Abitur NRW Volkswirtschaftslehre 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Volkswirtschaftslehre in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 5 Aufgaben mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Konjunktur, Wachstum und gesamtwirtschaftliche Ziele · Wirtschaftspolitische Konzeptionen und Fiskalpolitik · Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit · Geldpolitik der EZB und Europäische Währungsunion · Außenhandel, Globalisierung und Standort Deutschland
Aufgabe 1 (Teilaufgaben 1 und 2) - Konjunktur · Konjunktur, Wachstum und gesamtwirtschaftliche Ziele
Thema: Konjunkturelle Entwicklung in Deutschland – welche Maßnahmen sollte die Bundesregierung ergreifen?
M 1: Ausgewählte Wirtschaftsdaten Deutschlands (allgemein)
· Quartal 4
2018 · Quartal 1
2019 · Quartal 2
2019 · Quartal 3
2019
Bruttoinlandsprodukt
(real; % zum Vorquartal) · + 0,2 · + 0,5 · – 0,2 · + 0,1
Privater Konsum
(real; % zum Vorquartal) · + 0,4 · + 0,8 · + 0,2 · + 0,5
Außenbeitrag
(% zum Vorquartal) · – 0,2 · + 0,4 · – 0,6 · + 0,5
Kapazitätsauslastung
(% zum Vorquartal) · – 0,8 · – 0,9 · – 1,2 · – 1,6
M 2: Ausgewählte Wirtschaftsdaten (sektoral)
· August
2019 · September
2019 · Oktober
2019 · November
2019
Produktion verarbeitendes Gewerbe
(% zum Vormonat) · + 0,8 · – 1,2 · – 1,5 · Keine Angabe
Produktion Baugewerbe
(% zum Vormonat) · – 0,6 · + 2,5 · – 2,8 · Keine Angabe
Einzelhandelsumsatz
(% zum Vormonat) · + 0,2 · 0,0 · – 1,6 · Keine Angabe
M 3: Entwicklung der Preise
· August
2019 · September
2019 · Oktober
2019 · November
2019
Verbraucherpreise
(% zum Vorjahr) · + 1,4 · + 1,2 · + 1,1 · + 1,1
M 4: Arbeitsmarktdaten
· August
2019 · September
2019 · Oktober
2019 · November
2019
Arbeitslosenquote
(saisonbereinigt in %) · 5,0 · 5,0 · 5,0 · 5,0
Arbeitslose
(nicht saisonbereinigt in Tausend) · 2.319 · 2.234 · 2.204 · 2.180
Offene Stellen
(in Tausend) · 795 · 787 · 764 · 736
1.
Stellen Sie die vier Phasen des idealtypischen Konjunkturzyklus dar, indem Sie sich auf das Bruttoinlandsprodukt sowie zwei weitere gesamtwirtschaftliche Indikatoren beziehen. (24 Punkte)
2.
Analysieren Sie unter Anwendung des Konjunkturzyklusmodells die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands im dargestellten Zeitraum (M 1, M 2, M 3, M 4). (32 Punkte)
Aufgabe 1 (Teilaufgabe 3) - Wirtschaftspolitische… · Wirtschaftspolitische Konzeptionen und Fiskalpolitik
Thema: Konjunkturelle Entwicklung in Deutschland – welche Maßnahmen sollte die Bundesregierung ergreifen?
M 1: Ausgewählte Wirtschaftsdaten Deutschlands (allgemein)
· Quartal 4
2018 · Quartal 1
2019 · Quartal 2
2019 · Quartal 3
2019
Bruttoinlandsprodukt
(real; % zum Vorquartal) · + 0,2 · + 0,5 · – 0,2 · + 0,1
Privater Konsum
(real; % zum Vorquartal) · + 0,4 · + 0,8 · + 0,2 · + 0,5
Außenbeitrag
(% zum Vorquartal) · – 0,2 · + 0,4 · – 0,6 · + 0,5
Kapazitätsauslastung
(% zum Vorquartal) · – 0,8 · – 0,9 · – 1,2 · – 1,6
M 2: Ausgewählte Wirtschaftsdaten (sektoral)
· August
2019 · September
2019 · Oktober
2019 · November
2019
Produktion verarbeitendes Gewerbe
(% zum Vormonat) · + 0,8 · – 1,2 · – 1,5 · Keine Angabe
Produktion Baugewerbe
(% zum Vormonat) · – 0,6 · + 2,5 · – 2,8 · Keine Angabe
Einzelhandelsumsatz
(% zum Vormonat) · + 0,2 · 0,0 · – 1,6 · Keine Angabe
M 3: Entwicklung der Preise
· August
2019 · September
2019 · Oktober
2019 · November
2019
Verbraucherpreise
(% zum Vorjahr) · + 1,4 · + 1,2 · + 1,1 · + 1,1
M 4: Arbeitsmarktdaten
· August
2019 · September
2019 · Oktober
2019 · November
2019
Arbeitslosenquote
(saisonbereinigt in %) · 5,0 · 5,0 · 5,0 · 5,0
Arbeitslose
(nicht saisonbereinigt in Tausend) · 2.319 · 2.234 · 2.204 · 2.180
Offene Stellen
(in Tausend) · 795 · 787 · 764 · 736
3.
Entwickeln Sie aus der Perspektive eines nachfrageorientierten Ökonomen / einer nachfrageorientierten Ökonomin eine Handlungsempfehlung, die zwei Maßnahmen umfasst, mit denen die Bundesregierung in der geschilderten Lage die Konjunktur fördern könnte. (24 Punkte)
Aufgabe 2 - Steht die EZB einer Finanz- und Wirts… · Geldpolitik der EZB und Europäische Währungsunion
Thema: Steht die EZB einer Finanz- und Wirtschaftskrise machtlos gegenüber?
Materialgrundlage
Markus Zydra: Planen für den Notfall
In: Berner Zeitung (BZ) vom 09.09.2019
Die Europäische Zentralbank will die Geldpolitik weiter lockern. Doch intern prüft sie schon ganz neue Optionen – für den Fall einer Finanzkrise.
Mario Draghi gilt als mächtiger Mann an der Spitze einer mächtigen Institution. Der scheidende EZB-Präsident hat in seiner achtjährigen Amtszeit gezeigt, was es bedeutet, den Finger am Knopf der Geldpresse zu haben. Nun plant Draghi seinen Abschiedsstreich. Er möchte die Kollegen im EZB-Rat am Donnerstag überzeugen, noch einmal ein großes Rettungspaket zu beschließen. So soll der drohende Konjunkturabschwung eingehegt werden. Es geht um die Erhöhung des umstrittenen Strafzinses auf Bankeinlagen, die Wiederaufnahme des Anleihekaufprogramms und Billigkredite für Banken.
Doch dieser Aktionismus verschleiert die zunehmende Machtlosigkeit der Währungshüter. Draghi weiß das. Deshalb wies er seine Experten an, sie sollen Handlungsoptionen für die Zukunft ausloten. Es geht um die quälende Frage, was die EZB denn tun könnte, wenn sich mit Leitzinssenkungen und Anleihekäufen nicht mehr viel bewegen lässt. Die zuständigen Abteilungen prüfen nach Informationen dieser Zeitung daher erstmals gezielt, ob und wie die EZB im Ernstfall an den Börsen Aktien kaufen könnte.
Die japanische Notenbank und auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) machen das schon länger – doch für die EZB wäre dieser Schritt ein Novum. Darüber hinaus wird dem Vernehmen nach auch die Möglichkeit des Erwerbs von unbesicherten Bankanleihen abgeklopft. Diese Maßnahme gilt als besonders heikel, weil die EZB gleichzeitig Bankenaufsichtsbehörde ist. Die Sondierung, ob diese Ideen überhaupt umsetzbar und tauglich wären, steckt in den Anfängen. Die EZB wollte den Sachverhalt nicht kommentieren.
Der Prüfungsvorgang ist bemerkenswert, auch wenn mit einem entsprechenden Beschluss des EZB-Rats in naher Zukunft nicht zu rechnen ist. Er belegt, dass die Notenbank Fantasie entwickeln muss auf der Suche nach Maßnahmen, mit denen die Eurozone im Falle einer erneuten Finanzkrise oder Rezession stabilisiert werden könnte. Im Prinzip haben alle westlichen Notenbanken ein ähnliches Problem. Deshalb kommen nun Ideen auf den Tisch, die früher nur in Hinterzimmern diskutiert worden wären. Ganz vorne dabei die Modern Monetary Theory amerikanischer Wissenschaftler. Sie redet der Staatsfinanzierung über die Notenpresse das Wort, flankiert vom ehemaligen Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, der Staatsschulden insgesamt für unproblematisch hält, solange die Niedrigzinsphase andauere.
Zudem dräut am Horizont die Idee vom Helikoptergeld. Notenbanker könnten den Bürgern demnach direkt Geld überweisen. Die Umsetzung würde juristische Tücken haben, doch man könnte das unbegrenzt vorrätige Notenbankgeld auch auf anderem Wege der Gesellschaft zuführen. Philipp Hildebrand, Ex-SNB-Chef, und der ehemalige Vizepräsident der amerikanischen Federal Reserve, Stanley Fischer – beide nun in Diensten des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock –, schlagen vor, die Notenbank solle für den Ernstfall eine riesige Geldreserve vorhalten, die dann in Kooperation mit den Regierungen in die Wirtschaft investiert würde. Dieser Vorschlag trägt häretische Züge, denn die verbriefte Unabhängigkeit der Währungshüter soll ja genau vermeiden, dass Geldpolitiker und Finanzminister an einem Strang ziehen.
Doch an der Prämisse der beiden Ex-Notenbanker kommt man kaum vorbei: Währungshüter können die nächste Finanzkrise weder mit dem Leitzins noch durch Anleihekäufe wirksam bekämpfen. Das ist das Erbe der Ära Draghi. Die Maßnahmen der EZB stoßen an ihre Grenzen. Zum Beispiel der Strafzins auf Bankeinlagen. Sobald die Institute diese Kosten umlegen, droht die Gefahr, dass Kunden in Massen Bargeld abheben würden. Beispiel Anleihekäufe. Die EZB hält schon ein Drittel der Staatsschulden im Euroraum, das kann man nicht unbegrenzt fortsetzen, es gibt juristische Grenzen. Zudem verzerren die Maßnahmen der EZB die Preise an den Börsen, die niedrigen Zinsen halten kranke Banken und Firmen am Leben, die Vermögensverteilung verändert sich.
Natürlich könnte die EZB jetzt sagen: Es reicht, wir können und wollen nicht mehr. Aber dieses Signal der Hilflosigkeit widerspräche der DNA und dem Selbstverständnis einer Notenbank. Doch das Thema ist heiß. Der finnische Notenbankchef Olli Rehn hatte vor ein paar Wochen als erstes EZB-Ratsmitglied den Ankauf von Aktien als mögliche Notmaßnahme vorgeschlagen. Es folgte sofort Protest von Kollegen, die ahnten: Die Notenbank macht mit Aktienkäufen die Unternehmensteilhaber reicher. Doch was ist mit den anderen Menschen? Da gäbe es wohl gleich eine Ungleichheitsdebatte. Auch technische Probleme wären zu lösen: Sollte die EZB einzelne Aktien kaufen oder einen Index, und wenn, welchen Index?
Die Nachfolgerin von Draghi an der Notenbankspitze, die Französin Christine Lagarde, wird den Wirkungsbereich der Notenbank neu zu vermessen haben. In ihrer Anhörung vor dem EU-Parlament sagte sie, die Währungshüter müssten bei ihren Entscheidungen die Interessen und Sorgen der Bürger berücksichtigen. Die Menschen sollten verstehen, warum die Notenbank bestimmte Dinge tut. Das ist neu, man möchte sie beim Wort nehmen.
1.
Analysieren Sie den Text unter folgenden Gesichtspunkten: Wie werden die geldpolitischen Vorhaben der Europäischen Zentralbank beurteilt, wie wirksam sind die aktuellen geldpolitischen Maßnahmen und wie werden alternative Handlungsmöglichkeiten für den Fall einer neuerlichen Finanz- und Wirtschaftskrise dargestellt? Erklären Sie dabei anhand von zwei Beispielen, welche Folgen die Niedrigzinspolitik für die Vermögensbildung haben kann. [32 Punkte]
2.
Stellen Sie die Offenmarktpolitik sowie ein weiteres geldpolitisches Instrument der Europäischen Zentralbank (EZB) dar. Beschreiben Sie anschließend eine Wirkungskette mit vier Stufen für eine geldpolitische Strategie, mit der Deflation bekämpft werden soll. [24 Punkte]
3.
Diskutieren Sie anhand einer der im Text erwähnten geldpolitischen Handlungsoptionen, ob die EZB diese zur Überwindung künftiger wirtschaftlicher Krisen einsetzen sollte. [24 Punkte]
Aufgabe 3 - Arbeitslosigkeit im Ausland durch deu… · Außenhandel, Globalisierung und Standort Deutschland
Thema: Arbeitslosigkeit im Ausland durch deutsche Exportüberschüsse?
Materialgrundlage
Christian Reiermann: Bachblütenökonomie. In: DER SPIEGEL Nr. 47 vom 17.11.2018, S. 79 (Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen.)
Christian Reiermann
Bachblütenökonomie 1
Immer wieder werfen Politiker und Ökonomen Deutschland vor, seine hohen Exportüberschüsse führten zu höherer Arbeitslosigkeit im Ausland. Das ist falsch, das Gegenteil ist der Fall.
5 Wenn es um ihre Überzeugungen geht, liegen Populisten von links und rechts zuweilen ganz dicht beieinander. Es gilt die Hufeisentheorie: Linkes und rechtes politisches Spektrum kommen sich häufig sehr nah. Die überraschende Übereinstimmung eigentlich gegensätzlicher Weltbilder zeigt sich etwa im Streit um die Leistungs- und Handelsbilanzen. Da erscheinen Politiker so unterschiedlicher Prägung wie US-Präsident Donald Trump 2 und Linken-Ikone Oskar Lafontaine 3 als Brüder im Geiste. Die Einfuhr von Waren aus dem Ausland „liefert 10 unsere Jobs und unseren Wohlstand“ anderen Ländern aus, wütet der Insasse des Weißen Hauses regelmäßig und überzieht Freund wie Feind mit Handelskriegen. Ähnlich sieht das der Globalökonom aus dem Saarland, er zählt Deutschland zu den „größten Sündern weltweit“. Lafontaines Begründung: „Solange wir viel mehr exportieren als importieren, schädigen wir andere. So ist das nun mal.“
15 Genau so ist es eben doch nicht. Den Klagen liegt die Annahme zugrunde, deutsche Autos oder Maschinen würden amerikanische Konkurrenten verdrängen, die dort Beschäftigten also ihre Arbeit verlieren. Der Grund dafür ist in den Augen der Kritiker einfach: Die Deutschen sparten zu viel und gäben sich mit zu geringen Löhnen zufrieden. Deshalb seien ihre Produkte wettbewerbsfähiger.
20 Abgesehen davon, dass die Vertreter dieser These nie fragen, ob die Amerikaner nicht vielleicht viel zu wenig sparten und ob ihre Löhne nicht zu hoch ausfielen, sitzen Trump und Lafontaine einem ökonomischen Trugschluss auf: Angenommen, jede Regierung strebte mit ihrer Politik Vollbeschäftigung an und wäre erfolgreich, dann müssten alle Länder Außenhandelsüberschüsse erwirtschaften. Das aber ist unmöglich, denn die Überschüsse des einen 25 sind zwingend die Defizite des anderen. Deshalb gilt im Umkehrschluss: Vollbeschäftigung hat wenig damit zu tun, ob Leistungsbilanzen ins Plus oder ins Minus drehen oder ausgeglichen ausfallen.
US-Präsident Trump kann das zu Hause am Beispiel seiner eigenen Politik beobachten: Mit seiner Steuerreform hat er für die US-Wirtschaft den Nachbrenner eingeschaltet, die ohnehin 30 schon gute US-Konjunktur wird durch die Steuererleichterungen zusätzlich befeuert. Amerikanische Unternehmen und Verbraucher haben mehr Geld auf dem Konto, das sie zumindest zum Teil dafür verwenden, Güter aus dem Ausland zu ordern. Die Folge: Das Leistungsbilanzdefizit wird in diesem Jahr wahrscheinlich steigen. Hätten Trump und Lafontaine recht, müsste die Zahl der Beschäftigten gleichzeitig sinken. Doch das Gegenteil ist passiert: Im 35 September erreichte die Arbeitslosenquote den niedrigsten Stand seit 1969, es herrscht fast Vollbeschäftigung.
Auch der umgekehrte Fall widerspricht Trumps und Lafontaines Bachblütenökonomie: Würde die Bundesregierung ein brachiales Sparprogramm auflegen und die Konjunktur abwürgen, stiege zwar die Arbeitslosigkeit. Zugleich aber fiele der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 40 höher aus, weil die Deutschen weniger Geld hätten, um im Ausland einzukaufen. Ein Fall, den es nach Trumps und Lafontaines Weltsicht nicht geben dürfte.
Tatsächlich übersehen sie und ihre Apologeten 4 die beschäftigungsfördernde Wirkung von Importen. Preiswertere Einfuhren wirken gleichsam wie eine Gehaltserhöhung: Kauft ein Haushalt in New Jersey für 500 Dollar einen Computer aus Südkorea, statt das Doppelte für einen 45 aus heimischer Produktion auszugeben, können tatsächlich Jobs in amerikanischen Fabriken verloren gehen. Allerdings hat der amerikanische Konsument 500 Dollar übrig, um dafür ins Restaurant oder ins Kino zu gehen, ein neues iPhone zu kaufen oder für einen Ford Mustang zu sparen. Das schafft Arbeitsplätze zu Hause, die nicht entstünden, wenn es keine Alternativen zum teuren heimischen PC gäbe.
50 Trump & Co. verkennen zudem, dass das Defizit der USA kein Zeichen der Schwäche ist, sondern im Gegenteil ein Ausweis von Stärke. Eine Parallele aus dem Privatleben macht das deutlich: Fast jeder hat ein Handelsbilanzdefizit mit seinem Lebensmittelhändler, seinem Buchladen und seinem Getränkelieferanten. Der Grund liegt auf der Hand, jeder bezieht viel mehr Waren von ihnen als andersherum. Das ist so lange kein Problem, wie jeder seine Rech- 55 nungen bezahlen kann.
Was passiert, wenn ein Kunde dieser drei Einzelhändler eine Gehaltserhöhung bekommt? Sein ganz privates Handelsbilanzdefizit wird weiter wachsen, gegenüber einem Juwelier beispielsweise, weil er sich nun endlich die teure mechanische Armbanduhr leisten kann. Geht es ihm deswegen schlechter? Eher nicht. Das zeigt: Dem anhaltenden Jammer über Ungleich- 60 gewichte liegt ein chronischer Denkfehler zugrunde, die Verwechslung von Ursache und Wirkung. Das Defizit der USA ist nicht Grund für Arbeitslosigkeit, sondern die Folge hoher Beschäftigung.
Wenn es aber möglich ist, dass zwei Länder mit komplett gegensätzlichen Leistungsbilanzen wie Deutschland und die USA am Rande der Vollbeschäftigung operieren, dann drängt sich 65 eine Erkenntnis auf: Leistungsbilanzsalden taugen nicht als Orientierungsgröße für wirtschaftspolitisches Handeln. Sie sind nicht viel mehr als Restgrößen, die sich aus Entscheidungen von Milliarden Verbrauchern auf dem ganzen Globus ergeben. Dass lässt nur einen Schluss zu: Es gibt drängendere Probleme zu lösen auf der Welt.
Zum Autor: Christian Reiermann ist studierter Ökonom und Spiegelredakteur.
1 Bachblütenökonomie: hier im Sinne von: Analogie zur Bachblütentherapie; medizinische Therapieform, deren Wirkung wissenschaftlich nicht belegt ist
2 Trump: Donald Trump – amerikanischer Präsident 2017 bis 19.01.2021
3 Lafontaine: Oskar Lafontaine, ehemaliger SPD-Spitzenpolitiker und Parteivorsitzender bis 1999, seit 2005 Mitglied der Linkspartei
4 Apologet: jemand, der mit seiner ganzen Überzeugung hinter einer Auffassung oder Lehre steht und diese mit Nachdruck nach außen vertritt
1.
Analysieren Sie, welche Argumente der Text für und gegen die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen anführt. Erläutern Sie außerdem drei Ansätze, mit denen sich die außenwirtschaftlichen Beziehungen zwischen Staaten erklären lassen. (32 Punkte)
2.
Erläutern Sie, was man unter der Zahlungsbilanz versteht. Beschreiben Sie je zwei denkbare Vorteile und Nachteile, die ein Handelsbilanzüberschuss mit sich bringen kann. (24 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, inwiefern die Behauptung des amerikanischen Präsidenten, „die Einfuhr von Waren aus dem Ausland ‚liefert unsere Jobs und unseren Wohlstand‘ anderen Ländern aus“ (Z. 9 – 10), berechtigt ist. (24 Punkte)
Aufgabe 4 - Arbeitszeitverkürzung: eine Maßnahme… · Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit
Thema: Arbeitszeitverkürzung: eine Maßnahme gegen digitalisierungsbedingte Arbeitslosigkeit?
Materialgrundlage
Holger Bonin: Bedroht Digitalisierung die Arbeitswelt? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.05.2019
Viele Menschen spüren, dass neue technologische Möglichkeiten wie Künstliche Intelligenz oder fortgeschrittene Robotik die Art und Weise, wie wir arbeiten, binnen kurzer Zeit tiefgreifend verändern werden. Auch die Politik stellt sich darauf ein. So ist im Bundesarbeitsministerium nach der letzten Wahl eine ganz neue Abteilung Digitalisierung und Arbeitswelt mit einer Denkfabrik entstanden, die Problemlösungen für die digitale Arbeitsgesellschaft von morgen entwickeln soll.
Die Herausforderungen durch die digitale Transformation von Arbeit sind komplex. Und sie lassen sich nicht losgelöst von anderen Megatrends betrachten, wie dem demographischen Wandel und der Globalisierung. So zeigte eine Studie der amerikanischen Volkswirte Daron Acemoglu und Pascual Restrepo, dass in Regionen, in denen die Erwerbsbevölkerung stärker altert, vermehrt Roboter eingesetzt werden. Demnach lenkt der demographische Wandel den technologischen Fortschritt hin zu mehr Automatisierung, damit höhere Produktivität das Fehlen von Arbeitskräften im mittleren Alter ausgleicht. Diese in der alternden Gesellschaft an sich wünschenswerte Stärkung des Wachstumspotentials geht jedoch mit einem höheren Beschäftigungsrisiko vor allem in den Teilen der Wirtschaft einher, die mit leicht automatisierbaren Produktionsweisen operieren. [...]
Einerseits gibt es die Vorstellung, dass die moderne Technik die Menschen vom Joch der Arbeit befreien wird, so dass sie mehr Zeit für Tätigkeiten aus purer Neigung oder auch Müßiggang verwenden können. Schon John Maynard Keynes schrieb in der Zwischenkriegszeit über die „ökonomischen Möglichkeiten unserer Enkelkinder“, dass sie ihre Wochenarbeitszeit auf wenige Stunden verringern könnten – die Arbeit übernähmen die Maschinen. Der Hoffnung, dass mit der Digitalisierung eine Art Schlaraffenland entstehen könnte, stehen andererseits düstere Prognosen von einem Ende der Erwerbsarbeit gegenüber, von baldiger Massenarbeitslosigkeit und Prekarisierung großer Teile der Bevölkerung. Damit verbunden sind auch Kassandrarufe von einem Ende des traditionellen Sozialstaats, dessen Sicherungsversprechen und Finanzierung vor allem an die auf dem Markt erzielten Erwerbseinkommen anknüpfen. Ein genauer Blick auf vorhandene Daten und Erfahrungen führt jedoch eher zu der Botschaft: Wir werden auch in Zukunft arbeiten können – und müssen.
Die wohl am häufigsten zitierte Studie, um die Vermutung zu untermauern, dass der derzeitige technologische Wandel in naher Zukunft zu riesigen Arbeitsplatzverlusten führen wird, stammt von dem schwedisch-deutschen Ökonomen Carl Benedikt Frey und dem Informatiker Michael Osborne. Die beiden Forscher kamen zu dem alarmierenden Ergebnis, dass fast jeder zweite Arbeitsplatz in den Vereinigten Staaten von Automatisierung bedroht sei. Mit derselben Methode kommt man für Deutschland auf immerhin 42 Prozent automatisierungsgefährdete Jobs. Allerdings blenden diese extremen Schätzungen eine Reihe sehr wesentlicher Faktoren aus. [...]
Eine empirische Untersuchung von Forschern des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), an der der Verfasser selbst beteiligt war, kam zu dem Ergebnis, dass in Deutschland nur 12 Prozent der Jobs ein Tätigkeitsprofil mit hoher Wahrscheinlichkeit der Automatisierung aufweisen. Besonders betroffen sind stark von Routine geprägte Büroberufe, etwa der von Sachbearbeitern, aber auch einfache Berufe in der Fertigung, etwa in der Maschinenführung.
Geht man davon aus, dass die gut automatisierbaren Jobs tatsächlich wegrationalisiert werden, könnte das immerhin einen Verlust von gut 5 Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland bedeuten. Allerdings sollte man sich klarmachen, dass diese Veränderung nicht über Nacht eintritt, sondern am Ende eines allmählichen Strukturwandels steht. Zudem darf man den Blick nicht auf die zu erwartenden Arbeitsverluste verengen, sondern man muss auch die im Zuge der Digitalisierung neu entstehenden Arbeitsplätze gegenrechnen. [...]
Die Arbeitskräftenachfrage kann auch steigen, weil mit der Digitalisierung neue Produkte entstehen oder Waren für die Kunden billiger werden. Eigentümer oder Arbeitnehmer bekommen durch eine steigende Wertschöpfung auch mehr Geld ins Portemonnaie. Wenn sie dies in Konsum umsetzen, kann es zu Beschäftigungszuwächsen in Teilen der Wirtschaft kommen, die vom Technologieschub gar nicht unmittelbar berührt sind.
Dass die Automatisierung auf diese Weise alles in allem mehr neue Jobs schaffen kann als sie zerstört, zeigen die Ergebnisse einer noch unveröffentlichten Studie, an der mein Kollege Terry Gregory vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) mitwirkt. Demnach hat der Einsatz von arbeitsparenden Maschinen in Europa in den Jahren 1999 bis 2010 alles in allem etwa 1,6 Millionen Jobs vernichtet, viele davon in der Produktion. Im gleichen Zeitraum sind jedoch durch die Automatisierung fast zweimal so viele Arbeitsplätze neu entstanden. Unter dem Strich hat Europa also durch den technologischen Fortschritt rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze dazugewonnen, viele davon im Bereich der Dienstleistungen. Darunter sind nicht nur einfache Jobs, wie sie etwa der Internethandel in Vertrieb und Logistik schafft. Auch anspruchsvolle Betätigungsfelder wachsen – so die Bereiche Software, Marketing und Medien.
Allerdings zeigt diese Studie auch: Der Zuwachs an Jobs in Europa hätte noch deutlich größer ausfallen können, wenn weniger von den technologiebedingten Unternehmensgewinnen in andere Teile der Welt abgeflossen wäre, oder wenn die Arbeitnehmer von der steigenden Wertschöpfung mehr abbekommen hätten. [...]
Das wohl wirksamste Mittel, um die Arbeitnehmer sowohl vor einem zunehmenden Lohndruck also auch vor wachsenden Beschäftigungsrisiken zu schützen, ist angemessene Aus- und Weiterbildung. Das verlangt zum einen, die Beschäftigten in den vom technologischen Fortschritt unmittelbar betroffenen Bereichen so zu qualifizieren, dass sie mit dem Wandel der Tätigkeitsprofile Schritt halten können. Zunehmend gefordert sind hier neben dem Wissen über den richtigen Umgang mit der Technik auch weiche Kompetenzen wie die Fähigkeiten, agil, autonom und kundenorientiert zu arbeiten. Zum anderen – und hier tun sich auch Gelegenheiten für weniger Qualifizierte auf – geht es um die Befähigung zur Tätigkeit in den Bereichen der Wirtschaft, in denen die direkten Automatisierungspotentiale eher gering sind. Zu denken ist hier etwa an die Pflege oder andere personenbezogene Dienstleistungen. [...]
Zum Autor: Holger Bonin ist Forschungsdirektor am Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn und lehrt als Professor für Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik an der Universität Kassel.
1.
Analysieren Sie, welche Aussagen der Text zu den Folgen der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt und für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trifft, und gehen Sie dabei auf die Chancen und Risiken für den Arbeitsmarkt ein. Erläutern Sie außerdem den Indikator, mit dem das im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz festgelegte Ziel der Vollbeschäftigung gemessen wird, sowie dessen Berechnung. [32 Punkte]
2.
Beschreiben Sie zwei unterschiedliche Gründe für strukturelle Arbeitslosigkeit sowie eine weitere Form der Arbeitslosigkeit. Stellen Sie zu zwei dieser Arbeitslosigkeitstypen je eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme zu ihrer Bekämpfung dar. [24 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, ob sich Arbeitszeitverkürzungen als sinnvolle Antwort auf die digitale Entwicklung am Arbeitsmarkt eignen. [24 Punkte]
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- Wirtschaftspolitische Konzeptionen und Fiskalpolitik · 2 Aufgaben · 60 % Wahrscheinlichkeit
- Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit · 1 Aufgabe · 55 % Wahrscheinlichkeit
- Ökonomie und Ökologie: nachhaltige Wirtschaftspolitik · 2 Aufgaben · 70 % Wahrscheinlichkeit