Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

M 1

Jürgen Werbick: Karfreitag: Gott am Kreuz?

Es geschieht vor aller Augen, ein erstrangiges Event so kurz vor dem großen Feiertag in

Jerusalem. Römische Soldaten stehen dabei; das ist ihr blutiger Job. Und am Abend in der

Kneipe – Ernest Hemingway schildert die Szene so –, da hat sich doch einer von ihnen den

Magen oder sonst was verdorben. 1 Ein anderer bringt die Rede auf den Nachmittag – und auf

5 den hingerichteten Jesus von Nazaret. Er redet von ihm, wie routinierte Soldaten im besetzten

Land eben reden: „Der hat sich heute da recht ordentlich benommen.“ Er hat keine Zicken

gemacht; er hat auch nicht in letzter Minute von seiner landauf landab gerühmten Wunder-

kraft Gebrauch gemacht, um vom Kreuz herunterzusteigen, an das man ihn schon geschlagen

hatte. Nein, er hat sich nicht gewehrt; keine Schwierigkeiten erfreulicherweise. Alles hat er

10 – da klingt so etwas wie die professionelle Anerkennung des Soldaten mit – tapfer über sich

ergehen lassen. So kann man diese auch ein wenig bemerkenswerte Sache abhaken: Es ging

Gottseidank alles reibungslos; auch seine Kumpane haben sich rechtzeitig verkrümelt. […]

Genau das soll man sehen: Die schreckliche Macht über Leben und Tod; die Macht, bis zum

Tod zu quälen und zu entwürdigen. Das ist von altersher die Sicht der Vollstrecker: Die Rou-

15 tine, mit der alles abgewickelt wird, soll die Selbstverständlichkeit spiegeln, mit der man diese

Macht ausübt: Das Böse darf nicht in eurer Mitte sein! Liquidiert 2 es im Auftrag des Gottes,

der das Böse bei euch verabscheut. Draußen, vor den Mauern hängt sie auf, e-liminiert 3 sie!

Und der am Holz hängt, ist der von Gott Verlassene, Verfluchte. Der Text aus Dtn 21,24, den

ich hier zitiere, spricht aus, was man da draußen sieht, wenn einer am Galgen hängt. Da ist

20 der Ort des Gottesfluchs, der Unheils-Ort schlechthin. So soll man den Gehenkten am glei-

chen Tag begraben. Er soll nicht über Nacht hängen bleiben, damit das nicht Verunreinigung

und damit Unheil über das Land bringt.

So ist es an Jesus von Nazaret exekutiert 4 worden. Man hat seinen toten Leib vom Kreuz ge-

nommen, damit er nicht Unheil über das Volk bringe. […]

25 Da, wo es heißt: Weg mit ihnen, den Gottverlassenen, damit keine Ansteckung von ihnen aus-

geht, genau da ist Gott; mit dem Verfluchten, ja in ihm ist er da. […] Die an den Gekreuzigten

glaubten, haben es gesehen. Da, wo der Ursprung des Unheils, der Ansteckung mit Unheil, aus-

gemerzt sein sollte, da ist die Quelle göttlichen Lebens. Man kann das nicht sehen, nur glau-

ben; man kann nur anglauben gegen die Logik des Sichtbaren, die nichts anderes als die Gott-

30 verlassenheit und Menschenverlassenheit sichtbar macht, das Zerbrechen aller Mit-Mensch-

lichkeit und Mit-Göttlichkeit; man kann vielleicht mit Jesus, dem Gekreuzigten, dagegen an-

glauben: wie er im Gebet gegen seine Gottverlassenheit anglaubte: Mein Gott, hast Du mich

verlassen?

[…] Die neutestamentlichen Zeugen haben in die Kreuzigung Jesu hineingesehen, was sie

35 glaubten. Sie haben auf Jesu Haupt die Dornenkrone gesehen: die grausame Travestie 5 auf

eine Königskrone, die Krone des Königs, dessen Herrschaft nicht von dieser Welt ist, von

den Herrschaften dieser Welt ans Kreuz weggedrängt. Die Dornenkrone bedeutet aber noch

viel mehr: die Erinnerung an den brennenden Dornbusch in der Wüste, an dem Mose JHWH

begegnete und nach seinem Namen fragte. Dieser Rätselname: Ich bin der Ich-bin-für-euch-

40 da, wie-ich-für-euch-dasein-will (Ex 3,14) 6 – hier am Kreuz, dem neuen brennenden Dorn-

busch, wird er beglaubigt und neu ausgelegt; wird er in seiner Widerspenstigkeit und Wider-

standskraft wahr. Ich werde für euch da sein, wie ich da sein will: nicht da, wo ihr mich ver-

mutet und in euren Vorstellungen hinschiebt; eben nicht da, wo ich vereinnahmt und miss-

braucht werde, auf den Thronen und bei den prunkvoll ausstaffierten kirchlichen Gottes- oder

45 Christus-Stellvertretern.

Zu wissen, wo Gott ist und wo nicht: Das ist das verheerendste Menschenwissen. Man kann

die Gottverlassenen verlassen sein lassen, sie in die letzte Verlassenheit hineinstoßen, und

sich im Glanz der Gottesgegenwart sonnen. Nicht mit diesem Gott, mit dem Gott Israels und

Jesu Christi! Er bestimmt selbst darüber, wie und wo er da ist: Im Gottverlassenen, Gekreu-

50 zigten, damit Menschen sehen, glauben lernen, was sich darin zeigt – wer sich darin zeigt.

Dieser Gekreuzigte pflegt die Gemeinschaft mit den anderen Gott- und Menschen-Verlasse-

nen. Ihm und damit Gott selbst begegnen die Menschen in diesen Menschen-Verlassenen,

die wir gar nicht erst wahrnehmen wollen, weil es uns nicht so gut gehen würde, wenn wir

sie sähen, und Gott und Christus in ihnen.

55 Christsein ist keine Wohlfühlreligion. Gott will offenbar nicht in den Wellness-Tempeln da

sein, sondern im geschändeten und zerstörten Tempel derer, die man nicht da sein lässt und

bis auf ihren Leib entwürdigt. Es ist sehr menschlich, sich von ihnen abzuwenden, sich vom

Kreuz abzuwenden. Man wird diesen Blick nicht immer aushalten können. Der Karfreitag für

sich allein genommen würde uns seelisch umbringen oder abstumpfen; es würde uns seelisch

60 ruinieren, dürften wir Gott nicht auch in der Liebe, all ihren Segnungen, freilich auch Abgrün-

den sehen. Aber heute – und immer wieder – ist Karfreitag. Da dürfen wir nicht am Kreuz

vorübergehen in einer vom Kreuz unberührten Frömmigkeit, die schon weiß, wo man Gott

begegnet. Vorsicht, wir haben es mit einem Gott zu tun, der sich das nicht vorschreiben lässt

und uns mitunter genau da entgegenkommt, wo es uns am unangenehmsten ist: da, wo wir

65 unser Leben ändern müssten, wenn wir glauben, was wir bekennen: dass unser Gott es ernst

mit uns meint und uns nicht ausweicht. Er kommt auf uns zu, wenn wir nicht sehen wollen,

was uns verändern müsste. Jetzt sind wir in der Kirche und sehen auf das Kreuz: damit wir

einander helfen, auszuhalten, was wir sehen – und dass es Gott ist, den wir da zu sehen be-

kommen.

1 Ernest Hemingway: Heute ist Freitag, in: Ders., Gesammelte Werke 6. Stories I, Reinbek 1977, S. 302 – 305.

2 liquidieren: jemanden aus bestimmten Gründen töten oder hinrichten (lassen).

3 eliminieren: beseitigen, ausstoßen.

4 exekutieren: vollstrecken.

5 Travestie: literarische Gattung, die bekannte Stoffe der Dichtung ins Lächerliche zieht, indem sie sie in eine ihnen unangemessene Form überträgt; hier: die Königskrone, die zur Dornenkrone wird.

6 Zu Ex 3,14 gibt es eine Vielzahl von Übersetzungen, die zugleich unterschiedliche Deutungen vornehmen. In der Einheitsübersetzung von 2016 findet sich die Übersetzung: „Ich bin, der ich bin“.

M 2

Ralf Kopp: Kuschelkreuz 1: Jesus – freeJeeBlueMan

Der Künstler Ralf Kopp äußert sich zu seinem Projekt:

Meine Idee war, christliche Grundwerte neu zu spielen und DAS Symbol christlicher Religion

zu hinterfragen und neu zu interpretieren. […] freeJee öffnet für mich auch das christliche

Symbol für Toleranz und Offenheit. Ich als Künstler und Mensch möchte mit dem Projekt ein

Stück weit versuchen, den Umgang mit Religion zu lockern. Nicht der starre, knöcherne und

5 hölzerne Umgang wie es ein Holz- oder ein Metallkreuz widerspiegelt.

1 Alle freeJees sind in Deutschland handgefertigt und limitiert. Die 20 x 30 cm großen und aus Stoff hergestellten freeJees kosten 95 Euro. Von jedem verkauften freeJee fließen 23,95 Euro Kinderhilfsprojekten zu.

1.

Erarbeiten Sie, welches Thema Werbick in seiner Karfreitagspredigt (M 1) behandelt und wie er seine Gedanken entfaltet.

(24 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Erarbeiten Sie, welches Thema Werbick in seiner Karfreitagspredigt (M 1) behandelt.

Lösung: Entfaltung einer theologischen Deutung des Kreuzestodes Jesu als Beglaubigung eines im Leid und im Leidenden anwesenden Gottes.

Erarbeiten Sie, wie Werbick die Gedanken in seiner Karfreitagspredigt (M 1) entfaltet.

Lösung: 1. Der Kreuzestod Jesu unter der Perspektive der „Logik des Sichtbaren“ mit Rückgriff auf Hemingway und Dtn 21,24: reibungsloses Ausüben von Macht und Ausschluss des Bösen. 2. Umkehrung der „Logik des Sichtbaren“: Das Kreuz als Ausdruck des Mitseins Gottes mit dem Verfluchten; Bezug der Dornenkrone auf den Dornbusch (Ex 3,14) als Offenbarung des unverfügbaren Gottes. 3. Konsequenz für Glaubende: Nicht am Kreuz vorübergehen, sondern Gott in den Verlassenen und Entwürdigten entdecken und Beistand leisten.

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