Aufgabe 4 - Arbeitszeitverkürzung: eine Maßnahme… · Abitur NRW Volkswirtschaftslehre GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Thema: Arbeitszeitverkürzung: eine Maßnahme gegen digitalisierungsbedingte Arbeitslosigkeit?

Materialgrundlage

Holger Bonin: Bedroht Digitalisierung die Arbeitswelt? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.05.2019

Viele Menschen spüren, dass neue technologische Möglichkeiten wie Künstliche Intelligenz oder fortgeschrittene Robotik die Art und Weise, wie wir arbeiten, binnen kurzer Zeit tiefgreifend verändern werden. Auch die Politik stellt sich darauf ein. So ist im Bundesarbeitsministerium nach der letzten Wahl eine ganz neue Abteilung Digitalisierung und Arbeitswelt mit einer Denkfabrik entstanden, die Problemlösungen für die digitale Arbeitsgesellschaft von morgen entwickeln soll.

Die Herausforderungen durch die digitale Transformation von Arbeit sind komplex. Und sie lassen sich nicht losgelöst von anderen Megatrends betrachten, wie dem demographischen Wandel und der Globalisierung. So zeigte eine Studie der amerikanischen Volkswirte Daron Acemoglu und Pascual Restrepo, dass in Regionen, in denen die Erwerbsbevölkerung stärker altert, vermehrt Roboter eingesetzt werden. Demnach lenkt der demographische Wandel den technologischen Fortschritt hin zu mehr Automatisierung, damit höhere Produktivität das Fehlen von Arbeitskräften im mittleren Alter ausgleicht. Diese in der alternden Gesellschaft an sich wünschenswerte Stärkung des Wachstumspotentials geht jedoch mit einem höheren Beschäftigungsrisiko vor allem in den Teilen der Wirtschaft einher, die mit leicht automatisierbaren Produktionsweisen operieren. [...]

Einerseits gibt es die Vorstellung, dass die moderne Technik die Menschen vom Joch der Arbeit befreien wird, so dass sie mehr Zeit für Tätigkeiten aus purer Neigung oder auch Müßiggang verwenden können. Schon John Maynard Keynes schrieb in der Zwischenkriegszeit über die „ökonomischen Möglichkeiten unserer Enkelkinder“, dass sie ihre Wochenarbeitszeit auf wenige Stunden verringern könnten – die Arbeit übernähmen die Maschinen. Der Hoffnung, dass mit der Digitalisierung eine Art Schlaraffenland entstehen könnte, stehen andererseits düstere Prognosen von einem Ende der Erwerbsarbeit gegenüber, von baldiger Massenarbeitslosigkeit und Prekarisierung großer Teile der Bevölkerung. Damit verbunden sind auch Kassandrarufe von einem Ende des traditionellen Sozialstaats, dessen Sicherungsversprechen und Finanzierung vor allem an die auf dem Markt erzielten Erwerbseinkommen anknüpfen. Ein genauer Blick auf vorhandene Daten und Erfahrungen führt jedoch eher zu der Botschaft: Wir werden auch in Zukunft arbeiten können – und müssen.

Die wohl am häufigsten zitierte Studie, um die Vermutung zu untermauern, dass der derzeitige technologische Wandel in naher Zukunft zu riesigen Arbeitsplatzverlusten führen wird, stammt von dem schwedisch-deutschen Ökonomen Carl Benedikt Frey und dem Informatiker Michael Osborne. Die beiden Forscher kamen zu dem alarmierenden Ergebnis, dass fast jeder zweite Arbeitsplatz in den Vereinigten Staaten von Automatisierung bedroht sei. Mit derselben Methode kommt man für Deutschland auf immerhin 42 Prozent automatisierungsgefährdete Jobs. Allerdings blenden diese extremen Schätzungen eine Reihe sehr wesentlicher Faktoren aus. [...]

Eine empirische Untersuchung von Forschern des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), an der der Verfasser selbst beteiligt war, kam zu dem Ergebnis, dass in Deutschland nur 12 Prozent der Jobs ein Tätigkeitsprofil mit hoher Wahrscheinlichkeit der Automatisierung aufweisen. Besonders betroffen sind stark von Routine geprägte Büroberufe, etwa der von Sachbearbeitern, aber auch einfache Berufe in der Fertigung, etwa in der Maschinenführung.

Geht man davon aus, dass die gut automatisierbaren Jobs tatsächlich wegrationalisiert werden, könnte das immerhin einen Verlust von gut 5 Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland bedeuten. Allerdings sollte man sich klarmachen, dass diese Veränderung nicht über Nacht eintritt, sondern am Ende eines allmählichen Strukturwandels steht. Zudem darf man den Blick nicht auf die zu erwartenden Arbeitsverluste verengen, sondern man muss auch die im Zuge der Digitalisierung neu entstehenden Arbeitsplätze gegenrechnen. [...]

Die Arbeitskräftenachfrage kann auch steigen, weil mit der Digitalisierung neue Produkte entstehen oder Waren für die Kunden billiger werden. Eigentümer oder Arbeitnehmer bekommen durch eine steigende Wertschöpfung auch mehr Geld ins Portemonnaie. Wenn sie dies in Konsum umsetzen, kann es zu Beschäftigungszuwächsen in Teilen der Wirtschaft kommen, die vom Technologieschub gar nicht unmittelbar berührt sind.

Dass die Automatisierung auf diese Weise alles in allem mehr neue Jobs schaffen kann als sie zerstört, zeigen die Ergebnisse einer noch unveröffentlichten Studie, an der mein Kollege Terry Gregory vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) mitwirkt. Demnach hat der Einsatz von arbeitsparenden Maschinen in Europa in den Jahren 1999 bis 2010 alles in allem etwa 1,6 Millionen Jobs vernichtet, viele davon in der Produktion. Im gleichen Zeitraum sind jedoch durch die Automatisierung fast zweimal so viele Arbeitsplätze neu entstanden. Unter dem Strich hat Europa also durch den technologischen Fortschritt rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze dazugewonnen, viele davon im Bereich der Dienstleistungen. Darunter sind nicht nur einfache Jobs, wie sie etwa der Internethandel in Vertrieb und Logistik schafft. Auch anspruchsvolle Betätigungsfelder wachsen – so die Bereiche Software, Marketing und Medien.

Allerdings zeigt diese Studie auch: Der Zuwachs an Jobs in Europa hätte noch deutlich größer ausfallen können, wenn weniger von den technologiebedingten Unternehmensgewinnen in andere Teile der Welt abgeflossen wäre, oder wenn die Arbeitnehmer von der steigenden Wertschöpfung mehr abbekommen hätten. [...]

Das wohl wirksamste Mittel, um die Arbeitnehmer sowohl vor einem zunehmenden Lohndruck also auch vor wachsenden Beschäftigungsrisiken zu schützen, ist angemessene Aus- und Weiterbildung. Das verlangt zum einen, die Beschäftigten in den vom technologischen Fortschritt unmittelbar betroffenen Bereichen so zu qualifizieren, dass sie mit dem Wandel der Tätigkeitsprofile Schritt halten können. Zunehmend gefordert sind hier neben dem Wissen über den richtigen Umgang mit der Technik auch weiche Kompetenzen wie die Fähigkeiten, agil, autonom und kundenorientiert zu arbeiten. Zum anderen – und hier tun sich auch Gelegenheiten für weniger Qualifizierte auf – geht es um die Befähigung zur Tätigkeit in den Bereichen der Wirtschaft, in denen die direkten Automatisierungspotentiale eher gering sind. Zu denken ist hier etwa an die Pflege oder andere personenbezogene Dienstleistungen. [...]

Zum Autor: Holger Bonin ist Forschungsdirektor am Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn und lehrt als Professor für Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik an der Universität Kassel.

1.

Analysieren Sie, welche Aussagen der Text zu den Folgen der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt und für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trifft, und gehen Sie dabei auf die Chancen und Risiken für den Arbeitsmarkt ein. Erläutern Sie außerdem den Indikator, mit dem das im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz festgelegte Ziel der Vollbeschäftigung gemessen wird, sowie dessen Berechnung. [32 Punkte]

2.

Beschreiben Sie zwei unterschiedliche Gründe für strukturelle Arbeitslosigkeit sowie eine weitere Form der Arbeitslosigkeit. Stellen Sie zu zwei dieser Arbeitslosigkeitstypen je eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme zu ihrer Bekämpfung dar. [24 Punkte]

3.

Beurteilen Sie, ob sich Arbeitszeitverkürzungen als sinnvolle Antwort auf die digitale Entwicklung am Arbeitsmarkt eignen. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 - Arbeitszeitverkürzung: eine Maßnahme… · Abitur NRW Volkswirtschaftslehre GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie, welche Aussagen der Text zu den Folgen der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt und für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trifft, und gehen Sie dabei auf die Chancen und Risiken für den Arbeitsmarkt ein. Erläutern Sie außerdem den Indikator, mit dem das im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz festgelegte Ziel der Vollbeschäftigung gemessen wird, sowie dessen Berechnung. (32 Punkte)

Lösung: Ausarbeitung mit folgenden Elementen: - Textanalyse: Journalistischer Text von Holger Bonin („Bedroht Digitalisierung die Arbeitswelt?“, FAZ vom 27.05.2019). Thema: Auseinandersetzung mit der Frage, ob der fortschreitende Digitalisierungsprozess als Bedrohung von Arbeitsplätzen anzusehen ist. Intention: Information über den Zusammenhang von Digitalisierung und Arbeitswelt sowie Aufzeigen der Chancen (kann mehr Jobs schaffen als zerstören). - Chancen: Perspektive auf Arbeitszeitverkürzung und mehr individuelle Zeit (Bezug zu Keynes); Entstehung neuer Arbeitsplätze durch neue Produkte und Verbilligung von Waren; gestiegene Wertschöpfung führt über Konsum zu Beschäftigungszuwächsen in unberührten Branchen; Studie von Gregory/IZA belegt Zuwachs von 1,5 Mio. Jobs in Europa (1999–2010), insb. Dienstleistungen, IT, Marketing, Medien; Potenzial für noch größeres Wachstum bei geringerem Gewinnabfluss ins Ausland bzw. höherer Partizipation der Arbeitnehmer. - Risiken: Demographischer Wandel treibt Automatisierung und erhöht Beschäftigungsrisiko in leicht automatisierbaren Bereichen (Studie Acemoglu/Restrepo); Alarmierende Studien (Frey/Osborne: bis zu 42 % gefährdete Jobs in Deutschland); ZEW-Studie: 12 % hoch automatisierungsgefährdete Jobs (vor allem Routine-Bürojobs und einfache Fertigung, ca. 5 Mio. Arbeitsplätze); Befürchtungen von Massenarbeitslosigkeit, Prekarisierung und Gefährdung des Sozialstaats. - Indikator Vollbeschäftigung: Arbeitslosenquote. Berechnung: registrierte Arbeitslose im Verhältnis zu den zivilen Erwerbspersonen (zivile Erwerbstätige + Arbeitslose) × 100. Erläuterung verdeckter Arbeitslosigkeit / nicht erfasster Personen (Stille Reserve, Krankgeschriebene, Weiterbildungsteilnehmer, Personen unter 15 Wochenstunden).

2. Beschreiben Sie zwei unterschiedliche Gründe für strukturelle Arbeitslosigkeit sowie eine weitere Form der Arbeitslosigkeit. Stellen Sie zu zwei dieser Arbeitslosigkeitstypen je eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme zu ihrer Bekämpfung dar. (24 Punkte)

Lösung: Ausarbeitung mit folgenden Elementen: - Ursachen struktureller Arbeitslosigkeit (zwei auswählen): 1. Strukturwandelbedingt: Wandel von Wirtschaftssektoren (z. B. von sekundärem zu tertiärem Sektor), Veränderung von Nachfragestrukturen oder regionale Strukturkrisen (z. B. Ruhrgebiet/Kohleausstieg). 2. Technologisch: Rationalisierung und Prozessinnovationen ersetzen menschliche Arbeit durch Maschinen/Software. 3. Mismatch-Arbeitslosigkeit: Diskrepanz zwischen Qualifikationsprofilen der Arbeitslosen und den Anforderungen offener Stellen oder räumliche Immobilität. 4. Branchenspezifisch / Außenwirtschaftlich: Verlust von Wettbewerbsfähigkeit durch internationalen Konkurrenzkampf und Verlagerung von Produktion ins Ausland. - Ein weiterer Typ von Arbeitslosigkeit: * Friktionelle Arbeitslosigkeit (Sucharbeitslosigkeit): Vorübergehend beim Wechsel des Arbeitsplatzes oder beim Übergang von Ausbildung/Studium in den Beruf; kurzfristig. * ODER Konjunkturelle Arbeitslosigkeit: Durch zyklische Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage bedingter Nachfragerückgang nach Arbeitskräften; kurz- bis mittelfristig. - Arbeitsmarktpolitische Gegenmaßnahmen für zwei Typen: * Gegen strukturelle Arbeitslosigkeit: Förderung von gezielter Aus- und Weiterbildung, Umschulungsmaßnahmen, Qualifizierungsoffensiven sowie regionale Wirtschaftsförderung/Strukturhilfen. * Gegen konjunkturelle Arbeitslosigkeit: Nachfrageorientierte Konjunktur- und Beschäftigungspolitik (z. B. staatliche Konjunkturpakete, Erhöhung von Staatsausgaben, Steuersenkungen, Kurzarbeitergeld).

3. Beurteilen Sie, ob sich Arbeitszeitverkürzungen als sinnvolle Antwort auf die digitale Entwicklung am Arbeitsmarkt eignen. (24 Punkte)

Lösung: Strukturierte Erörterung und kriteriengeleitetes Sachurteil: - Argumente für Arbeitszeitverkürzung (mindestens zwei): * Gleichmäßigere Verteilung des Arbeitsvolumens: Wenn Automatisierung Arbeitsvolumen freisetzt, verhindert Verkürzung Massenentlassungen. * Produktivitätsgewinne nutzen: Digitalisierungsbedingte Effizienzsteigerungen ermöglichen Personal- und Arbeitszeitausgleich ohne unzumutbare Kostensteigerungen. * Zeitliche Freiräume: Mehr Zeit für Qualifizierung, Weiterbildung und zivilgesellschaftliches Engagement bzw. Vereinbarkeit von Familie und Beruf. - Argumente gegen Arbeitszeitverkürzung (mindestens zwei): * Demographischer Wandel und Fachkräftemangel: Die Erwerbsbevölkerung schrumpft ohnehin; eine generelle Arbeitszeitverkürzung verschärft den Mangel an Fachkräften drastisch. * Eingriff in die Tarifautonomie: Staatlich verordnete Arbeitszeitverkürzung schränkt die Verhandlungsfreiheit der Tarifpartner massiv ein und beeinträchtigt Marktmechanismen. * Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit: Im internationalen Vergleich (z. B. ggü. USA oder Asien) hat Deutschland bereits geringe Jahresarbeitszeiten; weitere Verkürzung könnte Kosten erhöhen und Investitionen vertreiben. - Kriterienorientiertes Sachurteil: * Abwägung anhand expliziter Kriterien (z. B. Effizienz, Vollbeschäftigung, Legalität, Nachhaltigkeit). * Begründete Positionierung: z. B. differenzierte Bewertung, wonach eine pauschale, starre Arbeitszeitverkürzung angesichts des demographischen Wandels und Fachkräftemangels wenig zielführend ist (Kriterium Nachhaltigkeit), während flexible, betriebsspezifische Modelle in Kombination mit Weiterbildungsphasen sinnvoll sein können (Kriterium Effizienz).

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