Aufgabe 3 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Wirtschaft 2022
Thema: Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Wirtschaft (2022)
Aufgabenstellung
Thema: Erhöhung des Mindestlohns – ein angemessener Weg zur Verringerung sozialer Ungleichheit?
Materialgrundlage
Holger Lengfeld und Florian Kley: Was ist dran an der bröckelnden Mittelschicht? In: Tagesspiegel Online vom 18. Dezember 2021 (gekürzt).
Holger Lengfeld und Florian Kley
Was ist dran an der bröckelnden Mittelschicht?
[…]
Die Mittelschicht in Deutschland bröckelt, und die Gefahr zu verarmen steigt. Diese Botschaft ist immer wieder zu hören, und sie scheint für fast alle wichtig zu sein, denn drei Viertel aller Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zählen sich zur Mitte.
In Corona-Krisenzeiten können alarmierende Nachrichten wie diese die Bevölkerung verunsichern und politische Forderungen nach sozial- und steuerpolitischer Unterstützung der Mitte herausfordern, was gerade zu Beginn einer neuen Regierungsperiode von besonderer Bedeutung ist.
Doch was ist dran an der Diagnose der bröckelnden Mitte? Die neueste Studie, die das belegen soll, ist 144 Seiten stark und wurde von der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Kooperation mit der Bertelsmann-Stiftung erstellt. Auf der Internetseite der Bertelsmann-Stiftung kann man eine kurze Zusammenfassung auf Deutsch lesen.
Ob jemand der Mittelschicht angehört, wird in der Studie über das verfügbare Einkommen eines Haushalts bestimmt, eine in der Wirtschaftswissenschaft gängige Praxis. Verfügbar bedeutet, dass Steuern und Abgaben heraus- und Zusatzeinkünfte sowie staatliche Transferzahlungen hinzugerechnet werden.
Auch die Zahl der Haushaltsmitglieder wird berücksichtigt, denn je größer der Haushalt, desto mehr Menschen müssen von dem Einkommen leben. Wer zwischen 75 und 200 Prozent des so bestimmten deutschen Durchschnittseinkommens hat, gehört nach dieser Studie zur Mitte.
[…]
Das Hauptergebnis der Studie ist nun: Im Zeitraum von 1995 bis 2018 ist die Mittelschicht von 70 auf 64 Prozent der Bevölkerung geschrumpft. Im gleichen Zeitraum ist die Schicht der von Armut Bedrohten von sieben auf zehn Prozent angewachsen. Muss sich die gesamte Mittelschicht nun große Sorgen machen? Nein.
Die Mitte umfasst weiterhin den größten Teil der Bevölkerung. Sie ist binnen 23 Jahren nicht massiv, sondern nur um sechs Prozentpunkte geschrumpft. Wichtiger aber ist: Die eigentliche Schrumpfung fand schon vor längerer Zeit statt, nämlich zu Beginn der 2000er Jahre. Seit 2005 schrumpft nichts mehr.
Das Bröckeln der Mitte fiel in die Zeit hoher Arbeitslosigkeit und der Einführung der „Hartz"-Reformen am Arbeitsmarkt, also in einer erkennbar schwierigen wirtschafts- und sozialpolitischen Lage. Die hatte sich aber bereits seit 2007 zum besseren geändert.
Dazu kommt: Die Schrumpfung betraf nicht die gesamte Mitte. Unterscheidet man die Mitte in einen unteren, mittleren und oberen Teil, so sieht man, dass vor allem die untere Mitte (75 bis 100 Prozent des Durchschnittseinkommens) geschrumpft ist. Die mittlere und obere Mitte dagegen nicht.
Allerdings sagt die neue Studie auch, dass seit 1995 alle Einkommensschichten an Wohlstand hinzugewonnen haben, einschließlich der unteren Mitte und seit jüngerer Zeit auch der unteren Schicht. Wie kann es sein, dass es Abstiege aus der Mitte gibt, wenn gleichzeitig alle mehr haben? Die Ursache liegt in der gestiegenen Einkommensungleichheit in Deutschland.
[…]
Wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin von 2020 zeigt, haben die Einkommen der mittleren und der oberen Mitte sowie die der Oberschicht seit dem Jahr 2000 stärker zugelegt als die der unteren Mitte und der unteren Schicht. Damit steigt auch der statistische Schwellenwert, ab dem man zur Mitte zählt.
Paradoxerweise können also einige aus der unteren Mittelschicht in die Zone der Armutsgefährdung rutschen, obwohl sie mehr als je zuvor im Portemonnaie verfügbar haben. Für Viele dürfte dieser „statistische Abstieg" folgenlos bleiben, denn ihre Lebensumstände haben sich ja nicht verschlechtert.
Die Studie von OECD und Bertelsmann beklagt zudem, dass die Mittelschicht nach der Schrumpfung nicht wieder gewachsen ist, und das, obwohl die Wirtschaft nahezu stetig gewachsen ist. Dies zu erwarten ist allerdings auch ziemlich unrealistisch. Seit Jahren gilt, dass höhere berufliche und akademische Qualifikationen von den Unternehmen am Arbeitsmarkt stärker nachgefragt werden als einfache Qualifikationen. Die höher qualifizierten Beschäftigten erhalten daher auch vergleichsweise größere Einkommenszuwächse.
Um das auszugleichen, müsste, grob gesagt, die Hälfte der Bevölkerung mit den niedrigeren Einkommen größere relative Lohnzuwächse haben als die in der oberen Einkommenshälfte. Der Lohn eines Paketausfahrers beispielsweise müsste prozentual stärker steigen als der einer Ärztin. Dass dies nicht geschehen ist, ist in der Forschung seit langem bekannt. Selbst die von der neuen Ampel-Regierung geplante Erhöhung des Mindestlohns dürfte vermutlich nicht ausreichen, um die Mittelschicht nennenswert anschwellen zu lassen. (Z. 58 f.)
Zweifellos präsentiert die Studie wissenschaftlich solide Befunde. Umso mehr kann man es fragwürdig finden, dass es die These der Schrumpfung der Mittelschicht dennoch in die breite Öffentlichkeit schafft – wozu der Titel der Studie „Bröckelt die Mittelschicht?" beigetragen haben dürfte.
Anscheinend wurde getreu dem Grundsatz „Bad News is Good News" der Eindruck einer akuten Gefährdung der Mittelschicht erzeugt, der zeitlich überholt ist. Das ist nicht gut und kann auch das Vertrauen in die Wissenschaft insgesamt in Zweifel ziehen.
[…]
Die Mittelschicht selbst zeigt sich von diesen Schlagzeilen kaum beeindruckt. Darauf deuten Dauerbeobachtungen zur Abstiegsangst in Deutschland hin, die wir an der Universität Leipzig seit Jahren durchführen. Sie belegen, dass die Abstiegsangst im gleichen Zeitraum, den die OECD-Studie untersucht hat, stark abgesunken ist, nach einem steilen Anstieg in den 1990er Jahren.
2018 sorgten sich sogar weniger Menschen vor dem sozialen Abstieg als jemals zuvor seit der Wiedervereinigung. Dies gilt für Menschen aus allen Schichten in ähnlicher Weise.
Zwar stimmt die langfristig gewachsene Ungleichheit in Deutschland nachdenklich, und dabei besonders die ungleiche Verteilung der Vermögen. Statt um die Mittelschicht sollte man sich aber eher um die Zone der verfestigten Armut in der untersten Einkommensschicht Sorgen machen. Aus dieser Armutslage herauszukommen und besonders den Kindern aus Haushalten mit besonders geringem Einkommen Ausstiegschancen zu ermöglichen, ist ein großes sozialpolitisches Problem.
Immerhin zeigen jüngste Forschungen, dass die Corona-Krise nicht zu einer weiteren Verschärfung der Ungleichheit zu führen scheint. Dennoch wissen wir nicht, was die Zukunft bringt. Daher ist die wissenschaftliche Beobachtung der Mittelschicht weiterhin wichtig.
Genauso wichtig ist es, darüber zu informieren – sachlich, nüchtern und ohne Übertreibungen.
Zu den Autoren: Holger Lengfeld, geb. 1970, ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig. Florian K. Kley ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Holger Lengfeld.
1.
Stellen Sie zu zwei Modellen sozialer Ungleichheit jeweils die Kriterien der Einordnung sowie eine Gruppe als Beispiel dar. (24 Punkte)
2a)
Analysieren Sie den Text im Hinblick auf die Position und Argumentation der Autoren mit den Ergebnissen der Studie „Bröckelt die Mittelschicht?". (30 Punkte)
2b)
Erläutern Sie anhand von zwei Textstellen verschiedene Dimensionen sozialer Ungleichheit. (16 Punkte)
3.
Erörtern Sie unter Einbeziehung der Position der Autoren sowohl aus ökonomischer als auch aus gesellschaftlicher Sicht, inwiefern die von der neuen Ampel-Regierung geplante Erhöhung des Mindestlohns (Z. 58 f.) geeignet ist, soziale Ungleichheit zu verringern. (30 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie zu zwei Modellen sozialer Ungleichheit jeweils die Kriterien der Einordnung sowie eine Gruppe als Beispiel dar.
Lösung: Modell der sozialen Lagen nach Hradil: Lebensverhältnisse als bessere/schlechtere Lagen entlang ökonomisch und sozial geprägter Dimensionen, gewichtet nach Bedeutsamkeit; Beispielgruppe: Studenten (Geld im mittleren bis nachteiligen Bereich, Arbeits- und Freizeitbedingungen im mittleren bis vorteilhaften Bereich). Alternativ: Schichtmodell nach Geißler (Status-Ordnung entlang des Berufsstatus) mit Eliten als Beispielgruppe, oder Milieumodell des SINUS-Instituts (Status-Ordnung verbunden mit Grundorientierungen Tradition, Modernisierung, Neuorientierung) mit den Modernen Performern als Beispielgruppe.
1. (zweites Modell) Stellen Sie zu einem zweiten Modell sozialer Ungleichheit die Kriterien der Einordnung sowie eine Gruppe als Beispiel dar.
Lösung: Siehe Feld 0: ein zweites, anderes Modell (Lagenmodell, Schichtmodell oder Milieumodell) mit eigenen Einordnungskriterien und einer passenden Beispielgruppe (z. B. Eliten im Schichtmodell nach Geißler oder Moderne Performer im Milieumodell des SINUS-Instituts).
2a) Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Position und der Argumentation der Autoren zum politischen Umgang mit den Ergebnissen der Studie „Bröckelt die Mittelschicht?“.
Lösung: Einordnung: Der Text ist ein am 18.12.2021 im Tagesspiegel Online veröffentlichter Debattenbeitrag der Soziologen Lengfeld und Kley zur OECD/Bertelsmann-Studie; Thema ist die Bedeutung der Studienergebnisse für die deutsche Sozialpolitik. Position: Statistische Effekte seien für den geringen Rückgang der Mittelschicht verantwortlich und nicht geeignet, politische Gegenmaßnahmen zu legitimieren; im Fokus der Sozialpolitik müsse das Problem der verfestigten Armut in der unteren Einkommensschicht stehen; wissenschaftliche Studien sollten sachlich informieren, Übertreibungen seien unangebracht. Begründungsgang: Problemaufriss (Verunsicherung durch Nachrichten, Corona-Kontext) – Begriffliche Einordnung (OECD-Definition 75–200% des Durchschnittseinkommens) – Relativierung des Handlungsdrucks (Schrumpfung v. a. 2000–2005, seit 2005 stabil, Hartz-Reformen/Arbeitslosigkeit als Kontext) – Interpretation der OECD-Ergebnisse (steigende Einkommensungleichheit als Ursache, Stagnation als absehbare Folge der Nachfrage nach höheren Qualifikationen) – Bewertung des Mindestlohns als wirkungsarme Maßnahme – Kritik am reißerischen Studientitel – Offenlegung eigener Leipziger Forschungsergebnisse zur sinkenden Abstiegsangst. Argumentationsweise: Herstellung eines direkten Zusammenhangs zwischen statistischer und erlebter Einkommensentwicklung zur Entkräftung der Abstiegsthese ("Paradoxerweise können also einige..."); Abwertung alternativer Positionen durch Unterstellung von Sensationslust ("Bad News is Good News"); Bezugnahme auf weitere wissenschaftliche Studien (DIW 2020, eigene Leipziger Dauerbeobachtung) zur Untermauerung der eigenen Schlussfolgerungen. Intention: Warnung vor politischen Fehlentscheidungen aufgrund medial verursachter Verunsicherung, Aufklärung über den Unterschied zwischen statistischem Effekt und erlebtem Wohlstand, Forderung nach sozialpolitischen Maßnahmen gegen verfestigte Armut statt gegen eine vermeintlich bröckelnde Mitte.
2b) Erläutern Sie anhand von zwei Textstellen verschiedene Dimensionen sozialer Ungleichheit.
Lösung: Erste Textstelle: „Ob jemand der Mittelschicht angehört, wird in der Studie über das verfügbare Einkommen eines Haushalts bestimmt [...].“ – Dimension „Materieller Wohlstand“: Finanzielle Ressourcen gelten als Kern eines hohen Lebensstandards in modernen Marktwirtschaften, dazu zählt das verfügbare Haushaltseinkommen. Zweite Textstelle: „Seit Jahren gilt, dass höhere berufliche und akademische Qualifikationen von den Unternehmen am Arbeitsmarkt stärker nachgefragt werden als einfache Qualifikationen.“ – Dimension „Bildung“: Bildung gilt in postindustriellen Gesellschaften als wichtigste Grundlage materiellen Wohlstands, da Berufe eine wachsende Kompetenz zur Erfassung technischer, gesellschaftlicher und politischer Zusammenhänge erfordern.
3. Erörtern Sie unter Einbeziehung der Position der Autoren sowohl aus ökonomischer als auch aus gesellschaftlicher Sicht, inwiefern die von der neuen Ampel-Regierung geplante Erhöhung des Mindestlohns geeignet ist, soziale Ungleichheit zu verringern.
Lösung: Ökonomische Perspektive – eher zustimmend: Einkommenszuwächse im Mindestlohnsektor könnten die Nachfrage nach Konsumgütern steigern, im Sinne der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik Wachstum auslösen und so allgemeinen Wohlstand und sozialen Ausgleich fördern (Wirksamkeit); die Erhöhung könnte auf materieller Ebene und auf Ebene der Dauerhaftigkeit von Beschäftigungsverhältnissen Ungleichheit reduzieren (Beschäftigungssicherung). Ökonomische Perspektive – eher ablehnend: Der Mindestlohn sei ein Eingriff in den Marktprozess und könne langfristig Wirtschaftskrisen begünstigen, die bestehende Ungleichheit eher verstärken (Wirksamkeit); gering qualifizierte Beschäftigte könnten wegen mangelnder Rentabilität ihren Arbeitsplatz verlieren, die Arbeitslosigkeit könnte steigen (Beschäftigungssicherung). Gesellschaftliche Perspektive – eher zustimmend: „Aufstocker“ könnten durch den höheren Mindestlohn Unabhängigkeit vom Arbeitslosengeld II erreichen und gesellschaftliches Ansehen gewinnen (Prestige); bessere materielle Ausstattung könnte Bildungschancen nachfolgender Generationen verbessern und so die Ungleichheit zwischen unteren und mittleren Einkommensschichten langfristig mindern (Wirksamkeit). Gesellschaftliche Perspektive – eher ablehnend: Bleiben Lohnsteigerungen für andere Schichten aus, könnte der Mindestlohn als nicht leistungsgerecht wahrgenommen werden und zu gesellschaftlicher Ächtung der Mindestlohnbeziehenden führen (gesellschaftliche Stabilität); ein „Fahrstuhleffekt“ könnte auch in anderen Schichten Einkommenszuwächse auslösen, sodass die bestehende Ungleichheit auf höherem Niveau bestehen bleibt (Wirksamkeit). Unter Einbezug der Autorenposition (die Mindestlohnerhöhung dürfte nicht ausreichen, um die Mittelschicht nennenswert anschwellen zu lassen, da die einkommensschwache Hälfte deutlich größere relative Lohnzuwächse bräuchte) ist unter explizitem Ausweis und Gewichtung eigener Urteilskriterien (z. B. Wirksamkeit, Beschäftigungssicherung, Prestige, gesellschaftliche Stabilität) begründet Stellung zu nehmen.
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