Aufgabe 3 - Arbeitslosigkeit im Ausland durch deu… · Abitur NRW Volkswirtschaftslehre GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Außenhandel, Globalisierung und Standort Deutschland · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Thema: Arbeitslosigkeit im Ausland durch deutsche Exportüberschüsse?
Materialgrundlage
Christian Reiermann: Bachblütenökonomie. In: DER SPIEGEL Nr. 47 vom 17.11.2018, S. 79 (Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen.)
Christian Reiermann
Bachblütenökonomie 1
Immer wieder werfen Politiker und Ökonomen Deutschland vor, seine hohen Exportüberschüsse führten zu höherer Arbeitslosigkeit im Ausland. Das ist falsch, das Gegenteil ist der Fall.
5 Wenn es um ihre Überzeugungen geht, liegen Populisten von links und rechts zuweilen ganz dicht beieinander. Es gilt die Hufeisentheorie: Linkes und rechtes politisches Spektrum kommen sich häufig sehr nah. Die überraschende Übereinstimmung eigentlich gegensätzlicher Weltbilder zeigt sich etwa im Streit um die Leistungs- und Handelsbilanzen. Da erscheinen Politiker so unterschiedlicher Prägung wie US-Präsident Donald Trump 2 und Linken-Ikone Oskar Lafontaine 3 als Brüder im Geiste. Die Einfuhr von Waren aus dem Ausland „liefert 10 unsere Jobs und unseren Wohlstand“ anderen Ländern aus, wütet der Insasse des Weißen Hauses regelmäßig und überzieht Freund wie Feind mit Handelskriegen. Ähnlich sieht das der Globalökonom aus dem Saarland, er zählt Deutschland zu den „größten Sündern weltweit“. Lafontaines Begründung: „Solange wir viel mehr exportieren als importieren, schädigen wir andere. So ist das nun mal.“
15 Genau so ist es eben doch nicht. Den Klagen liegt die Annahme zugrunde, deutsche Autos oder Maschinen würden amerikanische Konkurrenten verdrängen, die dort Beschäftigten also ihre Arbeit verlieren. Der Grund dafür ist in den Augen der Kritiker einfach: Die Deutschen sparten zu viel und gäben sich mit zu geringen Löhnen zufrieden. Deshalb seien ihre Produkte wettbewerbsfähiger.
20 Abgesehen davon, dass die Vertreter dieser These nie fragen, ob die Amerikaner nicht vielleicht viel zu wenig sparten und ob ihre Löhne nicht zu hoch ausfielen, sitzen Trump und Lafontaine einem ökonomischen Trugschluss auf: Angenommen, jede Regierung strebte mit ihrer Politik Vollbeschäftigung an und wäre erfolgreich, dann müssten alle Länder Außenhandelsüberschüsse erwirtschaften. Das aber ist unmöglich, denn die Überschüsse des einen 25 sind zwingend die Defizite des anderen. Deshalb gilt im Umkehrschluss: Vollbeschäftigung hat wenig damit zu tun, ob Leistungsbilanzen ins Plus oder ins Minus drehen oder ausgeglichen ausfallen.
US-Präsident Trump kann das zu Hause am Beispiel seiner eigenen Politik beobachten: Mit seiner Steuerreform hat er für die US-Wirtschaft den Nachbrenner eingeschaltet, die ohnehin 30 schon gute US-Konjunktur wird durch die Steuererleichterungen zusätzlich befeuert. Amerikanische Unternehmen und Verbraucher haben mehr Geld auf dem Konto, das sie zumindest zum Teil dafür verwenden, Güter aus dem Ausland zu ordern. Die Folge: Das Leistungsbilanzdefizit wird in diesem Jahr wahrscheinlich steigen. Hätten Trump und Lafontaine recht, müsste die Zahl der Beschäftigten gleichzeitig sinken. Doch das Gegenteil ist passiert: Im 35 September erreichte die Arbeitslosenquote den niedrigsten Stand seit 1969, es herrscht fast Vollbeschäftigung.
Auch der umgekehrte Fall widerspricht Trumps und Lafontaines Bachblütenökonomie: Würde die Bundesregierung ein brachiales Sparprogramm auflegen und die Konjunktur abwürgen, stiege zwar die Arbeitslosigkeit. Zugleich aber fiele der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 40 höher aus, weil die Deutschen weniger Geld hätten, um im Ausland einzukaufen. Ein Fall, den es nach Trumps und Lafontaines Weltsicht nicht geben dürfte.
Tatsächlich übersehen sie und ihre Apologeten 4 die beschäftigungsfördernde Wirkung von Importen. Preiswertere Einfuhren wirken gleichsam wie eine Gehaltserhöhung: Kauft ein Haushalt in New Jersey für 500 Dollar einen Computer aus Südkorea, statt das Doppelte für einen 45 aus heimischer Produktion auszugeben, können tatsächlich Jobs in amerikanischen Fabriken verloren gehen. Allerdings hat der amerikanische Konsument 500 Dollar übrig, um dafür ins Restaurant oder ins Kino zu gehen, ein neues iPhone zu kaufen oder für einen Ford Mustang zu sparen. Das schafft Arbeitsplätze zu Hause, die nicht entstünden, wenn es keine Alternativen zum teuren heimischen PC gäbe.
50 Trump & Co. verkennen zudem, dass das Defizit der USA kein Zeichen der Schwäche ist, sondern im Gegenteil ein Ausweis von Stärke. Eine Parallele aus dem Privatleben macht das deutlich: Fast jeder hat ein Handelsbilanzdefizit mit seinem Lebensmittelhändler, seinem Buchladen und seinem Getränkelieferanten. Der Grund liegt auf der Hand, jeder bezieht viel mehr Waren von ihnen als andersherum. Das ist so lange kein Problem, wie jeder seine Rech- 55 nungen bezahlen kann.
Was passiert, wenn ein Kunde dieser drei Einzelhändler eine Gehaltserhöhung bekommt? Sein ganz privates Handelsbilanzdefizit wird weiter wachsen, gegenüber einem Juwelier beispielsweise, weil er sich nun endlich die teure mechanische Armbanduhr leisten kann. Geht es ihm deswegen schlechter? Eher nicht. Das zeigt: Dem anhaltenden Jammer über Ungleich- 60 gewichte liegt ein chronischer Denkfehler zugrunde, die Verwechslung von Ursache und Wirkung. Das Defizit der USA ist nicht Grund für Arbeitslosigkeit, sondern die Folge hoher Beschäftigung.
Wenn es aber möglich ist, dass zwei Länder mit komplett gegensätzlichen Leistungsbilanzen wie Deutschland und die USA am Rande der Vollbeschäftigung operieren, dann drängt sich 65 eine Erkenntnis auf: Leistungsbilanzsalden taugen nicht als Orientierungsgröße für wirtschaftspolitisches Handeln. Sie sind nicht viel mehr als Restgrößen, die sich aus Entscheidungen von Milliarden Verbrauchern auf dem ganzen Globus ergeben. Dass lässt nur einen Schluss zu: Es gibt drängendere Probleme zu lösen auf der Welt.
Zum Autor: Christian Reiermann ist studierter Ökonom und Spiegelredakteur.
1 Bachblütenökonomie: hier im Sinne von: Analogie zur Bachblütentherapie; medizinische Therapieform, deren Wirkung wissenschaftlich nicht belegt ist
2 Trump: Donald Trump – amerikanischer Präsident 2017 bis 19.01.2021
3 Lafontaine: Oskar Lafontaine, ehemaliger SPD-Spitzenpolitiker und Parteivorsitzender bis 1999, seit 2005 Mitglied der Linkspartei
4 Apologet: jemand, der mit seiner ganzen Überzeugung hinter einer Auffassung oder Lehre steht und diese mit Nachdruck nach außen vertritt
1.
Analysieren Sie, welche Argumente der Text für und gegen die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen anführt. Erläutern Sie außerdem drei Ansätze, mit denen sich die außenwirtschaftlichen Beziehungen zwischen Staaten erklären lassen. (32 Punkte)
2.
Erläutern Sie, was man unter der Zahlungsbilanz versteht. Beschreiben Sie je zwei denkbare Vorteile und Nachteile, die ein Handelsbilanzüberschuss mit sich bringen kann. (24 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, inwiefern die Behauptung des amerikanischen Präsidenten, „die Einfuhr von Waren aus dem Ausland ‚liefert unsere Jobs und unseren Wohlstand‘ anderen Ländern aus“ (Z. 9 – 10), berechtigt ist. (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie, welche Argumente der Text für und gegen die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen anführt. Erläutern Sie außerdem drei Ansätze, mit denen sich die außenwirtschaftlichen Beziehungen zwischen Staaten erklären lassen. (32 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien des Erwartungshorizonts zu Textanalyse und außenwirtschaftlichen Erklärungsansätzen.
2. Erläutern Sie, was man unter der Zahlungsbilanz versteht. Beschreiben Sie je zwei denkbare Vorteile und Nachteile, die ein Handelsbilanzüberschuss mit sich bringen kann. (24 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur Zahlungsbilanz und den Vor- und Nachteilen eines Handelsbilanzüberschusses.
3. Beurteilen Sie, inwiefern die Behauptung des amerikanischen Präsidenten, „die Einfuhr von Waren aus dem Ausland ‚liefert unsere Jobs und unseren Wohlstand‘ anderen Ländern aus“ (Z. 9 – 10), berechtigt ist. (24 Punkte)
Lösung: Individuelle Beurteilung und Sachurteil zur Aussage Trumps.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe 3 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022