Aufgabe HT 2 - Aufgabe II.2a, c · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · fortgeführt 2023

Thema: Sprachlich-stilistische Mittel und ihre Funktion · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · fortgeführt (2023)

Aufgabenstellung

Text:

Nach dem Bericht des Livius haben die Streitigkeiten zwischen Patriziern und Plebejern in Rom dazu geführt, dass die Plebejer sich weigerten, gegen die anrückenden Volsker zu kämpfen. In dieser Lage hält der patrizische Konsul Quinctius vor der Volksversammlung den Plebejern (vgl. vos victores, Z. 3) vor, dass er und die Patrizier (vgl. victi nos, Z. 2) ihnen zuvor bereits viele Zugeständnisse gemacht hätten. Livius lässt Quinctius danach wie folgt weitersprechen:

1 „Qui finis erit discordiarum? Ecquando unam urbem habere? Ecquando

2 communem hanc esse patriam licebit? Victi nos aequiore animo quiescimus

3 quam vos victores. Satisne est nobis vos metuendos esse? Adversus nos

4 Aventinum capitur, adversus nos Sacer occupatur Mons. Esquiliasque videmus

5 ab hoste prope captas. Et scandentem in aggerem Volscum hostem nemo

6 submovit. In nos viri, in nos armati estis. Agitedum! Ubi hic curiam

7 circumsederitis et forum infestum feceritis et carcerem impleveritis principibus,

8 iisdem istis ferocibus animis egredimini extra Portam Esquilinam! Aut, si ne hoc

9 quidem audetis, ex muris visite agros vestros ferro ignique vastatos, praedam

10 abigi, fumare incensa passim tecta! At enim communis res per haec loco est

11 peiore: Ager uritur, urbs obsidetur, belli gloria penes hostes est. Quid tandem?

12 Privatae res vestrae quo statu sunt? Iam unicuique ex agris sua damna

13 nuntiabuntur.“

2. Nach der Darstellung des Livius versucht Quinctius, der als Konsul und Patrizier auftritt, mit seiner Rede das Verhalten der Plebejer zu beeinflussen.

a)

Nennen und belegen Sie sechs unterschiedliche sprachlich-stilistische Mittel, die Livius bei der Gestaltung der Rede des Quinctius einsetzt. [6 Punkte]

c)

Erläutern Sie anhand von vier Beispielen, welche sprachlich-stilistischen Mittel in diesem Textausschnitt besonders stark dazu beitragen, die Überzeugungsabsicht des Quinctius in der Sprache zu verwirklichen. [8 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Aufgabe II.2a, c · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · fortgeführt 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. a) Nennen und belegen Sie sechs unterschiedliche sprachlich-stilistische Mittel, die Livius bei der Gestaltung der Rede des Quinctius einsetzt. [6 Punkte]

Lösung: Nennung und Beleg von sechs sprachlich-stilistischen Mitteln, z. B.: - Akkumulation von Fragen (*Qui finis ...? Ecquando ... habere? Ecquando ... licebit? ... Satisne est ...?*, Z. 1–3) - Anapher (*Ecquando ...? Ecquando ...?*, Z. 1/2) - Akkumulation von Pronomina der 1. und 2. Person Plural (*nos ... vos*, Z. 1–6 / *vestros*, Z. 9) - Alliteration, Figura Etymologica, Chiasmus, betonte Wortstellung durch kontrastive Anfangs- und Endstellung, Antithese (*Victi nos ... vos victores*, Z. 2/3) - rhetorische Frage (*Satisne est nobis vos metuendos esse?*, Z. 3) - betonte Wortstellung durch Aufeinandertreffen der Pronomina (*nobis vos*, Z. 3) - Anaphern (*Adversus nos ..., adversus nos ... In nos ..., in nos*, Z. 3–6) - Alliterationen (*curiam circumsederitis et forum infestum feceritis*, Z. 6/7) - Akkumulation von Imperativen (*Agitedum! ... egredimini ... visite ...!*, Z. 6–9) - Fülle des Ausdrucks (*iisdem istis ferocibus animis*, Z. 8) - Trikolon (*vastatos ..., abigi, fumare*, Z. 9/10) - Wiederholung des Adjektivs *communis* (vgl. Z. 2 und 10) - Antithese (*communis res ... Privatae res*, Z. 10–12) - Asyndeton, Trikolon und Klimax (*Ager uritur, urbs obsidetur, belli gloria ... est*, Z. 11) - rhetorische Fragen (*Quid tandem? Privatae res vestrae quo statu sunt?*, Z. 11/12)

2. c) Erläutern Sie anhand von vier Beispielen, welche sprachlich-stilistischen Mittel in diesem Textausschnitt besonders stark dazu beitragen, die Überzeugungsabsicht des Quinctius in der Sprache zu verwirklichen. [8 Punkte]

Lösung: Erläuterung an vier Beispielen (jeweils 2 Punkte), z. B.: - Das Ende der inneren Auseinandersetzungen soll vor allem durch die Akkumulation von Fragen und die Anapher (Z. 1) als sehnsuchtsvoll zu erwartendes Ziel erscheinen. - Dabei soll die Akkumulation von Pronomina der 1. und 2. Person Plural einerseits die Spannung der Konfliktparteien aufzeigen, andererseits auf die gemeinsame Basis hinweisen. - Die gemeinsame Basis für die Erhaltung der *patria* verdeutlicht auch die Wiederholung des Adjektivs *communis* – die Antithetik zwischen öffentlichem und privatem Wohlergehen soll aufgelöst werden. - Um die Einheit herzustellen, stellt Livius den Patrizier Quinctius so dar, dass er seine bzw. die Interessen seines Standes dem Gemeinwohl unterordnet. Im Gegenzug wird durch Alliteration, Figura Etymologica, Chiasmus, betonte Wortstellung und Antithese die Bedeutung der Plebejer auch sprachlich-stilistisch stark betont resp. überhöht. - Durch die direkte Ansprache mit akkumulierten Imperativen soll ein unmittelbarer Handlungsimpuls freigesetzt werden. - Die bildliche Darstellung des Geschehens – die Belagerung durch die Volsker – soll durch die gleichsam übersteigerte Drastik der bedrohlichen Situation emotional bewegen. - Hier führen auch die Trikola und die Klimax emotional die Fülle des Verlusts vor Augen, der allen Römern, und d. h. auch den Plebejern, droht: Letztendlich werde auch ihr eigenes Hab und Gut und ihre *gloria* der inneren Auseinandersetzung zum Opfer fallen, so Quinctius.

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