Aufgabe 2 · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Rollentheorien und Rollenkonflikte · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung:
Thema: Wandel der Geschlechterrollen – „aktive Vaterschaft“ als Modell für die Zukunft?
Materialgrundlage:
Katja Gelinsky: Dieses neue Vatergefühl
In: FAZ.NET vom 02.12.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet, Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen)
1 Marco hat in der Corona-Pandemie seine Stelle als Fahrer verloren – und seine Stellung als Ernährer der Familie. Die übernahm seine Frau; sie ist Bürokauffrau. Marco kümmerte sich den ganzen Tag um den zweijährigen Sohn; das Kind erhält in normalen Zeiten Frühförderung. Seine Frau sei nach ihrem anstrengenden Arbeitstag kaputt gewesen, erzählt Marco in 5 einem Interview. „Bis spätabends war ich mit dem Kind beschäftigt.“
Klingt nach einer weiteren der vielen Corona-Stress-Geschichten. Doch dann die Überraschung: „In einer ruhigen Minute, wenn mich keiner sieht, springe ich manchmal noch vor Freude in die Luft“, berichtet Marco. Der Mann mit eckiger Brille im grauen Sweatshirt lächelt vorsichtig, dann ein bisschen mehr: „Dass ich das geschafft habe, was ich immer 10 wollte – ein besserer Vater zu werden, als mein Vater es gewesen ist!“
Andere Väter, deren Corona-Erfahrungen ebenfalls unlängst auf einer Tagung der „Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in NRW“ in Video-Einspielern vorgestellt wurden, äußern sich nicht ganz so enthusiastisch. Aber im Ergebnis stimmten die Männer – Krankenpfleger, Beamte, Handwerker und Architekten – Marco zu: Die Pandemie habe sie zu engagierteren, 15 sensibleren Vätern gemacht. Es ist die Art Erfahrung, wie die Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit sie fördern will; die LAG ist ein Zusammenschluss von etwa einem Dutzend Organisationen und Vereinen, der sich, unterstützt vom Land, dafür einsetzt, dass Väterpolitik stärker als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe wahrgenommen wird.
„Ich bin als Vater richtig gewachsen“, fasst beispielsweise Heiko, ein angestellter IT-Fach- 20 mann und Vater von zwei Kindern im Alter von zwei und fünf Jahren, im Video-Interview seine Corona-Erlebnisse zusammen. Nicole, Mutter eines elf Jahre alten Sohnes mit Down-Syndrom, die mit einem Hochschulprofessor verheiratet ist, bestätigt: „Für meinen Mann hat sich das Elternsein verändert.“ Er habe im Lockdown „viel mehr gemerkt“, wie es seinem Sohn und ihr bei der Betreuung des Jungen gehe.
25 Fachleute für gesellschaftliche Trends wie Jan Braukmann, Projektleiter beim Analyse- und Beratungsunternehmen Prognos, sprechen von einem „Perspektivwechsel auf Kinder und Familie“, den Männer erlebt hätten. Auch wenn die Pandemiezeit mit ihren Restriktionen und Ungewissheiten als sehr belastend empfunden worden sei, hätten sich damit zugleich Chancen für eine aktivere Vaterrolle ergeben, so Braukmann in seiner Tagungspräsentation. 30 Corona habe Männern, die im Lockdown mit der Familie oder allein mit den Kids zu Hause ausharren mussten, die Augen geöffnet, wie anstrengend und zeitraubend Kinderbetreuung und Haushalt sind. [...]
Sind Männer wie [...] Marco beispielhaft für eine neue Vätergeneration? Für Männer, die in der Corona-Krise gelernt haben oder jedenfalls darin bestärkt wurden, aktive Vaterschaft 35 zu praktizieren und Familien und Berufsleben partnerschaftlich zu organisieren? Waren die Schlagzeilen zur „Retraditionalisierung“ der Rollenverteilung also blinder Alarm? Von den meisten bisherigen Untersuchungen wird die Hypothese der Soziologin Jutta Allmendinger, Corona habe mühsam errungene Fortschritte bei der fairen Verteilung von Familienarbeit zunichtegemacht, nicht gestützt. Aber es wird weiter heftig debattiert. Vermutlich ist es schon 40 wegen der immer neuen Corona-Wellen noch zu früh für gesicherte Aussagen.
Zudem ergeben die bisherigen Erhebungen zum Engagement von Vätern häufig kein eindeutiges, zum Teil sogar ein widersprüchliches Bild, wie Braukmann auf der Tagung zusammenfasste. Einerseits ist die Aufgabenteilung während der Pandemie in 20 Prozent der Familien ungleicher geworden. Genauso groß ist aber der Anteil jener Paare, die Kinderbetreuung und 45 Haushalt partnerschaftlicher organisiert haben. Gerade Väter mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen haben sich stärker beteiligt. 47 Prozent der Eltern, die Kinderbetreuung und Haushalt gemeinsam stemmten, bewerten den Wandel weg von den traditionellen Elternrollen als positiv. Und 55 Prozent der Väter versichern, dass sie etwa die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen möchten. Nur: Wieso tun sie es dann nicht? „Wunsch und Wirklich- 50 keit bei Männern, die angeben, aktivere Väter sein zu wollen, stimmen oft nicht überein“, konstatiert der Prognos-Analyst.
Außerdem sind da noch die Männer – immerhin 45 Prozent –, die offenbar zufrieden damit sind, dass sich ihre Frauen und Partnerinnen größtenteils um die Kinder kümmern. Über diese „Traditionalisten“ weiß man bislang wenig. Auch Umfragen brachten kaum Erkenntnisse, 55 welchen Milieus Väter mit traditionellen Familienvorstellungen zugeordnet werden können, berichtet Braukmann. Ermutigend findet er, dass Unternehmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mittlerweile sehr wichtig nähmen: „In mehr als jedem zweiten Unternehmen haben familienbewusste Maßnahmen nun einen höheren Stellenwert als vor der Corona-Krise.“
Jedoch: Dass das Ein-Verdiener-Modell an Bedeutung verliert, liegt bislang hauptsächlich an 60 den Müttern, die mehr als früher arbeiten. Väter dagegen halten nach wie vor überwiegend an ihrer traditionellen Vollzeitbeschäftigung fest. Die Frage, wo man hinwill bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wird von Müttern und Vätern in der Praxis also noch sehr unterschiedlich beantwortet.
Aber Fachleute für Väterförderung und -bildung wie Hans-Georg Nelles sind optimistisch, 65 dass die Erfahrungen in der Corona-Pandemie dazu beitragen werden, dass der Wunsch nach aktiver Vaterschaft sich irgendwann auch im Erwerbsleben niederschlägt. Nelles ist Vorsitzender der LAG Väterarbeit, Sozialwissenschaftler und Vater von drei erwachsenen Kindern, der unter anderem Unternehmen zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie berät. Erhebungen, wonach Väter während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 durch- 70 schnittlich zweieinhalb Stunden mehr Zeit am Tag mit ihren Kindern verbracht haben – was einer Steigerung von fast 90 Prozent entspricht –, machen ihn zuversichtlich: „Die Männer spüren, dass sich durch gemeinsame Zeit die Beziehung zu ihren Kindern ändert.“ Allerdings war das Niveau aktiver Vaterschaft vor Corona mit nicht einmal drei Stunden Betreuungszeit täglich kläglich niedrig. [...]
75 Immerhin, die Väter haben in der Pandemie aufgeholt. Aber wird sich dieser Trend fortsetzen? [...]
Zur Autorin: Dr. Katja Gelinsky, geb. 1967, ist Wirtschaftskorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.).
1.
Analysieren Sie, was die Autorin über die Folgen der Corona-Pandemie für die Rolle der Väter aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang soziale und ökonomische Faktoren, die bereits vor der Pandemie bewirkt haben, dass Väter ihren Wunsch nach aktiver Vaterschaft nicht verwirklichten. [30 Punkte]
2.
Stellen Sie das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie mit ihren Funktionen sowie den theoretischen Ansatz des Strukturfunktionalismus dar. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage, noch immer sei fast die Hälfte aller Männer „offenbar zufrieden damit [...], dass sich ihre Frauen und Partnerinnen größtenteils um die Kinder kümmern“ (Z. 52 f.). [26 Punkte]
3.
Erörtern Sie, ob „aktive Vaterschaft“ in Zukunft das Kennzeichen der neuen Vätergeneration werden kann (vgl. Z. 33 ff.). [24 Punkte]
Hinweis: Weitere 20 Punkte werden für die Darstellungsleistung der gesamten Klausur vergeben.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie, was die Autorin über die Folgen der Corona-Pandemie für die Rolle der Väter aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang soziale und ökonomische Faktoren, die bereits vor der Pandemie bewirkt haben, dass Väter ihren Wunsch nach aktiver Vaterschaft nicht verwirklichten. (30 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung einer materialgestützten Textanalyse und Erläuterung sozialer sowie ökonomischer Faktoren.
2. Stellen Sie das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie mit ihren Funktionen sowie den theoretischen Ansatz des Strukturfunktionalismus dar. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage, noch immer sei fast die Hälfte aller Männer „offenbar zufrieden damit [...], dass sich ihre Frauen und Partnerinnen größtenteils um die Kinder kümmern“ (Z. 52 f.). (26 Punkte)
Lösung: Theoriegeleitete Darstellung der bürgerlichen Kleinfamilie und des Strukturfunktionalismus sowie Verknüpfung mit der Textaussage.
3. Erörtern Sie, ob „aktive Vaterschaft“ in Zukunft das Kennzeichen der neuen Vätergeneration werden kann (vgl. Z. 33 ff.). (24 Punkte)
Lösung: Ausgewogene dialektische Erörterung mit Pro- und Contra-Argumenten sowie fundiertem Gesamtfazit.
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