Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Es gibt eine Weise der Beziehung zur Welt, in der ich jedermann und alles, mich selbst ein-
geschlossen, zu meinem Besitz machen will. Unsere Welt des Konsums lebt vom Urbedürf-
nis des Säuglings, der immer nach der Flasche schreit und die ganze Welt verschlingen will.
Dahinter steckt ein unstillbarer Hunger nach Sicherheit. Denn jeder Mensch ahnt im Tiefsten,
5 wie zerbrechlich und vergänglich sein Leben ist. Diese Angst ruft nach Absicherung. Der
Mensch sucht einen Halt, indem er alles Mögliche festhält. Er will etwas Greifbares in der
Hand haben, über das er verfügt. Wie ein trockener Schwamm saugt er alles auf, was ihm
Halt und Sicherheit zu geben scheint.
Dies kann dazu führen, dass Menschen sich immer mehr von dem her definieren, was sie
10 haben und festhalten können: Haus und Auto, Job und gesellschaftliche Stellung, Geld und
Macht, Beziehung zu anderen Menschen oder sonst ein „Götze“. [...]
Auch unsere menschlichen Beziehungen können die Form des Habens annehmen: Ich liebe
den anderen wie ein Objekt, das ich gefangen nehme und kontrolliere. Ich erhebe einen An-
spruch auf den Geliebten wie ein Besitzrecht, das ich einklagen kann. [...]
15 Selbst der religiöse Glaube kann in der Weise eines „Habens“ gelebt werden. Man hat dann
seinen Gott oder ein Dogma in der Tasche. Der Mensch klammert sich an feste Vorstellungen
von Gott; er macht sich von Gott ein fixes Bild, durch das er Gott selbst zu besitzen meint.
Der Glaube wird zu einer Sammlung von Begriffen, durch die man Gott in den Griff be-
kommt. Und mit einem Gott, den ich für mich gepachtet habe, kann ich auch meine Geschäfte
20 machen. Ich biete ihm fromme Übungen an und erwarte dafür auch seinen Schutz und seine
Hilfe. In der Religion der alten Römer kannte man die Form: „Do ut des“ – Gib, damit du
empfängst. Die Religion verkommt zum Krämerladen. Eine lebendige Beziehung mit Gott
aber sieht anders aus.
Der Prophet Jeremia findet dafür ein Bild 1: Die Beziehung zu Gott ist wie eine Quelle, die
25 jeden Augenblick neu aufsprudeln will [...], die von Augenblick zu Augenblick neu ent-
springt. [...] Wenn den Menschen jedoch die Angst beschleicht, dass Gott ihm seine Zuwen-
dung wieder entziehen könnte, will er auf Nummer sicher gehen und den lebendigen Fluss in
Becken auffangen und aufstauen.
Hinter dem Bedürfnis nach Besitz und der Habsucht wohnen Ängste oder der Wunsch nach
30 Macht. Die Besitzenden meinen, sie könnten sich in Sicherheit wiegen. [...] Doch hier liegt
ein großer Irrtum vor: Denn die Besitzenden verwechseln das, was sie haben, mit dem, was
sie sind. [...] Die Grundhaltung des Habens lässt keine lebendige Beziehung zu zwischen mir
und dem, was ich habe. Vielmehr haben und besetzen die Dinge mich. Und wenn mein Iden-
titätsgefühl vom Besitz abhängt, dann stellt sich die Frage: Was wird aus mir, wenn ich mein
35 Hab und Gut verliere? Weil Menschen spüren, wie brüchig und vergänglich jeder Besitz ist,
mühen sie sich immer mehr darum, ihre Habe zu sichern und zu versichern – in einer Spirale,
die sie zunehmend besetzt.
Was kann uns Menschen einen inneren Halt geben? Identität finden wir vor allem, wenn wir
spüren, dass wir uns einer großen Liebe verdanken: Ich bin jemand, weil ein anderer mich
40 mag und wertschätzt. Wenn ich einer solchen Liebe Glauben schenken kann, muss ich mir
mein Ich nicht durch anderes absichern, sondern erlebe mich selbst als wertvoll. Das in mir
spürbare Selbstwertgefühl wird als innere Quelle erfahren, aus der Selbstvertrauen und Be-
ziehungsfähigkeit fließen. [...]
Wer glauben kann, dass er von Gott gewollt und geliebt ist, braucht kein äußeres Korsett, das
45 seine Identität stützen muss. Denn diese ist ihm zuinnerst geschenkt: „Ich bin jemand, weil
Gott mich liebt.“ Es bleibt die große Herausforderung, dieses Geschenk in seiner Dynamik
zu leben und nie in einen statischen Besitz zu verwandeln. Das heißt, mich selbst immer
wieder loslassen, um mich neu zu empfangen. [...] Wer aus Angst, dass Gottes Liebe versie-
gen könnte, versuchen wollte, Gottes habhaft zu werden und seine Liebe vertraglich abzusi-
50 chern, zerstört die Beziehung. Denn eine solche bleibt nur dann lebendig, wenn die Partner
sich in einer freilassenden Weise beschenken. Es braucht das Vertrauen, dass sich die Liebe
jeden Augenblick erneuert. [...]
Die biblische Botschaft lädt ein, aus der Haltung des Habens auszuziehen und mehr aus dem
Beschenkt-Sein zu leben. [...] Das heißt, nicht aus Vorräten, die man besitzt, sondern aus der
55 Hoffnung, dass die Hand stets neu gefüllt werden kann, wenn ich sie leer und vertrauensvoll
Gott hinhalte. Dagegen ist der Wunsch, möglichst viel zu bunkern, ein Zeichen für fehlendes
Vertrauen. Liebe lässt sich nicht einwecken 2 oder aufsparen. Sie schenkt sich immer nur von
Augenblick zu Augenblick. Sie lebt vom Vertrauen, dass die andere Person mir treu bleiben
und mich auch morgen wieder beschenken wird. [...]
60 Weil Jesus daran glaubt, dass Gott es gut mit ihm meint und für ihn sorgen wird, erliegt er
nicht den Versuchungen, sein Leben durch Besitz oder Macht abzusichern. Eindrücklich warnt
er vor falschem Prestigedenken und dem Festhalten und Horten von nichtigen Reichtümern:
Sammelt euch keine Schätze, die verrosten und verrotten. Denn wer sich eiserne Reserven
anlegt, legt sich selbst in Eisen. Oft und oft betont Jesus: Klammert euch nicht an Äußerlich-
65 keiten und baut keine Vorratsscheunen als Altersvorsorge! Nehmt euch lieber die Vögel zum
Vorbild, die nicht säen und nicht ernten und keine Reserven anlegen (vgl. Mt 6,25–27).
Ganz auf dieser Linie schickt Jesus seine Jünger ohne Habseligkeiten auf die Reise. Denn
nicht das Haben macht selig. Vielmehr sollen sie vertrauensselig an fremde Türen klopfen.
So lernen sie, dass leere Hände das Herz anderer öffnen können. [...]
70 Jesu Botschaft vom Reich Gottes, dass also Gott selbst der einzig erfüllende Reichtum des
Menschen ist, schenkt Gelassenheit. Der Mensch darf sein ängstliches Sorgen loslassen und
mehr in der Gegenwart leben. Er darf im Heute leben, weil Gott für das Morgen sorgen wird.
Der Mensch soll das Hier und Jetzt als Geschenk annehmen, ohne es in Besitz zu nehmen.
Diese Grundhaltung lässt die Beziehung zu Gott und damit den Menschen selbst lebendig
75 bleiben. Denn Gottes Liebe fließt unaufhörlich und erneuert sich wie der Wasserstrahl eines
Brunnens, der aus der Tiefe gespeist wird.
1 Das in diesem Absatz genannte Bild von Gott als Quelle lebendigen Wassers wird in Jer 2,3 benannt und in Jer 17,13 wieder aufgenommen.
2 Einwecken: haltbar machen, Vorrat anlegen.
Andreas Knapp: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie, Würzburg 2019.
1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sein Gedankengang verläuft und welche Intention darin erkennbar wird. (26 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sein Gedankengang verläuft und welche Intention darin erkennbar wird.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien des Erwartungshorizonts.
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