Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin 2021

Thema: Sozialpsychologische Theorien anwenden · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Häufig blenden Menschen Tatsachen und Argumente aus, die mit ihren moralischen Werten nicht vereinbar sind. Ursache ist das Bedürfnis, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören.

Macht der Identität

Ein Mann namens Jim stürzt bei einer Wanderung, schlägt mit dem Kopf auf und verliert

das Bewusstsein. Als er im Krankenhaus aus dem Koma erwacht, hat er sich deutlich ver-

ändert. War er zuvor verschlossen, hinterhältig und egoistisch, so ist er jetzt umgänglich,

aufrichtig und hilfsbereit. Ist Jim noch dieselbe Person?

5 Diese Frage stellten die Psychologin Nina Strohminger und der Philosoph Shaun Nichols

ihren Testpersonen in einem Experiment. In fiktiven Szenarien verlor Jim dabei verschiedene

Fähigkeiten und Eigenschaften: sein Faktenwissen, die Kontrolle über seinen Körper, Lebens-

erinnerungen oder eben seinen moralischen Charakter. Die Probanden sollten jeweils beur-

teilen, ob Jim »derselbe« geblieben sei. Ergebnis: Nur wenn er sich charakterlich stark ver-

10 änderte, sagten die Probanden: »Das ist nicht mehr Jim!« Drastische Einschränkungen seines

Gedächtnisses oder seines Wissens erachteten sie dagegen als unwesentlich.

Philosophen behandeln die Frage »Was macht jemanden über einen längeren Zeitraum zu

derselben Person?« unter dem Schlagwort personale Identität. Als der englische Empirist 1

John Locke im 17. Jahrhundert darüber nachdachte, betrachtete man mentale Eigenschaften,

15 vor allem autobiografische Erinnerungen, als zentral für unsere Identität. Studien wie die

von Strohminger und Nichols belegen jedoch, dass Laien das anders sehen. Sie machen die

Identität eines Menschen an seinen Werten und an seiner Moral fest. Die Forscher begründen

das so: Wir gehen Freund- oder Liebschaften mit Menschen ein, die unsere moralischen

Überzeugungen teilen. Damit diese Beziehungen von Dauer sein können, muss die personale

20 Identität eines Menschen von seinem Charakter abhängen.

Fragt man Menschen, die gerade ein Steak essen, ob Rinder Empfindungen haben, antworten

sie im Vergleich zu Salatessern seltener mit »Ja«. Kaffeefreunde finden angebliche wissen-

schaftliche Belege, dass Koffein der Gesundheit schade, weniger überzeugend als Menschen,

die keinen Kaffee trinken. Man kann das als Strategie betrachten, kein schlechtes Gewissen

25 haben zu müssen. [...]

Menschen wollen konsistent sein

So problematisch unsere Neigung zur Selbsttäuschung sein mag, sie zeigt, dass wir mora-

lisch konsistent sein wollen. Unser Handeln soll zu unserem Weltbild passen. Die Irrtümer,

die daraus entstehen, nennen Psychologen identitätsschützende Denkfehler. Vermutlich neigen

wir gerade in moralischen Fragen zur Selbsttäuschung, weil wir unsere Moral als essenziell

30 ansehen, eben als das, was wir unter allen Umständen erhalten wollen. Experimente zur

Selbsttäuschung deuten darauf hin, dass die Moral den Kern unserer Identität bildet. Besteht

zum Beispiel keine Gefahr, erwischt zu werden, sind Menschen anderen gegenüber eher

unehrlich – dennoch gehen sie beim Täuschen und Betrügen selten über ein vertretbares

Maß hinaus. Viele würden in einem Versuch zwar schummeln, um 10 Euro zusätzlich zu

35 erhalten, jedoch keine 100 Euro einstreichen, selbst wenn sie könnten. Der israelisch-ameri-

kanische Psychologe Dan Ariely erklärt das so: Wir wollen zwar unseren Nutzen maximieren,

aber gleichzeitig vor uns selbst als ehrbare Menschen erscheinen. Wir wollen unsere mora-

lische Identität bewahren.

[...]

40 Hat Gott die Welt vor weniger als 10 000 Jahren erschaffen? Laut einer Umfrage des

Gallup-Instituts von 2017 glauben das fast 40 Prozent der US-Bürger, während der Evolutions-

theorie nur 20 Prozent zustimmen. Vor zehn Jahren war die Lage noch dramatischer. Fast 70

Prozent der Republikaner und 40 Prozent der Demokraten bezeichneten sich damals als Krea-

tionisten, glaubten also, die biblische Schöpfungsgeschichte sei wörtlich zu nehmen. Im Jahr

45 2014 waren 27 Prozent der Amerikaner mit Universitätsabschluss überzeugte Kreationisten.

Obwohl sie bei Tests zum wissenschaftlichen Denken oft gut abschneiden und beispielsweise

wissen, was ein Laser ist oder wie ein Atom aufgebaut ist, verneinen sie gleichzeitig vehement,

dass sich Homo sapiens aus einfacheren Lebensformen entwickelt hat.

Nicht Bildungsstand und Intelligenz erklären das, sondern etwas anderes: Der Glaube an

50 die Schöpfung ist in den USA ein klares Merkmal für Konservativismus. Die individuelle

Identität vieler Menschen definiert sich über die moralische Identität ihrer Gruppe, die sie

verinnerlicht haben. Der Wunsch dazuzugehören, in diesem Fall zu den Konservativen,

überstimmt selbst bei Gebildeten den Sachverstand. Ihre Denkfehler schützen nicht bloß ihre

eigene moralische Identität, sondern die ihrer Gruppe.

55 [...]

Wann die Selbsttäuschung Vorteile bringt

Aus evolutionärer Perspektive sind derartige Fälle von Selbsttäuschung besonders spannend.

Hätten unsere Vorfahren ihre Umwelt ständig falsch beurteilt, also ihre Chancen im Kampf

mit Löwen überschätzt oder die Gefahr von Giftpilzen verkannt, hätten sie ihre Gene niemals

60 weitergeben können. Bei Themen allerdings, die nicht unmittelbar das Überleben betreffen,

mag es von Vorteil sein, auf seinem Urteil zu beharren, um standfest und selbstsicher zu

wirken. Ein zweiter möglicher Faktor: Wer unbeirrbar an der Gruppenüberzeugung festhält,

beweist damit Loyalität. Und die Zugehörigkeit zum Stamm kann wichtiger sein als die

Wahrheit.

65 Dieses Verhalten kennt man auch aus dem religiösen Kontext. [...]

Mit etwas Abstand betrachtet erscheinen viele religiöse Geschichten abenteuerlich, und

selbst gläubige Menschen urteilen so über Glaubenssysteme, die nicht ihre eigenen sind.

Aber die komplexen Riten und Narrative, die über Jahre erworben wurden, erfüllen eine

wichtige Funktion – sie verbinden Menschen dauerhaft miteinander. Zwar sind die Rituale

70 oft aufwändig oder sogar gefährlich, und die märchenhaften Geschichten widersprechen den

Fakten, doch die Mitglieder signalisieren damit, dass sie bereit sind, viel auf sich zu neh-

men, um dazuzugehören. Solche kostspieligen Signale stärken laut Evolutionsbiologen den

Zusammenhalt in der Gruppe und haben nachweislich positive Folgen für die Gemeinschaft.

[...]

75 Die Gesellschaft ist meist genau bei den Fragen gespalten, die moralisch relevant sind.

Wer über die Gefahren von Fracking, genmanipuliertem Mais, Einwanderern oder privatem

Waffenbesitz urteilt, tut das nicht allein mit Blick auf die Fakten, sondern immer auch aus

der Perspektive der Moral. Unsere Identität wird ganz entscheidend von der Zugehörigkeit

zu einer Gruppe geprägt, mit der wir gemeinsame Werte teilen. Daher ist es oft wichtiger,

80 die richtige Moral zu verkünden als die richtigen Tatsachen.

In der Silvesternacht 2015/2016 feierten auf dem Kölner Domplatz Tausende von Menschen,

darunter mehr als 1000 stark alkoholisierte Männer, von denen viele sexuell übergriffig wurden.

Es gab in dieser Nacht mehr als 1200 Opfer. Fast 500 Frauen erstatteten Anzeigen wegen

sexueller Belästigung, fünf sogar wegen Vergewaltigung. Die Polizei konnte etwa 180 Be-

85 schuldigte ermitteln, zum Großteil Marokkaner, Algerier, Iraker und Syrer, von denen gut

100 entweder illegal oder als Asylsuchende in Deutschland lebten.

Doch selbst als die Fakten bekannt waren, taten sich viele schwer mit der Einsicht, dass

es sich bei den mutmaßlichen Tätern zumeist um chauvinistisch 2 eingestellte Nordafrikaner

handelte. [...]

90 Eine ähnliche Dynamik war bei der Flüchtlingswelle von 2015 am Werk. Rechtsradikale

kritisierten aus Fremdenfeindlichkeit die offizielle Aufnahmepolitik. Wer aber aus anderen,

etwa sicherheitspolitischen Bedenken Kritik äußern wollte, steckte in einer Zwickmühle.

Denn jedes kritische Wort war auf den ersten Blick kaum von einer rechten Gesinnung

zu unterscheiden. Daher schwiegen viele lieber, zumal im linken Diskurs 3 jeder Aufnahme-

95 kritiker plötzlich als rechtsradikal galt.

Diese Polarisierung von Meinungen untersuchte der Psychologe David G. Myers vom

Hope College in Holland (US-Bundesstaat Michigan) bereits in den 1970er Jahren. Sobald

sich Menschen großen, unpersönlichen Gruppen wie den »Linken«, den »Konservativen«

oder der »Neuen Rechten« zuordnen, verschieben sie ihre Positionen von der Mitte hin zu den

100 Rändern. Einige radikalisieren sich, weil sie in ihrer Echokammer nur die Meinungen der

Gesinnungsgenossen hören. Ebenso stark wirkt sich das kollektive Nichtwissen aus: Weil nie-

mand weiß, was die anderen denken, aber jeder annimmt, dass die anderen eine extremere Auf-

fassung, den vermeintlichen »Idealtypus« der Gruppe vertreten, will keiner falsche Signale

senden – aus Angst, von der eigenen Gruppe ausgestoßen zu werden.

105 Konformes Handeln beruht häufig nicht auf tatsächlich geteilten Überzeugungen, sondern

auf verinnerlichtem Gruppenzwang. Unsere moralische Identität ist uns so wichtig, dass wir

anderen nicht nur unsere Gesinnung, sondern auch unsere Gruppenzugehörigkeit unmiss-

verständlich mitteilen wollen. Das bringt einen autoritären Konservativen, der nichts gegen

Ausländer hat, genauso in Bedrängnis wie einen Linken, der unkontrollierte Einwanderung

110 für problematisch hält. Unser Hang zur moralischen Vereindeutigung beinhaltet oft, dass

wir eine strittige Frage sofort klar entscheiden wollen und uns nicht die Mühe machen, die

Komplexität eines Problems anzuerkennen oder verschiedene Aspekte gegeneinander abzu-

wägen.

[...]

Ein stillschweigend akzeptierter Code

115 Auch wenn sich eine Gruppe durch ein selbst gewähltes Merkmal bildet, wird sie durch eine

geteilte Identität zusammengehalten, einen oft stillschweigend akzeptierten moralischen

Code. [...]

Die moralische Gruppenidentität erklärt, warum Debatten in den sozialen Netzwerken so

aufgeheizt sind. Sobald man mit unbekannten Personen interagiert, stellt sich die Frage: Wo

120 steht diese Person moralisch und politisch? So sehen sich viele genötigt, eindeutige Signale

ihrer Zugehörigkeit zu senden. Da bei einem abwägenden Urteil Kritik von anderen Menschen

zu erwarten ist, die vorgeblich noch tugendhafter sind, muss man diese Reaktionen schon

im Voraus einplanen. Jede Nuancierung 4 in der Argumentation könnte schließlich so klingen,

als würde man einen moralischen Verstoß legitimieren.

125 [...]

1 Empirie: aus wissenschaftlicher Erfahrung gewonnenes Wissen

2 Chauvinismus ist die auf übertriebenem Selbstwertgefühl beruhende Grundhaltung von Männern, die bewirkt, dass Frauen geringer geachtet werden.

3 [lebhafte] Erörterung; Diskussion

4 Zwischenton

Aufgabe 1 [32 Punkte]

Arbeiten Sie aus dem Text heraus, wie personale Identität verstanden wird, weshalb diese oft zu Denkfehlern führt und welche Folgen Denkfehler haben. Erklären Sie anschließend, wie Denkfehler entstehen, indem Sie die Theorien zur kognitiven Dissonanz und zum konformen Verhalten heranziehen.

a)

b)

c)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Herausarbeiten aus dem Text: Verständnis der personalen Identität, Funktion/Entstehung von Denkfehlern und Folgen

Lösung: 1. Verständnis personaler Identität: - Moralische Überzeugungen, die über einen längeren Zeitraum vertreten werden, sind nach Befunden von Strohminger und Nichols zentral für die personale Identität. - Gedächtnisfähigkeit, Körperkontrolle oder Faktenwissen sind demgegenüber zweitrangig. 2. Entstehung von Denkfehlern: - Denkfehler als Selbsttäuschung haben die Funktion, die personale Identität und moralische Konsistenz zu schützen (z. B. um vor sich und anderen als selbstsicher, moralisch integer und loyal in einer Gruppe zu wirken). 3. Folgen von Denkfehlern: - Der Schutz der personalen Identität führt dazu, dass die private Meinung vor allem in Gruppensituationen nicht immer geäußert wird (Schweigen aus Furcht vor Ausgrenzung). - Die eigene Meinung kann extremer werden (Polarisierung in Echokammern), da vermutete Idealtypen imitiert werden. - Der Zusammenhalt und die Kooperation innerhalb der Gruppe werden gestärkt.

Theorie der kognitiven Dissonanz: Erläuterung und Erklärung der Entstehung von Denkfehlern

Lösung: 1. Erläuterung der Theorie: - Kognitive Dissonanz beschreibt einen aversiven inneren Spannungszustand infolge unvereinbarer Kognitionen (Wissen, Einstellungen, Verhalten). - Individuen streben nach Dissonanzreduktion durch Verhaltensänderung, Hinzufügen konsonanter Kognitionen oder Abwertung/Änderung dissonanter Kognitionen. 2. Erklärung der Denkfehler: - Beispiel Fleischessen: Dissonanz zwischen dem Genuss von Fleisch und dem Wissen über tierische Empfindungen wird aufgelöst, indem Tieren Empfindungsfähigkeit abgesprochen wird. - Öffentliches und freiwilliges Eintreten für moralische Überzeugungen wirkt als starkes Commitment; konsistentes Verhalten sichert ein positives Selbstbild und soziale Anerkennung, selbst wenn es auf Selbsttäuschung beruht.

Theorie zum konformen Verhalten: Erläuterung von normativem/informativem Einfluss und Erklärung der Denkfehler

Lösung: 1. Ansätze konformen Verhaltens: - Konformität als Änderung des eigenen Verhaltens oder Urteils unter dem realen oder vorgestellten Druck einer Gruppe. - Informativer sozialer Einfluss: Anpassung, weil andere als kompetente Informationsquelle angesehen werden. - Normativer sozialer Einfluss: Anpassung an Gruppennormen, um Akzeptanz, Lob und Zugehörigkeit zu erhalten und Ablehnung zu vermeiden. 2. Erklärung der Denkfehler: - Normativer Einfluss: Da personale und soziale Identität eng an geteilte moralische Werte gekoppelt sind, unterwirft man sich Dogmen der Eigengruppe (z. B. Kreationismus als konservatives Erkennungszeichen), um nicht ausgestoßen zu werden. - Informativer Einfluss: In homogenen Gruppen/Echokammern dienen andere Gruppenmitglieder als alleinige Validierungsquelle für Wahrheit, was zur kollektiven Verfestigung von Irrtümern führt.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · LK · Haupttermin 2021 · Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021 ›

Mehr Aufgaben zu Sozialpsychologische Theorien anwenden