Aufgabe HT 2 - Aufgabe II.3 · Abitur NRW Latein LK · Haupttermin · fortgeführt 2023
Thema: Epos und Romidee: Vergil, Aeneis · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · fortgeführt (2023)
Aufgabenstellung
Text:
Trojaner und Rutuler bekämpfen sich bereits seit längerem. Als Aeneas sein Lager verzweifelt gegen die Männer des Turnus verteidigt, trifft ihn ein Pfeil, sodass er den Kampf nicht fortsetzen kann. Zunächst scheitert sein betagter Leibarzt Iapyx daran, die Pfeilspitze ( sagitta, V. 4) mit der Hand aus der tiefen Wunde zu ziehen und die Blutung zum Stillstand zu bringen. Daraufhin verzaubert Venus unbemerkt das Wasser ( lympha, V. 1), mit dem Iapyx, ohne es zu ahnen, die Wunde ( vulnus, V. 1) auswäscht.
1 Fovit ea vulnus lympha longaevus Iapyx
2 ignorans subitoque omnis de corpore fugit
3 quippe dolor, omnis stetit imo vulnere sanguis.
4 Iamque secuta manum nullo cogente sagitta
5 excidit, atque novae rediere in pristina vires.
6 „Arma citi properate viro! Quid statis?“, Iapyx
7 conclamat primusque animos accendit in hostem.
8 „Non haec humanis opibus, non arte magistra
9 proveniunt, neque te, Aenea, mea dextera servat:
10 Maior agit, deus, atque opera ad maiora remittit.“
11 Ille avidus pugnae suras incluserat auro
12 hinc atque hinc oditque moras hastamque coruscat.
13 Postquam habilis lateri clipeus loricaque tergo est,
14 Ascanium fusis circum complectitur armis
15 summaque per galeam delibans oscula fatur:
16 „Disce, puer, virtutem ex me verumque laborem,
17 fortunam ex aliis. Nunc te mea dextera bello
18 defensum dabit et magna inter praemia ducet.
19 Tu facito, mox cum matura adoleverit aetas,
20 sis memor et te animo repetentem exempla tuorum
21 et pater Aeneas et avunculus excitet Hector.“
22 Haec ubi dicta dedit, portis sese extulit ingens
23 telum immane manu quatiens; simul agmine denso
24 Antheusque Mnestheusque ruunt, omnisque relictis
25 turba fluit castris. Tum caeco pulvere campus
26 miscetur pulsuque pedum tremit excita tellus.
27 Vidit ab adverso venientes aggere Turnus,
28 videre Ausonii, gelidusque per ima cucurrit
29 ossa tremor.
Übersetzungshilfen:
V. 1 · fovere, foveo, fovi, fotum · auswaschen
· lympha, -ae f. · hier: = aqua, -ae f. (siehe Einleitung)
V. 1 u. 6 · Iapyx, Iapygis m. · Iapyx (Aeneas’ Leibarzt siehe Einleitung)
V. 3 · imus, -a, -um · tief
V. 4 · nullo cogente · von alleine
V. 5 · rediere · = redierunt
· in pristina · in den alten Zustand
V. 6 · properare, propero, properavi, properatum · hier: = apportare
V. 7 · conclamat · = clamat
· in ( mit Akk.) · = contra ( mit Akk.)
V. 8 · magister, magistra, magistrum · erlernt
V. 9 u. 21 · Aenēās, Aenēae m.
Vokativ: Aenēā · Aeneas
V. 9 · dextera · = manus dextera
V. 10 · agere, ago, egi, actum · hier: am Werk sein
· remittit · Ergänzen Sie: te.
V. 11 · sura, -ae f. · Wade (Teil des Unterschenkels)
· aurum, -i n. · hier: Beinschienen aus Gold
V. 12 · hinc atque hinc · links und rechts
V. 13 · habilis, -e esse ( mit Dat.)
esse, sum, fui · bequem sitzen an etwas
· latus, lateris n. · Seite (des Körpers)
V. 14 · Ascanius, -i m. · Ascanius (Sohn des Aeneas)
· fusis circum … armis · hier: in voller Rüstung
V. 15 · summa oscula, summorum osculorum n. · hier: ein flüchtiger Kuss
· galea, ae f. · hier: das Visier (des Helms)
· delibare, delibo, delibavi, delibatum · hier: = dare
V. 17 · fortuna, -ae f. · (persönliches) Glück
V. 18 · defensum dabit · = defendet
· inter · hier: = ad
· praemium, -i n. · hier: Heldentat
V. 19 – 21 · „… Tu facito, mox cum matura adoleverit aetas, sis memor et te … excitet …“ · Fügen Sie folgende Passage in Ihre Übersetzung ein:
„… Sieh du zu, dass, wenn du bald herangewachsen bist, du dich erinnerst und dass dich … antreibt …“
V. 20 · animo repetere ( mit Akk.)
repetere, repeto, repetivi, repetitum · sich vergegenwärtigen
V. 21 · Hector, -oris m. · Hektor (Held der Trojaner)
V. 22 · sese efferre ( mit Abl.)
efferre, effero, extuli, elatum · heraustreten vor etwas
V. 23 · quatere, quatio, quassi, quassum · schwingen
V. 24 · Antheusque Mnestheusque · = et Antheus et Mnestheus (Gefährten des Aeneas)
· ruere, ruo, rui, rutum · losstürmen
V. 25 · fluere, fluo, fluxi, fluxum · vorwärtsströmen
· caecus, -a, -um · dunkel
V. 26 · excita tellus · = territa tellus
V. 27 · agger, aggeris m. · = vallum, i n.
· Turnus, -i m. · Turnus (Anführer der Rutuler)
V. 28 · videre · = viderunt
· Ausonii, Ausoniorum m. · Ausonier (Gemeint sind die Rutuler, die Einwohner von Latium)
V. 28/29 · per ima … ossa · tief durch die Glieder
Verse 8 bis 10 für die metrische Analyse:
V. 8 „Non haec humanis opibus, non arte magistra
V. 9 proveniunt, neque te, Aenea, mea dextera servat:
V. 10 Maior agit, deus, atque opera ad maiora remittit.“
Hinweis: Beachten Sie für die metrische Analyse von V. 9 auch die Hilfe zu Aeneas (V. 9: Aenēās, Vokativ Aenēā).
3. In den vorliegenden Reden stellt Vergil dem Leser Angebote bereit, das Geschehen zu deuten und in einen übergeordneten Zusammenhang einzuordnen.
a)
Untersuchen Sie, auf welche Weise Iapyx in den Versen 6 – 10 sich selbst und Aeneas die Ereignisse und deren Bedeutung deutet. (6 Punkte)
b)
Arbeiten Sie heraus, welches Selbstverständnis Aeneas in seiner Rede in den Versen 16 – 21 erkennen lässt. (8 Punkte)
c)
Weisen Sie mithilfe Ihres Unterrichtswissens und unter Rückgriff auf Ihre Ergebnisse aus Teilaufgabe 3 a) und b) nach, welche Leitmotive der Aeneis in diesen Reden wieder auftauchen. Gehen Sie auf zwei Leitmotive ein. (8 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
a) Untersuchen Sie, auf welche Weise Iapyx in den Versen 6 – 10 sich selbst und Aeneas die Ereignisse und deren Bedeutung deutet.
Lösung: Ausführung zur Deutung durch Iapyx: - Der Arzt Iapyx verneint, dass die Heilung aufgrund seiner eigenen menschlichen Kräfte und seiner Kunstfertigkeit erfolgen konnte (*Non haec humanis opibus, non arte magistra proveniunt, neque te, Aenea, mea dextera servat*, V. 8/9). - Er folgert daraus, dass es in seinem medizinischen Handeln Unterstützung durch göttliche Kräfte gegeben habe (*Maior agit, deus*, V. 10). - Iapyx begründet so seine Aufforderung zu Beginn (*Arma citi properate viro!*, V. 6) und die Notwendigkeit der sofortigen Rückkehr des Aeneas in den Kampf (*opera ad maiora remittit*, V. 10).
b) Arbeiten Sie heraus, welches Selbstverständnis Aeneas in seiner Rede in den Versen 16 – 21 erkennen lässt.
Lösung: Ausführung zum Selbstverständnis des Aeneas: - Es gehört zum Selbstverständnis des Aeneas, durch Tapferkeit und Anstrengung seine Ziele zu erreichen (*virtutem ex me verumque laborem*, V. 16). - Er besitzt ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein (*pietas*) gegenüber den Seinen und Schutzbedürftigen (*Nunc te mea dextera bello defensum dabit*, V. 17/18). - Er ist zuversichtlich, dass sein Handeln zum Erfolg führen wird (*magna inter praemia ducet*, V. 18). - Er glaubt fest an eine Zukunft für seinen Sohn (*mox cum matura adoleverit aetas*, V. 19). - Er ist von der Richtigkeit seines eigenen Handelns überzeugt und stellt es in die Reihe mit dem anderer (vgl. *exempla tuorum*, V. 20) – hier namentlich Hector, V. 21 –, da er es als Orientierung und Vorbild für seinen Sohn darstellt (*sis memor ... excitet*, V. 20/21). Darüber hinaus verweist er auch auf weitere Modelle für das richtige Handeln aus seiner Verwandtschaft (*exempla tuorum ... Hector*, V. 20/21). - Sein Selbstbewusstsein zeigt sich auch darin, dass er sich auf eine Stufe mit dem großen trojanischen Helden Hektor stellt (*et pater Aeneas et avunculus excitet Hector*, V. 21).
c) Weisen Sie mithilfe Ihres Unterrichtswissens und unter Rückgriff auf Ihre Ergebnisse aus Teilaufgabe 3 a) und b) nach, welche Leitmotive der Aeneis in diesen Reden wieder auftauchen. Gehen Sie auf zwei Leitmotive ein.
Lösung: Nachweis an zwei Leitmotiven (z. B.): - pietas / fatum: Aeneas wird von Vergil durchgehend als ein Vorbild an *pietas* dargestellt. Dieses Leitmotiv zeigt sich u. a. darin, dass er die Heilung wortlos als gottgegeben akzeptiert und unmittelbar bestrebt ist, sein *fatum* zu erfüllen, nämlich tapfer kämpfend für die Seinen einen Platz zum Leben zu erobern (*portis sese extulit ingens telum immane manu quatiens*, V. 22/23). Dabei versteht er sich als *exemplum* für seinen Sohn (*Disce, puer, virtutem...*, V. 16; *te... exempla tuorum... excitet*, V. 20/21) und für alle Römer. - Verzicht auf persönliches Glück zugunsten des fatum: Die Erfüllung seines *fatum* erfordert den Verzicht auf persönliches Glück (wie in der Dido-Episode). Er sieht sich bezüglich der *fortuna* nicht als Vorbild (*fortunam ex aliis*, V. 16/17). - Heldenepos / Waffen und der Mann: Bereits das Proömium kündigt den Gesang über Waffen und Mann an (*Arma virumque cano*, Aen. I 1). Dieselben Begriffe ertönen hier bei der Bewaffnung durch Iapyx (*Arma citi properate viro!*, V. 6; *Nunc te mea dextera bello defensum dabit*, V. 17/18). - Leid und Mühe des Helden (virtus und labor): Das Leitmotiv der schweren Prüfungen spiegelt sich in Vers 16 (*virtutem ex me verumque laborem*). - Römische Sendung / Prophezeiung des Anchises: Die Unterweltsweissagung des Anchises (*parcere subiectis et debellare superbos*, Aen. VI 853) erfordert den Sieg über Turnus und die Rutuler zur Begründung des künftigen Reiches (*magna inter praemia ducet*, V. 18).
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