Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin 2021
Thema: Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Mixed-Motive-Situationen und soziale Dilemmata
Von Mitgliedern in Organisationen und Arbeitsgruppen wird Kooperation erwartet. Sie sollen gemeinsam an einem Problem arbeiten, ihr individuelles Wissen und ihre individuellen Fähigkeiten für ein gemeinsames Ziel zur Verfügung stellen, andere – vielleicht sogar schlechtere – Mitglieder unterstützen. Warum sollten sie das tun? In der Regel ist es ja so, dass Belohnungsstrukturen in Organisationen individualisiert und nach oben verengt sind. Gehaltserhöhungen oder Beförderungen werden nicht einer Gruppe, sondern einzelnen Personen gewährt. Das bedeutet, dass es Konkurrenz um die Belohnungen für eine gute Leistung gibt. Warum also sollten Personen sich kooperativ verhalten? Da es aber natürlich Kooperation gibt, sollte die Frage besser lauten: Unter welchen Bedingungen verhalten sich Personen kooperativ?
[...]
Kramer (1999) betrachtet Organisationen als einen Pool von Ressourcen (Arbeit, Informationen), an dem die Arbeiter und Angestellten partizipieren. Wenn die Organisation nach dem Prinzip Belohnung für Leistung verfährt, werden limitierte Ressourcen schnell zu einem sozialen Dilemma 1. Einzelne Personen oder Arbeitsgruppen können diese Ressourcen im individuellen Interesse übernutzen. Dies nützt zwar der Person oder der Gruppe, schadet aber der Organisation als Ganzes.
Chen et al. (2009) empfehlen Organisationen, in Situationen mit sozialem Dilemma-Charakter nicht zu sehr auf externe Kräfte wie Sanktionen oder Autorität zu setzen, sondern eher auf moralische Appelle und Aufklärung darüber, wie Kooperation zum Nutzen aller beiträgt. Sie konnten zeigen, dass Appelle zu Kooperation nachhaltiger wirken als Sanktionen. Zudem sollten Beispiele kooperativen Verhaltens – bei entsprechendem Nutzen – zur Nachahmung anregen, nicht nur aufgrund eines grundlegenden Reziprozitätsverständnisses, sondern auch als Ergebnis sozialen Lernens im Sinne Banduras. Danach ist zu erwarten, dass die Wirksamkeit moralischer Appelle abhängig ist von der allgemeinen Vertrauenssituation in der Organisation (Kramer, 1999).
Das Problem bei sozialen Dilemmata sind vor allem die egoistischen Personen und nicht die sozial eingestellten, zu deren sozialen Wertvorstellungen sowieso kooperatives Verhalten gehört. De Cremer und Van Vugt (1999) haben untersucht, ob durch eine Erhöhung der Identifikation [mit der eigenen Organisation] vielleicht auch egoistische Personen zu kooperativem Verhalten bewegt werden können. Sie erfassten zunächst die soziale Wertorientierung ihrer Versuchsteilnehmer. Sie benutzten dazu ein Instrument, das von Messick und McClintock (1968) zur Erfassung von Motiven bei experimentellen Spielen entwickelt worden ist. Hierbei werden den Personen 2 mehrere Ergebnismatrizen mit jeweils drei alternativen Ergebnisverteilungen vorgelegt.
Jede Ergebnisverteilung repräsentiert eine bestimmte Orientierung. So können die Personen z. B. wählen zwischen
der Option A: 500 Punkte für sich selbst und 500 Punkte für einen (anonymen) anderen,
der Option B: 560 Punkte für sich selbst und 300 für den anderen oder
der Option C: 500 Punkte für sich selbst und 100 für den anderen.
Die Option A ist die kooperative oder prosoziale Orientierung, da sie von einer Gleichverteilung ausgeht. Option B stellt die individualistische Orientierung dar, da sie eine Maximierung des eigenen Nutzens bedeutet. Option C schließlich steht für eine kompetitive 3 Orientierung, da sie die Differenz zwischen eigenem Gewinn und dem Gewinn des anderen maximiert 4.
Aufgrund ihrer Wahlen wurden die Versuchsteilnehmer dann in eine Gruppe mit prosozialer Orientierung (überwiegend kooperative Wahlen) und in eine Gruppe mit individualistischer oder kompetitiver Orientierung aufgeteilt 5.
Die zweite Variable in diesem Experiment war das Ausmaß der Identifikation mit der Gruppe. Hierzu wurde der Hälfte der Versuchsteilnehmer (in der Bedingung mit hoher Identifikation) gesagt, dass es in dem Experiment darum ginge, das Verteilungsverhalten 6 von Studenten ihrer Universität 7 mit dem Verteilungsverhalten von Studenten anderer Universitäten zu vergleichen. Damit wurde die Gruppenzugehörigkeit salient 8 gemacht und dadurch eine kollektive Identifikation erreicht. In der Bedingung mit geringer Identifikation wurde als Ziel der Untersuchung vorgegeben, das individuelle Verteilungsverhalten bei Studenten ganz allgemein zu untersuchen.
Die Versuchsteilnehmer hatten dann in Gruppen zu sechst ein Public-Goods-Problem 9 zu spielen 10. Jeder Teilnehmer erhielt zu Beginn £3 als Einsatz. Die Gruppe konnte einen Bonus von £30 gewinnen, sofern eine bestimmte Anzahl der Mitglieder ihren Einsatz in das gemeinsame Konto investierte. War dies der Fall, so wurde der Bonus unter allen Mitgliedern aufgeteilt, unabhängig davon ob sie im Einzelfall einen Beitrag geleistet hatten oder nicht. Es bestand also die Möglichkeit, nicht zu investieren, trotzdem am Bonus zu partizipieren und auf diese Weise einen größeren individuellen Gewinn zu erzielen.
Wie Abbildung 5.5 zeigt, führte die Identifikation mit der Gruppe bei den individualistischen/kompetitiven Teilnehmern zu einer deutlichen Steigerung kooperativen Verhaltens, das nun annähernd gleich hoch war wie bei den prosozialen Teilnehmern. Bei den prosozialen Teilnehmern war eine solche Steigerung durch Identifikation nicht vorhanden, was auch nicht weiter verwundert, da diese Gruppe auch ohne Identifikation kooperatives Verhalten zeigte. Die Ergebnisse können mit der Selbstkategorisierungstheorie 11 so interpretiert werden, dass durch die Thematisierung eines Vergleichs mit anderen Gruppen eine Identifikation auf Gruppenebene erfolgte, durch die das Individuum zu einer anderen Sicht auf sich selbst angeregt worden ist. An die Stelle einer Selbstwahrnehmung als Individuum ist die Wahrnehmung als Gruppenmitglied getreten. Was die Ergebnisse aber auch zeigen und was durch weitere Experimente in der Studie belegt wurde, ist, dass offensichtlich bei den egoistischen Teilnehmern eine Transformation der Motive vom Eigeninteresse zum Gemeininteresse stattgefunden hat (Kelley & Thibaut, 1978, S. 19 f.).
[...]
1 Ein soziales Dilemma ist eine Situation, in der sich eine Gruppe von Personen zwischen der Maximierung eigennütziger Interessen und der Maximierung kollektiver Interessen entscheiden muss. Auch hier ist es so, dass generell die Maximierung eigennütziger Interessen profitabler ist. Wenn dies aber alle tun, ist das Ergebnis für alle schlechter als wenn jeder die Maximierung kollektiver Interessen verfolgt.
2 96 Student*innen (62 weiblich, 33 männlich, eine ohne Geschlechtsangabe)
3 mit jemand im Wettbewerb stehend
4 Die Differenz zwischen dem eigenen Gewinn und dem Gewinn des anderen ist hier im Vergleich zu Option A und B am größten.
5 In den Ergebnissen wurden die beiden letztgenannten Gruppen als egoistische Wertorientierung zusammengefasst (siehe Abbildung).
6 Verteilungsverhalten der Probanden bezüglich des Geldes innerhalb der Gruppe
7 in Southampton
8 bewusst gemacht, hervorgehoben
9 Öffentliche Güter: Beispiele sind etwa Frieden, Deiche, Leuchttürme, Straßenbeleuchtung oder Klima.
10 Die Teilnehmer saßen dabei ohne direkten Kontakt zu anderen Teilnehmern einzeln am Computer; es wurde eine Runde gespielt.
11 von Turner und Mitarbeiter (1987) vorgestellte Theorie: Ein wichtiger Begriff der Selbst-Kategorisierungstheorie ist das Selbstkonzept, das definiert werden kann als „ein Set von einer Person zugänglichen kognitiven Repräsentationen des Selbst“ (Turner et al., 1987, 44). Kognitive Repräsentationen sind dabei in Form von Kategorisierungen organisiert, die sich aus Ähnlichkeiten innerhalb einer Klasse und Unterschieden zwischen den Klassen ableiten.
3. Prüfen Sie, ob sich eine egoistische Werthaltung bei einer Person mithilfe des eigenschaftstheoretischen Ansatzes der Persönlichkeit (big five) erfassen lässt, und nehmen Sie Stellung dazu, ob eine Organisation auf derartige Personen verzichten sollte. [26 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Prüfen Sie, ob sich eine egoistische Werthaltung bei einer Person mithilfe des eigenschaftstheoretischen Ansatzes der Persönlichkeit (big five) erfassen lässt, und nehmen Sie Stellung dazu, ob eine Organisation auf derartige Personen verzichten sollte.
Lösung: Kritische Prüfung der Erfassbarkeit von Egoismus über die Big Five (Fokus auf niedrige Verträglichkeit) sowie differenzierte Stellungnahme zur Beschäftigung egoistischer Mitarbeiter in Organisationen.
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