Aufgabe 4 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Staatslegitimation: Gemeinschaft und Gesellschaftsvertrag · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Grundkurs

Aufgabenstellung 4

Materialgrundlage

Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten (um 1265). Stuttgart: Reclam 1971, S. 5–9 (gekürzter Textausschnitt).

1 Ich möchte [...] den Ursprung königlicher Herrschaft und alles, was mit dem Beruf eines Königs verbunden ist, geleitet vom Gebot der Heiligen Schrift, der Erkenntnis der Philosophen und dem Beispiel gepriesener Fürsten, mit aller Sorgfalt entwickeln, soweit mein eigenes Können mich diese Aufgabe erfüllen läßt. [...]

5 Der Mensch nun hat ein Ziel, dem sein ganzes Leben und sein Handeln zustrebt, denn er handelt nach seiner Vernunft, und diese kann offensichtlich nur im Hinblick auf ein Ziel tätig sein. [...]

Es braucht der Mensch also etwas, das ihm den geraden Weg zum Ziel bestimmt. Von Natur aus ist ihm so das Licht der Vernunft eingepflanzt, daß er dadurch in seinem Handeln zum Ziel geführt werde.

10 Wäre es die Bestimmung des Menschen, wie viele Tiere vereinzelt zu leben, würde er keiner anderen Leitung bedürfen, um sein Ziel zu erreichen; ein jeder wäre sein eigener König, und nur Gott würde als höchster Herrscher über ihn gebieten, insoweit er sich selbst durch das ihm geschenkte Licht der Vernunft in seinen Handlungen leiten lassen würde. Es ist aber die natürliche Bestimmung des Menschen, das für gemeinschaftliches und staatliches Leben geschaffene Geschöpf zu sein, das gesellig lebt, weit mehr als alle anderen Lebewesen. Schon die Notwendigkeit der menschlichen Natur gibt dafür die Erklärung. Anderen Geschöpfen hat die Natur die Nahrung bereitgestellt, die Bedeckung der Haare, Mittel zur Verteidigung, wie die Zähne, Hörner, Krallen, oder doch die Möglichkeit geschenkt, sich dem Gegner durch schnelle Flucht zu entziehen. Der Mensch aber ist mit keinem dieser Geschenke der Natur gerüstet, statt ihrer aller ist ihm die Vernunft gegeben, damit er, von ihr geleitet, imstande sei, sie sich selbst durch die Arbeit seiner Hände zu verschaffen. Aber um diese Aufgabe zu erfüllen, reicht die Kraft des einzelnen nicht hin. Auf sich allein gestellt, wäre kein Mensch imstande, das Leben so zu führen, daß er seinen Zweck erreicht. So ist es also der Natur entsprechend, mit vielen gesellig zu leben. [...]

25 Wenn es also der natürlichen Bestimmung des Menschen entspricht, in Gesellschaft mit vielen zu leben, so muß unter den Menschen etwas sein, wodurch die vielen gelenkt werden. Wären nämlich viele Menschen beisammen und jeder nur auf das bedacht, was ihm selbst angemessen erscheint, so würde die Gesellschaft nach entgegengesetzten Richtungen auseinandergeraten, falls nicht eben jemand da wäre, der für das Sorge trägt, was das Wohl der Gesellschaft betrifft. [...]

30 Daß das so geschieht, entspricht ganz unserer Einsicht. Denn das Eigene und das Gemeinsame ist nicht dasselbe. Durch das Eigene entstehen die Unterschiede, durch das Gemeinsame wird alles zur Einheit verbunden. Verschiedene Vorgänge haben aber auch verschiedene Ursachen.

35 Es muß also außer dem, was jeden antreibt, sein Wohl im Auge zu haben, noch etwas anderes geben, das ihn bewegt, das Gemeinwohl der Gesellschaft zu beachten. Denn bei allem, was auf ein bestimmtes Ziel hingeordnet wird, findet sich etwas, das ihm die Richtung bestimmt. [...]

Wenn also eine Gesellschaft von Freien von ihrem Führer auf das Gemeinwohl der Gesellschaft hingelenkt wird, so wird diese Regierung recht und gerecht sein, wie es Freien angemessen ist. Wenn aber die Führung sich nicht das Gemeinwohl der Gesellschaft, sondern den persönlichen Vorteil des Führers zum Ziel setzt, so wird die Herrschaft ungerecht und wider die Natur sein. [...]

45 Wenn nun eine ungerechte Herrschaft durch einen geübt wird, der seinen eigenen Vorteil in der Regierung verfolgt, nicht aber das Wohl der ihm untergebenen Gesellschaft, so wird ein solcher Herrscher Tyrann genannt. Das Wort leitet sich von,Stärke‘ ab, weil er nämlich gleichsam mit Gewalt unterdrückt und nicht durch die Gerechtigkeit regiert. Daher hießen bei den Alten auch alle Mächtigen Tyrannen. [...]

50 Wenn aber die gerechte Herrschaft einem einzigen zusteht, wird dieser im eigentlichen Sinne des Wortes König genannt. So sagt der Herr durch Hesekiel (Kap. 37,24): „Mein Knecht David wird König über alle sein. Und er allein wird ihnen allen ein Hirte sein.“ Hiermit ist deutlich gezeigt, was zu dem Begriff des Königs gehört: einer zu sein, der anderen als Herr vorangesetzt ist und doch wie ein Hirte wirkt, indem er das Gemeinwohl der Gesellschaft, nicht aber seinen eigenen Vorteil im Auge hat.

Zum Autor: Thomas von Aquin (1225–1274) ist einer der einflussreichsten Philosophen und Theologen des Hochmittelalters.

1.

Stellen Sie die Problemfrage, die dem Text zugrunde liegt, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie dessen Argumentationsgang. [26 Punkte]

2.

Vergleichen Sie die Aussagen des Thomas von Aquin mit einer vertragstheoretischen Position, die Sie aus dem Unterricht kennen. Stellen Sie hierfür zunächst die Grundzüge dieser Position dar. [30 Punkte]

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern individuelle Freiheitsrechte (z. B. während Pandemien oder vergleichbarer Gefahrenlagen) mit Verweis auf den Schutz des Gemeinwohls begrenzt werden dürfen. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie die Problemfrage, die dem Text zugrunde liegt, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie dessen Argumentationsgang. (26 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur Textanalyse (Fragestellung, zentrale These, Gedankengang und argumentative Struktur).

2. Vergleichen Sie die Aussagen des Thomas von Aquin mit einer vertragstheoretischen Position, die Sie aus dem Unterricht kennen. Stellen Sie hierfür zunächst die Grundzüge dieser Position dar. (30 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur Darstellung einer Vertragstheorie und zum systematischen Vergleich mit Thomas von Aquin.

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern individuelle Freiheitsrechte (z. B. während Pandemien oder vergleichbarer Gefahrenlagen) mit Verweis auf den Schutz des Gemeinwohls begrenzt werden dürfen. (24 Punkte)

Lösung: Individuelle Beurteilung beider philosophischen Ansätze und begründete Stellungnahme zum Spannungsverhältnis von Freiheit und Gemeinwohlschutz in Krisen.

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