Aufgabe Vorschlag A - Teil II.2 · Abitur Hessen Altgriechisch GK 2022
Thema: Euripides, Elektra: Tragödie, Figuren und Muttermord · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material 1
Vorbemerkung
Nach der Wiedererkennung der Geschwister Elektra (ΗΛ.) und Orest (ΟΡ.) planen beide zusammen mit dem alten Sklaven (Πρέσβυς = ΠΡ.) die Ermordung von Aigisth und Klytaimnestra. Während Orest die Tötung des Aigisth übernehmen will, bietet sich Elektra für die Ermordung ihrer Mutter Klytaimnestra an:
ΟΡ. Πῶς οὖν ἐκείνην τόνδε τ’ ἐν ταὐτῷ κτενῶ;
2 ΗΛ. ἐγὼ φόνον γε μητρὸς ἐξαρτύσομαι.
ΟΡ. καὶ μὴν ἐκεῖνά γ’ ἡ τύχη θήσει καλῶς.
4 ΗΛ. ὑπηρετείτω μὲν δυοῖν ὄντοιν ὅδε.
ΠΡ. ἔσται τάδ’· εὑρίσκεις δὲ μητρὶ πῶς φόνον;
6 ΗΛ. λέγ’, ὦ γεραιέ, τάδε Κλυταιμήστρᾳ μολών·
ΗΛ. λεχώ μ’ ἀπάγγελλ’ οὖσαν ἄρσενος τόκῳ.
8 ΠΡ. πότερα πάλαι τεκοῦσαν ἢ νεωστὶ δή;
ΗΛ. δέχ’ ἡλίους, ἐν οἷσιν ἁγνεύει λεχώ.
10 ΠΡ. καὶ δὴ τί τοῦτο μητρὶ προσβάλλει φόνον;
ΗΛ. ἥξει κλύουσα λόχιά μου νοσήματα.
12 ΠΡ. πόθεν; τί δ’ αὐτῇ σοῦ μέλειν δοκεῖς, τέκνον;
ΗΛ. ναί· καὶ δακρύσει γ’ ἀξίωμ’ ἐμῶν τόκων.
14 ΠΡ. ἴσως· πάλιν τοι μῦθον ἐς καμπὴν ἄγε.
ΗΛ. ἐλθοῦσα μέντοι δῆλον, ὡς ἀπόλλυται.
16 ΠΡ. καὶ μὴν ἐπ’ αὐτάς γ’ εἶσι σῶν δόμων πύλας.
ΗΛ. οὐκοῦν τραπέσθαι σμικρὸν εἰς Ἅιδου τόδε;
18 ΠΡ. εἰ γὰρ θάνοιμι τοῦτ’ ἰδὼν ἐγώ ποτε.
ΗΛ. πρώτιστα μέν νῦν τῷδ’ ὑφήγησαι, γέρον –
20 ΠΡ. Αἴγισθος ἔνθα νῦν θυηπολεῖ θεοῖς;
ΗΛ. ἔπειτ’ ἀπαντῶν μητρὶ τἀπ’ ἐμοῦ φράσον.
Übersetzungshilfen
V. 1 · ἐκείνην τόνδε τ[ε] – gemeint sind Klytaimnestra und Aigisth
ἐν ταὐτῷ – (beide) auf einmal
κτενῶ – 1. Sg. Ind. Fut. Akt. von κτείνω (töten)
V. 2 · ἐξαρτύομαι m. Akk. – etw. vorbereiten, Vorkehrungen für etw. treffen
V. 3 · ἐκεῖνα – gemeint ist die Ermordung von beiden
θήσει καλῶς – (er, sie, es) wird gelingen lassen, wird zum Erfolg führen
V. 4 · ὑπηρετείτω – (er, sie, es) soll helfen
δυοῖν ὄντοιν – für beide Vorhaben
ὅδε – gemeint ist der alte Sklave
V. 5 · ἔσται τάδ’ – so wird es sein
εὑρίσκω m. Dat. – hier: jmdm. etw. verschaffen, bringen
εὑρίσκεις [...] πῶς – ordne: πῶς εὑρίσκεις [...]
V. 6 · λέγ[ε] [...] μολών – gehe und sage!
V. 7 · λεχώ [...] τόκῳ – lies: ἀπάγγελλ[έ] μ[ε] λεχὼ οὖσαν ἄρσενος τόκῳ
ἀπαγγέλλω – hier m. AcP
λεχώ – Akk. Sg. von ἡ λεχώ, -οῦς (Wöchnerin, eine Frau, die gerade ein Kind geboren hat), Prädikatsnomen zu οὖσαν
ὁ ἄρσην, ἄρσενος – hier: der Sohn
ὁ τόκος, -ου – das Gebären, die Geburt
V. 8 · πότερα πάλαι τεκοῦσαν ἢ νεωστὶ δή; – schon vor einiger Zeit oder eben erst?
V. 9 · δέχ’ ἡλίους – vor zehn Tagen
οἷσιν = οἷς
ἁγνεύω – sich rein halten
ἡ λεχώ – siehe oben V. 7
V. 10 · τί [...]; – hier: wie [...]?
προσβάλλω m. Dat. und Akk. – jmdm. etw. bringen
V. 11 · ἥξει – 3. Sg. Ind. Fut. Akt. von ἥκω (kommen)
κλύουσα – bezogen auf die Mutter Klytaimnestra
τὰ λόχια [...] νοσήματα – die geburtsbedingte Unpässlichkeit
V. 12 · πόθεν; – warum?
τί δ’ αὐτῇ σοῦ μέλειν δοκεῖς; – wieso glaubst du, sie kümmere sich um dich?
V. 13 · ναί – hier: bestimmt!
τὸ ἀξίωμ[α], -ατος – hier: die (unwürdigen) Umstände
οἱ τόκοι, -ων – das Gebären, die Geburt
V. 14 · τοι – kann unübersetzt bleiben
ὁ μῦθος, -ου – hier: die Rede
ἐς καμπήν – hier: zum Anfang, zum Ausgangspunkt
V. 15 · ἐλθοῦσα μέντοι δῆλον, ὡς ἀπόλλυται – lies: δῆλον μέντοι ἐστίν, ὡς ἐλθοῦσα ἀπόλλυται
ἐλθοῦσα – bezogen auf Klytaimnestra
V. 16 · ἐπ’ αὐτάς [...] πύλας – unmittelbar [...] bis zur Tür
εἶσι – 3. Sg. Ind. Fut. Akt. von ἔρχομαι (kommen)
σῶν δόμων – poetischer Plural, übersetze im Singular
V. 17 · τραπέσθαι σμικρὸν εἰς Ἅιδου τόδε; – ordne: σμικρόν [ἐστιν] τόδε τραπέσθαι εἰς Ἅιδου;
σμικρόν [ἐστιν] τόδε – dieses ist ein Leichtes
τραπέσθαι – Inf. Aor. Med. von τρέπομαι (sich begeben), gemeint ist Klytaimnestra
V. 18 · εἰ γὰρ θάνοιμι m. Part. – wie gern möchte ich sterben, wenn [...]
ποτέ enkl. – nun einmal
V. 19 · πρώτιστα Adv. – zu allererst
τῷδε – gemeint ist Orest
ὑφήγησαι – 2. Sg. Imperativ Aor. Med. von ὑφηγέομαι (den Weg weisen)
V. 20 · ἔνθα – greift Elektras Auftrag auf, übersetze: dorthin, wo [...]?
θυηπολέω – opfern
V. 21 · ἀπαντάω m. Dat. – jmdm. begegnen, jmdn. treffen
τἀπ’ ἐμοῦ = τὰ ἀπὸ ἐμοῦ – das, was ich gesagt habe
φράσον – 2. Sg. Imperativ Aor. Akt. von φράζω (sagen)
Arbeitsübersetzung
Orest: Wie also werde ich sie und ihn auf einmal töten?
Elektra: Ich werde meinerseits Vorkehrungen für die Ermordung der Mutter in die Wege leiten.
Orest: Und gewiss auch jene andere Tat wird das Schicksal zum Erfolg führen.
Elektra: Der Alte hier soll bei beiden Vorhaben helfen.
Alter: So wird es sein! Doch wie bringst du der Mutter den gewaltsamen Tod?
Elektra: Alter, geh zu Klytaimnestra und melde ihr dieses: Ich sei Wöchnerin und hätte einen Sohn geboren.
Alter: Schon vor einiger Zeit oder eben erst?
Elektra: Vor zehn Tagen, in denen eine Wöchnerin sich rein zu halten hat.
Alter: Und wie genau bringt dies der Mutter den gewaltsamen Tod?
Elektra: Sie wird kommen, wenn sie von meiner geburtsbedingten Unpässlichkeit hört.
Alter: Wieso? Inwiefern meinst du, sie kümmere sich um dich, Kind?
Elektra: Bestimmt! Und sie wird zumindest Tränen vergießen über die unwürdigen Umstände meines Gebärens.
Alter: Vielleicht, doch führe deine Rede auf den Ausgangspunkt zurück.
Elektra: Wenn sie gekommen ist, so ist es freilich sicher, dass sie stirbt.
Alter: Und gewiss wird sie unmittelbar bis zur Tür deines Hauses gehen.
Elektra: Ist dies so nicht ein Leichtes, sich in das Haus des Hades hinab zu begeben?
Alter: Wie gern möcht ich sterben, wenn ich das je gesehen habe!
Elektra: Zuerst nun weise diesem hier ( sie zeigt auf Orest) den Weg, Alter!
Alter: Dorthin, wo Aigisthos jetzt den Göttern opfert?
Elektra: Dann gehe zur Mutter und melde, was ich dir gesagt habe.
Übersetzung nach Hellmut Flashar.
II Interpretation
2
Erörtern Sie, inwiefern Elektras Planung des Mordes an ihrer Mutter Klytaimnestra moralisch verwerflich ist (Material 1 und Arbeitsübersetzung, Lektürekenntnisse).
(30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Erörtern Sie, inwiefern Elektras Planung des Mordes an ihrer Mutter Klytaimnestra moralisch verwerflich ist (Material 1 und Arbeitsübersetzung, Lektürekenntnisse).
Lösung: Erörterung zur moralischen Verwerflichkeit von Elektras Muttermordplan unter Abwägung beider Seiten: Moralisch verwerfliche Aspekte: - Die Planung eines Mordes, insbesondere eines Muttermordes, ist an sich moralisch äußerst verwerflich und frevelhaft. - Elektras Absicht, Klytaimnestra als Gast in ihrem Haus töten zu wollen, offenbart besondere Hinterhältigkeit (Verletzung des Gastrechts). - Sie wirkt im Hinblick auf das bevorstehende Leiden ihrer Mutter kalt und empathielos und lässt keinerlei Zögern an ihrem Vorhaben erkennen. - Mit dem Plan, die Geburt eines Kindes vorzutäuschen, geht sie besonders heimtückisch vor, da die Ankündigung eines Enkelkindes bei der Mutter starke Emotionen und Fürsorge auslöst. Motive zur teilweisen Rechtfertigung / Erklärung: - Elektra leidet schwer darunter, dass ihre Mutter ihren Vater Agamemnon während dessen Abwesenheit jahrelang mit Aigisth betrogen und nach seiner Rückkehr hinterrücks getötet hat. - Hoher Verlust an sozialem Status: Sie lebt nun unter ärmlichen Bedingungen – nicht standesgemäß verheiratet mit einem verarmten Bauern in einer abgelegenen ländlichen Gegend. - Lange Trennung von ihrem schmerzlich vermissten Bruder Orest. - Klytaimnestra hat Elektras ursprüngliches Leben zerstört; der über viele Jahre gewachsene tiefe Hass erklärt die Brutalität der Pläne und den erkennbaren Verlust der Menschlichkeit.
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