Aufgabe HT 4 · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Thema: Bildungsungleichheit in Deutschland – wie werden aus potenziellen Bildungsverlierern Bildungsgewinner?

Materialgrundlage

Mansur Seddiqzai: Und Bildung ist doch kein Mythos

In: ZEIT ONLINE vom 11.02.2020 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde verzichtet).

Aladin El-Mafaalanis neues Buch Mythos Bildung zu lesen, war zunächst einmal eine Zumutung für mich als Lehrer. Bereits der Titel macht klar: Wer glaubt, Bildung würde all unsere gesellschaftlichen Probleme lösen, irrt sich. Er schreibt: „Immer, wenn man nicht mehr weiterweiß, kommt Bildung ins Spiel. Sie ist Lückenfüller und Allheilmittel. Und das ist völlig absurd.“ Damit wirft der Bestsellerautor von Das Integrationsparadox scheinbar alles über den Haufen, was mir in meinem Beruf Hoffnung gibt, nämlich dass Bildung der Schlüssel zu einer gelingenden Zukunft für meine Schülerinnen und Schüler ist, und schließlich die Gesellschaft zum Besseren verändern wird. Ja, das hört sich naiv an, aber daran glaube ich.

Nun gibt auch El-Mafaalani zu, dass diverse Bildungsoffensiven in Deutschland viel bewirkt haben. Während im Jahr 1960 noch knapp 70 Prozent eines Jahrgangs auf die Hauptschule gingen, sind es heute nur noch etwa zehn Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil von Gymnasiasten von 16 Prozent auf über 40 Prozent gestiegen. Alle haben profitiert, alle sind im Schnitt gebildeter als früher. Nur für Gerechtigkeit sorge unser Bildungssystem deshalb nicht, im Gegenteil, sagt El-Mafaalani: Wer alle gleich fördere, fördert die reichen mehr als die armen Kinder. Ihr Vorsprung wird immer größer.

Widerlegt mein Werdegang nicht seine These? Bildung hat für mich funktioniert. Vom Migrantenkind aus dem Problemviertel bin ich immerhin zum Lehrer von Migrantenkindern im Problemviertel geworden. […]

Zumindest auf den zweiten Blick greift seine Kritik tatsächlich auch in meinem Fall. Zwar war ich in vielerlei Hinsicht benachteiligt, bin aber eben auch der Sohn eines Arztes und einer Mutter, die in Afghanistan einen abiturähnlichen Schulabschluss gemacht hat. El-Mafaalani verweist auf Studienergebnisse, die klarstellen, dass Armut und Bildungsferne Kindern mehr Nachteile bringen als ihr Migrationshintergrund. Obwohl ich also Deutsch erst als Zweitsprache gelernt habe, mein Vater Erziehung mit Gewalt gleichsetzte und er mir nie ein Buch in die Hand drückte, hatten Bildungsabschlüsse in meiner Familie einen hohen Wert. Dass wir Kinder studieren sollten, war selbstverständlich. Meine Familie verstand den Wert von Bildung – und dass ich zum Lernen Zeit, Ruhe und manchmal auch Freizeit brauchte.

El-Mafaalani nennt drei Ressourcen, die es den Kindern erleichtern, in der Schule erfolgreich zu sein: das ökonomische, soziale und kulturelle Kapital. Ich wuchs in einem Viertel mit Gewalt- und Drogenkriminalität auf und lebte nach der Trennung meiner Eltern mit meiner voll berufstätigen Mutter und meinen zwei Schwestern in einer zu engen Wohnung. An ökonomischem und sozialem Kapital […] mangelte es also auch bei mir, aber immerhin über das sogenannte kulturelle Kapital verfügte ich.

An dieser Stelle wäre man im Buch beim zentralen Begriff angelangt: dem Habitus. Er ergibt sich daraus, wie arm oder reich, gebildet oder ungebildet die Eltern sind und wie ermutigt oder entmutigt ein Kind in seiner Umgebung wird. El-Mafaalani benutzt den Habitus-Begriff von Pierre Bourdieu und dampft ihn herunter auf eine „dauerhaft verinnerlichte Grundhaltung, die die Art und Weise prägt, wie Menschen ihre Umwelt, die Welt und sich selbst wahrnehmen, wie sie fühlen, denken und handeln“. Und dieser Habitus ist schwer wieder loszuwerden, weil er Sicherheit gibt. El-Mafaalani schreibt, es handele sich […] nicht um „eingleisige Schienen“, sondern vielmehr um „Leitplanken“, die zwar Raum für Kreativität offenhielten, deren Grenzen aber nicht so einfach verschiebbar wären.

Viele meiner Schülerinnen und Schüler sind in jeder Hinsicht benachteiligt. Wo ich gebildete Eltern und Großväter hatte, sind sie oft die ersten aus ihrer Familie, die das Abitur absolvieren, die ersten, die sich durch ein Studium beißen und die ersten, die sich in Konkurrenz mit anderen Akademikern um Arbeitsplätze rangeln müssen. Ihre Eltern, selbst wenn sie die Bildungsaspiration ihrer Kinder gutheißen, können sie selten bei den Hausaufgaben oder finanziell unterstützen. In ihrer Schulzeit teilen sich viele der Schüler das Zimmer mit jüngeren Geschwistern, können sich also zum Lernen nicht zurückziehen.

Sobald sie die Oberstufe besuchen, fühlen sich viele von ihnen verpflichtet, die Familienkasse aufzubessern. Wer aber jeden Tag in einem Fast-Food-Restaurant Tische abwischt, hat nur wenig Zeit zum Lernen und kommt am nächsten Tag müde in die Schule. El-Mafaalani nennt diese Kinder treffend „Insolvenzverwalter des Alltags“. Wie sollen sie langfristig planen, wenn sie sich aktuell dafür verantwortlich fühlen, dass die Eltern am Ende des Monats nicht zu tief in den Dispo rutschen? […]

[A]rme Schülerinnen und Schüler [treffen] laut El-Mafaalani oft auch auf Lehrer, die selbst in gebildeten Verhältnissen aufgewachsen sind und den Habitus dieser Kinder missverstehen. Oft wissen sie auch gar nichts von der Belastung der Kinder außerhalb der Schule. Aber selbst wenn: Sie müssen – so fordert es die angebliche Leistungsgerechtigkeit – sie genauso streng bewerten, wie Kinder aus finanziell besser gestellten Haushalten. Dabei ist laut El-Mafaalani zu vermuten, dass ein benachteiligtes Kind, das mittelmäßige Leistungen bringt, weitaus begabter und engagierter ist als ein privilegiertes Kind mit ähnlichen Ergebnissen.

Diese Ungleichheit beschreibt El-Mafaalani als das Grundproblem: Ungleiches wird im Bildungssystem gleichbehandelt. Privilegierte Kinder starten von Haus aus mit einem großen Vorteil. Die Zeugnisse verweisen die Schüler dann auf ihren anscheinend legitimen Platz in [der Gesellschaft]. Bildungsinstitutionen legitimieren damit also die ungleiche Struktur unserer Gesellschaft.

Wer hilft nun meinen Schülerinnen und Schülern, diese Hürden zu überwinden? El-Mafaalani findet die Lösungen doch im Bildungssystem. Ist also Bildung im weiteren Sinne doch kein Mythos? Mein hoffendes Lehrerherz beruhigt sich wieder.

El-Mafaalani will das Bildungssystem nicht revolutionieren, sondern fordert einfache, pragmatische Maßnahmen. Er setzt auf Lösungen, die viele Bildungsforscher schon lange fordern: Ganztagsschulen und multiprofessionelle Teams in den Schulen. Dazu sollen nicht nur Psychologinnen und Sozialarbeiter gehören, sondern etwa auch Mentoren oder lokale Sport- und Kulturvereine. Wir Lehrer würden nicht nur von administrativen Aufgaben entlastet, damit wir uns auf unser Kerngeschäft, das Unterrichten, konzentrieren können. Sondern bekämen Unterstützung etwa von Künstlern oder Wissenschaftlerinnen, die den Kindern helfen, ihren Habitus zu erweitern. Die ihnen Lust und Mut machen auf neue Handlungsmuster und neue Perspektiven. […]

1.

Analysieren Sie, was Mansur Seddiqzai über Bildungsungleichheiten in Deutschland aussagt. Erläutern Sie dabei unter Rückgriff auf seine eigenen Erfahrungen die genannten Kapitalarten und deren Zusammenspiel. [36 Punkte]

2.

Stellen Sie die Dimensionen sozialer Ungleichheit dar. Erklären Sie auf dieser Grundlage die Aussage, „dass Armut und Bildungsferne Kindern mehr Nachteile bringen als ihr Migrationshintergrund“. (Z. 22 f.) [20 Punkte]

3.

Beurteilen Sie, wie wirksam die beiden Maßnahmen sind, die El-Mafaalani zum Abbau von Benachteiligungen im Bildungssystem fordert. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 4 · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie, was Mansur Seddiqzai über Bildungsungleichheiten in Deutschland aussagt. Erläutern Sie dabei unter Rückgriff auf seine eigenen Erfahrungen die genannten Kapitalarten und deren Zusammenspiel.

Lösung: Ausführliche Textanalyse und theoretische Erläuterung der Kapitalformen nach Bourdieu: - Formale Textmerkmale: Mansur Seddiqzai, „Und Bildung ist doch kein Mythos“, ZEIT ONLINE (11.02.2020), journalistische Buchbesprechung/Essay. - Kernaussagen: Kritik an der Vorstellung, Bildung allein löse Ungleichheit; wohlhabendere Schichten profitieren stärker von Bildungsoffensiven; Armut und Bildungsferne wiegen schwerer als Migration; Benachteiligung durch fehlendes Kapital und abweichenden Habitus; Notwendigkeit von Ganztagsschulen und multiprofessionellen Teams. - Kapitalformen: Ökonomisches Kapital (finanzielle Ressourcen, Wohnraum), soziales Kapital (Netzwerke, Beziehungen) und kulturelles Kapital (inkorporiert als Bildungshaltung/Wissen, institutionalisiert als Titel, objektiviert als Kulturgüter). - Zusammenwirken: Konvertierbarkeit der Kapitalien (z. B. Einsatz von ökonomischem Kapital zur Steigerung des kulturellen Kapitals bzw. Erwerb von ökonomischem/sozialem Kapital durch institutionalisiertes kulturelles Kapital).

2. Stellen Sie die Dimensionen sozialer Ungleichheit dar. Erklären Sie auf dieser Grundlage die Aussage, „dass Armut und Bildungsferne Kindern mehr Nachteile bringen als ihr Migrationshintergrund“. (Z. 22 f.)

Lösung: Darstellung der Dimensionen sozialer Ungleichheit sowie theoriegeleitete Erklärung des Textzitats: - Dimension materieller Wohlstand: Einkommen, Vermögen, Armutsrisiko (Nettoäquivalenzeinkommen). - Dimension Bildung: Soziale Herkunft, Bildungsabschlüsse, Chancengleichheit. - Dimension Prestige: Berufsprestige, gesellschaftliche Wertschätzung und Ansehen. - Dimension Macht: Einfluss auf gesellschaftliche/politische Entscheidungsprozesse, Machteliten. - Erklärung des Zitats: Mangel an ökonomischem Wohlstand führt zu fehlenden materiellen Lernvoraussetzungen und sozialer Exklusion; Bildungsferne bedeutet Defizite bei häuslicher Unterstützung und inkorporiertem Kulturkapital; ein Migrationshintergrund korreliert zwar empirisch häufig mit diesen Faktoren, führt für sich genommen aber nicht zwangsläufig zu geringem sozialem Status.

3. Beurteilen Sie, wie wirksam die beiden Maßnahmen sind, die El-Mafaalani zum Abbau von Benachteiligungen im Bildungssystem fordert.

Lösung: Kritische Beurteilung der Wirksamkeit beider bildungspolitischer Maßnahmen: - Ganztagsschulen: Ermöglichen kompensatorische Förderung als sekundäre Sozialisationsinstanz, bieten Raum für fachübergreifende Kompetenzen und Sprachförderung; Wirksamkeit erfordert jedoch pädagogisch anspruchsvolle Konzepte, Einbindung der Eltern und ausreichende Ressourcen. - Multiprofessionelle Teams: Mentoren und Sozialarbeiter können den kindlichen Habitus gezielt erweitern, Selbstvertrauen stärken und Netzwerke erschließen; Erfolg hängt entscheidend von zeitlichen Ressourcen, Kooperationsstrukturen und Qualifikation ab. - Begründetes Gesamtfazit: Die Maßnahmen greifen wesentliche Ursachen der Ungleichheit an der Basis auf, bedürfen aber einer strukturellen und finanziellen Absicherung im Gesamtsystem.

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