Abitur NRW Katholische Religion 2023 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Katholische Religion in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 9 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch · Tod und Auferweckung Jesu: Heilsbedeutung · Kirche und interreligiöser Dialog: Nostra aetate

Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

Es gibt eine Weise der Beziehung zur Welt, in der ich jedermann und alles, mich selbst ein-

geschlossen, zu meinem Besitz machen will. Unsere Welt des Konsums lebt vom Urbedürf-

nis des Säuglings, der immer nach der Flasche schreit und die ganze Welt verschlingen will.

Dahinter steckt ein unstillbarer Hunger nach Sicherheit. Denn jeder Mensch ahnt im Tiefsten,

5 wie zerbrechlich und vergänglich sein Leben ist. Diese Angst ruft nach Absicherung. Der

Mensch sucht einen Halt, indem er alles Mögliche festhält. Er will etwas Greifbares in der

Hand haben, über das er verfügt. Wie ein trockener Schwamm saugt er alles auf, was ihm

Halt und Sicherheit zu geben scheint.

Dies kann dazu führen, dass Menschen sich immer mehr von dem her definieren, was sie

10 haben und festhalten können: Haus und Auto, Job und gesellschaftliche Stellung, Geld und

Macht, Beziehung zu anderen Menschen oder sonst ein „Götze“. [...]

Auch unsere menschlichen Beziehungen können die Form des Habens annehmen: Ich liebe

den anderen wie ein Objekt, das ich gefangen nehme und kontrolliere. Ich erhebe einen An-

spruch auf den Geliebten wie ein Besitzrecht, das ich einklagen kann. [...]

15 Selbst der religiöse Glaube kann in der Weise eines „Habens“ gelebt werden. Man hat dann

seinen Gott oder ein Dogma in der Tasche. Der Mensch klammert sich an feste Vorstellungen

von Gott; er macht sich von Gott ein fixes Bild, durch das er Gott selbst zu besitzen meint.

Der Glaube wird zu einer Sammlung von Begriffen, durch die man Gott in den Griff be-

kommt. Und mit einem Gott, den ich für mich gepachtet habe, kann ich auch meine Geschäfte

20 machen. Ich biete ihm fromme Übungen an und erwarte dafür auch seinen Schutz und seine

Hilfe. In der Religion der alten Römer kannte man die Form: „Do ut des“ – Gib, damit du

empfängst. Die Religion verkommt zum Krämerladen. Eine lebendige Beziehung mit Gott

aber sieht anders aus.

Der Prophet Jeremia findet dafür ein Bild 1: Die Beziehung zu Gott ist wie eine Quelle, die

25 jeden Augenblick neu aufsprudeln will [...], die von Augenblick zu Augenblick neu ent-

springt. [...] Wenn den Menschen jedoch die Angst beschleicht, dass Gott ihm seine Zuwen-

dung wieder entziehen könnte, will er auf Nummer sicher gehen und den lebendigen Fluss in

Becken auffangen und aufstauen.

Hinter dem Bedürfnis nach Besitz und der Habsucht wohnen Ängste oder der Wunsch nach

30 Macht. Die Besitzenden meinen, sie könnten sich in Sicherheit wiegen. [...] Doch hier liegt

ein großer Irrtum vor: Denn die Besitzenden verwechseln das, was sie haben, mit dem, was

sie sind. [...] Die Grundhaltung des Habens lässt keine lebendige Beziehung zu zwischen mir

und dem, was ich habe. Vielmehr haben und besetzen die Dinge mich. Und wenn mein Iden-

titätsgefühl vom Besitz abhängt, dann stellt sich die Frage: Was wird aus mir, wenn ich mein

35 Hab und Gut verliere? Weil Menschen spüren, wie brüchig und vergänglich jeder Besitz ist,

mühen sie sich immer mehr darum, ihre Habe zu sichern und zu versichern – in einer Spirale,

die sie zunehmend besetzt.

Was kann uns Menschen einen inneren Halt geben? Identität finden wir vor allem, wenn wir

spüren, dass wir uns einer großen Liebe verdanken: Ich bin jemand, weil ein anderer mich

40 mag und wertschätzt. Wenn ich einer solchen Liebe Glauben schenken kann, muss ich mir

mein Ich nicht durch anderes absichern, sondern erlebe mich selbst als wertvoll. Das in mir

spürbare Selbstwertgefühl wird als innere Quelle erfahren, aus der Selbstvertrauen und Be-

ziehungsfähigkeit fließen. [...]

Wer glauben kann, dass er von Gott gewollt und geliebt ist, braucht kein äußeres Korsett, das

45 seine Identität stützen muss. Denn diese ist ihm zuinnerst geschenkt: „Ich bin jemand, weil

Gott mich liebt.“ Es bleibt die große Herausforderung, dieses Geschenk in seiner Dynamik

zu leben und nie in einen statischen Besitz zu verwandeln. Das heißt, mich selbst immer

wieder loslassen, um mich neu zu empfangen. [...] Wer aus Angst, dass Gottes Liebe versie-

gen könnte, versuchen wollte, Gottes habhaft zu werden und seine Liebe vertraglich abzusi-

50 chern, zerstört die Beziehung. Denn eine solche bleibt nur dann lebendig, wenn die Partner

sich in einer freilassenden Weise beschenken. Es braucht das Vertrauen, dass sich die Liebe

jeden Augenblick erneuert. [...]

Die biblische Botschaft lädt ein, aus der Haltung des Habens auszuziehen und mehr aus dem

Beschenkt-Sein zu leben. [...] Das heißt, nicht aus Vorräten, die man besitzt, sondern aus der

55 Hoffnung, dass die Hand stets neu gefüllt werden kann, wenn ich sie leer und vertrauensvoll

Gott hinhalte. Dagegen ist der Wunsch, möglichst viel zu bunkern, ein Zeichen für fehlendes

Vertrauen. Liebe lässt sich nicht einwecken 2 oder aufsparen. Sie schenkt sich immer nur von

Augenblick zu Augenblick. Sie lebt vom Vertrauen, dass die andere Person mir treu bleiben

und mich auch morgen wieder beschenken wird. [...]

60 Weil Jesus daran glaubt, dass Gott es gut mit ihm meint und für ihn sorgen wird, erliegt er

nicht den Versuchungen, sein Leben durch Besitz oder Macht abzusichern. Eindrücklich warnt

er vor falschem Prestigedenken und dem Festhalten und Horten von nichtigen Reichtümern:

Sammelt euch keine Schätze, die verrosten und verrotten. Denn wer sich eiserne Reserven

anlegt, legt sich selbst in Eisen. Oft und oft betont Jesus: Klammert euch nicht an Äußerlich-

65 keiten und baut keine Vorratsscheunen als Altersvorsorge! Nehmt euch lieber die Vögel zum

Vorbild, die nicht säen und nicht ernten und keine Reserven anlegen (vgl. Mt 6,25–27).

Ganz auf dieser Linie schickt Jesus seine Jünger ohne Habseligkeiten auf die Reise. Denn

nicht das Haben macht selig. Vielmehr sollen sie vertrauensselig an fremde Türen klopfen.

So lernen sie, dass leere Hände das Herz anderer öffnen können. [...]

70 Jesu Botschaft vom Reich Gottes, dass also Gott selbst der einzig erfüllende Reichtum des

Menschen ist, schenkt Gelassenheit. Der Mensch darf sein ängstliches Sorgen loslassen und

mehr in der Gegenwart leben. Er darf im Heute leben, weil Gott für das Morgen sorgen wird.

Der Mensch soll das Hier und Jetzt als Geschenk annehmen, ohne es in Besitz zu nehmen.

Diese Grundhaltung lässt die Beziehung zu Gott und damit den Menschen selbst lebendig

75 bleiben. Denn Gottes Liebe fließt unaufhörlich und erneuert sich wie der Wasserstrahl eines

Brunnens, der aus der Tiefe gespeist wird.

1 Das in diesem Absatz genannte Bild von Gott als Quelle lebendigen Wassers wird in Jer 2,3 benannt und in Jer 17,13 wieder aufgenommen.

2 Einwecken: haltbar machen, Vorrat anlegen.

Andreas Knapp: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie, Würzburg 2019.

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sein Gedankengang verläuft und welche Intention darin erkennbar wird. (26 Punkte)

Aufgabe HT 1 - Aufgabe 2 · Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus

Es gibt eine Weise der Beziehung zur Welt, in der ich jedermann und alles, mich selbst ein-

geschlossen, zu meinem Besitz machen will. Unsere Welt des Konsums lebt vom Urbedürf-

nis des Säuglings, der immer nach der Flasche schreit und die ganze Welt verschlingen will.

Dahinter steckt ein unstillbarer Hunger nach Sicherheit. Denn jeder Mensch ahnt im Tiefsten,

5 wie zerbrechlich und vergänglich sein Leben ist. Diese Angst ruft nach Absicherung. Der

Mensch sucht einen Halt, indem er alles Mögliche festhält. Er will etwas Greifbares in der

Hand haben, über das er verfügt. Wie ein trockener Schwamm saugt er alles auf, was ihm

Halt und Sicherheit zu geben scheint.

Dies kann dazu führen, dass Menschen sich immer mehr von dem her definieren, was sie

10 haben und festhalten können: Haus und Auto, Job und gesellschaftliche Stellung, Geld und

Macht, Beziehung zu anderen Menschen oder sonst ein „Götze“. [...]

Auch unsere menschlichen Beziehungen können die Form des Habens annehmen: Ich liebe

den anderen wie ein Objekt, das ich gefangen nehme und kontrolliere. Ich erhebe einen An-

spruch auf den Geliebten wie ein Besitzrecht, das ich einklagen kann. [...]

15 Selbst der religiöse Glaube kann in der Weise eines „Habens“ gelebt werden. Man hat dann

seinen Gott oder ein Dogma in der Tasche. Der Mensch klammert sich an feste Vorstellungen

von Gott; er macht sich von Gott ein fixes Bild, durch das er Gott selbst zu besitzen meint.

Der Glaube wird zu einer Sammlung von Begriffen, durch die man Gott in den Griff be-

kommt. Und mit einem Gott, den ich für mich gepachtet habe, kann ich auch meine Geschäfte

20 machen. Ich biete ihm fromme Übungen an und erwarte dafür auch seinen Schutz und seine

Hilfe. In der Religion der alten Römer kannte man die Form: „Do ut des“ – Gib, damit du

empfängst. Die Religion verkommt zum Krämerladen. Eine lebendige Beziehung mit Gott

aber sieht anders aus.

Der Prophet Jeremia findet dafür ein Bild 1: Die Beziehung zu Gott ist wie eine Quelle, die

25 jeden Augenblick neu aufsprudeln will [...], die von Augenblick zu Augenblick neu ent-

springt. [...] Wenn den Menschen jedoch die Angst beschleicht, dass Gott ihm seine Zuwen-

dung wieder entziehen könnte, will er auf Nummer sicher gehen und den lebendigen Fluss in

Becken auffangen und aufstauen.

Hinter dem Bedürfnis nach Besitz und der Habsucht wohnen Ängste oder der Wunsch nach

30 Macht. Die Besitzenden meinen, sie könnten sich in Sicherheit wiegen. [...] Doch hier liegt

ein großer Irrtum vor: Denn die Besitzenden verwechseln das, was sie haben, mit dem, was

sie sind. [...] Die Grundhaltung des Habens lässt keine lebendige Beziehung zu zwischen mir

und dem, was ich habe. Vielmehr haben und besetzen die Dinge mich. Und wenn mein Iden-

titätsgefühl vom Besitz abhängt, dann stellt sich die Frage: Was wird aus mir, wenn ich mein

35 Hab und Gut verliere? Weil Menschen spüren, wie brüchig und vergänglich jeder Besitz ist,

mühen sie sich immer mehr darum, ihre Habe zu sichern und zu versichern – in einer Spirale,

die sie zunehmend besetzt.

Was kann uns Menschen einen inneren Halt geben? Identität finden wir vor allem, wenn wir

spüren, dass wir uns einer großen Liebe verdanken: Ich bin jemand, weil ein anderer mich

40 mag und wertschätzt. Wenn ich einer solchen Liebe Glauben schenken kann, muss ich mir

mein Ich nicht durch anderes absichern, sondern erlebe mich selbst als wertvoll. Das in mir

spürbare Selbstwertgefühl wird als innere Quelle erfahren, aus der Selbstvertrauen und Be-

ziehungsfähigkeit fließen. [...]

Wer glauben kann, dass er von Gott gewollt und geliebt ist, braucht kein äußeres Korsett, das

45 seine Identität stützen muss. Denn diese ist ihm zuinnerst geschenkt: „Ich bin jemand, weil

Gott mich liebt.“ Es bleibt die große Herausforderung, dieses Geschenk in seiner Dynamik

zu leben und nie in einen statischen Besitz zu verwandeln. Das heißt, mich selbst immer

wieder loslassen, um mich neu zu empfangen. [...] Wer aus Angst, dass Gottes Liebe versie-

gen könnte, versuchen wollte, Gottes habhaft zu werden und seine Liebe vertraglich abzusi-

50 chern, zerstört die Beziehung. Denn eine solche bleibt nur dann lebendig, wenn die Partner

sich in einer freilassenden Weise beschenken. Es braucht das Vertrauen, dass sich die Liebe

jeden Augenblick erneuert. [...]

Die biblische Botschaft lädt ein, aus der Haltung des Habens auszuziehen und mehr aus dem

Beschenkt-Sein zu leben. [...] Das heißt, nicht aus Vorräten, die man besitzt, sondern aus der

55 Hoffnung, dass die Hand stets neu gefüllt werden kann, wenn ich sie leer und vertrauensvoll

Gott hinhalte. Dagegen ist der Wunsch, möglichst viel zu bunkern, ein Zeichen für fehlendes

Vertrauen. Liebe lässt sich nicht einwecken 2 oder aufsparen. Sie schenkt sich immer nur von

Augenblick zu Augenblick. Sie lebt vom Vertrauen, dass die andere Person mir treu bleiben

und mich auch morgen wieder beschenken wird. [...]

60 Weil Jesus daran glaubt, dass Gott es gut mit ihm meint und für ihn sorgen wird, erliegt er

nicht den Versuchungen, sein Leben durch Besitz oder Macht abzusichern. Eindrücklich warnt

er vor falschem Prestigedenken und dem Festhalten und Horten von nichtigen Reichtümern:

Sammelt euch keine Schätze, die verrosten und verrotten. Denn wer sich eiserne Reserven

anlegt, legt sich selbst in Eisen. Oft und oft betont Jesus: Klammert euch nicht an Äußerlich-

65 keiten und baut keine Vorratsscheunen als Altersvorsorge! Nehmt euch lieber die Vögel zum

Vorbild, die nicht säen und nicht ernten und keine Reserven anlegen (vgl. Mt 6,25–27).

Ganz auf dieser Linie schickt Jesus seine Jünger ohne Habseligkeiten auf die Reise. Denn

nicht das Haben macht selig. Vielmehr sollen sie vertrauensselig an fremde Türen klopfen.

So lernen sie, dass leere Hände das Herz anderer öffnen können. [...]

70 Jesu Botschaft vom Reich Gottes, dass also Gott selbst der einzig erfüllende Reichtum des

Menschen ist, schenkt Gelassenheit. Der Mensch darf sein ängstliches Sorgen loslassen und

mehr in der Gegenwart leben. Er darf im Heute leben, weil Gott für das Morgen sorgen wird.

Der Mensch soll das Hier und Jetzt als Geschenk annehmen, ohne es in Besitz zu nehmen.

Diese Grundhaltung lässt die Beziehung zu Gott und damit den Menschen selbst lebendig

75 bleiben. Denn Gottes Liebe fließt unaufhörlich und erneuert sich wie der Wasserstrahl eines

Brunnens, der aus der Tiefe gespeist wird.

1 Das in diesem Absatz genannte Bild von Gott als Quelle lebendigen Wassers wird in Jer 2,3 benannt und in Jer 17,13 wieder aufgenommen.

2 Einwecken: haltbar machen, Vorrat anlegen.

Andreas Knapp: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie, Würzburg 2019.

2. Entfalten Sie die Religionskritik Ludwig Feuerbachs und untersuchen Sie im Anschluss, inwiefern Knapp als Erwiderung auf diese Kritik verstanden werden kann. (24 Punkte)

Aufgabe HT 1 - Aufgabe 3 · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch

Es gibt eine Weise der Beziehung zur Welt, in der ich jedermann und alles, mich selbst ein-

geschlossen, zu meinem Besitz machen will. Unsere Welt des Konsums lebt vom Urbedürf-

nis des Säuglings, der immer nach der Flasche schreit und die ganze Welt verschlingen will.

Dahinter steckt ein unstillbarer Hunger nach Sicherheit. Denn jeder Mensch ahnt im Tiefsten,

5 wie zerbrechlich und vergänglich sein Leben ist. Diese Angst ruft nach Absicherung. Der

Mensch sucht einen Halt, indem er alles Mögliche festhält. Er will etwas Greifbares in der

Hand haben, über das er verfügt. Wie ein trockener Schwamm saugt er alles auf, was ihm

Halt und Sicherheit zu geben scheint.

Dies kann dazu führen, dass Menschen sich immer mehr von dem her definieren, was sie

10 haben und festhalten können: Haus und Auto, Job und gesellschaftliche Stellung, Geld und

Macht, Beziehung zu anderen Menschen oder sonst ein „Götze“. [...]

Auch unsere menschlichen Beziehungen können die Form des Habens annehmen: Ich liebe

den anderen wie ein Objekt, das ich gefangen nehme und kontrolliere. Ich erhebe einen An-

spruch auf den Geliebten wie ein Besitzrecht, das ich einklagen kann. [...]

15 Selbst der religiöse Glaube kann in der Weise eines „Habens“ gelebt werden. Man hat dann

seinen Gott oder ein Dogma in der Tasche. Der Mensch klammert sich an feste Vorstellungen

von Gott; er macht sich von Gott ein fixes Bild, durch das er Gott selbst zu besitzen meint.

Der Glaube wird zu einer Sammlung von Begriffen, durch die man Gott in den Griff be-

kommt. Und mit einem Gott, den ich für mich gepachtet habe, kann ich auch meine Geschäfte

20 machen. Ich biete ihm fromme Übungen an und erwarte dafür auch seinen Schutz und seine

Hilfe. In der Religion der alten Römer kannte man die Form: „Do ut des“ – Gib, damit du

empfängst. Die Religion verkommt zum Krämerladen. Eine lebendige Beziehung mit Gott

aber sieht anders aus.

Der Prophet Jeremia findet dafür ein Bild 1: Die Beziehung zu Gott ist wie eine Quelle, die

25 jeden Augenblick neu aufsprudeln will [...], die von Augenblick zu Augenblick neu ent-

springt. [...] Wenn den Menschen jedoch die Angst beschleicht, dass Gott ihm seine Zuwen-

dung wieder entziehen könnte, will er auf Nummer sicher gehen und den lebendigen Fluss in

Becken auffangen und aufstauen.

Hinter dem Bedürfnis nach Besitz und der Habsucht wohnen Ängste oder der Wunsch nach

30 Macht. Die Besitzenden meinen, sie könnten sich in Sicherheit wiegen. [...] Doch hier liegt

ein großer Irrtum vor: Denn die Besitzenden verwechseln das, was sie haben, mit dem, was

sie sind. [...] Die Grundhaltung des Habens lässt keine lebendige Beziehung zu zwischen mir

und dem, was ich habe. Vielmehr haben und besetzen die Dinge mich. Und wenn mein Iden-

titätsgefühl vom Besitz abhängt, dann stellt sich die Frage: Was wird aus mir, wenn ich mein

35 Hab und Gut verliere? Weil Menschen spüren, wie brüchig und vergänglich jeder Besitz ist,

mühen sie sich immer mehr darum, ihre Habe zu sichern und zu versichern – in einer Spirale,

die sie zunehmend besetzt.

Was kann uns Menschen einen inneren Halt geben? Identität finden wir vor allem, wenn wir

spüren, dass wir uns einer großen Liebe verdanken: Ich bin jemand, weil ein anderer mich

40 mag und wertschätzt. Wenn ich einer solchen Liebe Glauben schenken kann, muss ich mir

mein Ich nicht durch anderes absichern, sondern erlebe mich selbst als wertvoll. Das in mir

spürbare Selbstwertgefühl wird als innere Quelle erfahren, aus der Selbstvertrauen und Be-

ziehungsfähigkeit fließen. [...]

Wer glauben kann, dass er von Gott gewollt und geliebt ist, braucht kein äußeres Korsett, das

45 seine Identität stützen muss. Denn diese ist ihm zuinnerst geschenkt: „Ich bin jemand, weil

Gott mich liebt.“ Es bleibt die große Herausforderung, dieses Geschenk in seiner Dynamik

zu leben und nie in einen statischen Besitz zu verwandeln. Das heißt, mich selbst immer

wieder loslassen, um mich neu zu empfangen. [...] Wer aus Angst, dass Gottes Liebe versie-

gen könnte, versuchen wollte, Gottes habhaft zu werden und seine Liebe vertraglich abzusi-

50 chern, zerstört die Beziehung. Denn eine solche bleibt nur dann lebendig, wenn die Partner

sich in einer freilassenden Weise beschenken. Es braucht das Vertrauen, dass sich die Liebe

jeden Augenblick erneuert. [...]

Die biblische Botschaft lädt ein, aus der Haltung des Habens auszuziehen und mehr aus dem

Beschenkt-Sein zu leben. [...] Das heißt, nicht aus Vorräten, die man besitzt, sondern aus der

55 Hoffnung, dass die Hand stets neu gefüllt werden kann, wenn ich sie leer und vertrauensvoll

Gott hinhalte. Dagegen ist der Wunsch, möglichst viel zu bunkern, ein Zeichen für fehlendes

Vertrauen. Liebe lässt sich nicht einwecken 2 oder aufsparen. Sie schenkt sich immer nur von

Augenblick zu Augenblick. Sie lebt vom Vertrauen, dass die andere Person mir treu bleiben

und mich auch morgen wieder beschenken wird. [...]

60 Weil Jesus daran glaubt, dass Gott es gut mit ihm meint und für ihn sorgen wird, erliegt er

nicht den Versuchungen, sein Leben durch Besitz oder Macht abzusichern. Eindrücklich warnt

er vor falschem Prestigedenken und dem Festhalten und Horten von nichtigen Reichtümern:

Sammelt euch keine Schätze, die verrosten und verrotten. Denn wer sich eiserne Reserven

anlegt, legt sich selbst in Eisen. Oft und oft betont Jesus: Klammert euch nicht an Äußerlich-

65 keiten und baut keine Vorratsscheunen als Altersvorsorge! Nehmt euch lieber die Vögel zum

Vorbild, die nicht säen und nicht ernten und keine Reserven anlegen (vgl. Mt 6,25–27).

Ganz auf dieser Linie schickt Jesus seine Jünger ohne Habseligkeiten auf die Reise. Denn

nicht das Haben macht selig. Vielmehr sollen sie vertrauensselig an fremde Türen klopfen.

So lernen sie, dass leere Hände das Herz anderer öffnen können. [...]

70 Jesu Botschaft vom Reich Gottes, dass also Gott selbst der einzig erfüllende Reichtum des

Menschen ist, schenkt Gelassenheit. Der Mensch darf sein ängstliches Sorgen loslassen und

mehr in der Gegenwart leben. Er darf im Heute leben, weil Gott für das Morgen sorgen wird.

Der Mensch soll das Hier und Jetzt als Geschenk annehmen, ohne es in Besitz zu nehmen.

Diese Grundhaltung lässt die Beziehung zu Gott und damit den Menschen selbst lebendig

75 bleiben. Denn Gottes Liebe fließt unaufhörlich und erneuert sich wie der Wasserstrahl eines

Brunnens, der aus der Tiefe gespeist wird.

1 Das in diesem Absatz genannte Bild von Gott als Quelle lebendigen Wassers wird in Jer 2,3 benannt und in Jer 17,13 wieder aufgenommen.

2 Einwecken: haltbar machen, Vorrat anlegen.

Andreas Knapp: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie, Würzburg 2019.

3. a) Entfalten Sie unter Heranziehung einer Stelle aus dem Neuen Testament den Zuspruch und den Anspruch der Botschaft Jesu vom Reich Gottes. Prüfen Sie auf dieser Grundlage, inwiefern die folgende These Knapps zutrifft: „Jesu Botschaft vom Reich Gottes, dass also Gott selbst der einzig erfüllende Reichtum des Menschen ist, schenkt Gelassenheit“ (Z. 70 f.). (16 Punkte)

3. b) Nehmen Sie unter Einbeziehung Ihrer Ergebnisse aus Teilaufgabe 3 a) Stellung dazu, ob Knapps Sicht auf den Menschen als tragfähige Grundlage sowohl für die persönliche Lebensführung als auch für das Zusammenleben in der Gesellschaft dienen kann. (14 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

Im Wohnzimmer meines Pfarrhauses sind auf einem halbhohen Regal religiöse Mitbringsel

meiner Reisen ausgestellt. Manche Betrachter nennen das einen „interreligiösen Altar“, doch

dient dieses Sammelsurium ja nicht der Anbetung Gottes, sondern dem Erkenntnisgewinn.

Da steht zum Beispiel ein arabischer Koran, den ich im türkischen Konya kaufte, der heiligen

5 Stadt des Mystikers Rumi¹. Aus Varanasi in Indien habe ich den tanzenden Shiva aus Messing

mitgebracht, aus Jerusalem die Menora, den siebenarmigen Leuchter. Die Nachbildung des alt-

ägyptischen Gottes Anubis (für die Totenriten zuständig) erstand ich in Kairo. Der wunderbare

Buddha ist ein Geschenk des thailändischen Mönchsklosters, in dem ich zu Gast sein durfte.

[...] Das Christentum ist mit einem Kreuz und einer Bibel vertreten. [...] In der Mitte der

10 Sammlung thront ein medizinischer Torso; man kann die Organe entnehmen, auch den Kopf

öffnen. Das soll nicht bedeuten, am wichtigsten sei der Mensch und ihm gebühre die Anbe-

tung, keineswegs. Ich wollte damit ausdrücken: Alle religiösen Bilder und Vorstellungen, all

die heiligen Bücher, Rituale und Traditionen, Feiertage und ehrwürdige Amtsträger aus den

Religionen – all das ist Menschenwerk. [...]

15 Wir Menschen sind es, die wir Gott nach unseren Vorstellungen mit Eigenschaften versehen

und Gott Worte in den Mund legen. Das stelle ich nicht in einem religionskritischen Sinne fest

nach dem Motto: „Es ist ja alles nur frei erfunden!“, sondern im Bewusstsein, dass Menschen

nicht anders als eben menschlich von Gott denken und von Gott reden können. Bereits im

5. Jahrhundert vor Christus stellte der griechische Philosoph Xenophanes nüchtern fest: „Wenn

20 die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus.“ Kein Wunder also, dass wir Menschen Gott

mit menschlichen Attributen ausstatten: Gott kann sehen, hören, riechen, fühlen und sprechen,

Gott hat Hände, Gott liebt uns, kann aber auch eifersüchtig und zornig sein.

Solche Aussagen einfach als naiv abzutun wäre zu oberflächlich. Menschen haben das Göttliche

erfahren und begegneten dem Heiligen. Das Erlebte kann dann allerdings kaum angemessen in

25 unseren Menschenworten wiedergegeben oder in menschlich plausiblen Zeichen dargestellt

werden. Wir spüren gleich, unsere Versuche bleiben irgendwie schief – Gott muss noch einmal

ganz anders sein. [...]

Seit alter Zeit bis auf den heutigen Tag, überall, wo Menschen leben, in allen Kulturen haben

Menschen auf vielfältige Art und Weise ihrem Verlangen nach dem Göttlichen Ausdruck ver-

30 liehen. Was sollte daran verwerflich sein? Problematisch wird die Buntheit der religiösen Viel-

falt erst, wenn das Kriterium von „wahr und falsch“ angelegt wird. Ein hinkender Vergleich:

Gibt es wahre oder falsche Tiere? Haben nicht Ameisen und Zebras, Nachtigallen und Pottwale

ihre Daseinsberechtigung?

Religion ist ein menschliches Phänomen, und wo Menschen aktiv sind, wird es schnell kompli-

35 ziert. Weil sie bewerten und beurteilen. Zum Beispiel bei der Frage, welches die richtige Reli-

gion sei. Verwundert es, wenn die Muslime sagen: der Islam? Und die Hindus: der Hinduismus?

So halten die Christen das Christentum für die einzig wahre Religion. [...]

Wir müssen lernen, die Wahrheit ist in dieser Frage nur im Plural denkbar. Wir können die

Wahrheitsfrage nicht allgemeingültig beantworten, wohl aber persönlich: Meine Religion ist

40 das Christentum! Mein Glaube bezieht sich auf Gott, der sich den Menschen dreifaltig gezeigt

hat als Vater/Mutter, in seinem Sohn Jesus Christus und im Heiligen Geist. Um dieses Bekennt-

nis ablegen zu können, muss ich schon tief in das christliche Selbstverständnis eingedrungen

sein. Es ist ja keine Erkenntnis, die speziell mir zuteilwurde, sondern ich bin in die Kultur des

Christentums hineingewachsen und habe sie verinnerlicht. Ich erfahre Gottes Gegenwart im

45 christlichen Glauben. [...]

Ich kann auch gut aushalten, dass andere Menschen anders glauben als ich. [...] In meiner

Tradition gibt es allerdings starke Aussagen, die einem solch liberalen Ansatz, wie er mir an-

genehm ist, zuwiderlaufen. So heißt es von Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das

Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Johannes 14,6). In seiner Unbedingt-

50 heit ist dieser Anspruch kaum zu überbieten. Ähnlich drückt es ein Vers aus dem 1. Johannes-

brief (5,12) aus: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das

Leben nicht.“

Geht dieser Absolutheitsanspruch wirklich auf Jesus Christus zurück? Oder ist es nicht viel-

mehr Ausdruck christlicher Verehrung, die dachte, sie würde den Ruhm Gottes vermehren,

55 wenn allein Christus zu retten vermag und alle anderen, die nicht mit ihm verbunden sind, „das

Leben nicht“ haben?

Als Ausdruck hingebender Poesie kann ich das nachvollziehen. So mag ein Mann seine Frau

für die schönste auf Erden oder eine Hamburgerin ihre Stadt für die beste der Welt halten. Beide

werden jedoch nicht alle anderen Vergleichsmöglichkeiten herangezogen haben, sondern ihre

60 Bewertung als Ausdruck der Liebe und Zuneigung verstehen.

In diesem Sinne kann ich mitsprechen: Jesus ist mein Weg, meine Wahrheit und mein Leben,

durch ihn komme ich zum Vater. Verabsolutiere ich das allerdings, ergibt sich ja die Frage, was

mit all den anderen geschieht. Die meisten Menschen auf der Erde sind ja keine Christinnen

und Christen. Gehen sie alle einen falschen Weg? Sind sie alle verloren? [...]

65 Der Gott, dem ich vertraue, ist der Gott aller Menschen. Deswegen will ich den Absolutheits-

anspruch des Christentums überwinden. Gott zeigt sich in Jesus, das ist mein Glaube. Aber

warum soll er sich nicht auch in anderen Persönlichkeiten zu erkennen geben, in anderen heili-

gen Schriften zu Wort kommen und in anderen Ritualen erfahrbar sein?

Das Christentum verfügt nicht allein über die Deutungshoheit Gottes. Zumal das Christentum

70 selbst ja eine synkretistische Angelegenheit ist, also ein Konglomerat aus jüdischen, griechi-

schen, römischen, ägyptischen, persischen und anderen Anteilen. In seiner langen Geschichte

sind Einflüsse aller Kulturen eingedrungen, in die es sich einpflanzen konnte.

Bitte beachten, ich sage nicht: Es ist egal, woran du glaubst. Die Religionen sind nicht gleich,

ganz im Gegenteil, sie geben zum Teil weit voneinander abweichende Antworten auf die Fra-

75 gen des Menschen nach Gott, dem Jenseits oder dem „richtigen“ Leben hier auf der Erde. Mir

erscheint durchaus in einigen Religionen einiges inakzeptabel, weil es mir fremd ist, abstrus

erscheint oder mit meinem Glauben gar nicht zu vereinbaren ist. [...]

Daraus lässt sich aber keineswegs folgern, das Christentum habe immer Recht. Daher lasse ich

diesen Gedanken, ich gehöre ganz zufällig der besten aller Religionen an, hinter mir... ins Grab

80 damit.

¹ Rumi: 1207 – 1273, persischer Sufi-Mystiker, Gelehrter, Dichter.

Aus: Georg Schwikart: „Requiem für meinen Glauben. Was ich getrost begraben darf und dadurch an Leben gewinne“, Würzburg 2022.

1. Erarbeiten Sie, worum es im Text geht, wie der Autor seinen Gedankengang aufbaut und welche Absicht dabei erkennbar wird. [26 Punkte]

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 2 · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder

Im Wohnzimmer meines Pfarrhauses sind auf einem halbhohen Regal religiöse Mitbringsel

meiner Reisen ausgestellt. Manche Betrachter nennen das einen „interreligiösen Altar“, doch

dient dieses Sammelsurium ja nicht der Anbetung Gottes, sondern dem Erkenntnisgewinn.

Da steht zum Beispiel ein arabischer Koran, den ich im türkischen Konya kaufte, der heiligen

5 Stadt des Mystikers Rumi¹. Aus Varanasi in Indien habe ich den tanzenden Shiva aus Messing

mitgebracht, aus Jerusalem die Menora, den siebenarmigen Leuchter. Die Nachbildung des alt-

ägyptischen Gottes Anubis (für die Totenriten zuständig) erstand ich in Kairo. Der wunderbare

Buddha ist ein Geschenk des thailändischen Mönchsklosters, in dem ich zu Gast sein durfte.

[...] Das Christentum ist mit einem Kreuz und einer Bibel vertreten. [...] In der Mitte der

10 Sammlung thront ein medizinischer Torso; man kann die Organe entnehmen, auch den Kopf

öffnen. Das soll nicht bedeuten, am wichtigsten sei der Mensch und ihm gebühre die Anbe-

tung, keineswegs. Ich wollte damit ausdrücken: Alle religiösen Bilder und Vorstellungen, all

die heiligen Bücher, Rituale und Traditionen, Feiertage und ehrwürdige Amtsträger aus den

Religionen – all das ist Menschenwerk. [...]

15 Wir Menschen sind es, die wir Gott nach unseren Vorstellungen mit Eigenschaften versehen

und Gott Worte in den Mund legen. Das stelle ich nicht in einem religionskritischen Sinne fest

nach dem Motto: „Es ist ja alles nur frei erfunden!“, sondern im Bewusstsein, dass Menschen

nicht anders als eben menschlich von Gott denken und von Gott reden können. Bereits im

5. Jahrhundert vor Christus stellte der griechische Philosoph Xenophanes nüchtern fest: „Wenn

20 die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus.“ Kein Wunder also, dass wir Menschen Gott

mit menschlichen Attributen ausstatten: Gott kann sehen, hören, riechen, fühlen und sprechen,

Gott hat Hände, Gott liebt uns, kann aber auch eifersüchtig und zornig sein.

Solche Aussagen einfach als naiv abzutun wäre zu oberflächlich. Menschen haben das Göttliche

erfahren und begegneten dem Heiligen. Das Erlebte kann dann allerdings kaum angemessen in

25 unseren Menschenworten wiedergegeben oder in menschlich plausiblen Zeichen dargestellt

werden. Wir spüren gleich, unsere Versuche bleiben irgendwie schief – Gott muss noch einmal

ganz anders sein. [...]

Seit alter Zeit bis auf den heutigen Tag, überall, wo Menschen leben, in allen Kulturen haben

Menschen auf vielfältige Art und Weise ihrem Verlangen nach dem Göttlichen Ausdruck ver-

30 liehen. Was sollte daran verwerflich sein? Problematisch wird die Buntheit der religiösen Viel-

falt erst, wenn das Kriterium von „wahr und falsch“ angelegt wird. Ein hinkender Vergleich:

Gibt es wahre oder falsche Tiere? Haben nicht Ameisen und Zebras, Nachtigallen und Pottwale

ihre Daseinsberechtigung?

Religion ist ein menschliches Phänomen, und wo Menschen aktiv sind, wird es schnell kompli-

35 ziert. Weil sie bewerten und beurteilen. Zum Beispiel bei der Frage, welches die richtige Reli-

gion sei. Verwundert es, wenn die Muslime sagen: der Islam? Und die Hindus: der Hinduismus?

So halten die Christen das Christentum für die einzig wahre Religion. [...]

Wir müssen lernen, die Wahrheit ist in dieser Frage nur im Plural denkbar. Wir können die

Wahrheitsfrage nicht allgemeingültig beantworten, wohl aber persönlich: Meine Religion ist

40 das Christentum! Mein Glaube bezieht sich auf Gott, der sich den Menschen dreifaltig gezeigt

hat als Vater/Mutter, in seinem Sohn Jesus Christus und im Heiligen Geist. Um dieses Bekennt-

nis ablegen zu können, muss ich schon tief in das christliche Selbstverständnis eingedrungen

sein. Es ist ja keine Erkenntnis, die speziell mir zuteilwurde, sondern ich bin in die Kultur des

Christentums hineingewachsen und habe sie verinnerlicht. Ich erfahre Gottes Gegenwart im

45 christlichen Glauben. [...]

Ich kann auch gut aushalten, dass andere Menschen anders glauben als ich. [...] In meiner

Tradition gibt es allerdings starke Aussagen, die einem solch liberalen Ansatz, wie er mir an-

genehm ist, zuwiderlaufen. So heißt es von Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das

Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Johannes 14,6). In seiner Unbedingt-

50 heit ist dieser Anspruch kaum zu überbieten. Ähnlich drückt es ein Vers aus dem 1. Johannes-

brief (5,12) aus: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das

Leben nicht.“

Geht dieser Absolutheitsanspruch wirklich auf Jesus Christus zurück? Oder ist es nicht viel-

mehr Ausdruck christlicher Verehrung, die dachte, sie würde den Ruhm Gottes vermehren,

55 wenn allein Christus zu retten vermag und alle anderen, die nicht mit ihm verbunden sind, „das

Leben nicht“ haben?

Als Ausdruck hingebender Poesie kann ich das nachvollziehen. So mag ein Mann seine Frau

für die schönste auf Erden oder eine Hamburgerin ihre Stadt für die beste der Welt halten. Beide

werden jedoch nicht alle anderen Vergleichsmöglichkeiten herangezogen haben, sondern ihre

60 Bewertung als Ausdruck der Liebe und Zuneigung verstehen.

In diesem Sinne kann ich mitsprechen: Jesus ist mein Weg, meine Wahrheit und mein Leben,

durch ihn komme ich zum Vater. Verabsolutiere ich das allerdings, ergibt sich ja die Frage, was

mit all den anderen geschieht. Die meisten Menschen auf der Erde sind ja keine Christinnen

und Christen. Gehen sie alle einen falschen Weg? Sind sie alle verloren? [...]

65 Der Gott, dem ich vertraue, ist der Gott aller Menschen. Deswegen will ich den Absolutheits-

anspruch des Christentums überwinden. Gott zeigt sich in Jesus, das ist mein Glaube. Aber

warum soll er sich nicht auch in anderen Persönlichkeiten zu erkennen geben, in anderen heili-

gen Schriften zu Wort kommen und in anderen Ritualen erfahrbar sein?

Das Christentum verfügt nicht allein über die Deutungshoheit Gottes. Zumal das Christentum

70 selbst ja eine synkretistische Angelegenheit ist, also ein Konglomerat aus jüdischen, griechi-

schen, römischen, ägyptischen, persischen und anderen Anteilen. In seiner langen Geschichte

sind Einflüsse aller Kulturen eingedrungen, in die es sich einpflanzen konnte.

Bitte beachten, ich sage nicht: Es ist egal, woran du glaubst. Die Religionen sind nicht gleich,

ganz im Gegenteil, sie geben zum Teil weit voneinander abweichende Antworten auf die Fra-

75 gen des Menschen nach Gott, dem Jenseits oder dem „richtigen“ Leben hier auf der Erde. Mir

erscheint durchaus in einigen Religionen einiges inakzeptabel, weil es mir fremd ist, abstrus

erscheint oder mit meinem Glauben gar nicht zu vereinbaren ist. [...]

Daraus lässt sich aber keineswegs folgern, das Christentum habe immer Recht. Daher lasse ich

diesen Gedanken, ich gehöre ganz zufällig der besten aller Religionen an, hinter mir... ins Grab

80 damit.

¹ Rumi: 1207 – 1273, persischer Sufi-Mystiker, Gelehrter, Dichter.

Aus: Georg Schwikart: „Requiem für meinen Glauben. Was ich getrost begraben darf und dadurch an Leben gewinne“, Würzburg 2022.

2. Entfalten Sie unter Heranziehung von zwei Bibelstellen Schwikarts These, nach der „wir Menschen Gott mit menschlichen Attributen ausstatten“ (Z. 20 f.), das Sprechen von Gott aber zugleich „irgendwie schief“ (Z. 26) bleibt: „Gott muss noch einmal ganz anders sein“ (Z. 26 f.). [16 Punkte]

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Kirche und interreligiöser Dialog: Nostra aetate

Im Wohnzimmer meines Pfarrhauses sind auf einem halbhohen Regal religiöse Mitbringsel

meiner Reisen ausgestellt. Manche Betrachter nennen das einen „interreligiösen Altar“, doch

dient dieses Sammelsurium ja nicht der Anbetung Gottes, sondern dem Erkenntnisgewinn.

Da steht zum Beispiel ein arabischer Koran, den ich im türkischen Konya kaufte, der heiligen

5 Stadt des Mystikers Rumi¹. Aus Varanasi in Indien habe ich den tanzenden Shiva aus Messing

mitgebracht, aus Jerusalem die Menora, den siebenarmigen Leuchter. Die Nachbildung des alt-

ägyptischen Gottes Anubis (für die Totenriten zuständig) erstand ich in Kairo. Der wunderbare

Buddha ist ein Geschenk des thailändischen Mönchsklosters, in dem ich zu Gast sein durfte.

[...] Das Christentum ist mit einem Kreuz und einer Bibel vertreten. [...] In der Mitte der

10 Sammlung thront ein medizinischer Torso; man kann die Organe entnehmen, auch den Kopf

öffnen. Das soll nicht bedeuten, am wichtigsten sei der Mensch und ihm gebühre die Anbe-

tung, keineswegs. Ich wollte damit ausdrücken: Alle religiösen Bilder und Vorstellungen, all

die heiligen Bücher, Rituale und Traditionen, Feiertage und ehrwürdige Amtsträger aus den

Religionen – all das ist Menschenwerk. [...]

15 Wir Menschen sind es, die wir Gott nach unseren Vorstellungen mit Eigenschaften versehen

und Gott Worte in den Mund legen. Das stelle ich nicht in einem religionskritischen Sinne fest

nach dem Motto: „Es ist ja alles nur frei erfunden!“, sondern im Bewusstsein, dass Menschen

nicht anders als eben menschlich von Gott denken und von Gott reden können. Bereits im

5. Jahrhundert vor Christus stellte der griechische Philosoph Xenophanes nüchtern fest: „Wenn

20 die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus.“ Kein Wunder also, dass wir Menschen Gott

mit menschlichen Attributen ausstatten: Gott kann sehen, hören, riechen, fühlen und sprechen,

Gott hat Hände, Gott liebt uns, kann aber auch eifersüchtig und zornig sein.

Solche Aussagen einfach als naiv abzutun wäre zu oberflächlich. Menschen haben das Göttliche

erfahren und begegneten dem Heiligen. Das Erlebte kann dann allerdings kaum angemessen in

25 unseren Menschenworten wiedergegeben oder in menschlich plausiblen Zeichen dargestellt

werden. Wir spüren gleich, unsere Versuche bleiben irgendwie schief – Gott muss noch einmal

ganz anders sein. [...]

Seit alter Zeit bis auf den heutigen Tag, überall, wo Menschen leben, in allen Kulturen haben

Menschen auf vielfältige Art und Weise ihrem Verlangen nach dem Göttlichen Ausdruck ver-

30 liehen. Was sollte daran verwerflich sein? Problematisch wird die Buntheit der religiösen Viel-

falt erst, wenn das Kriterium von „wahr und falsch“ angelegt wird. Ein hinkender Vergleich:

Gibt es wahre oder falsche Tiere? Haben nicht Ameisen und Zebras, Nachtigallen und Pottwale

ihre Daseinsberechtigung?

Religion ist ein menschliches Phänomen, und wo Menschen aktiv sind, wird es schnell kompli-

35 ziert. Weil sie bewerten und beurteilen. Zum Beispiel bei der Frage, welches die richtige Reli-

gion sei. Verwundert es, wenn die Muslime sagen: der Islam? Und die Hindus: der Hinduismus?

So halten die Christen das Christentum für die einzig wahre Religion. [...]

Wir müssen lernen, die Wahrheit ist in dieser Frage nur im Plural denkbar. Wir können die

Wahrheitsfrage nicht allgemeingültig beantworten, wohl aber persönlich: Meine Religion ist

40 das Christentum! Mein Glaube bezieht sich auf Gott, der sich den Menschen dreifaltig gezeigt

hat als Vater/Mutter, in seinem Sohn Jesus Christus und im Heiligen Geist. Um dieses Bekennt-

nis ablegen zu können, muss ich schon tief in das christliche Selbstverständnis eingedrungen

sein. Es ist ja keine Erkenntnis, die speziell mir zuteilwurde, sondern ich bin in die Kultur des

Christentums hineingewachsen und habe sie verinnerlicht. Ich erfahre Gottes Gegenwart im

45 christlichen Glauben. [...]

Ich kann auch gut aushalten, dass andere Menschen anders glauben als ich. [...] In meiner

Tradition gibt es allerdings starke Aussagen, die einem solch liberalen Ansatz, wie er mir an-

genehm ist, zuwiderlaufen. So heißt es von Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das

Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Johannes 14,6). In seiner Unbedingt-

50 heit ist dieser Anspruch kaum zu überbieten. Ähnlich drückt es ein Vers aus dem 1. Johannes-

brief (5,12) aus: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das

Leben nicht.“

Geht dieser Absolutheitsanspruch wirklich auf Jesus Christus zurück? Oder ist es nicht viel-

mehr Ausdruck christlicher Verehrung, die dachte, sie würde den Ruhm Gottes vermehren,

55 wenn allein Christus zu retten vermag und alle anderen, die nicht mit ihm verbunden sind, „das

Leben nicht“ haben?

Als Ausdruck hingebender Poesie kann ich das nachvollziehen. So mag ein Mann seine Frau

für die schönste auf Erden oder eine Hamburgerin ihre Stadt für die beste der Welt halten. Beide

werden jedoch nicht alle anderen Vergleichsmöglichkeiten herangezogen haben, sondern ihre

60 Bewertung als Ausdruck der Liebe und Zuneigung verstehen.

In diesem Sinne kann ich mitsprechen: Jesus ist mein Weg, meine Wahrheit und mein Leben,

durch ihn komme ich zum Vater. Verabsolutiere ich das allerdings, ergibt sich ja die Frage, was

mit all den anderen geschieht. Die meisten Menschen auf der Erde sind ja keine Christinnen

und Christen. Gehen sie alle einen falschen Weg? Sind sie alle verloren? [...]

65 Der Gott, dem ich vertraue, ist der Gott aller Menschen. Deswegen will ich den Absolutheits-

anspruch des Christentums überwinden. Gott zeigt sich in Jesus, das ist mein Glaube. Aber

warum soll er sich nicht auch in anderen Persönlichkeiten zu erkennen geben, in anderen heili-

gen Schriften zu Wort kommen und in anderen Ritualen erfahrbar sein?

Das Christentum verfügt nicht allein über die Deutungshoheit Gottes. Zumal das Christentum

70 selbst ja eine synkretistische Angelegenheit ist, also ein Konglomerat aus jüdischen, griechi-

schen, römischen, ägyptischen, persischen und anderen Anteilen. In seiner langen Geschichte

sind Einflüsse aller Kulturen eingedrungen, in die es sich einpflanzen konnte.

Bitte beachten, ich sage nicht: Es ist egal, woran du glaubst. Die Religionen sind nicht gleich,

ganz im Gegenteil, sie geben zum Teil weit voneinander abweichende Antworten auf die Fra-

75 gen des Menschen nach Gott, dem Jenseits oder dem „richtigen“ Leben hier auf der Erde. Mir

erscheint durchaus in einigen Religionen einiges inakzeptabel, weil es mir fremd ist, abstrus

erscheint oder mit meinem Glauben gar nicht zu vereinbaren ist. [...]

Daraus lässt sich aber keineswegs folgern, das Christentum habe immer Recht. Daher lasse ich

diesen Gedanken, ich gehöre ganz zufällig der besten aller Religionen an, hinter mir... ins Grab

80 damit.

¹ Rumi: 1207 – 1273, persischer Sufi-Mystiker, Gelehrter, Dichter.

Aus: Georg Schwikart: „Requiem für meinen Glauben. Was ich getrost begraben darf und dadurch an Leben gewinne“, Würzburg 2022.

3. Erläutern Sie unter Bezug auf die Konzilserklärung Nostra aetate zentrale Aussagen und Anliegen der katholischen Kirche im Dialog mit anderen Religionen. Prüfen Sie, inwiefern die Darlegungen des Autors diesen entsprechen. Beurteilen Sie zum Schluss würdigend und kritisch, inwiefern Schwikarts Einstellung zu anderen Religionen dem Dialog der Religionen dienlich sein kann. [38 Punkte]

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

M 1

Jürgen Werbick: Karfreitag: Gott am Kreuz?

Es geschieht vor aller Augen, ein erstrangiges Event so kurz vor dem großen Feiertag in

Jerusalem. Römische Soldaten stehen dabei; das ist ihr blutiger Job. Und am Abend in der

Kneipe – Ernest Hemingway schildert die Szene so –, da hat sich doch einer von ihnen den

Magen oder sonst was verdorben. 1 Ein anderer bringt die Rede auf den Nachmittag – und auf

5 den hingerichteten Jesus von Nazaret. Er redet von ihm, wie routinierte Soldaten im besetzten

Land eben reden: „Der hat sich heute da recht ordentlich benommen.“ Er hat keine Zicken

gemacht; er hat auch nicht in letzter Minute von seiner landauf landab gerühmten Wunder-

kraft Gebrauch gemacht, um vom Kreuz herunterzusteigen, an das man ihn schon geschlagen

hatte. Nein, er hat sich nicht gewehrt; keine Schwierigkeiten erfreulicherweise. Alles hat er

10 – da klingt so etwas wie die professionelle Anerkennung des Soldaten mit – tapfer über sich

ergehen lassen. So kann man diese auch ein wenig bemerkenswerte Sache abhaken: Es ging

Gottseidank alles reibungslos; auch seine Kumpane haben sich rechtzeitig verkrümelt. […]

Genau das soll man sehen: Die schreckliche Macht über Leben und Tod; die Macht, bis zum

Tod zu quälen und zu entwürdigen. Das ist von altersher die Sicht der Vollstrecker: Die Rou-

15 tine, mit der alles abgewickelt wird, soll die Selbstverständlichkeit spiegeln, mit der man diese

Macht ausübt: Das Böse darf nicht in eurer Mitte sein! Liquidiert 2 es im Auftrag des Gottes,

der das Böse bei euch verabscheut. Draußen, vor den Mauern hängt sie auf, e-liminiert 3 sie!

Und der am Holz hängt, ist der von Gott Verlassene, Verfluchte. Der Text aus Dtn 21,24, den

ich hier zitiere, spricht aus, was man da draußen sieht, wenn einer am Galgen hängt. Da ist

20 der Ort des Gottesfluchs, der Unheils-Ort schlechthin. So soll man den Gehenkten am glei-

chen Tag begraben. Er soll nicht über Nacht hängen bleiben, damit das nicht Verunreinigung

und damit Unheil über das Land bringt.

So ist es an Jesus von Nazaret exekutiert 4 worden. Man hat seinen toten Leib vom Kreuz ge-

nommen, damit er nicht Unheil über das Volk bringe. […]

25 Da, wo es heißt: Weg mit ihnen, den Gottverlassenen, damit keine Ansteckung von ihnen aus-

geht, genau da ist Gott; mit dem Verfluchten, ja in ihm ist er da. […] Die an den Gekreuzigten

glaubten, haben es gesehen. Da, wo der Ursprung des Unheils, der Ansteckung mit Unheil, aus-

gemerzt sein sollte, da ist die Quelle göttlichen Lebens. Man kann das nicht sehen, nur glau-

ben; man kann nur anglauben gegen die Logik des Sichtbaren, die nichts anderes als die Gott-

30 verlassenheit und Menschenverlassenheit sichtbar macht, das Zerbrechen aller Mit-Mensch-

lichkeit und Mit-Göttlichkeit; man kann vielleicht mit Jesus, dem Gekreuzigten, dagegen an-

glauben: wie er im Gebet gegen seine Gottverlassenheit anglaubte: Mein Gott, hast Du mich

verlassen?

[…] Die neutestamentlichen Zeugen haben in die Kreuzigung Jesu hineingesehen, was sie

35 glaubten. Sie haben auf Jesu Haupt die Dornenkrone gesehen: die grausame Travestie 5 auf

eine Königskrone, die Krone des Königs, dessen Herrschaft nicht von dieser Welt ist, von

den Herrschaften dieser Welt ans Kreuz weggedrängt. Die Dornenkrone bedeutet aber noch

viel mehr: die Erinnerung an den brennenden Dornbusch in der Wüste, an dem Mose JHWH

begegnete und nach seinem Namen fragte. Dieser Rätselname: Ich bin der Ich-bin-für-euch-

40 da, wie-ich-für-euch-dasein-will (Ex 3,14) 6 – hier am Kreuz, dem neuen brennenden Dorn-

busch, wird er beglaubigt und neu ausgelegt; wird er in seiner Widerspenstigkeit und Wider-

standskraft wahr. Ich werde für euch da sein, wie ich da sein will: nicht da, wo ihr mich ver-

mutet und in euren Vorstellungen hinschiebt; eben nicht da, wo ich vereinnahmt und miss-

braucht werde, auf den Thronen und bei den prunkvoll ausstaffierten kirchlichen Gottes- oder

45 Christus-Stellvertretern.

Zu wissen, wo Gott ist und wo nicht: Das ist das verheerendste Menschenwissen. Man kann

die Gottverlassenen verlassen sein lassen, sie in die letzte Verlassenheit hineinstoßen, und

sich im Glanz der Gottesgegenwart sonnen. Nicht mit diesem Gott, mit dem Gott Israels und

Jesu Christi! Er bestimmt selbst darüber, wie und wo er da ist: Im Gottverlassenen, Gekreu-

50 zigten, damit Menschen sehen, glauben lernen, was sich darin zeigt – wer sich darin zeigt.

Dieser Gekreuzigte pflegt die Gemeinschaft mit den anderen Gott- und Menschen-Verlasse-

nen. Ihm und damit Gott selbst begegnen die Menschen in diesen Menschen-Verlassenen,

die wir gar nicht erst wahrnehmen wollen, weil es uns nicht so gut gehen würde, wenn wir

sie sähen, und Gott und Christus in ihnen.

55 Christsein ist keine Wohlfühlreligion. Gott will offenbar nicht in den Wellness-Tempeln da

sein, sondern im geschändeten und zerstörten Tempel derer, die man nicht da sein lässt und

bis auf ihren Leib entwürdigt. Es ist sehr menschlich, sich von ihnen abzuwenden, sich vom

Kreuz abzuwenden. Man wird diesen Blick nicht immer aushalten können. Der Karfreitag für

sich allein genommen würde uns seelisch umbringen oder abstumpfen; es würde uns seelisch

60 ruinieren, dürften wir Gott nicht auch in der Liebe, all ihren Segnungen, freilich auch Abgrün-

den sehen. Aber heute – und immer wieder – ist Karfreitag. Da dürfen wir nicht am Kreuz

vorübergehen in einer vom Kreuz unberührten Frömmigkeit, die schon weiß, wo man Gott

begegnet. Vorsicht, wir haben es mit einem Gott zu tun, der sich das nicht vorschreiben lässt

und uns mitunter genau da entgegenkommt, wo es uns am unangenehmsten ist: da, wo wir

65 unser Leben ändern müssten, wenn wir glauben, was wir bekennen: dass unser Gott es ernst

mit uns meint und uns nicht ausweicht. Er kommt auf uns zu, wenn wir nicht sehen wollen,

was uns verändern müsste. Jetzt sind wir in der Kirche und sehen auf das Kreuz: damit wir

einander helfen, auszuhalten, was wir sehen – und dass es Gott ist, den wir da zu sehen be-

kommen.

1 Ernest Hemingway: Heute ist Freitag, in: Ders., Gesammelte Werke 6. Stories I, Reinbek 1977, S. 302 – 305.

2 liquidieren: jemanden aus bestimmten Gründen töten oder hinrichten (lassen).

3 eliminieren: beseitigen, ausstoßen.

4 exekutieren: vollstrecken.

5 Travestie: literarische Gattung, die bekannte Stoffe der Dichtung ins Lächerliche zieht, indem sie sie in eine ihnen unangemessene Form überträgt; hier: die Königskrone, die zur Dornenkrone wird.

6 Zu Ex 3,14 gibt es eine Vielzahl von Übersetzungen, die zugleich unterschiedliche Deutungen vornehmen. In der Einheitsübersetzung von 2016 findet sich die Übersetzung: „Ich bin, der ich bin“.

M 2

Ralf Kopp: Kuschelkreuz 1: Jesus – freeJeeBlueMan

Der Künstler Ralf Kopp äußert sich zu seinem Projekt:

Meine Idee war, christliche Grundwerte neu zu spielen und DAS Symbol christlicher Religion

zu hinterfragen und neu zu interpretieren. […] freeJee öffnet für mich auch das christliche

Symbol für Toleranz und Offenheit. Ich als Künstler und Mensch möchte mit dem Projekt ein

Stück weit versuchen, den Umgang mit Religion zu lockern. Nicht der starre, knöcherne und

5 hölzerne Umgang wie es ein Holz- oder ein Metallkreuz widerspiegelt.

1 Alle freeJees sind in Deutschland handgefertigt und limitiert. Die 20 x 30 cm großen und aus Stoff hergestellten freeJees kosten 95 Euro. Von jedem verkauften freeJee fließen 23,95 Euro Kinderhilfsprojekten zu.

1.

Erarbeiten Sie, welches Thema Werbick in seiner Karfreitagspredigt (M 1) behandelt und wie er seine Gedanken entfaltet.

(24 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder

M 1

Jürgen Werbick: Karfreitag: Gott am Kreuz?

Es geschieht vor aller Augen, ein erstrangiges Event so kurz vor dem großen Feiertag in

Jerusalem. Römische Soldaten stehen dabei; das ist ihr blutiger Job. Und am Abend in der

Kneipe – Ernest Hemingway schildert die Szene so –, da hat sich doch einer von ihnen den

Magen oder sonst was verdorben. 1 Ein anderer bringt die Rede auf den Nachmittag – und auf

5 den hingerichteten Jesus von Nazaret. Er redet von ihm, wie routinierte Soldaten im besetzten

Land eben reden: „Der hat sich heute da recht ordentlich benommen.“ Er hat keine Zicken

gemacht; er hat auch nicht in letzter Minute von seiner landauf landab gerühmten Wunder-

kraft Gebrauch gemacht, um vom Kreuz herunterzusteigen, an das man ihn schon geschlagen

hatte. Nein, er hat sich nicht gewehrt; keine Schwierigkeiten erfreulicherweise. Alles hat er

10 – da klingt so etwas wie die professionelle Anerkennung des Soldaten mit – tapfer über sich

ergehen lassen. So kann man diese auch ein wenig bemerkenswerte Sache abhaken: Es ging

Gottseidank alles reibungslos; auch seine Kumpane haben sich rechtzeitig verkrümelt. […]

Genau das soll man sehen: Die schreckliche Macht über Leben und Tod; die Macht, bis zum

Tod zu quälen und zu entwürdigen. Das ist von altersher die Sicht der Vollstrecker: Die Rou-

15 tine, mit der alles abgewickelt wird, soll die Selbstverständlichkeit spiegeln, mit der man diese

Macht ausübt: Das Böse darf nicht in eurer Mitte sein! Liquidiert 2 es im Auftrag des Gottes,

der das Böse bei euch verabscheut. Draußen, vor den Mauern hängt sie auf, e-liminiert 3 sie!

Und der am Holz hängt, ist der von Gott Verlassene, Verfluchte. Der Text aus Dtn 21,24, den

ich hier zitiere, spricht aus, was man da draußen sieht, wenn einer am Galgen hängt. Da ist

20 der Ort des Gottesfluchs, der Unheils-Ort schlechthin. So soll man den Gehenkten am glei-

chen Tag begraben. Er soll nicht über Nacht hängen bleiben, damit das nicht Verunreinigung

und damit Unheil über das Land bringt.

So ist es an Jesus von Nazaret exekutiert 4 worden. Man hat seinen toten Leib vom Kreuz ge-

nommen, damit er nicht Unheil über das Volk bringe. […]

25 Da, wo es heißt: Weg mit ihnen, den Gottverlassenen, damit keine Ansteckung von ihnen aus-

geht, genau da ist Gott; mit dem Verfluchten, ja in ihm ist er da. […] Die an den Gekreuzigten

glaubten, haben es gesehen. Da, wo der Ursprung des Unheils, der Ansteckung mit Unheil, aus-

gemerzt sein sollte, da ist die Quelle göttlichen Lebens. Man kann das nicht sehen, nur glau-

ben; man kann nur anglauben gegen die Logik des Sichtbaren, die nichts anderes als die Gott-

30 verlassenheit und Menschenverlassenheit sichtbar macht, das Zerbrechen aller Mit-Mensch-

lichkeit und Mit-Göttlichkeit; man kann vielleicht mit Jesus, dem Gekreuzigten, dagegen an-

glauben: wie er im Gebet gegen seine Gottverlassenheit anglaubte: Mein Gott, hast Du mich

verlassen?

[…] Die neutestamentlichen Zeugen haben in die Kreuzigung Jesu hineingesehen, was sie

35 glaubten. Sie haben auf Jesu Haupt die Dornenkrone gesehen: die grausame Travestie 5 auf

eine Königskrone, die Krone des Königs, dessen Herrschaft nicht von dieser Welt ist, von

den Herrschaften dieser Welt ans Kreuz weggedrängt. Die Dornenkrone bedeutet aber noch

viel mehr: die Erinnerung an den brennenden Dornbusch in der Wüste, an dem Mose JHWH

begegnete und nach seinem Namen fragte. Dieser Rätselname: Ich bin der Ich-bin-für-euch-

40 da, wie-ich-für-euch-dasein-will (Ex 3,14) 6 – hier am Kreuz, dem neuen brennenden Dorn-

busch, wird er beglaubigt und neu ausgelegt; wird er in seiner Widerspenstigkeit und Wider-

standskraft wahr. Ich werde für euch da sein, wie ich da sein will: nicht da, wo ihr mich ver-

mutet und in euren Vorstellungen hinschiebt; eben nicht da, wo ich vereinnahmt und miss-

braucht werde, auf den Thronen und bei den prunkvoll ausstaffierten kirchlichen Gottes- oder

45 Christus-Stellvertretern.

Zu wissen, wo Gott ist und wo nicht: Das ist das verheerendste Menschenwissen. Man kann

die Gottverlassenen verlassen sein lassen, sie in die letzte Verlassenheit hineinstoßen, und

sich im Glanz der Gottesgegenwart sonnen. Nicht mit diesem Gott, mit dem Gott Israels und

Jesu Christi! Er bestimmt selbst darüber, wie und wo er da ist: Im Gottverlassenen, Gekreu-

50 zigten, damit Menschen sehen, glauben lernen, was sich darin zeigt – wer sich darin zeigt.

Dieser Gekreuzigte pflegt die Gemeinschaft mit den anderen Gott- und Menschen-Verlasse-

nen. Ihm und damit Gott selbst begegnen die Menschen in diesen Menschen-Verlassenen,

die wir gar nicht erst wahrnehmen wollen, weil es uns nicht so gut gehen würde, wenn wir

sie sähen, und Gott und Christus in ihnen.

55 Christsein ist keine Wohlfühlreligion. Gott will offenbar nicht in den Wellness-Tempeln da

sein, sondern im geschändeten und zerstörten Tempel derer, die man nicht da sein lässt und

bis auf ihren Leib entwürdigt. Es ist sehr menschlich, sich von ihnen abzuwenden, sich vom

Kreuz abzuwenden. Man wird diesen Blick nicht immer aushalten können. Der Karfreitag für

sich allein genommen würde uns seelisch umbringen oder abstumpfen; es würde uns seelisch

60 ruinieren, dürften wir Gott nicht auch in der Liebe, all ihren Segnungen, freilich auch Abgrün-

den sehen. Aber heute – und immer wieder – ist Karfreitag. Da dürfen wir nicht am Kreuz

vorübergehen in einer vom Kreuz unberührten Frömmigkeit, die schon weiß, wo man Gott

begegnet. Vorsicht, wir haben es mit einem Gott zu tun, der sich das nicht vorschreiben lässt

und uns mitunter genau da entgegenkommt, wo es uns am unangenehmsten ist: da, wo wir

65 unser Leben ändern müssten, wenn wir glauben, was wir bekennen: dass unser Gott es ernst

mit uns meint und uns nicht ausweicht. Er kommt auf uns zu, wenn wir nicht sehen wollen,

was uns verändern müsste. Jetzt sind wir in der Kirche und sehen auf das Kreuz: damit wir

einander helfen, auszuhalten, was wir sehen – und dass es Gott ist, den wir da zu sehen be-

kommen.

1 Ernest Hemingway: Heute ist Freitag, in: Ders., Gesammelte Werke 6. Stories I, Reinbek 1977, S. 302 – 305.

2 liquidieren: jemanden aus bestimmten Gründen töten oder hinrichten (lassen).

3 eliminieren: beseitigen, ausstoßen.

4 exekutieren: vollstrecken.

5 Travestie: literarische Gattung, die bekannte Stoffe der Dichtung ins Lächerliche zieht, indem sie sie in eine ihnen unangemessene Form überträgt; hier: die Königskrone, die zur Dornenkrone wird.

6 Zu Ex 3,14 gibt es eine Vielzahl von Übersetzungen, die zugleich unterschiedliche Deutungen vornehmen. In der Einheitsübersetzung von 2016 findet sich die Übersetzung: „Ich bin, der ich bin“.

M 2

Ralf Kopp: Kuschelkreuz 1: Jesus – freeJeeBlueMan

Der Künstler Ralf Kopp äußert sich zu seinem Projekt:

Meine Idee war, christliche Grundwerte neu zu spielen und DAS Symbol christlicher Religion

zu hinterfragen und neu zu interpretieren. […] freeJee öffnet für mich auch das christliche

Symbol für Toleranz und Offenheit. Ich als Künstler und Mensch möchte mit dem Projekt ein

Stück weit versuchen, den Umgang mit Religion zu lockern. Nicht der starre, knöcherne und

5 hölzerne Umgang wie es ein Holz- oder ein Metallkreuz widerspiegelt.

1 Alle freeJees sind in Deutschland handgefertigt und limitiert. Die 20 x 30 cm großen und aus Stoff hergestellten freeJees kosten 95 Euro. Von jedem verkauften freeJee fließen 23,95 Euro Kinderhilfsprojekten zu.

2.

„Ich werde für euch da sein, wie ich da sein will: nicht da, wo ihr mich vermutet und in euren Vorstellungen hinschiebt“ (M 1, Z. 42 f.).

Erläutern Sie Werbicks Aussage über das biblische Gottesbild, indem Sie sich auf je eine Textstelle aus dem Alten und aus dem Neuen Testament beziehen.

(20 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · Tod und Auferweckung Jesu: Heilsbedeutung

M 1

Jürgen Werbick: Karfreitag: Gott am Kreuz?

Es geschieht vor aller Augen, ein erstrangiges Event so kurz vor dem großen Feiertag in

Jerusalem. Römische Soldaten stehen dabei; das ist ihr blutiger Job. Und am Abend in der

Kneipe – Ernest Hemingway schildert die Szene so –, da hat sich doch einer von ihnen den

Magen oder sonst was verdorben. 1 Ein anderer bringt die Rede auf den Nachmittag – und auf

5 den hingerichteten Jesus von Nazaret. Er redet von ihm, wie routinierte Soldaten im besetzten

Land eben reden: „Der hat sich heute da recht ordentlich benommen.“ Er hat keine Zicken

gemacht; er hat auch nicht in letzter Minute von seiner landauf landab gerühmten Wunder-

kraft Gebrauch gemacht, um vom Kreuz herunterzusteigen, an das man ihn schon geschlagen

hatte. Nein, er hat sich nicht gewehrt; keine Schwierigkeiten erfreulicherweise. Alles hat er

10 – da klingt so etwas wie die professionelle Anerkennung des Soldaten mit – tapfer über sich

ergehen lassen. So kann man diese auch ein wenig bemerkenswerte Sache abhaken: Es ging

Gottseidank alles reibungslos; auch seine Kumpane haben sich rechtzeitig verkrümelt. […]

Genau das soll man sehen: Die schreckliche Macht über Leben und Tod; die Macht, bis zum

Tod zu quälen und zu entwürdigen. Das ist von altersher die Sicht der Vollstrecker: Die Rou-

15 tine, mit der alles abgewickelt wird, soll die Selbstverständlichkeit spiegeln, mit der man diese

Macht ausübt: Das Böse darf nicht in eurer Mitte sein! Liquidiert 2 es im Auftrag des Gottes,

der das Böse bei euch verabscheut. Draußen, vor den Mauern hängt sie auf, e-liminiert 3 sie!

Und der am Holz hängt, ist der von Gott Verlassene, Verfluchte. Der Text aus Dtn 21,24, den

ich hier zitiere, spricht aus, was man da draußen sieht, wenn einer am Galgen hängt. Da ist

20 der Ort des Gottesfluchs, der Unheils-Ort schlechthin. So soll man den Gehenkten am glei-

chen Tag begraben. Er soll nicht über Nacht hängen bleiben, damit das nicht Verunreinigung

und damit Unheil über das Land bringt.

So ist es an Jesus von Nazaret exekutiert 4 worden. Man hat seinen toten Leib vom Kreuz ge-

nommen, damit er nicht Unheil über das Volk bringe. […]

25 Da, wo es heißt: Weg mit ihnen, den Gottverlassenen, damit keine Ansteckung von ihnen aus-

geht, genau da ist Gott; mit dem Verfluchten, ja in ihm ist er da. […] Die an den Gekreuzigten

glaubten, haben es gesehen. Da, wo der Ursprung des Unheils, der Ansteckung mit Unheil, aus-

gemerzt sein sollte, da ist die Quelle göttlichen Lebens. Man kann das nicht sehen, nur glau-

ben; man kann nur anglauben gegen die Logik des Sichtbaren, die nichts anderes als die Gott-

30 verlassenheit und Menschenverlassenheit sichtbar macht, das Zerbrechen aller Mit-Mensch-

lichkeit und Mit-Göttlichkeit; man kann vielleicht mit Jesus, dem Gekreuzigten, dagegen an-

glauben: wie er im Gebet gegen seine Gottverlassenheit anglaubte: Mein Gott, hast Du mich

verlassen?

[…] Die neutestamentlichen Zeugen haben in die Kreuzigung Jesu hineingesehen, was sie

35 glaubten. Sie haben auf Jesu Haupt die Dornenkrone gesehen: die grausame Travestie 5 auf

eine Königskrone, die Krone des Königs, dessen Herrschaft nicht von dieser Welt ist, von

den Herrschaften dieser Welt ans Kreuz weggedrängt. Die Dornenkrone bedeutet aber noch

viel mehr: die Erinnerung an den brennenden Dornbusch in der Wüste, an dem Mose JHWH

begegnete und nach seinem Namen fragte. Dieser Rätselname: Ich bin der Ich-bin-für-euch-

40 da, wie-ich-für-euch-dasein-will (Ex 3,14) 6 – hier am Kreuz, dem neuen brennenden Dorn-

busch, wird er beglaubigt und neu ausgelegt; wird er in seiner Widerspenstigkeit und Wider-

standskraft wahr. Ich werde für euch da sein, wie ich da sein will: nicht da, wo ihr mich ver-

mutet und in euren Vorstellungen hinschiebt; eben nicht da, wo ich vereinnahmt und miss-

braucht werde, auf den Thronen und bei den prunkvoll ausstaffierten kirchlichen Gottes- oder

45 Christus-Stellvertretern.

Zu wissen, wo Gott ist und wo nicht: Das ist das verheerendste Menschenwissen. Man kann

die Gottverlassenen verlassen sein lassen, sie in die letzte Verlassenheit hineinstoßen, und

sich im Glanz der Gottesgegenwart sonnen. Nicht mit diesem Gott, mit dem Gott Israels und

Jesu Christi! Er bestimmt selbst darüber, wie und wo er da ist: Im Gottverlassenen, Gekreu-

50 zigten, damit Menschen sehen, glauben lernen, was sich darin zeigt – wer sich darin zeigt.

Dieser Gekreuzigte pflegt die Gemeinschaft mit den anderen Gott- und Menschen-Verlasse-

nen. Ihm und damit Gott selbst begegnen die Menschen in diesen Menschen-Verlassenen,

die wir gar nicht erst wahrnehmen wollen, weil es uns nicht so gut gehen würde, wenn wir

sie sähen, und Gott und Christus in ihnen.

55 Christsein ist keine Wohlfühlreligion. Gott will offenbar nicht in den Wellness-Tempeln da

sein, sondern im geschändeten und zerstörten Tempel derer, die man nicht da sein lässt und

bis auf ihren Leib entwürdigt. Es ist sehr menschlich, sich von ihnen abzuwenden, sich vom

Kreuz abzuwenden. Man wird diesen Blick nicht immer aushalten können. Der Karfreitag für

sich allein genommen würde uns seelisch umbringen oder abstumpfen; es würde uns seelisch

60 ruinieren, dürften wir Gott nicht auch in der Liebe, all ihren Segnungen, freilich auch Abgrün-

den sehen. Aber heute – und immer wieder – ist Karfreitag. Da dürfen wir nicht am Kreuz

vorübergehen in einer vom Kreuz unberührten Frömmigkeit, die schon weiß, wo man Gott

begegnet. Vorsicht, wir haben es mit einem Gott zu tun, der sich das nicht vorschreiben lässt

und uns mitunter genau da entgegenkommt, wo es uns am unangenehmsten ist: da, wo wir

65 unser Leben ändern müssten, wenn wir glauben, was wir bekennen: dass unser Gott es ernst

mit uns meint und uns nicht ausweicht. Er kommt auf uns zu, wenn wir nicht sehen wollen,

was uns verändern müsste. Jetzt sind wir in der Kirche und sehen auf das Kreuz: damit wir

einander helfen, auszuhalten, was wir sehen – und dass es Gott ist, den wir da zu sehen be-

kommen.

1 Ernest Hemingway: Heute ist Freitag, in: Ders., Gesammelte Werke 6. Stories I, Reinbek 1977, S. 302 – 305.

2 liquidieren: jemanden aus bestimmten Gründen töten oder hinrichten (lassen).

3 eliminieren: beseitigen, ausstoßen.

4 exekutieren: vollstrecken.

5 Travestie: literarische Gattung, die bekannte Stoffe der Dichtung ins Lächerliche zieht, indem sie sie in eine ihnen unangemessene Form überträgt; hier: die Königskrone, die zur Dornenkrone wird.

6 Zu Ex 3,14 gibt es eine Vielzahl von Übersetzungen, die zugleich unterschiedliche Deutungen vornehmen. In der Einheitsübersetzung von 2016 findet sich die Übersetzung: „Ich bin, der ich bin“.

M 2

Ralf Kopp: Kuschelkreuz 1: Jesus – freeJeeBlueMan

Der Künstler Ralf Kopp äußert sich zu seinem Projekt:

Meine Idee war, christliche Grundwerte neu zu spielen und DAS Symbol christlicher Religion

zu hinterfragen und neu zu interpretieren. […] freeJee öffnet für mich auch das christliche

Symbol für Toleranz und Offenheit. Ich als Künstler und Mensch möchte mit dem Projekt ein

Stück weit versuchen, den Umgang mit Religion zu lockern. Nicht der starre, knöcherne und

5 hölzerne Umgang wie es ein Holz- oder ein Metallkreuz widerspiegelt.

1 Alle freeJees sind in Deutschland handgefertigt und limitiert. Die 20 x 30 cm großen und aus Stoff hergestellten freeJees kosten 95 Euro. Von jedem verkauften freeJee fließen 23,95 Euro Kinderhilfsprojekten zu.

3. a)

Entfalten Sie eine theologische Interpretation des Kreuzestodes Jesu (etwa die Auffassung seines Todes als stellvertretendes Leiden).

(14 Punkte)

3. b)

Setzen Sie sich unter Einbeziehung der Predigt Werbicks (M 1) und der von Ihnen entfalteten Deutung mit der Frage auseinander, ob das Kuschelkreuz von Ralf Kopp (M 2) aus christlicher Sicht Anstoß erregt. Formulieren Sie abschließend ein Fazit.

(22 Punkte)

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