Aufgabe HT 3 - Rollentheorien und Rollenkonflikte · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Rollentheorien und Rollenkonflikte · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Katja Scherer
Was Frauenquoten für Männer bedeuten
[...] Wie kann es gelingen, Führungspositionen und überhaupt Jobs gerechter zu verteilen?
Diese Frage beschäftigt unsere Gesellschaft seit Jahren. Bei vielen Stellenausschreibungen
im Öffentlichen Dienst werden Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt. Manche Arbeit-
geber setzen sich inzwischen freiwillig prozentuale Ziele. Und auch die Politik greift ein:
5 Seit 2016 gilt für börsennotierte, mitbestimmungspflichtige Großunternehmen eine 30-prozen-
tige Geschlechterquote für Aufsichtsräte. [...]
Die Debatte über Gleichstellung verläuft dabei oft hitzig: von Quotenfrauen und Männer-
clubs ist die Rede, von Geschlechterkampf und alten weißen Männern. Umgekehrt werden
manche Fragen bisher kaum diskutiert. Zum Beispiel: Was bedeuten Frauenquoten eigentlich
10 für Männer? [...]
Fakt ist: Die Berufswelt, die Politik, die Forschung, die Chefetagen – über Generationen hin-
weg waren das Domänen von Männern. Erst seit 1977 dürfen Frauen überhaupt ohne Erlaub-
nis ihres Mannes arbeiten gehen. Seitdem dringen sie Schritt für Schritt in die Berufswelt
vor – allerdings in Trippelschritten, wie Katharina Wrohlich vom Deutschen Institut für Wirt-
15 schaftsforschung betont: „Der Anteil der Frauen, die erwerbstätig sind, ist sehr stark gestiegen.
Allerdings, das muss man auch dazu sagen, praktisch der gesamte Anstieg in der Erwerbs-
beteiligung von Frauen in den letzten 15 Jahren war in Teilzeit.“
Gerade Führungspositionen sind nach wie vor in aller Regel mit Männern besetzt. Der Frauen-
anteil in den Vorständen von S-DAX 1 -Unternehmen zum Beispiel lag Anfang 2020 nach Be-
20 rechnungen der Unternehmensberatung EY bei nur knapp sechs Prozent. Im Dax 2 waren es
knapp 15 Prozent. Im vergangenen Jahr sei der Anteil von Frauen in Vorständen dabei [...]
deutlich gestiegen, sagt Katharina Wrohlich. [...]
Und das bedeutet eben auch: Langsam merken Männer die Folgen der Frauenförderung offen-
bar doch. Der Wiesbadener Personalvermittler Daniel Detambel betreut Führungskräfte, die
25 zwischen 160.000 und fünf Millionen Euro pro Jahr verdienen, und erlebt das immer häufiger:
„Zunehmend muss man sagen, in den letzten Jahren kommen schon auch Männer zu uns und
sagen: Naja, ich weiß, für mich geht es in dem Unternehmen nicht weiter. Weil bei uns wird
das auch so offen kommuniziert, dass Frauen gefördert werden, dass ich mir einfach Alterna-
tiven außerhalb dieses Unternehmens suchen muss.“
30 Bisher betreffe das vor allem Führungspositionen bei großen Mittelständlern sowie das mitt-
lere Management von Dax-Konzernen. Jene Ebenen also, wo durch die Frauenförderung der
vergangenen Jahre inzwischen viele gut qualifizierte Managerinnen anzutreffen sind. Verlie-
rer wiederum seien meist Männer um die 50 Jahre, sagt Detambel: „Wenn man mit 50 noch
nicht Vorstand oder Geschäftsführer ist, umso schwieriger wird es werden, dann diese Posi-
35 tion noch zu erreichen. Und die merken einfach: Mir läuft die Zeit davon.“ [...]
Die Frage, an welcher Stelle Quoten legitim oder gar nötig sind, beschäftigt auch Matthias
Becker. Der Sozialpädagoge ist Ansprechpartner für Männer bei der Stadt Nürnberg, also
quasi ein Gleichstellungsbeauftragter mit anderem Fokus. Becker beobachtet, dass es auch
für Männer berufliche Tabuzonen gibt – etwa im Erziehungsbereich, in Grundschulen oder
40 Jugendämtern. Er stellt daher die Frage: Bräuchte es dort nicht umgekehrt Männerquoten?
„Und dann heißt es, es bewerben sich ja keine qualifizierten Männer. Hm. Woran liegt das,
dass das unattraktiv ist? Also da wäre es spannend, da auch mal da Quoten einzuführen, weil
da wenden sich Eltern hin und Kinder. Das sollte erst mal auch ausgewogen sein.“
Denn dass der Männermangel allein am Gehalt liegt, glaubt er nicht. So würden Männer als
45 Paketboten zum Beispiel auch nicht besser bezahlt. Überhaupt, sagt Becker, seien Männer
mitnichten so privilegiert wie oft behauptet wird: Sie sterben im Schnitt früher, sind öfter ein-
sam und inzwischen schlechter ausgebildet als Frauen, zählt er auf. Und: Auch Männer seien
in ihrer gesellschaftlichen Rolle gefangen. So würden sie derzeit vor allem über beruflichen
Erfolg definiert – mit weitreichenden Konsequenzen: „Solange wir als Gesellschaft noch die
50 Erwartung haben, dass Männer die Familienernährer sind, ist Karriere ganz wichtig, dann
müssen Männer diese Vollzeitstellen besetzen. Dann sind eben Führungspositionen nur in
Vollzeit denkbar.“ [...]
Zugespitzt gesagt sind Männer also derzeit in einer schwierigen Lage. Auf der einen Seite
schwinden durch Frauenquoten ihre klassischen Karrierechancen. Auf der anderen Seite wird
55 es ihnen schwer gemacht, eine tragende Rolle in der Erziehung einzunehmen – sich also mehr
über ihre Familie zu definieren. Daher müsse künftig stärker über neue Rollenbilder für Män-
ner diskutiert werden, sagt Becker. Und es brauche Vorbilder: „Man kann zum Beispiel in der
Elternzeit messen, wenn jemand aus der Führungsetage, sag ich mal, aus dem Vorstand, das
macht, dass dann die Quote rapide ansteigt um ein Drittel bei den Mitarbeitern, bei den männ-
60 lichen, die das dann auch in Anspruch nehmen.“
Einer, der in dieser Hinsicht Vorbild sein kann, ist Fabian Soethof. Der 38-Jährige hat nach
der Geburt seines zweiten Kindes neun Monate Elternzeit genommen und arbeitet nun in Teil-
zeit. Darüber berichtet er auf seinem Internetblog „newkidandtheblog“. „Ich will dafür kein
Schulterklopfen kriegen, ich will nur darauf aufmerksam machen, weil ich auch glaube, dass
65 wenn ich als Mann darüber rede, mir vielleicht auch Männer zuhören.“ Denn auch Soethof
erlebt: Selbstverständlich ist sein Modell bisher nicht: „Ich habe schon Sätze gehört wie:
Früher ging das doch auch anders, also warum muss das denn so lange sein. Bekannte von
mir haben wirklich diesen Satz gehört: Du hast doch eine Frau zu Hause. Oder, was willst du
denn zuhause. Du kannst da mit dem Kind doch eh nichts anfangen.“
70 Männern Erziehungskompetenz abzusprechen, ist allerdings offensichtlich genauso diskrimi-
nierend wie Frauen Führungskompetenz. Würden sich solche Vorbehalte auflösen und mehr
Männer familiäre Auszeiten nehmen, wäre damit automatisch auch der Gleichstellung gehol-
fen, glaubt Soethof: „Also wenn sich dann ein Anfang 30-jähriger Mann bewirbt, dann müsste
es genauso gedanklich rattern und heißen: Ah, der gründet bald Familie, der wird bestimmt
75 dann sich kümmern wollen. Und wenn diese Sorge erstens gar nicht mehr als Sorge begriffen
wird, sondern einfach als Selbstverständlichkeit. Und zweitens das bei Männern und Frauen
so gedacht wird: Dann wären wir schon sehr weit.“ [...]
Neue Arbeitsstrukturen könne man auch durch andere Maßnahmen fördern – und das sogar
wirkungsvoller. Zum Beispiel könnte der Staat durch finanzielle Anreize beim Elterngeld
80 dafür sorgen, dass Eltern sich Auszeiten gerechter teilen können. Momentan gilt beim Eltern-
geld: Ein Elternteil wird maximal 12 Monate lang unterstützt. Nimmt der Partner ebenfalls
eine Auszeit, zahlt der Staat zwei Monate extra. Diese „Partnermonate“ könnten schrittweise
erhöht werden, schlägt Wrohlich vor: „Diese ganzen anderen Maßnahmen würden ja auch
viel, viel mehr Leute betreffen als jetzt eine Geschlechterquote für so absolute Spitzengre-
85 mien.“
Letztendlich also entscheidet womöglich gar nicht die Frauenquote darüber, ob mehr Frauen
in Führung kommen. Anstatt Männern potentiell Wege zu versperren, könnte man ihnen durch
moderne Familienpolitik neue eröffnen. [...] Künftig sollten wir also nicht mehr nur über
Männerclubs, sondern auch über Männerbedürfnisse sprechen. [...]
1 S-DAX: deutscher Aktienindex für 70 kleinere Unternehmen, sogenannte Small Caps
2 DAX: bedeutendster deutscher Aktienindex, der die 30 größten Unternehmen des deutschen Aktienmarktes umfasst
Zur Autorin: Katja Scherer arbeitet als freie Journalistin u. a. für DIE ZEIT, Handelsblatt, WDR, NDR und Deutschlandfunk.
Thema: Frauenquote und Elterngeld – wie lässt sich die Gleichstellung der Geschlechter vorantreiben?
2.
Beschreiben Sie die unterschiedlichen Formen von Rollenkonflikten und greifen Sie dabei auf typische Konflikte berufstätiger Eltern zurück. Stellen Sie die interaktionistische Rollentheorie dar und charakterisieren Sie auf dieser theoretischen Grundlage das Rollenhandeln Fabian Soethofs, wie es im Text geschildert wird.
[26 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Beschreiben Sie die unterschiedlichen Formen von Rollenkonflikten und greifen Sie dabei auf typische Konflikte berufstätiger Eltern zurück. Stellen Sie die interaktionistische Rollentheorie dar und charakterisieren Sie auf dieser theoretischen Grundlage das Rollenhandeln Fabian Soethofs, wie es im Text geschildert wird.
Lösung: Ausarbeitung gemäß den Kriterien des Erwartungshorizonts zu Teilaufgabe 2.
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