Aufgabe 2 - Quantenobjekte · Abitur NRW Physik LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Quantenobjekte · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabe: Welleneigenschaften von Farbstoffmolekülen

Aufgabenstellung:

Aufgabe: Welleneigenschaften von Farbstoffmolekülen

Teilaufgabe 1: Materiewellen

a) Die Abbildungen 1a und 1b zeigen Momentaufnahmen aus einer Simulation zur Ausbreitung von Wellen. In Abbildung 1a trifft eine von links einlaufende ebene Welle der Wellenlänge λ\lambda auf einen Spalt der Breite b≈λb \approx \lambda. In Abbildung 1b ist hingegen b>λb > \lambda.

• Nennen Sie die Aussagen des Huygens’schen Prinzips.

• Erläutern Sie unter Verwendung des Huygens’schen Prinzips, wie sich die Wellen hinter dem jeweiligen Spalt ausbreiten, und berücksichtigen Sie dabei besonders das Phänomen der Beugung.

b) Nach de Broglie kann man jedem Objekt der Masse mm, das sich mit der Geschwindigkeit vv bewegt, die Wellenlänge λ=hm⋅v\lambda = \frac{h}{m \cdot v} zuordnen, wobei hh das Planck’sche Wirkungsquantum ist.

• Berechnen Sie die Wellenlänge λ\lambda, die einem H2\mathrm{H_2}-Molekül der Masse m=3,32⋅10−27 kgm = 3{,}32 \cdot 10^{-27}\text{ kg} mit der Geschwindigkeit v=200 m/sv = 200\text{ m/s} zugeordnet werden kann.

Im Gegensatz zu Lichtwellen sind bei Beugungsexperimenten mit Materiewellen materiefreie Spaltöffnungen erforderlich.

• Geben Sie einen Grund dafür an, warum die Spaltöffnungen frei von Materie sein müssen.

• Erläutern Sie anhand der Abbildungen 1a und 1b, weshalb nach der De-Broglie-Beziehung Welleneigenschaften von Materie nur bei Objekten mit sehr kleiner Masse mm deutlich beobachtbar sein können.

c) De Broglie gewann die Beziehung λ=hm⋅v\lambda = \frac{h}{m \cdot v} im Kern, indem er die seit Einstein bekannte Gleichung λPh=hmPh⋅c\lambda_{\mathrm{Ph}} = \frac{h}{m_{\mathrm{Ph}} \cdot c} für Photonen (mit c=vPhc = v_{\mathrm{Ph}}) auf Objekte mit Masse und der Geschwindigkeit v<cv < c übertrug.

Leiten Sie die Einstein’sche Gleichung λPh=hmPh⋅c\lambda_{\mathrm{Ph}} = \frac{h}{m_{\mathrm{Ph}} \cdot c} für Photonen her.

Teilaufgabe 2: Ein Interferenzexperiment mit Farbstoffmolekülen

2012 untersuchte eine internationale Forschergruppe an der Universität Wien in einem beeindruckenden Experiment die quantenmechanische Wellennatur massereicher Farbstoffmoleküle. In Abbildung 2 ist der grundsätzliche Aufbau der Apparatur dargestellt.

In einer Vakuumkammer trifft ein horizontaler Strahl von Farbstoffmolekülen gleicher Geschwindigkeit auf ein Beugungsgitter mit der Gitterkonstante g=100 nmg = 100\text{ nm}. Am Ende der Apparatur gelangen die Moleküle auf eine Detektorplatte im Abstand a=564 mma = 564\text{ mm} hinter dem Gitter, wo ein Laser sie zum Leuchten anregt. Eine Kamera mit vorgesetztem Farbfilter nimmt das Interferenzbild auf der Detektorplatte auf.

a) Erläutern Sie qualitativ, wie die Interferenzmaxima auf der Detektorplatte zustande kommen.

b) Für den Abstand dnd_n des Maximums nn-ter Ordnung zum Maximum nullter Ordnung gilt mit der Kleinwinkelnäherung sin⁡(α)≈tan⁡(α)\sin(\alpha) \approx \tan(\alpha) folgender Zusammenhang:dn=n⋅λ⋅agd_n = \frac{n \cdot \lambda \cdot a}{g}Hierbei ist λ\lambda die den Farbstoffmolekülen zugeordnete Wellenlänge.

Leiten Sie diesen Zusammenhang unter Verwendung einer aussagekräftigen Skizze her.

c) In einem ersten Versuch haben die Farbstoffmoleküle die Geschwindigkeit v=150 m/sv = 150\text{ m/s}. Abbildung 3 gibt die auf der Detektorplatte gemessene Intensitätsverteilung des Interferenzmusters wieder.

• Bestimmen Sie die Masse mm der Farbstoffmoleküle im Experiment mithilfe von Abbildung 3, des Zusammenhangs aus Aufgabenteil b) und der De-Broglie-Beziehung.

Die Geschwindigkeit vv der eingesetzten Farbstoffmoleküle schwankt geringfügig um den oben genannten Wert, es liegt also eine Streuung Δv\Delta v vor.

• Erläutern Sie, wie sich die beiden Maxima erster Ordnung verändern, wenn man die Streuung Δv\Delta v verkleinern könnte.

d) Abbildung 4 zeigt vier Momentaufnahmen aus dem Video, das die Kamera während der Versuchsdurchführung aufgenommen hat. Zu sehen ist jeweils der gleiche Ausschnitt der Detektorplatte zu verschiedenen aufeinanderfolgenden Zeitpunkten t1<t2<t3<t4t_1 < t_2 < t_3 < t_4.

Beschreiben Sie die zeitliche Entwicklung des Interferenzmusters.

e) In einer abgewandelten Variante des Experiments haben die Farbstoffmoleküle stark unterschiedliche Geschwindigkeiten: Im Strahl kommen alle Geschwindigkeiten vv zwischen einem Minimalwert vmin⁡v_{\min} und einem Maximalwert vmax⁡v_{\max} vor. Abbildung 5 stellt das gesamte Interferenzmuster auf der Detektorplatte dar. Der Pfeil gibt die Richtung der Gravitationskraft FGF_{\mathrm{G}} an, die auf die Moleküle wirkt.

In der Veröffentlichung des Fotos schreiben die Forschenden: „Wir können [...] die Geschwindigkeit der Moleküle ableiten, da die Beugung den Molekülstrahl in horizontaler Richtung ausbreitet und die Gravitationskraft dazu führt, dass die Höhe hh auf der Detektorplatte von der Geschwindigkeit vv des Moleküls abhängt.“

• Erklären Sie unter Heranziehung des Zitats, warum die Interferenzstreifen der Maxima erster Ordnung nicht parallel verlaufen.

• Weisen Sie mithilfe von Abbildung 5 nach, dass die Geschwindigkeit vmax⁡v_{\max} der schnellsten Moleküle ungefähr doppelt so groß ist wie die Geschwindigkeit vmin⁡v_{\min} der langsamsten Moleküle.

• Beschreiben Sie das Muster, das sich bei Durchführung des Versuchs unter Schwerelosigkeit zeigen würde.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Quantenobjekte · Abitur NRW Physik LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Teilaufgabe 1 a) Nennen Sie die Aussagen des Huygens’schen Prinzips. Erläutern Sie unter Verwendung des Huygens’schen Prinzips, wie sich die Wellen hinter dem jeweiligen Spalt ausbreiten, und berücksichtigen Sie dabei besonders das Phänomen der Beugung.

Lösung: Jeder Punkt einer bestehenden Wellenfront ist Ausgangspunkt einer Elementarwelle, die sich mit derselben Geschwindigkeit und Frequenz ausbreitet wie die ursprüngliche Wellenfront im betreffenden Medium. Die Einhüllende aller Elementarwellen ergibt die Wellenfront zu einem späteren Zeitpunkt. Die Abbildungen 1a und 1b zeigen, dass sich die Welle in den geometrischen Schattenraum hinter dem Spalt ausbreitet. Dieses Phänomen wird als Beugung bezeichnet. In Abbildung 1a breitet sich die Welle hinter dem Spalt kreisförmig aus, die Beugung der Welle ist deutlich sichtbar. Der Spalt kann als Ausgangspunkt einer einzigen Elementarwelle aufgefasst werden, die sich hinter dem Spalt ausbreitet. In Abbildung 1b breitet sich die Welle in der ursprünglichen Richtung aus, an den Rändern dringt sie jedoch im Bogen in den „Schatten“ ein, die Beugung der Welle ist weniger deutlich sichtbar. In dem Spalt breiten sich von mehreren Punkten Elementarwellen aus, deren Einhüllende eine ebene Wellenfront mit kreisförmigen Ausläufern bildet.

Teilaufgabe 1 b) Berechnen Sie die Wellenlänge λ\lambda für ein H2\mathrm{H_2}-Molekül der Masse m=3,32⋅10−27 kgm = 3{,}32 \cdot 10^{-27}\text{ kg} und der Geschwindigkeit v=200 m/sv = 200\text{ m/s}.

Lösung: 9,98⋅10−10 m≈1 nm9{,}98 \cdot 10^{-10}\text{ m} \approx 1\text{ nm}

Teilaufgabe 1 b) Geben Sie einen Grund dafür an, warum die Spaltöffnungen frei von Materie sein müssen.

Lösung: Teilchen können feste Materie aufgrund von Stößen mit den Gitteratomen nicht wechselwirkungsfrei durchdringen. Lediglich im Vakuum wird ein Teilchenstrahl nicht gestreut, daher müssen die Spalte materiefrei sein.

Teilaufgabe 1 b) Erläutern Sie anhand der Abbildungen 1a und 1b, weshalb nach der De-Broglie-Beziehung Welleneigenschaften von Materie nur bei Objekten mit sehr kleiner Masse mm deutlich beobachtbar sein können.

Lösung: Gemäß den Abbildungen 1a und 1b tritt das Phänomen der Beugung nur dann deutlich in Erscheinung, wenn die Breite des verwendeten Spalts in etwa so groß wie die Wellenlänge ist. Die einem Objekt zugeordnete Wellenlänge ist antiproportional zum Produkt m⋅vm \cdot v. Bereits bei einem sehr massearmen (und langsamen) H2\mathrm{H_2}-Molekül liegt sie im unteren Nanometerbereich. Einem wesentlich massereicheren Objekt wird folglich eine wesentlich kleinere Wellenlänge zugeordnet. Dementsprechend wird auch ein wesentlich kleinerer materiefreier Spalt benötigt, der aufgrund des atomaren Aufbaus von Materie nicht realisierbar ist.

Teilaufgabe 1 c) Leiten Sie die Einstein’sche Gleichung λPh=hmPh⋅c\lambda_{\mathrm{Ph}} = \frac{h}{m_{\mathrm{Ph}} \cdot c} für Photonen her.

Lösung: Die Gleichung EPh=h⋅fE_{\mathrm{Ph}} = h \cdot f gibt die Energie eines Photons an, wobei ff die Frequenz der elektromagnetischen Strahlung bedeutet. Mit f=cλPhf = \frac{c}{\lambda_{\mathrm{Ph}}} und der Energie-Masse-Äquivalenz E=m⋅c2E = m \cdot c^2 folgt: mPh⋅c2=h⋅cλPhm_{\mathrm{Ph}} \cdot c^2 = h \cdot \frac{c}{\lambda_{\mathrm{Ph}}} wobei mPhm_{\mathrm{Ph}} die dem Photon zugeordnete Masse bezeichnet. Umformen liefert: λPh=hmPh⋅c\lambda_{\mathrm{Ph}} = \frac{h}{m_{\mathrm{Ph}} \cdot c}

Teilaufgabe 2 a) Erläutern Sie qualitativ, wie die Interferenzmaxima auf der Detektorplatte zustande kommen.

Lösung: Die Spalte des Beugungsgitters sind Ausgangspunkte von Elementarwellen, die im Raumbereich hinter dem Gitter interferieren. Auf der Detektorplatte treten sehr helle Bereiche mit vielen Farbstoffmolekülen dort auf, wo konstruktive Interferenz aller Elementarwellen stattfindet. Zwischen diesen Bereichen findet weitestgehend destruktive Interferenz der Elementarwellen statt, sodass dort dunkle Bereiche ohne Farbstoffmoleküle auftreten.

Teilaufgabe 2 b) Leiten Sie den Zusammenhang dn=n⋅λ⋅agd_n = \frac{n \cdot \lambda \cdot a}{g} unter Verwendung einer aussagekräftigen Skizze her.

Lösung: Da bei einem Maximum alle Elementarwellen konstruktiv interferieren, müssen insbesondere die Elementarwellen zweier benachbarter Spalte konstruktiv interferieren. Wegen g≪ag \ll a sind die beiden Strecken S1P‾\overline{S_1 P} und S2P‾\overline{S_2 P} näherungsweise parallel. Der Winkel αn\alpha_n, unter dem das Maximum nn-ter Ordnung beobachtet werden kann, taucht daher auch in dem grau unterlegten Dreieck auf, bei dem eine Seitenlänge dem Gangunterschied Δs\Delta s entspricht. Mit sin⁡(αn)=Δsg\sin(\alpha_n) = \frac{\Delta s}{g} und tan⁡(αn)=dna\tan(\alpha_n) = \frac{d_n}{a} sowie der Kleinwinkelnäherung folgt: Δsg=dna\frac{\Delta s}{g} = \frac{d_n}{a} Mit der Bedingung Δs=n⋅λ\Delta s = n \cdot \lambda mit n=0,1,2,…n = 0, 1, 2, \dots für konstruktive Interferenz erhält man: n⋅λg=dnabzw.dn=n⋅λ⋅ag\frac{n \cdot \lambda}{g} = \frac{d_n}{a} \quad \text{bzw.} \quad d_n = \frac{n \cdot \lambda \cdot a}{g}

Teilaufgabe 2 c1) Bestimmen Sie die Masse mm der Farbstoffmoleküle im Experiment mithilfe von Abbildung 3, des Zusammenhangs aus Aufgabenteil b) und der De-Broglie-Beziehung.

Lösung: 8,9⋅10−25 kg/536 u8{,}9 \cdot 10^{-25}\text{ kg} / 536\text{ u}

Teilaufgabe 2 c2) Erläutern Sie, wie sich die beiden Maxima erster Ordnung verändern, wenn man die Streuung Δv\Delta v verkleinern könnte.

Lösung: Die Streuung der Geschwindigkeit Δv\Delta v führt gemäß der Gleichung d1=1⋅h⋅ag⋅m⋅vd_1 = \frac{1 \cdot h \cdot a}{g \cdot m \cdot v} zu einer Streuung Δd1\Delta d_1 bei dem Abstand des Maximums erster Ordnung von dem Maximum nullter Ordnung. Eine Verringerung von Δv\Delta v vermindert demnach Δd1\Delta d_1. Dies hat zur Folge, dass die beiden Maxima erster Ordnung schmaler werden.

Teilaufgabe 2 d) Beschreiben Sie die zeitliche Entwicklung des Interferenzmusters.

Lösung: Zu Beginn scheinen die Farbstoffmoleküle völlig zufällig und ungeordnet auf die Detektorplatte zu treffen. Doch nach und nach wird deutlich, dass es bestimmte Bereiche auf der Detektorplatte gibt, die häufiger von Farbstoffmolekülen getroffen werden als andere. Mit der Zeit erkennt man das bekannte Interferenzmuster.

Teilaufgabe 2 e1) Erklären Sie unter Heranziehung des Zitats, warum die Interferenzstreifen der Maxima erster Ordnung nicht parallel verlaufen.

Lösung: Dem Zitat kann entnommen werden, dass in einer vorgegebenen Höhe hh nur Farbstoffmoleküle einer bestimmten Geschwindigkeit vv auftreffen. Da der Abstand d1d_1 des Maximums erster Ordnung vom Maximum nullter Ordnung von der Wellenlänge und damit von der Geschwindigkeit der Farbstoffmoleküle abhängt, ergeben sich in unterschiedlichen Höhen verschiedene Werte für d1d_1. Damit verlaufen die zugehörigen Interferenzstreifen bei beiden Maxima erster Ordnung nicht parallel.

Teilaufgabe 2 e2) Weisen Sie mithilfe von Abbildung 5 nach, dass die Geschwindigkeit vmax⁡v_{\max} der schnellsten Moleküle ungefähr doppelt so groß ist wie die Geschwindigkeit vmin⁡v_{\min} der langsamsten Moleküle.

Lösung: Die langsamsten Farbstoffmoleküle treffen am unteren Ende der Detektorplatte auf, die schnellsten hingegen am oberen Ende. Der Abstand d1d_1 ist am unteren Ende etwa doppelt so groß wie am oberen Ende. Da d1d_1 antiproportional zu vv ist, bedeutet das vmax⁡≈2⋅vmin⁡v_{\max} \approx 2 \cdot v_{\min}.

Teilaufgabe 2 e3) Beschreiben Sie das Muster, das sich bei Durchführung des Versuchs unter Schwerelosigkeit zeigen würde.

Lösung: Bei einer Versuchsdurchführung in Schwerelosigkeit würden alle Farbstoffmoleküle in der gleichen Höhe am oberen Rand der Detektorplatte auftreffen. Die meisten Farbstoffmoleküle würden dort in der Mitte detektiert, zu den Rändern nach links und rechts hin würde die Anzahl an detektierten Farbstoffmolekülen abnehmen.

Skizze zur Herleitung (Aufgabe 2b)

Lösung: Skizze mit optischem Gitter (Spaltabstand g), Detektorschirm im Abstand a, Ablenkwinkel alpha und Gangunterschied Delta s = g * sin(alpha) sowie Schirmabstand d_n = a * tan(alpha).

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