Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Sport LK · Haupttermin 2021

Thema: Sportpsychologie und Sportethik · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Teilaufgabe 3

Abiturprüfung 2021 – Sport, Leistungskurs

Materialgrundlage

M 1: Christoph Cöln, Gerrit Lagenstein: Das intelligenteste Finaltor der WM-Geschichte (veröffentlicht am 14.07.2014) (Text gekürzt und verändert)

M 2: „Ich saß sehr glücklich in diesem Bus.“ Ausschnitte aus einem Interview (geführt von Mounir Zitouni) mit Bastian Schweinsteiger (Kicker Ausgabe 047/2018 vom 07.06.2018)

M 3: Ferdinand Dyck: Ein ehemaliger Fußball-Profi erklärt, wie viele Spieler bei der WM 2018 gedopt sein werden

M 4: NADA Jahresbericht 2016 – Anhang, S. 22, 24 (geändert)

Analysieren Sie den Text M 3 im Hinblick auf die erkennbaren Beweggründe für Doping und beziehen Sie dabei die Strukturen des Sports, persönliche Abwägungen sowie die genannten Präventionsmaßnahmen ein. Erörtern Sie anschließend unter Heranziehung von M 4 die These „Doping ist im Profi-Fußball flächendeckend vertreten".

[29 Punkte]

M 3: Ein ehemaliger Fußball-Profi erklärt, wie viele Spieler bei der WM 2018 gedopt sein werden

[…]

Lotfi El Bousidi spielte als Profi in Griechenland, Spanien sowie für Mainz 05. Vor zwei Jahren veröffentlichte er zu dem Thema seine Diplomarbeit, für sie hatte er mit vielen Spielern geredet und festgestellt: Es gibt flächendeckendes Doping im Profifußball, bis zu einem Viertel aller deutschen Profis tun es. Wir haben mit dem 35-Jährigen darüber gesprochen.

[…]

Wie wahrscheinlich ist es, dass bei der WM 2018 kein einziger Spieler gedopt sein wird?

Lotfi El Bousidi: Das halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Bei großen Turnieren, egal ob Champions League oder WM, ist der Wettkampf ja noch härter als im Ligabetrieb. Außerdem wollen auch Mannschaften, deren Spieler sonst nicht auf Top-Niveau spielen, bei der WM alles geben. Deswegen rechne ich auf jeden Fall mit Dopingsperren – wenn richtig getestet wird.

Haben Sie eine Vorstellung, wie viele Spieler gedopt sein werden?

Das kann ich letztlich nicht einschätzen. In der Bundesliga haben nach den Ergebnissen meiner Untersuchung zwischen 14 und 25 Prozent der Spieler schon einmal gedopt. In Spanien, wo ich ebenfalls eine Umfrage durchgeführt habe, waren es sogar bis zu 30 Prozent der Spieler. Wie gesagt: Ich glaube, dass die Bereitschaft bei einer WM höher ist als in der Meisterschaft. Andererseits ist aber auch das Risiko, erwischt zu werden, größer.

[…]

Viele Fußballfunktionäre sagen noch immer: „Doping im Fußball bringt nichts." Was erwidern Sie?

Ich würde dagegen halten, dass es vor allem bei einem Turnier wie der WM etwas bringt. Da hat man ja viel mehr Spiele in kurzer Zeit, also weniger Zeit, sich zu erholen. Da sind zum einen Präparate gefragt, die die Regeneration fördern. Und zum anderen solche, die Ermüdungssignale des Körpers abstellen. […] Dann werden teilweise auch Präparate genutzt, die diese Schmerzen unterdrücken. Man läuft dann einfach weiter. Aber das sind richtig gefährliche Produkte. Der Körper sendet uns ja nicht ohne Grund Warnsignale.

Wissen das die Spieler, die so etwas nehmen?

Nein, tun sie nicht. Für mich war das eines der wichtigsten Ergebnisse meiner Arbeit. Ich hatte explizit die Frage gestellt, ob die Spieler wüssten, was auf der Dopingliste steht. Ob sie sich überhaupt auskennen. Und die Zahl derer, die gar nichts wussten, war erschreckend hoch.

Was bedeutet das?

Dass man die Schuld auf keinen Fall alleine den Spielern geben kann. Natürlich muss jeder darauf achten, was einem verabreicht wird. Aber die wenigsten hinterfragen das. Wenn ich denen, die dopen, den Namen eines Präparats nennen würde, wäre ich nicht sicher, dass sie schon einmal davon gehört hätten.

[…]

Dopen sich Spieler auch selbst?

Ja. Es haben auch einige in meinen Umfragen zugegeben, dass sie sich Steroide auf dem Schwarzmarkt besorgt haben. Vor allem waren es überwiegend Spieler, die nach einer längeren Verletzungspause wieder angreifen wollten.

Wie sind Sie eigentlich auf das Thema für Ihre Abschlussarbeit gekommen?

Ich musste in meiner gesamten Karriere nur einmal zur Dopingprobe, andere wurden gar nicht geprüft. Gleichzeitig wusste ich von ehemaligen Profis, die in den Achtzigern und Neunzigern Cortison und sonst was gespritzt bekamen und darunter heute gesundheitlich extrem leiden. Das passte für mich nicht zusammen.

Was wollten Sie mit der Veröffentlichung erreichen?

Vor allem wollte ich meine Kollegen, die so wenig wissen übers Doping, vor den gesundheitlichen Risiken warnen. Außerdem sind Fußballer riesige Vorbilder für Kinder – und so sollten sie sich auch verhalten.

[…]

Was hat sich in den zwei Jahren seit Ihrer Diplomarbeit verändert?

Durch die Aussagen vieler Ex-Profis und deren Dopingvergehen in der Vergangenheit ist das Thema Doping aktuell wie nie. Die VDV-Spielergewerkschaft setzt sich verstärkt für Dopingpräventionen ein und bietet umfangreiche Aufklärung. Viele Spieler, auch in meinem Bekanntenkreis, waren erschrocken, als sie erfuhren, welche gesundheitlichen Risiken ein Spieler in Kauf nimmt, wenn er zu solchen Präparaten greift.

[…]

Von Ferdinand Dyck

Quelle: https://www.vice.com/de/article/gyk8a3/ein-ehemaliger-fussball-profi-erklaert-wie-viele-spieler-bei-der-wm-gedopt-sein-werden (Zugriff: 05.12.2019)

M 4: Auszug aus dem NADA Jahresbericht 2016

Verband · Proben aus Blutkontrollen · Proben aus Urinkontrollen · Proben aus Kontrollen (gesamt) · Anzahl der Verstöße

Deutsche Fußball Liga (1. und 2. Bundesliga)* · 222 · 1923 · 2145 · 5

* In den beiden Ligen kamen in diesem Jahr ca. 1000 Fußballprofis zum Einsatz.

Quelle: https://www.nada.de/service-infos/jahresberichte (Zugriff: 15.06.2020)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Sport LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Analysieren Sie den Text M 3 im Hinblick auf die erkennbaren Beweggründe für Doping und beziehen Sie dabei die Strukturen des Sports, persönliche Abwägungen sowie die genannten Präventionsmaßnahmen ein. Erörtern Sie anschließend unter Heranziehung von M 4 die These „Doping ist im Profi-Fußball flächendeckend vertreten“.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung erforderlich (Analyse von M 3 zu Dopingursachen wie Regenerationsförderung, Schmerzunterdrückung, Druck nach Verletzungen und Unwissenheit sowie Erörterung der These unter Abgleich der Umfragedaten aus M 3 mit den geringen positiven Befunden der NADA aus M 4).

Analysieren Sie den Text M 3 im Hinblick auf die erkennbaren Beweggründe für Doping und beziehen Sie dabei die Strukturen des Sports, persönliche Abwägungen sowie die genannten Präventionsmaßnahmen ein. Erörtern Sie anschließend unter Heranziehung von M 4 die These „Doping ist im Profi-Fußball flächendeckend vertreten".

Lösung: Unterscheidung sportstruktureller und individueller Gründe (6 Punkte): Der Prüfling unterscheidet zwischen sportstrukturellen Gegebenheiten, nach denen Doping als systemimmanentes Problem des Spitzensports insgesamt verstanden werden kann, das sich aus dessen extremer Erfolgsorientierung und deren Folgeerscheinungen erklären lässt (z. B. wirtschaftliche Abhängigkeit, hohe Wettkampfhäufigkeit, fehlende Regenerationszeit, Selektionsdruck), und einer individualistischen Abwägung, nach der das Doping aus dem Blickwinkel des absichtsgeleiteten Handelns des einzelnen Akteurs betrachtet wird, der persönliche Kosten-Nutzen-Analysen aufstellt, um zu entscheiden, ob ihm das Doping mehr Vorteile (z. B. soziale und materielle Absicherung, Gefühl des Sieges) als Nachteile (z. B. Strafrisiko, Gesundheitsgefährdung) bringt. Beleg des sportstrukturellen Erklärungsansatzes aus M 3 (6 Punkte): z. B. dass der Wettbewerb bei einer WM oder bei der Champions-League noch höher ist als im Ligabetrieb und hier die Erfolgsorientierung noch größer ausfällt; „dass man die Schuld auf keinen Fall alleine den Spielern geben kann", da sie manchmal gar nicht wissen, was ihnen verabreicht wird; dass gerade bei einer Fußball-WM die vielen Spiele in kurzer Zeit zu geringeren Regenerationszeiten führen und bestimmte Präparate die Erholung fördern bzw. die Warnsignale des Körpers unterdrücken. Beleg des individuellen Erklärungsansatzes aus M 3 (6 Punkte): z. B. dass sich Spieler im Profifußball selbst Steroide auf dem Schwarzmarkt besorgen, insbesondere nach einer Verletzung; dass eine persönliche Kosten-Nutzen-Analyse in Meisterschaftsspielen im Profi-Fußball aufgrund der geringen Anzahl an Dopingtests eher zugunsten des Dopings ausfallen kann („Ich musste … wurden gar nicht geprüft."); dass bei einer WM hingegen sowohl die Vorteile als auch das Strafrisiko größer sind („Ich glaube, dass die Bereitschaft … erwischt zu werden, größer."); dass Spieler teilweise auch aus Unwissenheit um die gesundheitlichen Folgen oder die Tatsache, dass es sich um Dopingmittel handelt, zu Dopingmitteln greifen. Diskrepanz zwischen M 3 und M 4 (5 Punkte): z. B. große Dopingverbreitung laut M 3, aber geringe Anzahl von positiven Dopingproben laut NADA-Bericht ; Verlässlichkeit der El-Bousidi-Studie oder des NADA-Kontrollsystems scheint nicht eindeutig gegeben zu sein. Erörterung der These (6 Punkte): Der Prüfling erörtert auf der Grundlage der angeführten Aspekte die These „Doping ist im Profi-Fußball flächendeckend vertreten", indem er z. B. anführt, dass die extreme Erfolgsorientierung, die Wettkampfhäufigkeit, die geringen Regenerationszeiten und die geringe Anzahl an Kontrollen die Wahrscheinlichkeit des Dopings im Profifußball erhöhen; dass bei vielen Spielern auch aufgrund ihrer Unwissenheit über die Folgen gerade nach Verletzungen eine persönliche Kosten-Nutzen-Analyse zugunsten des Dopings vorliegt; dass die Ergebnisse und Erfahrungen des Interviewpartners davon ausgehen lassen, dass Doping im Fußball ein Problem ist; dass die Anzahl der dokumentierten Dopingverstöße sehr gering ist; und auf der Basis der vorgelegten Argumentation der Vermutung eher zuzustimmen ist / ihr zu widersprechen ist / kein eindeutiges Urteil gefällt werden kann.

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