Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Die Kraft der Gedanken

„Unsere Gedanken spiegeln die Realität nicht einfach wider, sie formen diese Realität viel-

mehr maßgeblich selbst.“ Diese Botschaft gab die Psychologin Alia Crum den Teilnehmern

des „World Economic Forum“ in Davos 2018 mit auf den Weg. Die junge, selbstbewusst

auftretende Forscherin ist dabei alles andere als ein New-Age-Guru 1, sondern leitet das

5 Mind&Body Lab an der Stanford University in Kalifornien. Crum untermauerte ihre Aus-

sage vor der versammelten Wirtschaftselite mit zahlreichen Studien. Sie belegen den erstaun-

lichen Einfluss der Gedanken auf Gesundheit und Wohlbefinden.

Crums bahnbrechende Arbeiten wurden nicht zuletzt von ihrer eigenen Erfahrung beim

College-Eishockey inspiriert. „Man kann an zwei Tagen physisch exakt gleich stark sein,

10 aber die eigene Einstellung, das Mindset, macht dennoch einen Riesenunterschied in Sachen

Leistung.“ Crum fragte sich, woran genau das lag. Als Psychologiestudentin beschäftigte sie

sich intensiv mit dem Placeboeffekt und hatte ein Aha-Erlebnis: Wenn die bloße Erwartung

von Patienten dazu führen kann, dass ein wirkstoffloses Mittel medizinische Heilwirkung

zeigt, vielleicht tritt etwas Ähnliches dann auch in anderen, alltäglichen Situationen auf?

15 Diesen Verdacht verfolgend, entdeckten Crum und ihre Kollegen, dass bloße Überzeugungen

und Gedanken selbst über das Gewicht, die Fitness sowie körperliche Stresseffekte oder

Schlafprobleme einer Person bestimmen können – bis hin zu der Frage, wie schnell sie altern.

Offenbar entscheiden neben den Genen und dem Lebensstil auch die persönliche Einstellung

und das Selbstbild über unsere gesundheitliche Verfassung. […]

Verblüffende Effekte, unklare Mechanismen

20 Crum war beeindruckt, als sie erstmals realisierte, was für tief greifende Folgen solche Mecha-

nismen haben können. „Noch verblüffender fand ich nur, dass man bislang so wenig unter-

nommen hatte, um diese Effekte für die Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden zu

nutzen.“ […] So fand Crum ihr Forschungsthema, das sie nunmehr seit gut zehn Jahren ver-

folgt.

25 In einer ihrer ersten Studien standen 84 Zimmermädchen im Fokus. Crum vermutete, dass

sich die wenigsten von ihnen bewusst waren, wie sehr ihr Job einem sportlichen Workout

ähnelte. Und dieses fehlende Augenmerk hinderte sie womöglich daran, körperlich davon

zu profitieren. Um die geistige Haltung ihrer Versuchsteilnehmerinnen zu verändern, klärte

die Forscherin sie über die sportliche Seite ihrer Tätigkeit auf – so etwa die Tatsache, dass

30 man allein beim Staubsaugen rund 2000 Kalorien pro Stunde verbraucht. Unter dem Strich,

so erklärte Crum ihnen weiter, entspreche die Tagesleistung eines Zimmermädchens ziem-

lich genau den Vorgaben der US-amerikanischen Ärztekammer über das empfehlenswerte

Maß an körperlicher Aktivität.

Einen Monat später hatten die so informierten Frauen im Mittel ein Kilogramm Körperge-

35 wicht verloren, obwohl sie sich keiner Änderung in ihrem Tagesablauf oder ihrer Ernährung

bewusst waren. Auch die Blutdruckwerte hatten sich im Schnitt normalisiert. Allerdings, das

räumte auch Crum ein, war die Stichprobe klein, und das tatsächliche Verhalten der Teil-

nehmerinnen wurde nicht überprüft. „Vielleicht legten sich manche beim Bettenmachen

einfach noch mehr ins Zeug“, erklärte die Forscherin.

40 Eine Folgestudie in Kooperation mit ihrer Kollegin Octavia Zahrt erhärtete jedoch den Ver-

dacht, die persönliche Einstellung könne auf körperliche Vorgänge durchschlagen. Grund-

lage dieser Arbeit waren Gesundheitsdaten von mehr als 60000 Menschen, die man über einen

Zeitraum von bis zu 21 Jahren erhoben hatte. Wie die Analyse zeigte, erlaubte die „gefühlte

Gesundheit“ – also für wie fit sich jemand im Vergleich zum Durchschnitt hielt – bessere

45 Vorhersagen über das Sterblichkeitsrisiko als das Ausmaß der tatsächlichen sportlichen Akti-

vität. Ein Teil der Stichprobe hatte E-Tracker getragen, die das reale Bewegungspensum auf-

zeichneten. Selbst wenn man diesen objektiven Parameter berücksichtigte, waren Probanden

mit einem besseren Gefühl nach wie vor gesünder. Umgekehrt trugen jene, die ihre Fitness

pessimistisch beurteilten, ein um rund 71 Prozent höheres Risiko, im Untersuchungszeitraum

50 zu sterben, verglichen mit denen, die sich für überdurchschnittlich aktiv hielten – obwohl

diese sich gar nicht mehr bewegten.

Über die Gründe dafür rätseln Forscher immer noch. Bekannt ist, dass neuronale Prozesse

über das vegetative Nervensystem zum Beispiel den Blutdruck dämpfen. Crum vermutet zu-

dem, dass eine negative Selbstsicht Entzündungsfaktoren und Stresshormone wie Kortisol

55 freisetzen kann, die sich unmittelbar physiologisch auswirken. Die genauen Mechanismen

seien aber noch nicht ausreichend erforscht. Und es erscheine natürlich auch nicht immer

günstig, sich über den eigenen Gesundheitszustand zu täuschen – dies berge zumindest auch

Gefahren. Man solle sich jedenfalls nicht für weniger fit und gesund halten, als man ist. Dafür

sei es hilfreich, sich nicht zu sehr mit anderen zu vergleichen, vor allem nicht mit ausgespro-

60 chenen Sportskanonen. Denn dabei ziehe man notgedrungen den Kürzeren. […]

Crum erforschte auch, wie Erwartungen die Stressverarbeitung beeinflussen. Bereits seit

Längerem weiß man, dass chronische Belastung die geistige Leistungsfähigkeit sowie das

Immunsystem schwächt und zu Bluthochdruck führen kann. Verstärkt die Angst vor dem

Stress diesen Effekt womöglich zusätzlich? Um das herauszufinden, ließ Crum eine Gruppe

65 von Probanden zunächst einen Fragebogen ausfüllen, der Aussagen enthielt wie: „Stress

schwächt meine Gesundheit und Vitalität“ oder aber „Unter Stress komme ich erst richtig

auf Touren und leiste mehr“.

Danach wurde den Teilnehmern überraschend verkündet, dass sie einen kurzen Vortrag vor

Publikum halten sollten. Angesichts dieser Herausforderung zeigten jene, die Stress eher als

70 negativ einschätzten, stärkere physiologische Reaktionen: Insbesondere ihr Kortisollevel

schlug heftiger aus. Dies gilt als ein wichtiger Indikator einer eher schädlichen körperlichen

Stresswirkung. Dagegen scheint ein moderater, zeitlich begrenzter Anstieg der Kortisolwerte

die Gesundheit eher zu fördern.

„In der Öffentlichkeit kursieren viele Warnungen vor den Risiken von Stress. Doch diese

75 Sichtweise ist einseitig und bringt unter Umständen ein Mindset hervor, das uns paradoxer-

weise für negative Folgen von Stress empfänglicher macht“, glaubt Crum. Zu verstehen, dass

Stress nicht unbedingt schädlich ist, helfe dabei, ihn zu verarbeiten.

Nachdem sie Probanden Videos mit Menschen in kreativen, leistungsfördernden Stresssituati-

onen gezeigt hatte, fiel die hormonelle Stressreaktion in einem Belastungstest prompt schwä-

80 cher aus. Dies war vor allem an niedrigen Kortisolwerten […] abzulesen. […]

Solche Studien zeigen, wie wichtig das eigene Mindset in vielen Bereichen des Lebens sein

kann. Die wohl erstaunlichsten Befunde stammen dabei aus Arbeiten zum Altern. So kann

eine allzu negative Sicht auf das Thema manche Menschen durchaus Jahre ihres Lebens

kosten.

85 Die ersten Hinweise darauf gab es bereits in den 1980er Jahren. Die Psychologin Ellen Langer

von der Harvard University – die später gemeinsam mit Crum die Zimmermädchen-Studie

ersann – hatte damals eine Gruppe von Senioren in einem Kloster im Bundesstaat New

Hampshire zusammengebracht. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, sich für die Dauer

ihres Aufenthalts so zu verhalten, als seien sie gut 20 Jahre jünger.

90 Die gesamte Anlage und die Inneneinrichtung waren im Stil der 1960er gehalten, einschließ-

lich der Musik, Filme, Zeitschriften und Bücher jener Ära. In den Zimmern gab es keine

Spiegel, stattdessen hatte man sie mit Jugendbildern der jeweiligen Bewohner dekoriert.

Die Folgen waren erstaunlich: Nach nur fünf Tagen hatten sich die arthritischen Beschwer-

den der alten Menschen gebessert, ihre Körperhaltung war nun aufrechter, und in einem

95 IQ-Test erreichten sie im Schnitt höhere Werte.

Diese Ergebnisse inspirierten in der Folge eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten, die alle-

samt zu dem Schluss kamen, die eigene Einstellung habe enormen Einfluss auf körperliche

Veränderungen. Menschen, die das Älterwerden insgesamt als gute Sache betrachten, leben

demnach im Schnitt 7,5 Jahre länger als solche, die nur Krankheit und Siechtum damit ver-

100 binden. Eine negative Sicht auf den Lebensabend ist insofern oft weniger eine Folge körper-

licher Beschwerden als vielmehr deren Auslöser!

Natürlich sind pessimistische Naturen wohl auch insgesamt weniger aktiv und gehen seltener

zu medizinischen Vorsorgeuntersuchungen. Allerdings scheint das allein nicht ausreichend

zu sein, um den Alternseffekt zu erklären. Experten sind sich sicher, dass dem noch mehr

105 zu Grunde liegen muss. […]

Sicherlich ist eine positive Grundhaltung kein Allheilmittel. Dennoch kann sie eine Menge

dazu beitragen, dass es Menschen gelingt, gesund, schlank und ausgeglichen zu sein und

ihren Alltag erfolgreich zu meistern. Oder wie es Alia Crum formuliert: „Entscheidend ist

die Einsicht, dass die eigene Einstellung wichtig ist und dass wir etwas dafür tun können,

110 um sie zu verändern.“

1 spiritueller Lehrer, ohne wissenschaftliche Fundierung

Aufgabe 3 [30 Punkte]

Nehmen Sie vor dem Hintergrund des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells Stellung zu dem im Text unterstellten Zusammenhang zwischen Erwartungen und der Verarbeitung von Stress. Prüfen Sie außerdem, welchen Nutzen es für Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf ihre schulischen Leistungen hat, über den Einfluss des Mindsets Bescheid zu wissen.

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Nehmen Sie vor dem Hintergrund des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells Stellung zu dem im Text unterstellten Zusammenhang zwischen Erwartungen und der Verarbeitung von Stress. Prüfen Sie außerdem, welchen Nutzen es für Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf ihre schulischen Leistungen hat, über den Einfluss des Mindsets Bescheid zu wissen. (30 Punkte)

Lösung: Die Ausarbeitung gliedert sich in folgende Anforderungen der amtlichen Richtlinien: 1. Grundannahmen des humanistischen Modells nach Rogers (2 Punkte): - Angeborene Aktualisierungstendenz jedes Individuums hin zu Reife, Selbstverwirklichung und Entfaltung des eigenen Potenzials. 2. Konzept des Selbst (4 Punkte): - Das Selbstkonzept umfasst Wahrnehmungen, Werte und Annahmen über sich selbst. - Abgleich mit dem organismischen Erleben: Übereinstimmung führt zu *Kongruenz* (psychische Gesundheit); Diskrepanzen führen zu *Inkongruenz* (Anspannung, seelische Fehlanpassung, Angst). 3. Humanistische Stellungnahme zum Zusammenhang von Erwartung und Stress (6 Punkte): - *Zustimmend:* Wenn ein positives Mindset echten Erfahrungen entspricht (Kongruenz), fördert es Selbstvertrauen, Wachstum und minimiert destruktiven Distress. - *Kritisch/Ablehnend:* Reine kognitive Mindset-Vorgaben dürfen nicht aufgesetzt werden. Wenn das organismische Erleben Furcht signalisiert, führt ein erzwungenes „positives Denken“ zu schädlicher Inkongruenz und Abwehrmechanismen. 4. Eigener Standpunkt zum Textzusammenhang (2 Punkte): - Begründete persönliche Positionierung zur Reichweite der gedanklichen Beeinflussung von Stress. 5. Prüfung des Nutzens für Schülerinnen und Schüler – Zustimmende Argumente (6 Punkte): - Bewusstsein für eigene Selbstwirksamkeit: Schüler erkennen, dass Prüfungsstress nicht zwangsläufig destruktiv ist, sondern Energie freisetzt. - Abbau von Hilflosigkeitsgefühlen und Stärkung der Leistungsmotivation. - Entlastung von dysfunktionalem Bewertungsdruck. 6. Prüfung des Nutzens – Ablehnende/Einschränkende Argumente (6 Punkte): - Reine Information reicht nicht aus; ohne methodisches Training führt theoretisches Wissen oft zu Frustration oder Selbstvorwürfen („Ich bin selbst schuld an schlechten Noten, weil mein Mindset falsch ist“). - Externe reale Belastungen (Lehrpläne, Benotungssysteme, soziale Probleme) lassen sich nicht allein durch Einstellungsänderung neutralisieren. 7. Begründetes Fazit/Standpunkt (4 Punkte): - Synthese: Aufklärung über Mindset ist dann nützlich, wenn sie in konkrete Lernstrategien und eine wertschätzende Schulumgebung eingebettet wird.

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