Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2: Biblisches Reden von Gott · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2023

Thema: Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

M 1

Peter Knauer*: Erlösung aus der Theodizeefrage

1 In der sogenannten Theodizeefrage geht es um die „Rechtfertigung Gottes“: Wie kann ein angeblich „allmächtiger“ und zugleich „guter“ Gott soviel Leid und Böses zulassen? Und für viele stellt diese Theodizeefrage den schwierigsten Einwand gegen den Glauben dar. Sogar die meisten Theologen halten das Theodizeeproblem für unlösbar und erhoffen sich eine Ant- 5 wort erst im Jenseits.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Christenheit sich nach zweitausend Jahren immer noch mit dieser Frage herumquält. Denn die christliche Botschaft hat doch geradezu ihr ganzes Ziel darin, diese Frage von vornherein aus ihren Angeln zu heben und gegenstandslos zu machen. Sie wird von der christlichen Botschaft durch die andere Frage ersetzt, was der 10 Glaube für unseren Umgang mit dem Leid ausmacht. Er bewirkt, dass man im Leid nicht mehr verzweifeln muss und eine Gewissheit gewinnt, die stärker als alle Angst um sich selbst ist.

Bereits Paulus schreibt im Römerbrief: „Wer kann uns scheiden von der Liebe Christi? Be- drängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? … Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch 15 Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,35.38-39) Wie kann dann noch Bedrängnis oder Not oder Verfolgung ein Einwand gegen diesen Glauben sein? […]

Die übliche Theodizeefrage geht von zwei falschen Voraussetzungen aus. Erstens bestehe die 20 Allmacht Gottes darin, dass er alles Mögliche können müsste. Man weiß nur leider nie, ob er es auch tatsächlich tun wird. Die Allmacht Gottes wäre also ein unberechenbarer Faktor, mit dem man dennoch rechnen müsste. In diesem Verständnis läuft das Vertrauen auf Gottes All- macht im Grunde auf ein Blindekuhspiel 1 hinaus.

Zweitens müsse die Güte Gottes darin bestehen, dafür zu sorgen, dass es einem gut geht. 25 Wenn man gesund und erfolgreich ist, dann erfährt man Gottes Liebe. Ist man dagegen krank und elend, dann ist Gott offenbar in weiter Ferne. Was kann unheilvoller sein als diese Auf- fassung? Wenn man von irgendetwas erlöst werden muss, dann doch von dieser Meinung, die angesichts unserer Todesverfallenheit tatsächlich nur zur Verzweiflung führen kann.

Zutreffend ist die Beobachtung, dass es grundsätzlich keine Antwort auf die Theodizeefrage 30 geben kann. Das liegt aber nicht an der Beschränktheit unseres Denkens. Die Theodizeefrage geht vielmehr selbst von logisch widersprüchlichen und damit unsinnigen Voraussetzungen aus: Gott wird als ein Systembestandteil der Welt gedacht, von dem man herleiten kann, was in der Welt der Fall zu sein hat.

Die christliche Botschaft bringt ein ganz anderes Gottesverständnis mit sich. Nach dem bib- 35 lischen Gottesverständnis ist von vornherein alle weltliche Wirklichkeit solcherart, dass sie ohne Gott nicht sein kann. Das gilt auch für das Leid, das Böse und den Tod. Von Gott ist nur dann wirklich die Rede, wenn überhaupt alles mit ihm zu tun hat. Die Welt ist aus dem Nichts geschaffen, das heißt: Könnte man ihr Geschaffensein beseitigen, bliebe nichts von ihr übrig. Wenn die wirkliche Welt der Grund unserer Rede von Gott ist, dann kann man nicht hinter- 40 her den so erkannten Gott gegen die Welt ausspielen.

Gott selbst fällt nicht unter Begriffe. Wir können von ihm immer nur das von ihm Verschie- dene begreifen, das auf ihn verweist. Die Welt wird also nicht durch Gott, sondern durch ihr Bezogensein auf Gott erklärt. Gott ist, „ohne wen nichts ist“. Von ihm kann nur „analog“, hinweisend, überhaupt gesprochen werden.

45 Geschöpflichkeit bedeutet also, dass alles in der Welt restlos in einem einseitigen Bezogen- sein auf Gott aufgeht. Dem Versuch, in der umgekehrten Richtung von Gott her irgendetwas über die Welt herzuleiten, geht damit jede reale Grundlage ab. Man kann nur von dem ausge- hen, was wirklich geschieht, und sagen, dass es ohne Gott nicht sein kann. Gott ist nicht im bloß potentiellen Sinn „allmächtig“, dass er nur beliebiges Mögliche könnte, sondern er ist 50 „in allem mächtig“.

Natürlich ist es sinnvoll, nach den Ursachen eines Flugzeugabsturzes zu fragen, um ihnen in Zukunft vorzubeugen. Aber die Frage, warum Gott einen Flugzeugabsturz nicht verhindert, bedeutet wegen ihrer logisch widersprüchlichen Voraussetzung, dass es möglich sei, etwas von Gott herzuleiten, sinnlos vertane Zeit.

55 Aus der bloßen Bedeutung des Wortes „Gott“ für sich allein weiß man allerdings noch nicht, wie Gott zum Menschen steht. […] Auf diese Frage antwortet erst das „Wort Gottes“. In ihm wird uns von Jesus her zugesagt und geschieht, dass Gott uns mit einer Liebe zugewandt ist, die an nichts Geschöpflichem ihr Maß hat und deshalb auch nicht an der Welt ablesbar ist. Sie ist vielmehr die Liebe Gottes zu Gott, des Vaters zum Sohn, in die wir aufgenommen 60 werden. Dies ist eine Gemeinschaft mit Gott, die im Leben und Sterben Bestand hat. Sie kann die Angst um uns selbst gerade deshalb entmachten, weil Gott der ist, der in allem mächtig ist. Denn dann kommt keine Macht der Welt dagegen an, dass wir im Leben und Sterben in der Gemeinschaft mit ihm geborgen bleiben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass einem das Sterben erspart wird, sondern dass auch der Tod 65 uns nicht aus der Geborgenheit in der Gemeinschaft mit Gott herausreißen kann.

Alles, was geschieht, ist von vornherein in Gottes Hand: Deshalb kennt die christliche Bot- schaft kein anderes „besonderes Eingreifen“ Gottes in die Welt als seine Selbstmitteilung in mitmenschlichem Wort zur Ermöglichung gemeinschaftlichen Glaubens und selbstloser Liebe.

70 Außerhalb der Gemeinschaft mit Gott betrachtet, ist die ganze Welt letztlich ein Gleichnis der Hölle: Der Tod hat das letzte Wort, und kein Glück der Welt kommt dagegen an (vgl. Lk 12,16–21).

Im Glauben dagegen gilt von der gleichen Welt umgekehrt: Sie ist Gleichnis der ewigen Ge- meinschaft mit Gott, in der wir jetzt schon leben. Jede noch so geringe und vergängliche gute 75 Erfahrung wird uns zum Gleichnis des Himmels. Sie wird zum Gleichnis der Gemeinschaft mit Gott, gegen die kein Leid und kein Tod ankommt. Der Tod hat jeden Gleichnischarakter für ewiges Unheil verloren. Er verhindert nur, dass man die Welt, anstatt sie als Gleichnis des Himmels zu sehen, mit ihm selbst verwechselt. Auch in der Klage im Leid vertrauen wir auf einen Gott, in dessen Liebe wir im Leben und Sterben geborgen sind.

1 Blindekuhspiel: ein vor allem von Kindern gespieltes Spiel, in dem es darum geht, sich mit verbundenen Augen zu orientieren, die Mitspielenden zu fangen und deren Namen zu erraten.

* Peter Knauer (*1935) ist römisch-katholischer Theologe, Priester und Mitglied des Jesuitenordens und war Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie.

Quelle: Knauer, Peter: Erlösung aus der Theodizeefrage. In: Communitas. Périodique bimestriel: Foyer Catholique Européen, Novembre 2004, S. 16 – 17, http://peter-knauer.de/30.html (Zugriff am 27.04.2022).

M 2

Esther Maria Magnis**: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

In ihrem autobiografischen Buch „Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung“ beschreibt Esther Maria Magnis, wie sie angesichts eigener Schicksalsschläge ihren Glaubensweg gegangen ist. Als Jugendliche verlor sie ihren Vater, wenige Jahre darauf auch ihren Bruder. Dadurch wurde ihr Glaube an Gott aufs Tiefste erschüttert. Sie hinterfragte den Glauben kritisch und wandte sich von Gott ab. Im Buch legt sie jedoch auch dar, weshalb sie heute wieder glaubt und weshalb in ihrem Glauben Zweifel Platz haben dürfen. Bei der im folgenden Auszug erwähnten Steffi handelt es sich um ihre Schwester.

„Ja, Papa stirbt.“ [D]agegen konnte ich nur versteinern. Oder ausrasten, mir ein Schwert machen lassen und jeden bedrohen, der so über meinen Vater lügt. Papas Leben ist Papa. Unser Leben sind wir. Wenn es kein Leben mehr gibt, gibt es uns nicht. Und das ist die größte Frechheit, das ist das Hässlichste, was man über einen Menschen sagen kann, dieses: Er ist 5 tot. […] Wie konnten Menschen sagen: „Esther, du musst ihn gehen lassen“ – wohin denn? Wohin sollte ich ihn gehen lassen. Ich lasse niemanden, den ich liebe, gehen ins Nichts, ich lasse niemanden, der zu mir gehört, in den Tod gehen. Mir schlug das Herz bis in den Hals.

„Aber was ist denn mit Gott?“, sagte ich und löste mich wütend aus [Steffis] Umarmung. „Ich mein, es stimmt doch nicht, Steffi. Es gibt doch Gott. Weißte doch selber. Das ist doch nicht 10 alles nur Quatsch.“ […]

„Als ich Gott gebeten habe, mir was zu sagen, hatte ich das Gefühl, dass er das eh wollte.“ Ich sah sie an. „Dass er schon drauf gewartet hatte oder so. Weißte?“

„Ja, glaub schon“, sagte sie und nahm den Schal vom Mund.

„Dann lag da diese Bibel, die ich mir für den Reli-Unterricht kaufen musste. Unter meinen 15 Büchern. BIBEL stand da fett drauf – wie so ‚HALLO, HIER‘. Ich hab sie aufgeschlagen.“

Sie drehte mir ihr Gesicht zu. „Und?“

„Da stand – ich hab mir das angestrichen –, genau weiß ich es nicht mehr, aber das Erste, was ich gelesen habe, war: Wenn du willst, dass sich der Berg erhebt und ins Meer stürzt, dann wird er es tun, wenn du nur fest genug glaubst. Wenn du so darum bittest, als hättest du’s 20 schon empfangen.“

„Mh.“ Sie lächelte beinah. Nur beinah, und auf ihrer Stirn war diese kleine, steile Falte auf- geworfen, die damals noch verschwand, wenn sie aufhörte, an den Tod zu denken. „Is’ ja krass.“ […]

Ab diesem Tag begann ich, mein ganzes Vertrauen Gott zu schenken und zu glauben, dass 25 sich der Berg erheben und ins Meer stürzen würde, dass Papa gesund würde, weil ich betete, als hätte ich’s schon empfangen. Den letzten Zweifel verscheucht. Danke, dass du uns helfen willst. Danke, dass du Papa gesund machst. Ich sprach zu ihm, den ich am Meer ahnen durfte. Ich gab ihm den Glauben aus meiner frühesten Kindheit.

Und ein halbes Jahr später habe ich das Stockwerk des Krankenhauses zusammengeschrien 30 und kurz vorm Wahnsinn gedacht, ich müsse mir die Haut vom Gesicht reißen, als ich meinen Vater tot im Bett liegen sah.

Danach bin ich verstummt.

Totenstille die ganze Welt.

Still und kalt. Wie wenn Schnee gefallen ist. Ohne Gott. Ohne mich. Und keine Regung mehr.

** Esther Maria Magnis (*1980) ist Religionswissenschaftlerin, Historikerin und Autorin.

Quelle: Magnis, Esther Maria: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung. Reinbek 2014, S. 72 – 75.

2. Entfalten Sie zentrale Aussagen des jüdisch-christlichen Gottesverständnisses jeweils anhand einer Stelle aus dem Alten und aus dem Neuen Testament; prüfen Sie danach, inwiefern die nachstehende Aussage dem jüdisch-christlichen Gottesverständnis gerecht wird: „Gott selbst fällt nicht unter Begriffe. Wir können von ihm immer nur das von ihm Verschiedene begreifen, das auf ihn verweist“ (M 1, Z. 41 f.). [22 Punkte]

a)

b)

c)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2: Biblisches Reden von Gott · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Entfalten Sie anhand einer Textstelle aus dem Alten Testament zentrale Aussagen des jüdisch-christlichen Gottesverständnisses (z. B. anhand von Ex 3,1–17).

Lösung: - Heiligkeit Gottes (vgl. Ex 3,5): Mose reagiert auf die Gottesoffenbarung mit Ehrfurcht, verhüllt sein Gesicht und fürchtet sich, Gott anzuschauen (vgl. Ex 3,6). - Unerforschlichkeit des göttlichen Geheimnisses und verborgene Sichtbarkeit Gottes: Bild vom brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch (vgl. Ex 3,1–6). - Offenbarung des göttlichen Eigennamens JHWH: Dessen komplexes Wortspiel wird nicht erklärt, sondern bewahrt den geheimnisvollen Charakter (vgl. Ex 3,14) und ist deutungsbedürftig: Gottes Gegenwärtigkeit, Fürsorge und Zuverlässigkeit auf der einen Seite, seine Unbegrenztheit, Unbeschreibbarkeit und Unverfügbarkeit auf der anderen Seite. - Offenbarung als personaler Gott, als Gott der Väter, der Mose geschichtlich bekannt ist: Ansprache des Mose, Verantwortungsübertragung an Mose mit Beauftragung, Zusage des göttlichen Beistands in Reaktion auf Moses' Zweifel.

Entfalten Sie anhand einer Textstelle aus dem Neuen Testament zentrale Aussagen des jüdisch-christlichen Gottesverständnisses (z. B. anhand des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg, Mt 20,1–16).

Lösung: - Bildebene: Das Gleichnis führt den Zuhörern einen Weinbergbesitzer vor Augen, der im Laufe eines Tages Arbeiter für seinen Weinberg anwirbt; am Ende des Tages zahlt er allen Arbeitern den gleichen (vereinbarten) Lohn, nämlich einen Denar. - Deutungsebene: Im Anschluss an die einleitende Formulierung Jesu „Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer“ (V. 1) lässt sich das Gleichnis auf Gott beziehen: - *Gottes unbedingte Liebe gilt jedem Menschen:* Im Bild des Gutsbesitzers wird Gott beschrieben als der, der gibt, was den Bedürfnissen jedes einzelnen Menschen entspricht und was der Einzelne zum Leben braucht, und zwar unabhängig von Vorleistungen. - *Gottes menschliche Vorstellungen übersteigende Gerechtigkeit:* Die Reaktionen der Arbeiter im Gleichnis verdeutlichen, dass die Gerechtigkeit dieses Gutsbesitzers nicht den menschlichen Erwartungen entspricht. - *Gottes heilschaffende Liebe:* Das Ende des Gleichnisses zeigt, dass Gott ein gutes Leben für alle ermöglichen will.

Prüfen Sie anschließend, inwiefern die folgende Aussage auf das jüdisch-christliche Gottesverständnis zutrifft: „Gott selbst fällt nicht unter Begriffe. Wir können von ihm immer nur das von ihm Verschiedene begreifen, das auf ihn verweist“ (M 1, Z. 41 f.).

Lösung: - Argumentiert zustimmend: - Im alttestamentlichen Bild von der Offenbarung Gottes im brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch zeigt sich die Unverfügbarkeit, Unbeschreiblichkeit und Unbegrenztheit Gottes: Die sprachlichen Negationen verweisen auf die begriffliche Unfassbarkeit Gottes und benennen das „Verschiedene [...], das auf ihn verweist“ (M 1, Z. 41 f.). - Im neutestamentlichen Gleichnis wird deutlich, dass Gott sich nicht mit irdisch-menschlichen Begriffsbestimmungen von Gerechtigkeit bezeichnen lässt. Das Murren der Arbeiter im Gleichnis bringt dieses Unverständnis zum Ausdruck. Ein menschliches Gerechtigkeitsverständnis ist danach das „von ihm Verschiedene“ (M 1, Z. 41 f.), das auf Gottes unbedingte Barmherzigkeit und leistungsunabhängige Gerechtigkeit verweist. - Und argumentiert ablehnend: - In den Selbstbezeichnungen und in der Namenstoffenbarung als JHWH macht Gott sich positiv bestimmbar als gegenwärtig, fürsorglich und zuverlässig; er macht sich begreifbar und ist so dem Menschen nahe. - Bei allen menschlichen Schwierigkeiten des Begreifens zeigt auch das Gleichnis einen konkret handelnden Gutsbesitzer: In diesem Bild kann das Handeln Gottes (ansatzweise) begreifbar werden – wie es sich auch im unkonventionellen Verhalten einiger Menschen und ihrem Bemühen um eine leistungsunabhängige Gerechtigkeit und Zuwendung spiegeln kann.

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