐκ
ὁ κακός, -οῦ – hier: der Mann von niederer Herkunft
V. 14 · ὁ λιμός, -οῦ – hier: die Leere
τ’ ἐν = τε ἐν
τὸ φρόνημα, -ματος – das Denken
V. 15 · ἡ μεγάλη γνώμη – der Großmut, die Seelengröße
πένης, -ητος – siehe oben V. 4
V. 16 · οὗτος – gemeint ist der Bauer
μέγας – ergänze: ὤν
V. 17 · δοκήσει ≈ δόξῃ – durch das Ansehen
τὰ δώματα, -μάτων – hier: die Familie
ὠγκωμένος – Nom. Sg. mask. Part. Perf. Pass. von ὀγκόω (aufblähen)
V. 18 · οἱ πολλοί, -ῶν – hier: die einfachen Leute
V. 19 · οὐ μή m. Ind. Fut. – ich will doch hoffen, dass nicht [...]?
ἀφρονήσεθ’ = ἀφρονήσετε
οἵ [...] – ihr, die ihr [...] – Orest wendet sich hier an „die Leute“, denen er unterstellt, dass sie oft genug falschen Meinungen Glauben schenken und insofern eines besonderen Hinweises bedürfen, wie man die tatsächliche Qualität eines Menschen beurteilen müsse
τὸ δόξασμα, -ματος – hier: das Vorurteil, die falsche Meinung
V. 20 · πλήρης, -ες m. Gen. – voll von etw.
πλανάομαι – umherirren, in die Irre gehen
ἡ ὁμιλία, -ας – das Zusammensein, der persönliche Umgang
V. 21 · κρινεῖτε – führt als Ind. Fut. den Hauptsatz fort (parallel zu ἀφρονήσετε, siehe oben V. 19): ich will doch hoffen, dass nicht [...], sondern dass [...]!
τὸ ἦθος, -ους – der Charakter, Pl.: die Charaktereigenschaften, das Verhalten
ὁ εὐγενής, -οῦς – der Edle
V. 22 · οἰκέω – hier: verwalten
V. 23 · δώμαθ’ = δώματα – siehe oben V. 17
ἡ σάρξ, σαρκός – das Fleisch, Pl.: die Kraftprotze, Fleischberge, Leute mit gewaltiger Körperkraft
κενός, -ή, -όν φρενῶν – hier: hirnlos, ohne Verstand
V. 24 · ἀγάλματ[α] – [nur] Schmuckstücke, [nur] Zierrat ( abwertend)
V. 24/25 · δόρυ [...] μένω – einem [Angriff mit einem] Speer standhalten
V. 25 · ὁ βραχίων, -ονος – der Arm
σθεναρός, -ά, -όν – stark
ἀσθενοῦς – Gen. des Vergleichs, ergänze: βραχίονος
V. 26 · ἡ φύσις, -εως – hier: die geistige Wendigkeit
τοῦτο [ἐστίν] ἐν mit Dat. – hier: der Unterschied liegt begründet in [...]
κἀν = καὶ ἐν
ἡ εὐψυχία, -ίας – die Beherztheit, das beherzte Wesen, der Mut
V. 27 · δεξώμεθ[α] – 1. Pl. Konj. Aor. Med. von δέχομαι ( hier: akzeptieren, annehmen)
οἴκων – poet. Pl.
ἡ κατάλυσις, -εως – Ort der Einkehr, Herberge
V. 28/29 · ἐμοὶ [...] ξένος – ordne: πένης καὶ πρόθυμος ξένος ἐμοὶ μᾶλλον εἴη πλουσίου [ξένου]
V. 29 · πρόθυμος, -ον – wohlmeinend, wohlwollend
Arbeitsübersetzung
(Bauer) Geht nur ins Haus! Denn für eure wohlmeinenden Worte werdet ihr eine solche gastliche Bewirtung vorfinden, wie sie mein Haus birgt. [...] Und erhebt keinen Widerspruch, die ihr als Freunde von einem befreundeten Manne kamt: Denn auch wenn ich von Natur aus arm bin, werde ich doch mein Wesen jedenfalls gewiss nie als unedel erweisen.
(Bauer ab ins Haus)
(Orestes) (zu Elektra)
Bei den Göttern, dieser Mann ist derjenige, der dir dabei hilft, deine Ehe vorzutäuschen, da er Orestes nicht entehren will?
(Elektra) Ja, dieser heißt mein Mann, der Gatte der elenden Elektra.
(Orestes) Ach!
Für eines Mannes wahren Wert gibt es kein sicheres Merkmal; denn die Charaktere der Menschen bieten Verwirrung. Schon oft nämlich sah ich einen Mann von edlem Vater abstammend, der eine Null war, und von Niederen tüchtige Kinder, sah Leere auch im Denken eines reichen Mannes und Seelengröße in einem armen Leib. [...] Dieser Mann, der weder groß ist unter den Argivern, noch auch durch das Ansehen seines Hauses stolz aufgebläht, und der (nur) einer unter vielen ist: Ihn fand man als höchst edel. Ich will doch hoffen, dass ihr, die ihr voll leerer Vorurteile in die Irre geht, nicht unvernünftig seid, sondern die Menschen nach ihrem Umgang beurteilt und die Edlen nach ihrem Verhalten. Denn Männer solcher Art verwalten sowohl Städte gut und auch Häuser; doch die Kraftprotze ohne Verstand sind Zierrat nur des Marktes. Denn einem Speer hält ein starker Arm nicht besser stand als ein schwacher: Der Unterschied liegt aber begründet in der geistigen Wendigkeit und im beherzten Wesen. [...] Lasst uns die Herberge des Hauses annehmen! [...] Ich möchte lieber einen armen, [aber] wohlmeinenden Gastgeber haben als einen reichen.
Übersetzung unveröffentlicht.
II Interpretation
2 Arbeiten Sie ausgehend von der vorliegenden Szene heraus, weshalb Euripides den Bauern als Charakter in die Dramenhandlung der Elektra eingeführt hat (Material und Arbeitsübersetzung, Lektürekenntnisse). (20 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Arbeiten Sie ausgehend von der vorliegenden Szene heraus, weshalb Euripides den Bauern als Charakter in die Dramenhandlung der Elektra eingeführt hat (Material und Arbeitsübersetzung, Lektürekenntnisse). (20 BE)
Lösung: Die Einführung des Bauern in Euripides' Drama erfüllt besonders zwei Funktionen: Zum einen wird an Elektras Beziehung zu ihm und ihrem Verhalten ihm gegenüber ihre eigene seelische Zerrissenheit besonders gut sichtbar, zum anderen dient der Bauer als Maßstab für charakterliche Integrität (εὐανδρία) und mithin als Folie für die anderen Charaktere, besonders die Adligen. - Der Bauer erscheint als wahrer Trost des Schicksals, denn er bietet Elektra ein Refugium fern von den Intrigen des Palasts und durchkreuzt durch den Nicht-Vollzug der Ehe auch Aigisths und Klytaimnestras perfiden Plan, Elektra durch die Zwangsehe mit dem Bauern unschädlich zu machen. Elektra sieht in dem gütigen und frommen Bauern auch einen gottgleichen Freund, doch das Gefühl der Dankbarkeit verblasst vor dem der sozialen Erniedrigung: Sie sieht sich in einer unerträglichen Lage. Selbst die Gastfreundlichkeit des Bauern ist ihr vor den Gästen peinlich, was einen gewissen Standesdünkel verrät. Sie ist gefangen in ihren Gedanken an das Leid und Unrecht, das ihr widerfahren ist, und gibt sich ganz ihrem Hass und ihren Rachegedanken hin. So akzentuiert Euripides gerade durch den Kontrast zwischen der Trost bietenden Gemeinschaft mit dem Bauern und Elektras Untröstlichkeit den unermesslichen seelischen Schmerz seiner Titelheldin. - Daneben bietet der Bauer aufgrund seiner hohen charakterlichen Integrität als Angehöriger der untersten sozialen Schicht die Reflexionsgrundlage für Orests Kritik an dem überkommenen Standesdünkel, dass ein edler Charakter Spezifikum der Aristokratie sei. An deren Ende steht die Feststellung, dass die wahre Güte eines Menschen sich im Charakter, Denken und Handeln zeigt und nicht vom gesellschaftlichen Stand abhängt. Und so müssen sich die adligen dramatis personae, die aufgrund ihrer hohen Stellung eigentlich eine Vorbildfunktion innerhalb der aristokratischen Gesellschaft haben müssten, an dem Bauern messen lassen: • Aigisth und Klytaimnestra können als Verbrecher dem Vergleich in keiner Weise standhalten. • Aber selbst Orest zeigt – wie Elektra – im Umgang mit dem Bauern eine fragwürdige Tendenz zu Standesdünkel, Ich-Bezogenheit und Selbstmitleid: Er denkt, dass der Bauer auf den Vollzug der Ehe verzichtet habe, um ihn nicht zu entehren. (Seine Schwester kommt ihm dabei nicht in den Sinn.) Auch spricht er den Bauern in seinem sozialromantischen Monolog nirgends persönlich an. So bleibt fraglich, wie ernst er sein Lob meint. Gleichwohl bleibt die Forderung bestehen, dass die wahrhaft Edelmütigen im Staate herrschen müssten: eine Kritik an einer dekadenten Aristokratie, wie die Zuschauer sie in Klytaimnestra und Aigisth erleben.
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