Aufgabe HT 1 - Aufgabe II.3 · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · fortgeführt 2023
Thema: Mythos und Rezeption: Ovid, Metamorphosen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · fortgeführt (2023)
Aufgabenstellung
Augenzeuge
Der Unterweltsherrscher Pluto hat Proserpina, die Tochter von Jupiter und der Göttin Ceres, entführt und zu seiner Frau und zur Königin im Totenreich gemacht. Nachdem Ceres das Schicksal ihrer Tochter erfahren hat, bittet sie Jupiter um Hilfe, damit die gemeinsame Tochter in den himmlischen Olymp (vgl. caelum V. 2) heimkehren kann. Jupiter verspricht Ceres, die Trennung (vgl. discidii, V. 2) Proserpinas von Pluto zu unterstützen, knüpft dies jedoch an eine Bedingung:
1 „Sed tanta cupido
2 si tibi discidii est, repetet Proserpina caelum,
3 lege tamen certa, si nullos contigit illic
4 ore cibos. Nam sic Parcarum foedere cautum est.“
5 Dixerat. At Cereri certum est educere natam.
6 Non ita fata sinunt, quoniam ieiunia virgo
7 solverat et – cultis dum simplex errat in hortis –
8 puniceum curva decerpserat arbore pomum
9 sumptaque pallenti septem de cortice grana
10 presserat ore suo. Solusque ex omnibus illud
11 Ascalaphus vidit. – Quem quondam dicitur Orphne,
12 inter Avernales haud ignotissima nymphas,
13 ex Acheronte suo silvis peperisse sub atris. –
14 Vidit et indicio reditum crudelis ademit.
15 Ingemuit regina Erebi testemque profanam
16 fecit avem sparsumque caput Phlegethontide lympha
17 in rostrum et plumas et grandia lumina vertit.
18 Ille sibi ablatus fulvis amicitur in alis
19 inque caput crescit longosque reflectitur ungues
20 vixque movet natas per inertia bracchia pennas.
21 Foedaque fit volucris: venturi nuntia luctus,
22 ignavus bubo, dirum mortalibus omen.
3. Eine Ovid-Ausgabe des 17. Jahrhunderts enthält Holzschnitte von Johann Ulrich Krauß, die einzelne Erzählungen Ovids bebildern.
a)
Belegen Sie anhand der bildlichen Darstellung (Zusatzmaterial) drei Aspekte, die auch die Erzählung des lateinischen Textes enthält. [10 Punkte]
b)
Weisen Sie zwei Unterschiede, die sich aus der Besonderheit der beiden jeweils gewählten Medien „ Bild “ und „ Text “ ergeben, nach. [8 Punkte]
c)
Erläutern Sie, inwieweit sich Ihr Verständnis durch das Zusammenspiel von erzählendem Text und Bild verändert hat. [6 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
a) Belegen Sie anhand der bildlichen Darstellung (Zusatzmaterial) drei Aspekte, die auch die Erzählung des lateinischen Textes enthält.
Lösung: Mögliche Belege (mindestens drei): - *regina Erebi* (V. 15): In der Bildmitte ist eine weibliche Figur mit offenen, wehenden Haaren und einer Krone im Halbprofil dargestellt. - *sparsumque caput Phlegethontide lympha* (V. 16): Aus der linken Hand der weiblichen Figur fließt Wasser auf den Kopf der zweiten zentralen Figur. - *in rostrum et plumas et grandia lumina* (V. 17): Die Figur besitzt weitgehend vogelartige Gestalt mit Schnabel, Federn und großen Augen (nur ein Fuß wirkt noch menschlich). - *amicitur in alis* (V. 18): Die Federn bzw. Flügel des Wesens sind weit gespreizt. - *inque caput crescit* (V. 19): Der Kopf ist überproportional groß. - *vixque movet natas per inertia bracchia pennas* (V. 20): Trotz offener Flügel befindet sich das Wesen schwerfällig am Boden.
b) Weisen Sie zwei Unterschiede nach, die auf den Eigenheiten der beiden Medien „Bild“ und „Text“ beruhen.
Lösung: Mögliche Unterschiede (zwei anführen): - Konkrete Benennung vs. Erschließung: Der Text benennt die Akteure explizit (*Proserpina*, *regina Erebi*, *Ascalaphus*) und schildert ihr Handeln kausal; im Bild muss die Identität aus Attributen (Krone, Unterweltskulisse) bzw. durch Textkenntnis erschlossen werden. - Äußere vs. innere Wandlung: Das Bild zeigt den momentanen Zustand der äußeren Verwandlung; die innere Dimension, Vorgeschichte und die magisch-strafende Qualität des Phlegethon-Wassers vermittelt erst der Text. - Rahmenhandlung und Kausalität: Der Text entfaltet Vorgeschichte, Motive und Bedingungen Jupiters (*repetet Proserpina caelum...*); das Bild blendet die Rahmenhandlung aus und konzentriert sich ganz auf den dramatischen Höhepunkt der Metamorphose. - Mediale Gestaltungsmittel: Ovid nutzt poetische, syntaktische und lautmalerische Mittel (z. B. Hyperbata, Spondeen); das Bild nutzt bildkünstlerische Mittel wie Licht/Schatten, Hintergrundstaffelung (Höllenräume), Körperhaltung und Größenproportionen.
c) Erläutern Sie, inwieweit sich Ihr Verständnis durch das Zusammenspiel von erzählendem Text und Bild verändert hat.
Lösung: Erläuterung aus Schülerperspektive (eine der folgenden Stoßrichtungen oder Kombination): - Unterstützender Verstehensprozess: Das Bild veranschaulicht den Prozess der Metamorphose und macht die einzelnen Stadien (Mischwesen, Begießen mit Wasser) plastisch fassbar; der lateinische Text wiederum dechiffriert das Bild und liefert Namen und Bedeutung nach. - Kritische/Einschränkende Sicht: Das Bild erleichtert das Textverständnis nur bedingt, da wesentliche Kausalitäten (der Granatapfel, die Aussage des Askalaphus als Denunziation) sowie die düstere Bewertung als Unheilsbote (*dirum omen*) rein visuell nicht erfasst werden. - Vertieftes Situationsverständnis: Die Höhlenszenerie des Bildes visualisiert eindrücklich die Unterwelt, in die Proserpina verbannt bleibt, und macht die Tragik sowie den Zorn der Göttin über Askalaphus' Verrat unmittelbar emotional verständlich.
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